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Jenson Button im Interview

"KERS-Autos sind eine echte Seuche"

Jenson Button Foto: Daniel Reinhard 56 Bilder

In den vergangenen fünf Rennen konnte WM-Spitzenreiter Jenson Button nicht mehr aufs Podium fahren. Im Interview erklärt der Brawn GP-Pilot die Gründe für den Abwärtstrend. Dabei macht Button auch seinem Ärger über die KERS-Autos Luft.

10.09.2009 Michael Schmidt

Seit fünf Rennen ist bei Ihnen der Wurm drin. Wie können Sie den Abwärtstrend aufhalten?
Button: Ich darf mich jetzt nicht verrückt machen lassen, sondern muss nach den Gründen suchen, warum ich im Augenblick nicht das Maximum aus dem Auto herausholen kann. Wir haben einen Verdacht, was in Spa schief gelaufen ist.

Welchen Verdacht?
Button: Ich habe für die Qualifikation die falschen Reifen gewählt, habe zu lange an der Rennabstimmung gearbeitet und auch bei der Abstimmung des Autos Fehler gemacht. Das alles resultierte in einer Instabilität des Hecks, und das mag ich nicht. Trotzdem hätte ich mit einer Einstoppstrategie auch vom 14. Startplatz aus noch in die Punkte fahren können. Platz sechs wäre möglich gewesen. Im Renntrim war unser Auto gut.

Wenn die Konkurrenten weiterhin nur in kleinen Schritten aufholen, können sie mit ihrem 16 Punkte-Vorsprung überleben.
Button: Das darf nicht der Plan sein. Ich muss jetzt mal wieder große Punkte holen und aus eigener Kraft den Titel sicherstellen. Ein Rückzugsgefecht ist zu riskant.

Wer ist Ihr Gegner Nummer eins?
Button: Mein Teamkollege. Die Red Bull waren in Spa nicht so stark, wie ich sie erwartet hatte. Und von den nächsten Strecken kommt ihnen nur Suzuka entgegen. In Monza müssen wir mehr auf Force India, McLaren und Ferrari aufpassen. KERS macht allein auf der Zielgeraden eine halbe Sekunde aus.

Die können aber auch Ihnen Punkte wegnehmen.
Button: Im Augenblick fahren diese Teams für mich, weil sie meine Gegner Punkte kosten.

Warum ist Brawn GP ab dem GP England so abgestürzt?
Button: Wir haben die Reifen nicht zum Arbeiten gebracht. Das hat die Aerodynamikentwicklung überlagert. Wenn die Reifen keinen Grip haben, spürst du Verbesserungen am Fahrzeug nicht.

Sind es wirklich allein die Reifen?
Button: Es war nie leicht, schnell Reifentemperaturen zu generieren. Aber wir haben das nicht als ein Problem gesehen, dass wir dringend anpacken mussten. Im Gegenteil. Wir haben das Auto und die Fahrwerksabstimmung immer mehr in eine Richtung entwickelt, die Reifen zu schonen. Die erste Saisonhälfte gab uns Recht. Wir haben bei einigen Rennen von dieser Qualität des Autos profitiert, weil es bei disen Rennen ziemlich heiß war. Dann kamen mit Silverstone und dem Nürburgring zwei Grand Prix, die bei kühlem Wetter stattfanden. Wir haben unsere Probleme damit erklärt. Erst in Ungarn ist der Groschen gefallen. Da lagen die Temperaturen in einem Bereich, mit dem wir eigentlich keine Probleme hätten haben sollen. Trotzdem waren wir langsam. Da haben wir begriffen, dass wir mit unserem Ziel die Reifen möglichst zu entlasten, einen Schritt zu weit gegangen sind. Unsere Versuche auf dem Fahrwerksprüfstand haben diese Theorie bestätigt.

Und seit Valencia geht es wieder einen Schritt zurück?
Button: Richtig. Das hat sich auch in Spa ausgezahlt. Obwohl es relativ kühl war, haben wir die Reifen einigermaßen in das Arbeitsfenster bekommen. Nur in der ersten Runde gab es ein Problem, weil sich Vorder- und Hinterreifen unterschiedlich schnell aufwärmten. Die Streckencharakteristik war für unser Auto nicht ideal.

Wie erklärt es sich dann, dass ihr angeblich so Reifen schonendes Auto bei einigen Rennen Probleme mit Reifenkörnen hatte?
Button: Das passt genau ins Bild. Je weniger Grip die Reifen wegen der mangelhaften Laufflächentemperatur entwickeln, umso mehr rutscht das Auto herum. Rutschen bedeutet, dass sich der Gummi von der Lauffläche löst. Zu Saisonbeginn hatten wir die wenigsten Probleme mit Körnen, in Ungarn hat es uns am schlimmsten getroffen.

Die KERS-Autos von McLaren und Ferrari sind plötzlich siegfähig. Inwieweit stören sie das WM-Duell zwischen Red Bull und Brawn GP?
Button: Sie stören es ganz erheblich. Diese Autos sind die Seuche, weil du deine ganze Rennstrategie auf sie ausrichten musst und nicht auf unseren direkten Gegner Red Bull. Eigentlich gibt es gar keine Strategie um sich vor den KERS-Autos zu retten. Ich habe mich noch nie in meiner Karriere so hilflos im Cockpit gefühlt. Die drücken auf den Knopf, und weg sind sie. Wie sollst du dagegen taktieren? Nimmst du beim Start wenig Sprit mit, um vor ihnen zu stehen, läufst du Gefahr, dass sie dich vor der ersten Kurve überholen. Dann ist dein Rennen gelaufen, weil du ja früher an die Tankstelle musst als sie. Wenn du mit viel Benzin im Tank pokerst, stehst du bereits in der Startaufstellung hinter ihnen. Dann darf aber kein langsames Auto dazwischen fahren, damit du vom späteren Boxenstopp profitieren kannst.

