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Kanada-Sieger Jenson Button im Interview

"Vettel wird locker bleiben"

Jenson Button Foto: Wolfgang Wilhelm 68 Bilder

Jenson Button fuhr in Montreal das Rennen seines Lebens. Von Platz 21 auf eins. auto-motor-und-sport.de sprach mit dem Sieger des GP Kanada über sein Team, Lewis Hamilton, seine Titelhoffnungen und seine Zukunft als Rennfahrer.

15.06.2011 Michael Schmidt
Wie fühlt sich für Sie Ihr zehnter GP-Sieg an?

Button: Da gibt es nicht viel zu sagen. Es waren sehr emotionale drei Stunden oder wie lange es auch immer gedauert hat. Es fühlte sich an, als hätte ich mehr Zeit in den Boxen als auf der Strecke verbracht. Ich musste mich drei Mal von hinten nach vorne kämpfen. In der letzten Runde habe ich mir dann auch noch Vettel geschnappt. Selbst wenn ich das Rennen nicht gewonnen hätte, hätte ich diesen Tag genossen. Es war ein unglaublicher Sieg und wahrscheinlich auch mein bester.

Sie waren schon einmal Weltmeister. Spüren Sie immer noch Druck?

Button: Ich bin immer noch frustriert, wenn ich nicht permanent an der Spitze fahren kann und werde erst happy sein, wenn wir die Red Bull regelmäßig unter Druck setzen können. Du darfst dir als Fahrer trotzdem keinen Durchhänger erlauben, sondern musst dein Team antreiben, ihnen unangenehme Fragen stellen. Das Team braucht zwei Fahrer, die positiv denken, die immer noch an den Titel glauben, sonst wird es mit heruntergezogen. In diesem Jahr ist es natürlich schwierig, weil Vettel schon so einen großen Vorsprung hat. Aber wenn wir nicht 100 prozentig auf den Titel konzentriert wären, bräuchten wir es gar nicht erst versuchen.

Wäre Massa heute ein anderer Fahrer, hätte er 2008 die Weltmeisterschaft gewonnen?

Button: Felipe musste mental einige schwere Schläge einstecken, nicht nur die WM-Niederlage damals. Vergessen Sie nicht seinen Unfall in Ungarn 2009. Ich weiß nicht, wie es ihm dieses Jahr ergeht, weil du eigentlich nie im Detail auf andere Fahrer schaust. Alonso ist ein außerirdisch schneller Fahrer. Das macht sein Leben nicht einfacher. Warum er nicht so schnell fährt wie früher? Ich kann es nicht sagen. Vielleicht hat er Probleme, die Reifen optimal zu nutzen.

Wieso ist der McLaren im Training klar langsamer als Red Bull, im Rennen aber auf gleicher Höhe? Wie ist das möglich?

Button: Sie nutzen die Auspuffgase in den Diffusor besser als wir. Im Training können sie auf eine Runde nonstop blasen, im Rennen nicht. Dafür können wir im Rennen mit dem Motor aggressivere Einstellungen fahren, haben da vielleicht etwas mehr Leistung. Unser Heckflügel ist im flach gestellten Zustand nicht so effizient wie der von Red Bull. Da man den im Training überall betätigen darf, im Rennen aber nur an einer Stelle, schwindet der Red Bull-Vorteil. Und ich bin überzeugt, dass unser Flügel dafür in Normalstellung besser arbeitet. So wie wir rätseln, warum wir im Training so viel schwächer sind, wird Red Bull sich fragen, warum das bei ihnen im Rennen so ist.

Wie ist es möglich, dass sich zwei Top-Fahrer wie Hamilton und Sie so gut vertragen?

Button: Wir kommen miteinander aus, aber wollen uns immer noch gegenseitig schlagen. Der Reiz für mich zu McLaren zu gehen war der, mit Lewis zusammenzuarbeiten, der als einer der schnellsten Fahrer aller Zeiten gilt. Du arbeitest mit ihm für das Team, aber gegen ihn auf der Strecke, weil du ihn trotz allem Teamwork schlagen willst. Warum wir so gut harmonieren? Vielleicht, weil wir uns außerhalb der Strecke aus dem Weg gehen.

Warum haben Sie sich bei McLaren in die Höhle des Löwen begeben?

Button: Ich bin heute noch happy mit dieser Entscheidung. Ich wollte einen Neuanfang. Das hat mich motiviert. Und es zeigt auch mein Selbstvertrauen. Hätte ich die geringsten Zweifel gehabt, hätte ich mich nicht getraut, es mit Lewis aufzunehmen. So habe ich meine gesamte Karriere seit meiner Kartzeit gehandelt. Immer wenn ich in einer Kategorie oder in einem Team Erfolg hatte, bin ich weitergezogen und habe etwas Neues ausprobiert. Deshalb hatte ich mit Ausnahme vom letzten Jahr nie die Nummer eins auf dem Auto. Eingespielte Dinge langweilen mich schnell. Außerhalb des Rennautos kann ich nicht stillsitzen. Deshalb nehme ich an Triathlons teil.

