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Jackie Stewart im Interview

"Zu viele Rennen? Da kann ich nur lachen!"

Jackie Stewart - F1 - GP Australien 2016 Foto: Rolex 10 Bilder

Jackie Stewart ist eine Formel 1-Legende. Der 76-jährige Schotte spricht über das Problem der Mercedes-Dominanz, die Klagen der Fahrer, dass 21 Rennen zu viel sind und über die Helden von heute.

30.03.2016 Michael Schmidt
Was erwarten Sie von dieser Formel 1-Saison?

Stewart: Das einzige, was ich fürchte ist, dass Mercedes weiter so dominiert. Ich hoffe wirklich, dass der Ferrari-Motor endlich genug Leistung hat, damit sie Mercedes herausfordern können. Ich wünschte mir noch mehr, dass auch Renault den Absprung schafft. Formel 1 braucht dringend mehr Wettbewerb. Mercedes hat einen super Job erledigt, aber die Leute akzeptieren heute nicht mehr, wenn das Resultat immer das gleiche ist.

Wir hatten solche Siegesserien schon in der Vergangenheit. Warum sind die Zuschauer heute weniger bereit, das zu akzeptieren?

Stewart: Außergewöhnlich erfolgreiche Fahrer werden akzeptiert. Teams nicht. Das war auch bei Ferrari so. Da wusste man, dass Michael Schumacher gewinnen würde und Barrichello sich hinten anstellen muss.

Wie haben Sie das erste Rennen des Jahres empfunden, als Sie noch selbst gefahren sind?

Stewart: Es war aufregend. Doch manchmal sind wir vor der Saison schon Rennen gefahren, die nicht zur WM zählten. Das Race of Champions in Brands Hatch oder die International Trophy in Silverstone. So hatten wir schon eine Testphase, um das Team und das Auto kennenzulernen bevor es richtig ernst wurde. Für uns Fahrer war der erste Grand Prix nie das erste Rennen des Jahres. Wir waren mit Winter-Rennen wie der Tasman-Serie bereits vorher gut beschäftigt und haben nie richtig Rost angesetzt. Heute fahren sie nur 21 Rennen.

Ist das zu wenig?

Stewart: Wenn die Fahrer mir heute erzählen, dass sie nach 21 Rennen ausgelaugt sind, kann ich nur lachen. 1971, als ich Weltmeister wurde, habe ich den Atlantik 86 Mal überflogen. Also 43 Trips. Für CanAm-Rennen, ABC Fernsehen, meine Verpflichtungen bei der Ford Motor Company. Ich fuhr Formel 1, Formel 2, Sportwagen, Tourenwagen, GT-Autos, Indianapolis. Ich meine, da leben die heutigen Fahrer im Paradies. Selbst Stirling Moss in den 50er Jahren ist mehr gefahren.

Sie sind 1973 als Fahrer zurückgetreten, haben den Sport aber nie richtig verlassen. Was macht die Faszination für Sie aus?

Stewart: Ich liebe diesen Sport, die Leute, die Kultur, die Internationalität. Es ist ein großer Schmelztiegel von so vielen Nationalitäten und unterschiedlichen Menschen. Und es gibt nichts Aufregenderes als ein Rennauto mit 300 km/h, das Millimeter von der Streckenbegrenzung und von anderen Autos entfernt fährt. Fehler, Defekte, Unfälle. Das alles hat seinen Reiz. Verstehen Sie mich nicht falsch. Keiner will Tote sehen. Aber die Leute wollen den Nervenkitzel. Ich hatte das Glück, dass der Sport mit mir sehr gut umgegangen ist. Und jetzt will ich etwas zurückgeben dafür.

Wie verfolgen Sie ein Rennen? Sind Sie da aktiv und emotional dabei?

Stewart: Aber ja. Oft denke ich mir: Warum greift er denn in dieser Situation und an dieser Stelle an? Er sollte es lieber in der nächsten Kurve versuchen. Die großen Fahrer zeichnen sich aus, dass sie ein Überholmanöver gut vorbereiten. So, dass der Gegner nicht mehr kontern kann. Ich hatte das Glück, dass ich vor meiner Karriere professionell Tontaubenschütze war. Das hat mich Disziplin gelehrt. Sich nicht von Emotionen leiten lassen. Nicht zu aggressiv zu sein, sondern den Kopf einzuschalten. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die Technologie ist heute eine andere. Aber im Auto sitzt immer noch ein Mensch. Und die ticken unterschiedlich.

Zum Beispiel?

Stewart: Es gab und gibt unterschiedliche Fahrertypen. Solche, die mit dem Kopf durch die Wand wollen. Und solche, die taktisch fahren. Rudolf Caracciola war so einer, Juan-Manuel Fangio oder auch Jim Clark. Ich habe versucht so zu fahren. Alain Prost, Fernando Alonso, Sebastian Vettel gehören ebenfalls in diese Gruppe. Der andere Typ war Nuvolari. Oder Senna. Alles musste jetzt und gleich sein. Alles war aggressiv. Sie haben unheimlich viel am Lenkrad gearbeitet. Ich habe immer versucht aus der Kurve eine Gerade zu machen.

Und die Mercedes-Fahrer?

Stewart: Bei Lewis bin ich mir noch nicht sicher, in welche Kategorie er gehört. Nico zählt zu den überlegten Fahrern. Ihm fehlt vielleicht dieses letzte bisschen Speed, den Lewis herausholen kann, wenn es notwendig ist.

Sie waren als Fahrer immer sehr loyal, sind nur für 2 Teamchefs gefahren. Und sie vertreten immer noch die gleichen Sponsoren. Wie kommt das?

