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Interview mit Toto Wolff (Teil 2)

"Ich würde den Niki aus dem Rinnsal holen"

Niki Lauda & Toto Wolff - Formel 1 - GP Abu Dhabi - 27. November 2015 Foto: xpb 28 Bilder

Mercedes-Teamchef Toto Wolff spricht im auto motor und sport-Interview über die Absage an Red Bull, den Versuch von Bernie Ecclestone und Jean Todt die Formel 1 über die Köpfe der Teams hinweg zu reformieren und sein Verhältnis zu Niki Lauda.

18.12.2015 Michael Schmidt
Dass Sie als Teamchef nicht begeistert sind, wenn Red Bull mit Mercedes-Motoren fährt, ist klar. Hätten Sie auch als Dieter Zetsche so entschieden? Ein Sieg von Red Bull-Mercedes wäre ja auch noch ein Sieg für Mercedes.

Wolff: Mercedes hat 2010 entschieden, dass der Abstrahleffekt als Motorenlieferant verbesserungsfähig ist. Deshalb nehmen wir seitdem mit einem Werksteam teil. Das eigene Team ist seitdem die Hauptplattform. Und das ist auch mit in die Entscheidung geflossen. Am Ende des Tages haben wir eine Plus- und Minusliste aufgestellt, und die Minusliste war länger.

Hatten Sie Angst vor einem Red Bull-Mercedes?

Wolff: Wir müssen die Kirche im Dorf lassen. Das ist Sport. Da hat niemand Angst vor irgendetwas. Aber wir wollen mit den gleichen Rahmenbedingungen antreten. Red Bull kann sein Budget hauptsächlich in die Chassis-Entwicklung einbringen. Das Management glaubt, den Anspruch auf den besten Motor zu haben. Das entspricht nicht unserer Philosophie. Wir haben uns ja in den Jahren, als wir Defizite hatten, auch nicht beklagt, sondern versucht sie abzustellen. Der zweite Aspekt ist, wie man mit einem Partner umgeht, wenn man in Schwierigkeiten steckt. Und der dritte Punkt ist, dass wir lange nicht die finanziellen Rahmenbedingungen wie Red Bull hatten. Die mussten wir uns erst erarbeiten. Wir müssen beim Thema Red Bull schon Äpfel mit Äpfel und Birnen mit Birnen vergleichen.

War es politisch klug, Red Bull ohne Motor stehen zu lassen? Das war am Ende die Steilvorlage für alle, die die Formel 1 mit billigeren Motoren reformieren wollen?

Wolff: Red Bull hat ja einen Motor. Sie hatten einen Renault-Motor, den sie gekündigt haben und jetzt wieder bekommen. Wovon sprechen wir? Ferrari und Mercedes haben aus den verschiedensten Gründen nicht ausgeholfen. Aber es war nicht so, dass man Red Bull aus der Formel 1 gedrängt hätte. Sie konnten nur nicht den Motor haben, den sie wollten. Als ich noch bei Williams war, wollten wir von Cosworth auf Mercedes wechseln. Es gab ihn aber nicht für uns. Norbert Haug hat mir erzählt, dass Mercedes die Kapazität dafür nicht hätte, Williams zu beliefern. Ich habe noch einmal gefragt, ein zweites Nein bekommen, und bin dann umgehend bei Renault durch die Tür marschiert, um mir dort einen Motor zu besorgen. Wir haben dann versucht, Renault so gut wie möglich zu unterstützen, um den bestmöglichen Output zu bekommen.

Ist das Problem der Formel 1 nicht, dass es beim Motor kein Auffangnetz gibt, wenn nur noch Automobilkonzerne mit eigenen Teams Motoren bereitstellen?

Wolff: Gab es das je in der Formel 1? Dass drei oder vier gleichwertige Motoren auf dem Markt waren? Höchstens am Ende des Lebenszyklus eines Reglements vielleicht. Hat sich Mercedes oder ein anderer Motorenhersteller beklagt, als Renault 2009 die Möglichkeit der Nachhomologation des V8 bekam? Um dann so aufzuholen, dass Renault hinterher vier WM-Titel in Serie gewonnen hat.

