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Interview mit Rubens Barrichello

"Ich muss alles neu lernen“

Rubens Barrichello Foto: Reinhard, Wilhelm 9 Bilder

Rubens Barrichello hat unfreiwillig die Seiten gewechselt. Statt Formel 1 fährt er jetzt IndyCars. Im ersten Teil unseres Interviews erklärt der Brasilianer, warum es so schwer ist, sich in der neuen Welt zurechtzufinden.

13.08.2012 Michael Schmidt
Wie haben Sie erfahren, dass der Sitz bei Williams an Bruno Senna geht?

Barrichello: Das kam unerwartet. Die Ingenieure und Mechaniker gingen davon aus, dass ich für Williams fahren würde. Natürlich gab es da immer das Gerücht, dass Williams Geld braucht, aber ich hatte ein bisschen Sponsorgeld mit BMC zusammengekratzt. Ohne dass mich Williams darum gebeten hätte. Ich habe keine Ahnung, was Bruno am Ende mitgebracht hat, aber ich konnte das offenbar nicht überbieten. Adam Parr wollte mich wohl auch nicht mehr. So habe ich mein Cockpit verloren. Für Alternativen war es schon viel zu spät.

Und dann?

Barrichello: Ich habe 20 Minuten lang überlegt. Was machst du? Willst du weiter Rennen fahren? Tony Kanaan bot mir an, sein Auto mal zu testen. Ich rief meinen Sponsor an, ob sie auch an IndyCar interessiert wären, aber sie haben abgesagt. Zwei Tage später haben sie mich wieder angerufen und gesagt, dass sie es sich anders überlegt haben. So kam ich zu den IndyCars.

Wie ist diese neue Welt für Sie?

Barrichello: Wir haben hier bei KV ein unglaublich freundliches Betriebsklima. Tony Kanaan ist wie ein Bruder zu mir, seit ich zwölf Jahre alt bin. Mit Ernesto Viso komme ich sehr gut aus. Teamchef Jimmy Vasser ist mein Lehrer. Er und Kevin Kalkhoven treiben dieses Team mit ihrer Power voran.

Trotzdem bleiben die Ergebnisse aus.

Barrichello: Irgendetwas läuft schief im Team. Dazu kommt, dass für mich alles neu ist. Ich fahre hier ein Auto, dass 200 Kilogramm schwerer ist als ein Formel 1-Auto. Mein runder und sanfter Fahrstil, den ich 19 Jahre in der Formel 1 gepflegt habe, ist hier nicht gefragt. Wenn ich so fahren würde, kämen die Reifen nie auf Temperatur. Ich muss gegen meinen Instinkt aggressiv fahren.

Was sagen Sie zu den Rennstrecken?

Barrichello: Als Ex-Präsident der GPDA muss ich sagen, dass wir diese Strecken in der Formel 1 nie zulassen würden. Kein Formel 1-Fahrer würde hier fahren. Die Strecken sind extrem wellig, sie haben kaum Auslaufzonen. Daran musst du dich erst einmal gewöhnen, wenn du von der Formel 1 verwöhnt bist. Manchmal weiß ich gar nicht, wo das Untersteuern herkommt. Vom Auto oder von den Bodenwellen. Würden wir mit den IndyCars auf den Rennstrecken in Europa fahren, würde ich viel besser aussehen. Für mich kommt alles zusammen. Ich muss die Autos und die Strecken lernen.

Was ist noch alles neu?

Barrichello: Keine Reifenheizdecken, keine Servolenkung, Turbomotoren, ein Boost-Knopf statt DRS, der weiche Reifen, den du zum ersten Mal in der Qualifikation zu Gesicht bekommst. Der vermittelt ein ganz anderes Fahrgefühl. Weil das Team selbst das Auto noch nicht hundertprozentig verstanden hat, bin ich als Rookie immer noch auf der Suche nach einer guten Abstimmung, die auf 65 Prozent der Rennstrecken funktioniert. Da die Autos schwerer sind, gelten auch nicht die gleichen Setup-Gesetze wie in der Formel 1. Manchmal musst du genau das Gegenteil dessen tun, was du gewöhnt warst. Auch wenn ich jetzt immer öfter vor meinen Teamkollegen starte, kommen dann wie in Mid Ohio nur 15. Startplätze dabei raus. Aber ich will nicht klagen. Ich bin froh, dass ich Rennen fahren kann. Ich mache das nicht fürs Geld, sondern aus Spaß.

