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Interview mit Toto Wolff (Teil 1)

"Mit 2 Hamiltons wären wir schon explodiert"

Rosberg & Hamilton - GP Brasilien 2015 Foto: xpb 51 Bilder

Mercedes-Teamchef Toto Wolff nimmt im auto motor und sport-Gespräch Stellung zum Duell mit Ferrari, dem Vorwurf, Mercedes habe nicht immer alles gezeigt und zum Konflikt zwischen Hamilton und Rosberg.

17.12.2015 Michael Schmidt
Mercedes war 2014 praktisch schon unschlagbar. War das Team in diesem Jahr noch besser?

Wolff: Ich glaube, wir haben unsere Organisation weiterentwickelt. Wir sind besser in unserer Analysefähigkeit geworden. Wir erkennen Defizite besser und lösen sie effektiver. 2014 hat uns der Überraschungseffekt, dass wir so überlegen waren, manchmal in die Irre geleitetet. In diesem Jahr war das Ganze eingespielter.

Normalerweise holt die Konkurrenz bei stabilen Regeln auf. Das war nicht der Fall. Hat Sie das überrascht?

Wolff: Mich hat die Entwicklungskurve von Ferrari überrascht. Die waren 2014 weit weg und wurden in diesem Jahr unser größter Konkurrent. Andererseits war es für mich auch überraschend, dass sich Red Bull in die andere Richtung bewegt hat. Sie waren im ersten Halbjahr auch Chassis-seitig nicht konkurrenzfähig. Das ist dann ein bisschen besser geworden. Unsere Gegner sind 2014 schwächer aus den Blöcken gekommen. Es ist logisch, dass ihre Lernkurve steiler ist als unsere, da wir bei stabilen Regeln nur noch kleinen Vorteilen hinterherjagen.

Kann Ferrari diesen Sprung im nächsten Jahr wiederholen oder hat Mercedes genug in der Hinterhand?

Wolff: Unsere Philosophie ist permanent skeptisch zu sein. Wir haben in allen Bereichen ganz klare Entwicklungsziele, die wir erreichen wollen. Diese Ziele sind ehrgeizig. Das schützt uns aber nicht davor, dass wir nicht einen weiteren Teil unseres Vorsprungs einbüßen, wenn einer unserer Konkurrenten einen guten Job macht. Ferrari ist da sicher Kandidat Nummer eins, um uns die Spitzenposition streitig zu machen.

Hat Mercedes in diesem Jahr wirklich alles gezeigt? Man hatte den Eindruck, dass Sie manchmal Fahrt aus der Partie genommen haben.

Wolff: Es gab Rennen, wo wir auf das Material geschaut haben. Dort wo es nicht notwendig war, volle Pulle zu fahren, haben wir das auch nicht gemacht. Das waren aber eher die Ausnahmen. In den meisten Rennen mussten wir unsere volle Leistungsfähigkeit zeigen, um einen Sieg abzusichern. In Singapur haben wir gesehen, dass es nicht gereicht hat. Insofern gibt es diesen Sicherheitspuffer nicht.

Die drei Niederlagen in diesem Jahr hatten eine andere Qualität als die 2014, als Unfälle oder Defekte dazu geführt haben. Woran lag es in Malaysia, Ungarn und Singapur?

Wolff: Wir haben diese Rennen verloren, weil wir einfach nicht gut genug waren. Aber jedes dieser Rennen war für sich auch wichtig in unserer Entwicklung. Weil die Niederlagen Leistungsdefizite aufgedeckt haben, die wir in den letzten Jahren nicht erkannt hatten. Die Analyse aus Singapur hat uns eine neue Entwicklungsrichtung vorgegeben. Wir hatten in gewissen Aspekten auf die falsche Fahrzeugabstimmung gesetzt. Das haben wir sauber analysiert, ohne uns für Suzuka, das ja eine Woche später stattgefunden hat, aus der Spur bringen zu lassen. Die Lerneffekte, die daraus erzielt wurden, sind wertvoll. Nächstes Jahr Singapur wird zeigen, ob wir tatsächlich die richtigen Schlüsse gezogen haben.

Ein anderes Rätsel war der Aufschwung von Nico Rosberg in den letzten Rennen. Ist man da jetzt schlauer?

Wolff: Es wurde viel diskutiert. Wir sind ein bisschen schlauer, aber nicht viel mehr. Eine große Rolle spielt die Psychologie. Lewis hat sein Ziel erreicht, den Titel eingetütet und dann ein bisschen nachgelassen. Auch wenn das vielleicht nur im Unterbewusstsein stattgefunden hat. Gleichzeitig möchte ich Nicos Leistung nicht schmälern. Er hat in den letzten Rennen eine tolle Leistung gezeigt, und diese Rennen auch richtigerweise gewonnen. Ich finde das gut, weil es dem Team für nächstes Jahr zwei Fahrer gibt, die sich wieder zu Spitzenleistungen antreiben werden. Das ist ein Erfolgsschlüssel bei uns. Die beiden spornen sich an und bringen das Team weiter. Auch wenn es viele graue Haare verursacht.

Rosberg ist der totale Gegenentwurf zu Hamilton. Wäre Ihr Leben einfacher, wenn Sie zwei Hamiltons oder zwei Rosbergs hättet?

