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Jean Todt

"Wäre froh über Michael als Rennleiter"

Foto: Daniel Reinhard

Der Ferrari-Chef glaubt nicht, dass Michael Schumacher zur Zeit den Posten des Rennleiters bei den Roten anstrebt. Allerdings macht Jean Todt klar, dass er über einen möglichen Teamchef Schumacher alles andere als unglücklich wäre.

27.02.2007

Neues Team, neue Fahrer, neues Auto. Ferrari geht mit vielen Fragezeichen in die Saison. Wie schwierig wird es?

Jean Todt: "Wir starten ein neues Kapitel. Beginnen wir mit den Fahrern: Felipe Massa ist 25 Jahre alt, sehr talentiert, sehr engagiert und vielleicht einer der am meisten unterschätzten Fahrer. Kimi? Ich mag ihn einfach, obwohl ich ihn noch nicht gut genug kenne. Er ist bescheiden, entschlossen, überhaupt nicht arrogant. Wenn er Spaß hat, was ist dabei? Wichtig ist, dass er seinen Job erledigt, und ich bin sicher, er wird es tun. Wie alle Fahrer brauchen auch unsere ein Auto, mit dem man gewinnen kann. Die Verantwortung liegt bei uns, ihnen dieses Material zu geben. Wir haben die WM 2006 verloren, weil das Auto nicht standfest genug war."

Wie kommen Massa und Räikkönen miteinander aus?

Jean Todt: "Sie respektieren sich. Es ist klar, dass beide ehrgeizige Fahrer sind. Michael und Felipe waren Freunde. Kimi und Felipe kennen sich noch nicht so gut, aber sie tauschen Informationen über das Auto aus. Das ist wichtig."

Warum haben Sie nie versucht, Alonso zu verpflichten?

Jean Todt: "Ich glaube, dass Michael, Kimi und Alonso die drei besten Fahrer der abgelaufenen Saison waren. Im Fall
von Alonso und Räikkönen musste ich mich für einen entscheiden. Ferrari hat nie mit Alonso gesprochen. Ich bevor-
zuge Kimi. Fahrerisch sind die beiden auf einem Niveau. Doch Kimis Art passt besser zu Ferrari und zu mir. Vor
einigen Jahren haben wir mit Alonsos damaligem Manager gesprochen. Wir waren soweit, eine Vereinbarung als 
Testfahrer zu unterschreiben, dann aber war es nicht möglich, die Sache abzuschließen. Aber das ist Vergangenheit."

Wird Michael Schumacher bereits für den Rennleiterposten vorbereitet?

Jean Todt: "Michael war ein außergewöhnlicher Rennfahrer mit einer unerreichten Zahl an Titeln und Siegen. Wenn er zurücktritt, dann aus guten Gründen. Wer soviel Erfolg hatte, der muss nicht nur begabt, sondern auch intelligent sein. Michael ist zuintelligent, um jetzt bereits auf eine zukünftige Position bei Ferrari hinzuarbeiten. Er wollte seinem
Leben eine andere Richtung geben, andere Dinge tun und mehr Zeit für sich haben. Er will sich nicht schon wieder
einem Druck aussetzen. Da hätte er ja seine Rennkarriere gleich fortsetzen können. Wir hätten liebend gerne seinen Vertrag verlängert."
 
Was macht er jetzt bei Ferrari?

Jean Todt: "Michael ist ein Mitglied der Ferrari-Familie. Wir haben ihm vorgeschlagen, als Berater Teil der Firma zu
bleiben. Er weiß soviel über Autos, nicht nur Rennautos, dass wir seine Erfahrung nutzen wollen. Erst kürzlich hat er wieder eines unserer neuen Straßenautos getestet. Ich wäre ja froh, wenn er zu mir käme und sagen würde: Rennleiter ist der nächste Schritt in meiner Karriere."

Sie haben Ihr ganzes Leben im Motorsport verbracht. Macht es Spaß, sich nun um Straßenautos zu kümmern?

Jean Todt: "Offiziell bin ich seit Oktober 2006 Geschäftsführer von Ferrari, aber ich leite die Geschäfte bereits seit Juni 2004. Meine Verantwortung ist also seit zweieinhalb Jahren die gleiche. Ich liebe Autos, nicht nur den Rennsport. Das ist vielleicht der Hauptgrund, warum ich das alles mache. Seit meinem zehnten Lebensjahr drehe ich mich um, wenn ich ein schönes Auto sehe. Ferrari ist eine einzigartige Marke. An der Spitze dieser Firma zu stehen, ist wie eine Belohnung."

Sie haben in den vergangenen Jahren immer mal wieder darüber nachgedacht, in Rente zu gehen. Was hat Sie
veranlasst, doch weiterzumachen?