Wie sind die Ovale?

Barrichello: Eine ganz neue Erfahrung. Am Anfang schwirrt dir nur ein Gedanke im Kopf herum: Bleib bloß weg von dieser Mauer. Komischerweise habe ich meine besten Resultate auf Ovalen. Und ich sage dir warum. Weil du da mit einem runden und weichen Fahrstil punkten kannst. Da kann ich so fahren, wie es meinem Naturell entspricht.  

Wie viel weniger Einstellmöglichkeiten haben Sie bei einem IndyCar?

Barrichello: In der Formel 1 gibt es viele elektronische Spielzeuge. Die gibt es hier nicht. Dafür hast du in der Formel 1 zum letzten Mal vor zehn Jahren mit unterschiedlichen Differentialsperren gearbeitet. Das machst du hier noch. Bei den IndyCars hast auch sehr viele Einstellmöglichkeiten am Auto, aber eher die klassischen wie Dämpfer, Federn, Stabis. Daran ist nichts falsch. Es ist einfach weniger Geld da. Hier kannst du für fünf Millionen Dollar ein Auto laufen lassen. In der Formel 1 brauchst du dafür 50 Millionen.

Wo kann sich ein Team vom anderen unterscheiden?

Barrichello: Bei den Dämpfern. Die sind frei käuflich. Du siehst die Unterschiede auf der Strecke. Wenn die Dämpfer nicht gut sind, musst du steifere Federn fahren. Manchmal fahre ich hinter Franchitti oder Dixon auf der Strecke her und denke mir. Das könnte ich mit meinem Auto nicht. Dabei sind die Autos bis auf die Dämpfer absolut identisch. Mein Auto mag die Bodenwellen nicht. Deshalb fehlt mir immer etwas Grip.

Warum liegt Ihr Teamkollege Kanaan in der Meisterschaft weit vor Ihnen?

Barrichello: Weil er so viel Erfahrung hat. Er ist superb bei der Strategie, bei den Re-Starts. Mir fehlt immer noch das Gespür für eine gute Strategie hier. Oft passiert es mir, dass ich volle Kanne fahre, ganz gut platziert bin, dann aber zum Schluss noch einem einen kurzen Tankstopp machen muss, weil es keine Gelbphase gab und der Sprit nicht reicht. Umgekehrt hatte ich Rennen, wo ich wirklich Sprit gespart habe, um am Schluss angreifen zu können, und dann kommt dieses verdammte Gelb und die Fahrer profitieren, die auf eine Gelbphase gesetzt hatten. Ich glaube, die alten Hasen riechen das. Das ist auch ein gewisser Poker dabei. Hier wird gerne mit der Strategie riskiert, viel mehr als in der Formel 1, wo alles berechnet wird.

Zum Beispiel?

Barrichello: Das beste Beispiel war das Rennen in Mid Ohio. Ich konnte am Anfang mit dem Spitzenpulk mithalten, war aber am Limit, weil mein Auto nicht so gut lag. Das hat den Spritverbrauch hochgetrieben. Ich hätte es nie wie der Sieger Scott Dixon nur mit zwei Stopps über die Distanz geschafft. Deshalb bin ich etwas früher zum ersten Tankstopp, um den Rhythmus der anderen zu brechen. Leider habe ich auf den harten Reifen zu viel Zeit verloren. Ich hätte mit ihnen wie mein Teamkollege Kanaan starten und sie so schnell wie möglich wieder loswerden sollen. Tony ist hinter mir losgefahren, aber er kam weit vor mir ins Ziel. Das zeigt, dass ich noch viel lernen muss.

Ist Überholen einfacher?

Barrichello: Es ist einfacher, weil die Autos weniger von der Aerodynamik abhängen, und weil viele Leute in den ersten Runden mit frischen Reifen Probleme mit dem Aufwärmen haben. Es gibt ja keine Heizdecken. Und du hast den Boost-Knopf. Der gibt dir vom Beginn der Gerade an einen Vorteil. DRS wirkt erst auf der zweiten Hälfte der Gerade.

Was Rubens Barrichello über seinen Ex-Arbeitgeber Williams denkt, lesen Sie im zweiten Teil des Interviews.

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