Stewart: Ich habe mit Rolex im April 1968 meinen ersten Vertrag abgeschlossen. Und ich bin heute noch mit ihnen zusammen. Ich glaube, es ist der älteste Vertrag im Motorsport, vielleicht sogar im ganzen Sport. Rolex und Formel 1, das passt wunderbar zusammen. Präzision, Technologie, Stil, Geschichte.

Wie kam es dazu?

Stewart: Der Golfer Arnold Palmer, der Skifahrer Jean-Claude Killy und ich wurden damals von Rolex als weltweit bekannte Sportler unter Vertrag genommen. Und wir sind es immer noch. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie sie gerade auf mich gekommen sind. Es gab da einen Mann namens André Heiniger. Er arbeitete 55 Jahre für Rolex und hat uns ausgesucht. Auf der anderen Seite hatte mein Management McCormack schon vorher mit Rolex zu tun. Sie haben sie im Tennis und Golf untergebracht. Wo sie immer noch sind. Es gehört zu dieser Firma, dass sie langfristig denkt und nicht sprunghaft ist. Und irgendwie passt das auch zu mir.

Rolex war aber nicht Sponsor Ihres Formel 1-Teams?

Stewart: Ich habe gefragt, aber sie wollten auf kein Auto. Vor 4 Jahren habe ich sie wieder kontaktiert, ihnen vorgeschlagen, die ganze Serie zu unterstützen. Bernie hatte mich gebeten, den Kontakt herzustellen. Ich hatte Lunch mit dem Vorstand und habe ihm erklärt, dass es die perfekte Hochzeit wäre, Rolex und die Formel 1. Weil beides globale, zeitlose, glamouröse Marken sind. Da haben Sie angebissen. Es war eine der besten Entscheidungen, die sie treffen konnten. Ich kann mich noch an eine Anzeige von früher erinnern. Sie zeigte ein Bild des Gebäudes der Vereinten Nationen. Drunter stand: Wenn Sie hier jemals sprechen, tragen sie eine Rolex.

Sammeln Sie Uhren?

Stewart: Ich habe 12 Rolex-Uhren zuhause. Und ich trage sie alle, Die beiden wertvollsten sind eine Uhr von John Coombs, die schon sein Vater getragen hat. Und eine Stanley Steel Daytona, die ich 1971 für die Pole Position in Monte Carlo bekam.

Ist die Formel 1 von heute in einer Krise?

Stewart: Schauen Sie. Jeder mag nur das Schlechte sehen. Aber ich gebe zu. Das Feld fällt zu weit auseinander. Es gibt zu wenig Wettbewerb. Aber dieser Sport hat immer noch jede Menge Attraktionen. Und wenn es im Moment ein paar Probleme gibt, dann hatten wir sie vor 15 Jahren auch schon, als Michael Schumacher alles gewonnen hat. Der Sport ist immer noch gesund. Jeder auf der Welt fährt ein Auto. Jeder ist ein potenzieller Kunde für uns. Die Bedeutung, die das Auto für die Mobilität hat, diese Bedeutung hat auch der Motorsport. Und ich sehe keine Alternative für das Auto in der näheren Zukunft.

Die Formel 1 versucht den Verlust an Attraktivität durch immer neue Regeln zu stoppen. Ist das gut?

Stewart: Wir müssen das aus zwei Blickwinkeln sehen. Nehmen wir das neue Qualifikationsformat. Unsere Generation sagt: Zu kompliziert, zurück zum alten System. Die Kids kapieren das sofort. Die denken ganz anders als wir. Wir vergleichen immer mit der Vergangenheit. Sie akzeptieren es als etwas Neues. Ich kann Ihnen eines verraten. Sehr bald wird eine große, international bekannte Firma als globaler Sponsor in die Formel 1 kommen. Die würden es nicht tun, wenn sie der Meinung wären, dass es mit der Formel 1 bergab geht.

Hat die Formel 1 genug Helden?

Stewart: Ich denke schon. Lewis Hamilton ist ein Held. Auf eine moderne Art. Vettel ist ein eher ruhiger Held. Räikkönen ist wahrscheinlich populärer als die anderen beiden. Obwohl er kein Wort sagt. Oder gerade deswegen.

Hamilton zeigt sein Leben auf allen sozialen Netzwerken. Hätte Sie zu ihrer Zeit diese Möglichkeiten gehabt, hätten sie es genauso gemacht?

Stewart: Ich hätte es wahrscheinlich getan, aber nicht so offensiv. Ich hatte nie eine Website zum Beispiel. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass es andere interessiert, was Jackie Stewart gerade jede Minute macht. Aber ich bin auch ein bisschen altmodisch. Lewis ist ein Kind dieser Zeit. Das ist die moderne Welt. Ich finde, wir sollten den Sport auf allen Ebenen gut repräsentieren. Man sollte als Fahrer schon aufpassen, dass man nicht allzu sehr über die Stränge schlägt.

Sie waren der Pionier der Sicherheit. Was denken Sie über den Heiligenschein über dem Cockpit? Werden die Autos damit nicht lächerlich aussehen?

Stewart: Flügel an Autos waren zunächst auch lächerlich. Wir haben uns alle daran gewöhnt. Ich sehe nichts Falsches daran, die Sicherheit einen weiteren Schritt voran zu treiben. Ich finde den Schritt richtig, auch wenn man sich hier gegen etwas versichern will, dass sehr selten passiert. Wenn es irgendwann einmal ein Leben retten sollte, dann müssen wir uns bei dem Heiligenschein bedanken.

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