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Jean Alesi und Giuliano Alesi im Interview

„Gegen die Angst kann man nichts tun“

Jean Alesi & Giuliano Alesi - GP Monaco 2016 Foto: Wilhelm 29 Bilder

Jean Alesi war einer der furchtlosesten Formel-1- Rennfahrer der Neuzeit. Heute hat er Angst, wenn sein 16-jähriger Sohn Giuliano ins Cockpit steigt. Wir haben mit beiden gesprochen.

28.09.2016 Christian Eichenberger

In Monza seid Ihr gemeinsam im Fahrerlager gewesen. Wer von euch hat mehr Autogramme geben müssen?

Jean Alesi: (Lacht.) Das ist nicht fair. Natürlich ich. Aber es geht hier nicht um einen Wettbewerb zwischen Vater und Sohn. Ich bin so stolz, wenn ich meinen Sohn anderen Leuten vorstellen darf.

Giuliano Alesi: Bei meinem Vater bildet sich da schnell eine Menschenmenge. Besonders in Italien. Aber die Leute fangen an, mich zu erkennen. Vor allem, wenn ich mit ihm unterwegs bin. An der Rennstrecke trage ich außerdem immer ein Shirt von der Ferrari-Academy. Daran erkennen mich die Leute inzwischen auch. Und die Ähnlichkeit ist auch nicht gerade von der Hand zu weisen.

Was weißt du über die Karriere deines Vaters?

Giuliano Alesi: Ich habe jedes seiner Rennen auf Youtube gesehen. Und er hat mir natürlich auch erzählt, wie er damals angefangen hat. Erst spät mit 16 im Kart. Wir haben auch viel über seine Fehler geredet, die er gemacht hat. Das hilft mir selbstverständlich auch.

Was denkst du, wenn du solche Bilder von ihm siehst?

Giuliano Alesi: Diese Zeit muss spannend gewesen sein. Da war alles noch etwas anders. Aus heutiger Sicht hätte ich mir damals aber schon ein paar Sorgen mehr gemacht. Die Sicherheit ließ zu wünschen übrig. Die Fahrer waren bis zu den Schultern im Freien. Heute ist Racing viel sicherer geworden.

Ist das ein Grund, weshalb dich deine Eltern diesen Sport auch ausüben lassen?

Giuliano Alesi: Nein, mein Vater hat mich nie gepusht. Er hat immer gesagt: «Wenn du das machen möchtest, stehe ich dir zur Seite. Wenn ich aber den Verdacht habe, dass du nicht zu hundert Prozent dahinterstehst, höre ich auf. Ich vergeude nicht meine Zeit.»

Jean Alesi: Das stimmt. Ich wäre der schlechteste Vater, wenn ich meinen Sohn in eine solche Welt einführen würde, nur weil ich es so gewollt hätte. Wenn die anderen Jungs in seinem Alter am Montag in der Schule erzählen, was sie am Wochenende gemacht haben, und sich Giuliano dann fragen müsste, warum tue ich mir diese Rennfahrerei an, dann würde ich mir Vorwürfe machen. Diese Disziplin – das muss von einem selber kommen. Da kannst du, darfst du nicht pushen.

Hat dein Vater Angst, wenn du einsteigst?

Giuliano Alesi: Als ich in Österreich geradeaus in die Bande gefahren bin, weil die Bremsen versagten, hatte er Schiss. Weil er natürlich als Rennfahrer genau weiß, wie sich das anfühlt. Aber er hat sich dann wieder eingekriegt, als er mitbekommen hat, dass ich okay bin. Ich muss dazu auch sagen, dass das mein bisher schlimmster Unfall war. Einmal habe ich mich überschlagen. Aber das war noch im Kart.

Jean Alesi: Als Vater erlebe ich das heute ganz anders. Zu meiner Zeit kannte ich keine Angst. Die kenne ich erst, seit Giuliano fährt.

Machst du etwas gegen diese Angst? Giuliano spürt das ja auch. Und das könnte seine Leistung beeinträchtigen.