Bernie Ecclestone und Jean Todt wollen 2018 ein neues Motorenformat einführen. Kommt das wirklich?

Wolff: Wir wissen genau, dass es Verbesserungspotentzial in vielen Bereichen der Formel 1 gibt. Beim Motor, beim Chassis, in der Vermarktung. Wir nehmen uns da gerne auch selbst bei der Nase. Wir haben das Reglement für mehr Entwicklungsfreiheit geöffnet, damit Renault und Honda aufholen können. Das wird uns mehr Geld kosten, aber es sind Änderungen im Sinne der Sache. Wir sind auch bereit, darüber Gespräche zu führen, wie wir diesen Motor attraktiver machen können. Wie wir mehr Standardteile in diesen Motor bekommen, wie wir ihn günstiger für unsere Kunden machen können und wie wir mehr Leistung und mehr Lärm finden. In dieser Diskussion mit super kontroversen Vorschlägen aufzuschlagen, ist nicht förderlich im Sinne eines produktiven Prozesses. Ich hoffe wir kommen am Ende zu einem Ergebnis, das im Sinne der Formel 1 eine Win-Win-Situation ist.

Man lässt schon in der frühen Phase wieder die Ingenieure diskutieren, wie so ein neuer Motor auszusehen hat. Besteht nicht die Gefahr, dass die wieder ein Monster konstruieren?

Wolff: Nein. Wir haben den Ingenieuren ganz klare Rahmenbedingungen vorgeben, wie dieser Motor auszusehen hat. Welche Kosten er auslösen darf, wie viel weniger komplex er werden muss, damit Neueinsteiger oder Renault oder Honda es leichter haben aufzuholen, welche Lautstärke er haben sollte. Auch wenn ich in Frage stelle, ob wir Dinosaurier richtig damit liegen, dass sich laute Motoren super anhören. Die nächste Generation nimmt darauf nicht mehr so Rücksicht.

Ecclestone und Todt haben sich durch den FIA-Weltrat das Mandat geben lassen, in wichtigen Fragen alleine zu entscheiden. Geht das überhaupt?

Wolff: Manche der Dinge, die da in letzter Zeit hochkommen, möchte ich lieber nicht kommentieren.

In der Formel 1 gibt es viele Baustellen. Ist ein Neubeginn mit Hilfe der Teams überhaupt möglich? Denkt da nicht jeder zuerst an sich selbst?

Wolff: Die Teams haben natürlich unterschiedliche Standpunkte, und die sind oft opportunistisch. Aber wir haben auch alle eine Verantwortung gegenüber dem Sport. Es macht überhaupt keinen Sinn auf einer Plattform zu gewinnen, die langweilig ist oder an Attraktivität verliert. Wir versuchen das bestmöglich umzusetzen. Ich bin mir voll bewusst, dass unsere Siege nur etwas wert sind, wenn sie nicht nur erarbeitet, sondern auf der Strecke auch erkämpft wurden. Wir brauchen Gegner.

Mercedes hat jetzt zwei Mal gewonnen und hat seinen Standpunkt beim Motorenreglement aufgeweicht, weil wir das erkennen. Klar ist, dass die FIA und die Rechteinhaber manchmal andere Standpunkte vertreten. Würde ich auf der anderen Seite sitzen, würde ich mir auch wünschen, dass jedes Rennen ein anderer gewinnt, und dass wir die größtmögliche Unberechenbarkeit haben. Die Frage ist, wie wir dort hinkommen. Wollen wir jemand beschneiden, der sich einen Wettbewerbsvorteil erarbeitet hat, und im Sinne der Unterhaltung eine Gleichheit schaffen? Das ist sicher einer der Wege, wurde in der Formel 1 aber noch nie so gemacht. Oder wollen wir das Reglement ohne große Kontroversen in eine Richtung entwickeln, dass wir die Leistung angleichen? Das braucht Zeit, ist aber der vernünftigere Weg. Doch wozu brauchen wir den ganzen Streit der letzten Wochen? Vieles, was da diskutiert wurde, ist einfach so abstrus, dass sich die Frage stellt, ob das ernst gemeint war.