Jean Todt: "Ich war in allem, was ich im Motorsport getan habe – Rallye, Wüstenrallyes, Sportwagen, Formel 1 –, ziemlich erfolgreich. Der Grund, warum ich mich zum Weitermachen entschlossen habe, ist vor allem Verantwortung. Als ich im Juli 1993 zu Ferrari ging, war das eine schwierige Entscheidung. Ich hatte eine starke Position in der PSA-Gruppe, ich musste mein Zuhause in Paris, meine Familie, meine Freunde verlassen, um zu einer Firma in der italienischen Provinz zugehen, in der sich alle halbe Jahre die Dinge geändert haben. 14 Jahre später muss ich sagen, dass dies die beste Entscheidung meiner Karriere war. Ich habe Ferrari viel von mir gegeben, aber auch sehr viel von Ferrari bekommen. Deshalb wollte ich in der Phase des Umbaus die Firma nicht verlassen."

Haben Sie Pläne für die Zeit danach?

Jean Todt: "Ich werde sicher länger als nur ein oder zwei Jahre im Amt bleiben. Wie es in fünf Jahren sein wird, ist heute schwer zu sagen. Ich werde mich verstärkt der von mir unterstützten medizinischen Stiftung zur Erforschung von Erkrankungen des Nervensystems ICM widmen. Das ist ein großes Projekt. Wir bauen ein Forschungszentrum auf 20.000 Quadratmetern für 1.000 Mitarbeiter. Dafür suche ich Geld. Es macht mir Spaß, andere Leute von einem Projekt zu überzeugen."

Sind Sie ein Workaholic?

Jean Todt: "Ehrlich gesagt: Ich bin sehr faul. Ich hätte kein Problem, gar nichts zu tun. Aber ich bin auch genauso konsequent. Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich es. Ich könnte es mir niemals verzeihen, den Ansprüchen nicht zu genügen."

Große Hersteller, wie jetzt Audi mit dem R8, wildern in Ihrem Revier. Macht Ihnen das Sorge?

Jean Todt: "Wir müssen wachsam bleiben und die Produkte der Mitbewerber ernst nehmen. Ferrari ist seit 60 Jahren eine Erfolgsstory. Einige unserer Autos sind Kunstwerke. Es ist eine große Verantwortung, das zu pflegen. Deshalb haben wir innerhalb der Firma eine Abteilung aufgebaut, die sich um die alten Autos kümmert. Wir sind nicht nur unseren Kunden von heute und morgen verpflichtet, sondern auch denen aus der Vergangenheit."

Wie stark wird Ferrari seine Produktion anheben?

Jean Todt: "Von 2005 auf 2006 haben wir die Produktion um sechs Prozent gesteigert. Das haben wir hauptsächlich getan, um die Wartezeiten zu verringern, die nach unserer Meinung zu lang geworden sind. Jetzt muss man auf einen F430 zwölf  bis 15 Monate warten, auf einen 599 knapp zwei Jahre. Wir sind ein kleiner Hersteller und können uns von der Produktion her keine großen Sprüngeleisten."

Viele Hersteller arbeiten an Hybridantrieben. Ferrari auch?

Jean Todt: "Wir sprechen über diese Technologien mit Fiat. Wenn wir über Dinge wie Energierückgewinnung reden, dann müssen wir das immer im Umfeld von Ferrari betrachten. Wir müssen sicherstellen, dass diese Technologie auch das ist, was der Ferrari-Kunde will. Das wird auch für den Rennsport in Zukunft ein Thema. Die Formel 1 wird in zehn Jahren völlig anders aussehen."

Wie stehen Sie zum Thema biologische Kraftstoffe und Hybridantriebe in der Formel 1?

Jean Todt: "Das einzige Thema, das bis jetzt verabschiedet wurde, ist ein Programm zur Einsparung von Kosten. Die Rückgewinnung von Bremsenergie ist für 2009 angedacht und weitere Schritte ab 2011. Jeder Schritt muss wohl über-
legt sein. Wir müssen bei jeder neuen Entwicklung drei Dinge im Auge behalten: Es muss die Show verbessern, darf die Sicherheit nichtgefährden, und es sollte nicht mehr Geld kosten als vorher."
 
Müssten Sie den Fans bei diesen hohen Ticketpreisen nicht viel mehr bieten?

Jean Todt: "Die Formel 1 ist einfach zu teuer. Es ist lächerlich, wenn 800 bis 1000 Leute mit einem Budget von 250 bis 300 Millionen Euro dafür sorgen, dass zwei Autos 17 oder 18 Mal im Kreis fahren. Als Manager muss ich das ablehnen. Zum Glück für Ferrari betragen die Kosten des Formel 1-Einsatzes dank unserer Sponsoren und kommerziellen Einkünfte weniger als der Werbeetat einer Firma dieser Größenordnung. Motorsport ist unser Marketing. Trotzdem finde ich, dass wir mit der Formel 1 Geld verdienen und nicht ausgeben sollten."

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