Jean Alesi: Dagegen kann man nichts tun. Und ja, es stimmt: Das könnte ihn beeinträchtigen. Deshalb halte ich mich so gut es geht zurück. Es gibt Tage an der Rennstrecke, da sehe ich ihn vielleicht einmal. Beim Rennen gehe ich mit in die Startaufstellung. Aber dann verschwinde ich wieder.

Wann warst du zum ersten Mal live bei einem Rennen deines Vaters dabei?

Giuliano Alesi: Das war bei einem DTM-Rennen. Ich war fünf oder sechs. Von der Formel 1 weiß ich nichts mehr. Mein Vater hat Ende 2001 damit aufgehört. Da war ich zwei Jahre alt.

Jean Alesi: Ich hatte ihn 2000 zu einem F1-Test nach Estoril mitgenommen. Es gibt davon sogar ein Foto, wie er in meinem Cockpit steht und kaum über den Rand hinausschaut. Da war er einjährig.

Hat dir die Atmosphäre gefallen?

Giuliano Alesi: Damals bei der DTM? Ja, und wie! Ich war die ganze Zeit in der Box. Hab alles aufgesaugt. Wenn ich Hunger oder Durst hatte, bin ich ins Motorhome gerannt – und sofort wieder zurück. Ich wollte ja nichts verpassen.

Giuliano Alesi - GP3 Budapest 2016Foto: xpb
Die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. Giuliano Alesi will in die Fußstapfen seines Vaters treten.

Hast du damals entschieden, dass du eines Tages dasselbe machen wirst wie dein Vater?

Giuliano Alesi: Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Dieses Umfeld war für mich einfach ganz normal. Ich wuchs da mittendrin auf und machte mir keine Gedanken. Im Alter von fünf Jahren kaufte mir mein Vater dann ein «Buggy». Mit dem ich bin ich durch den Garten gepflügt. Und habe so einige üble Crashs gebaut.

Jean Alesi: (Hält sich die Hände vors Gesicht.) Ja, da gab es ein paar brenzlige Momente. Alles, was ich ihm an fahrbaren Untersätzen kaufte, musste eine Sicherheitsgurte haben. Sonst wäre das irgendwann ins Auge gegangen.

Ab wann wurde es ernst?

Giuliano Alesi: Mit 13. Da fing ich dann mit Kart an.

Aber das war dein Wille, deine freie Entscheidung?

Giuliano Alesi: Ja, absolut.

Was für Ratschläge gibt dir dein Vater?

Giuliano Alesi: Er schaut sich das alles sehr genau an. Auf den TV-Schirmen und an der Strecke. Und er sagt mir dann schon, wo ich Zeit verliere. Er gibt auch Tipps, wie ich mich verhalten soll. Mit wem ich besonders nett umzugehen habe.

Jean Alesi: Wenn es um Car-Control geht, kann ich ihn unterstützen. Die Physik hat sich schließlich nicht verändert. Das Gefühl für den Fahrstil muss er selber finden.

Dein Vater war bekannt für einen sehr spektakulären Fahrstil. Deiner ist eher der Zeit angepasst.

Giuliano Alesi: Mit den heutigen Reifen kannst du dir einen solch wilden Fahrstil gar nicht mehr leisten. In der Zweiliter-Renault wäre es noch denkbar. Dort vertragen die Reifen mehr. Aber nicht in der GP3. Und schon gar nicht in der Formel 1.

Wäre dein Dad in der heutigen Zeit mit seinem Fahrstil verloren?

Giuliano Alesi: Nicht unbedingt. Er hätte seinen Fahrstil angepasst. Würde ich mit einem seiner Autos fahren, käme ich mit meinem Fahrstil auch nicht weit. Als Fahrer musst du dich immer anpassen.

Jean Alesi: Das Reglement bestimmt den Fahrstil. Hätte ich Reifen gehabt wie Giuliano, hätte ich auch anders fahren müssen. Aber zu meiner Zeit waren die Reifen nicht das Zünglein an der Waage.

Ab welchem Zeitpunkt bist du im Kart schneller gewesen als Jean?

Giuliano Alesi: Wir sind nur einmal gegeneinander gefahren. Im Elektro-Kart. Und da war Dad schneller.