Im Moment streiten Mercedes und Ferrari für die gleiche Sache. Diese Allianz könnte schnell bröckeln, wenn Ferrari 2016 keinen Erfolg hat. Können Sie sich auf ihre Mitstreiter immer verlassen?

Wolff: Sofern es diese Allianzen wirklich gibt, dann steht sie sicher auf wackligen Beinen. Aber wir haben auch alle den Blick für das Ganze und rennen nicht immer opportunistisch in die eigene Richtung. Das wird zwar oftmals so dargestellt, aber die das so darstellen, wollen auch, dass es so rüberkommt.

Was würden Sie an Stelle von Ecclestone oder Todt bis 2020 machen, um die Probleme zu lösen?

Wolff: Meine Aufgabe ist eine andere. Ich vertrete Mercedes und das Team in diesem Sport und hüte mich davor, dem Bernie und dem Jean zu sagen, was für schlaue Ideen ich habe. Das ist ihre Aufgabe. Es wäre nicht klug, sich den Hut des allwissenden Superschlauen aufzusetzen.

Ihnen wird nachgesagt, dass Sie größere Ziele haben. Wären Sie lieber Bernie Ecclestone oder Jean Todt?

Wolff: Die eine Rolle reizt mich nicht, die andere wird es in der Zukunft nicht mehr geben. Bernie Ecclestone ist mit dem Niki Lauda zusammen die Persönlichkeit in der Formel 1. Er hat aus einem Randthema einen globalen Sport geformt. Er hat die Formel 1 besessen, drei mal verkauft und fünf Mal zurückgekauft. Dadurch ist er als Unternehmer einzigartig. In der nächsten Generation wird dieses Unternehmen wie jedes andere auch, von einem Vorstand geführt, in dem Experten für die jeweiligen Bereiche sitzen. Und nicht mehr von einem Bernie, der als Zirkusdirektor diesen Laden zusammenhält. Insofern sind beide Jobs für mich kein Thema. Ich fühle mich wohl, da wo ich bin. Es ist der bestmögliche Kompromiss zwischen Geschäft und Sport. Die Herausforderung der Stoppuhr, die immer die Wahrheit sagt, macht den Reiz aus. Was danach kommt, weiß ich nicht. Viel eher treibt es mich in meinen angestammten Bereich zurück, und das ist Private Equity.

In England kursieren Gerüchte, dass es zwischen Ihnen und Niki Lauda Verstimmungen gibt. Wie oft sind Sie nicht einer Meinung?

Wolff: Der Niki und ich streiten uns nach Herzenslaune. Wir diskutieren oftmals mit unterschiedlichen Standpunkten, sind aber dann doch wieder so zusammengeschweißt in dem Ziel, dieses Team weiterzuentwickeln, dass wir meistens zum gleichen Ergebnis kommen. In diesem Umfeld ist es schwer, Freundschaften zu schließen. Ich glaube aber, dass mein Verhältnis mit dem Niki dem sehr nahe kommt, auch wenn er sagt, dass er keine Freunde hat. Ich würde ihn trotzdem aus dem Rinnsal holen. Das ist nämlich seine Definition von Freundschaft. Dass ihn einer aus dem Rinnsal holt, wenn er um zwei Uhr morgens anruft.

Mir wirft er vor, dass ich mein Handy nicht abhören würde um die Uhrzeit. Ich kann ihm aber versichern. Wenn mein Handy klingelt, werde ich ihn herausfischen. Deshalb ist er mein Freund, mein Sparringspartner, mein Geschäftspartner, mein Reisebegleiter auf den langen Überseeflügen. Ich schätze ihn in all seinen Rollen. Er ist ein dreifacher Automobilweltmeister, eine Ikone. Er spielt eine größere Rolle für die Formel 1. Er ist jemand, von dem ich immer wieder lerne.

Wie oft schauen Sie sich den Lauda-Imitator an?

Wolff: Der Niki schickt ihn mir immer, sobald er online ist. Wir lachen dann herzhaft darüber.

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