Wolff: Wenn wir zwei Hamiltons hätten, wäre das Team vorher schon explodiert. Zwei Rosbergs würden es auch nicht leichter machen. Die Kombination der beiden ist schon ganz gut. Es ist der Idealfall, auch wenn es uns das Leben manchmal schwer macht. Gerade, weil sie so unterschiedlich sind, haben sie eine individuelle Herangehensweise. Das hilft uns besser zu werden.

Sie wurden zitiert, dass man sich bei Mercedes Konsequenzen bei der Fahrerwahl überlegen müsse, sollten die Animositäten der beiden Fahrer ausufern. Wollen Sie Hamilton und Rosberg mehr an die Kette legen?

Wolff: Gut, dass ich es einmal erklären kann. Ich habe das so gesagt. Und ich habe es bewusst gesagt. Die Kontroverse auf der Strecke ist wichtig. Sie gehört zur Formel 1. Das letzte, was ich tun will, ist das einzubremsen. Unsere Philosophie war immer, dass sie hart gegeneinander fahren dürfen. Die Fahrer wissen, dass sie möglichst nicht miteinander kollidieren sollen. Das wünscht sich kein Team. Die Fahrer müssen aber auch respektieren, dass hinter der Organisation ein Riesenaufwand steht und dass man sich nicht fahrlässig von der Bahn fährt.

Die Kontroverse der beiden geht absolut in Ordnung. Sie kann auch noch wilder sein. Was ich nicht will ist, dass diese Kontroverse auf das Team überschwappt und sich dort fortsetzt. Ich will nicht in eine Situation geraten, dass dieser Zoff das Team spaltet und die Struktur beschädigt. Der Erfolg des Teams beruht darauf, dass wir von einem guten Spirit getragen sind, eine positive Energie haben und gerne miteinander arbeiten. Alle oberschlauen Aushilfstrainer oder so genannte ehemalige Formel 1-Experten, die dazu eine Meinung haben, sollten sich in unsere Lage hineinversetzen. Wie man zwei Nummer eins-Piloten managt und versucht ihnen eine gleiche Ausgangsposition zu ermöglichen. Das ist schwer genug.

Kann sich auch ein derart überlegenes Team nicht den Luxus erlauben, dass sich die Fahrer wie einst Senna und Prost nach allen Regeln der Kunst bekriegen?

Wolff: Ich habe nichts dagegen, wenn unsere beiden Fahrer mit harten Bandagen kämpfen. Es war eine andere Situation, als wir um unsere erste Weltmeisterschaft gefahren sind. Da mussten wir sicherstellen, dass wir sie gewinnen. Jetzt sind wir da etwas gelassener. Die beiden müssen nicht aalglatt sein, und am Beispiel Lewis sieht man, dass wir ihm genug Freiraum lassen. Wir wollen nicht in jede seiner Aktivitäten hineingrätschen. Ich verlange nur ein Minimum Verständnis für das Team, das dahinter steht. Und das tun unsere beiden Fahrer. Noch einmal: Für uns ist die Konstellation ideal. Es wird nur alles, was die beiden sagen, derart aufgebauscht, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, was es eigentlich bedeutet.

Die größte Gefahr einer Erfolgsserie ist immer die, dass im Team Begehrlichkeiten entstehen, Leute mit ihrer Position unzufrieden sind oder abgeworben werden. Wie schützen Sie sich davor?

Wolff: Jedes erfolgreichen Unternehmen muss mit einer Veränderung klarkommen. Wenn du als Underdog Rennen gewinnen willst, dann ist es anders, als wenn du die Messlatte bist. Natürlich entstehen dabei Begehrlichkeiten. Ich versuche zu verstehen, wie die Rahmenbedingungen unserer besten Leute aussehen müssen, damit sie sich in der Rolle und in dem Job wohlfühlen und ihre beste Leistung bringen, so dass am Ende die optimale Rundenzeit dabei herauskommt.

Wir haben schon ein ganz gutes System entwickelt, dass wir rechtzeitig merken, wo es zwickt, und was wir tun müssen, um das abzustellen. Es ist unheimlich wichtig, den Finger am Puls zu haben. Das gelingt bei 1.200 Mitarbeitern nicht immer. Du wirst Leute verlieren, und es werden Animositäten entstehen. Das bleibt nie aus. Es gibt immer welche, die eine neue Herausforderung suchen oder sich durch einen Teamwechsel in der Hierarchie einen höheren Platz wünschen. Aber im Moment haben wir als Team einen starken Antrieb, der uns zusammenschweißt. Ich glaube, es fällt auch nach außen auf, wie gut die Leute in unserer Renntruppe miteinander können. Wir bringen unsere Leistung auf der Strecke, haben aber auch Spaß abseits davon. Ich habe einen privaten Kontakt mit vielen Jungs und Mädels, weil wir alle ähnlich ticken. Diese innere Energie lässt uns im Moment Rennen gewinnen.

Es wird behauptet, dass Ferrari letztes Jahr fünf Motorentechniker von Mercedes abgeworben hat, und der Ferrari-Motor nur deshalb so gut geworden ist. Stimmt das?

Wolff: Blödsinn.

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