Jean Alesi: Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Weil wir uns nie verglichen haben. Ich wollte auch nicht, dass mein Sohn zu früh im Kart sitzt.

Warum?

Jean Alesi: Ich wollte nicht, dass er auf der Kartstrecke aufwächst. Es sind ja nicht nur Wochenende für Wochenende die Rennen. Es wird unter der Woche ja auch getestet. Dann, wenn er eigentlich die Schule besuchen müsste. Ich wollte ihm nicht die Kindheit stehlen.

Du hast selber auch sehr spät angefangen.

Jean Alesi: Ja, wobei das zu meiner Zeit noch etwas anders war. Ohne Führerschein konntest du gar nicht an Rennen teilnehmen. Ich war 18, als ich im Renault-5-Pokal anfing. Und 16, als ich mit Kart begann. Vor 18 hat sich damals niemand ernsthaft Gedanken über die Formel 1 gemacht. Nicht so wie heute.

Bereust du es, dass du ihn lange von den Kartstrecken dieser Welt ferngehalten hast?

Jean Alesi: Manchmal ja. Er hat heute nicht dieselbe Erfahrung wie andere 16-Jährige. Vergiss nicht: Er ist nur zwei Jahre Kart gefahren. Und die GP3 ist auch erst sein zweites Jahr im Automobilrennsport.

Hattet ihr deswegen schon Streit?

Giuliano Alesi: Nein, wir haben wirklich ein ausgezeichnetes Verhältnis. Und wenn es passieren sollte, dann ist es mein Verschulden. Wenn er mir einen Tipp gibt, dessen Sinn ich vielleicht im ersten Moment nicht erkenne, dann frage ich mich zweimal, warum sagt er das? Er will mir ja nur helfen.

Jean Alesi: Ich weiß noch, wie mein Vater mich unterstützt hat. Er hat mich auch nie gepusht, sondern einfach versucht, mir beizustehen. So will ich es auch bei Giuliano tun.

Ist die Formel 1 euer ultimatives Ziel?

Jean Alesi: In diesem Punkt unterstütze ich ihn sehr. Dabei geht es nicht darum, einen Plan auszuarbeiten, wie die nächsten vier Jahre aussehen. Das kann man im Rennsport nie genau wissen. Es geht vielmehr darum, ein Ziel vor Augen zu haben. Und daran erinnere ich ihn immer wieder.

Wäre er ohne deine Hilfe ein Mitglied der Ferrari-Academy?

Jean Alesi: (Überlegt lange.) Vielleicht ja, vielleicht nein.

Aber dein Legenden-Status in Italien hat sicher geholfen?

Jean Alesi: Sagen wir so: Er hat nicht geschadet.

Du hast noch zwei andere Geschwister. Sind die auch auf den Spuren deines Papas?

Giuliano Alesi: Nein, Helena ist 19. Sie träumt von einer Karriere im Filmbusiness. John ist neun und glaubt noch an Superman. Er ist ganz anders als ich. Er weiß, dass man sich wehtun kann. Wohingegen ich 100 Mal im Hof gecrasht bin.

Welche Rolle spielt eigentlich die Mutter?

Giuliano Alesi: Sie ist im Hintergrund. Eine sehr wichtige Person – für uns alle.

Jean Alesi: Ja, sie ist sehr wichtig für Giuliano. Ein großer Rückhalt für ihn. Vor allem abseits der Rennstrecke.

Aber für sie ist das sicher nicht einfach. Zuerst ihr Mann, jetzt der Sohn. Als du aufgehört hast, war sie sicher erleichtert.

Jean Alesi: Da kommt mir ein Zitat von Mama Rosberg in den Sinn. Sie hat einmal gesagt: ‚Den Ehemann kann ich ersetzen. Den Sohn nicht.‘

Habt ihr Pläne für ein gemeinsames Rennen? Ich denke da zum Beispiel an Le Mans.

Giuliano Alesi: Im Moment haben wir andere Pläne. Aber hört sich gut an – warum nicht?

Jean Alesi: (Grinst.) Das wäre eine nette Geschichte. So wie die Andrettis.

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