Wäre es sinnvoll, den Brawn GP mit dem KERS-System von Mercedes nachzurüsten?
Button: Zum jetzigen Zeitpunkt der Saison völlig sinnlos. Es würde zwei bis drei Rennen dauern, bis wir das Auto perfekt darauf abstimmen können, plötzlich mehr Gewicht an ungünstiger Stelle im Auto zu haben. Diese Lernphase können wir uns beim jetzigen WM-Stand nicht leisten.

Was überwiegt mehr: Die Freude über die sechs Siege zu Saisonbeginn oder die Angst, dass Sie noch eingeholt werden?
Button: Die sechs Siege kann mir keiner mehr nehmen. Es war einfach ein unglaubliches Gefühl, endlich das Auto zu haben, von dem ich immer geträumt hatte. Jetzt ist die Herausforderung eine andere: Wir müssen wieder zu der Stärke zurückfinden, die wir einmal hatten. Das Team ist stark genug, das zu schaffen. Keiner gerät in Panik. Alle arbeiten konzentriert an der Ursachenforschung. Auch diese Phase ist spannend. Wir müssen uns wieder aufraffen, weil 16 Punkte Vorsprung kein Gartantieschein sind.

Fahren Sie auch 2010 bei Brawn GP?
Button: Vertraglich bin ich frei. Ich zerbreche mir über nächstes Jahr nicht den Kopf. Im Moment zählt nur eines: Diese Weltmeisterschaft. Es ist das wichtigste Jahr meiner Karriere, und ich werde mich nicht ablenken lassen. Gefühlsmäßig tendiere ich zu diesem Team. Ich bin jetzt sechs Jahre da, habe drei Besitzerwechsel mitgemacht, habe mit ihnen verloren und gewonnen, zähle zur Familie. Ich war loyal zu ihnen, sie zu mir. Es ist eine tolle Truppe. Hier fühle ich mich zuhause.

Als Sie mit dem Rücktritt von Honda konfrontiert wurden, haben Sie da das Ende Ihrer Karriere bereits vor Augen gesehen?
Button: Ganz klar. Für einen Moment dachte ich, so das war es jetzt. Da kommst du ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Haben Sie daran gedacht, wie Sie ein Leben ohne Motorsport gestalten könnten?
Button: So weit ging es nicht. Ich wollte kämpfen. Ich habe daran geglaubt, dass es weiter geht. Es blieb mir nichts anderes übrig, als daran zu glauben. Wir wussten ja alle, wie gut das Auto werden würde, wenn wir nur überleben und einen guten Motor bekommen. Als wir mit Mercedes den besten Motor bekamen, wusste ich schon, dass es sich lohnte zu warten?

Hat man Ihnen nicht jeden Winter erzählt, dass das nächstjährige Auto das Beste wird?
Button: Nein, da war Honda sehr ehrlich. Sie haben mich sowohl 2007 als auch 2008 davor gewarnt, mir allzu große Hoffnungen zu machen. Diesmal war es etwas anderes. Wir hatten ja nur die Daten von diesem kleinen Windkanalmodell in der Hand und wir konnten hochrechnen, welche Rundenzeiten wir fahren würden. Als wir die Rundenzeiten der Konkurrenz hörten, dachten wir: Entweder sind wir so gut oder die so schlecht. Die Realität hat später gezeigt: Es war wohl ein Mittelding aus beidem.

Heute profitieren Sie davon, im richtigen Auto zu sitzen. Ist es aber nicht frustrierend so hautnah mitzuerleben, wie abhängig man als Rennfahrer vom Material ist?
Button: Überhaupt nicht. Rennfahren ist ein Mannschaftssport. Alles muss passen. Und du musst dein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Was ich heute zurückbekomme, ist auch das Ergebnis meiner Hartnäckigkeit. Ich bin dem Team treu geblieben. Ich habe für Ross Brawn als Teamchef gekämpft. Ich habe bei Honda Druck gemacht, dass bestimmte Ingenieure zu uns kommen. Ich habe mich immer wieder über unser Auto beschwert. Ich will nicht abstreiten, dass sich so manche Karriere im Sande verläuft, weil der Betroffene das Pech hat, immer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein. Aber so ist das Leben. Es wird nicht allen gerecht.

Michael Schumachers angekündigtes Comeback schien den Sport wiederzubeleben. Ist es ein Armutszeugnis für die Formel 1, dass sie dafür das Comeback eines Altmeisters braucht?
Button: Das wäre in jeder anderen Sportart auch so. Denken sie an die Tour de France und Lance Armstrong. Ich habe mir jede Etappe von Anfang bis Ende angeschaut. Nur weil Armstrong wieder dabei war. Es geht hier gar nicht um Schumacher. Wenn Nigel Mansell oder Alain Prost morgen ihr Comeback geben würden, wäre die Aufregung genauso groß. Und wenn in zehn Jahren einer von uns, der Weltmeister war, nach einer Pause zurückkehrt, wird es genauso sein. Es zieht die Leute an, wenn einer wiederkommt, der früher einmal Sportgeschichte geschrieben hat.

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