Ist ein Duell mit Hamilton etwas anderes als mit anderen Fahrern?

Button: Er ist ein Gegner wie jeder andere. Natürlich sollten wir uns nicht ins Auto fahren. Sein Überholmanöver in Shanghai war sicher sehr aggressiv, und da musste er schon sicher sein, dass ich mitspiele. Als ich ihn dann in Istanbul angegriffen habe, hat er mir dafür sehr viel Platz gelassen, überraschend viel Platz. Am schwierigsten war für mich David Coulthard im Zweikampf einzuschätzen. Wenn du deine Räder nicht vor seinen hattest, hat es immer mit einem Crash geendet. Er hat einfach immer eingelenkt. Auch bei ein paar anderen Fahrern muss man vorsichtig sein. Man sollte aber nicht zu viel darüber nachdenken, wer da unter dem anderen Sturzhelm steckt. Sonst vergisst man aufs Rennfahren. Auch wenn nicht jeder gleich oft in den Spiegel schaut, die meisten spüren, dass sich da ein Auto neben sie schiebt.

Wie sehen Sie dann die Kollision mit Ihrem Teamkollegen in Montreal?

Button: Ich habe mit Lewis nach dem Rennen geredet. Wir sind uns beide einig: Das ist ein Zwischenfall, der in der Hitze des Gefechts passieren kann. Ich habe ihn nicht einmal kommen sehen.

Ist der Gewinn des ersten WM-Titels schon weit weg?

Button: Er wird nie weit weg sein. Selbst wenn ich alt und grau bin, wird es sich wie gestern anfühlen. Es gibt Erinnerungen, die verblassen nie.

Was treibt sie dann noch an?

Button: Es liegt in der Natur des Menschen, immer mehr zu wollen als man hat. Ich bin noch nicht so weit, dass ich mich zurücklehnen kann und mit dem Erreichten zufrieden bin.

Wären Sie enttäuscht, keinen zweiten Titel mehr zu schaffen?

Button: Sollte ich nicht mehr Weltmeister werden, würde ich sicher die Formel 1 nicht in dem Gefühl verlassen, dass ich was verpasst habe. Den einen Titel kann mir keiner mehr nehmen. Ich werde also nach meiner aktiven Zeit keine quälenden Zweifel haben. Aber ich bin noch jung genug, um mir einen weiteren Titel vorzunehmen. Roger Federer und Raffael Nadal machen ja auch weiter, obwohl sie schon so viele Grand Slam-Turniere gewonnen haben. Der Hunger nach Siegen verschwindet nicht so schnell. Eines Tages wird das passieren, aber sich nicht morgen. Ich werde erst aufhören, wenn es mich langweilt im Kreis zu fahren, oder wenn ich nicht mehr schnell genug bin.

Vettel und Alonso haben Langzeitverträge unterschrieben, Hamilton wird einer angeboten. Und Sie?

Button: Für mich macht es keinen Sinn einen Langzeitvertrag zu unterschreiben, weil ich nicht weiß, wie ich mich in ein paar Jahren fühle. Rennfahren mit 40, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Ich will nur Rennfahren, solange ich gewinnen kann. Bis jetzt habe ich in Bezug auf meine Zukunft noch nichts unternommen, mit keinem Gespräche geführt. McLaren hält auf mich für nächstes Jahr eine Option. Das ist alles, was ich weiß. Viele meiner Kollegen wollen sich gerne lange absichern. Ich mag es, wenn die Zukunft offen ist.

Was hat Sie geprägt?

Button: Die Leute um mich herum, meine Familie, vielleicht dass ich auf dem Land aufgewachsen bin. Und dass ich das tun darf, was mir am meisten gefällt. Ich fühle mich in einer privilegierten Position. Erfolg zu haben mit etwas, für das man so lange so hart gearbeitet hat, das einen komplett erfüllt. In Ungarn werde ich meinen 200. Grand Prix fahren. Das ist ein schönes Jubiläum. Es findet auf der Rennstrecke statt, auf der ich meinen ersten Grand Prix gewonnen habe.

Wie würden Sie sich als Typ beschreiben? Sie wirken immer so relaxt?

Button: Jeder ist anders. Ich bin, wie ich bin. Für mich funktioniert das. Das gleiche gilt für den Fahrstil. Alain Prost hat kürzlich einmal gesagt, dass die Art Auto zu fahren den ganzen Menschen beschreibt. Da ist etwas dran. Es gibt Leute, die fahren aggressiv, andere wie ich eher feinfühlig. Das Resultat kann das gleiche sein.

Zahlt sich Ihr sanfter Fahrstil mit den kurzlebigen Pirelli-Reifen aus? Sind Sie deshalb näher an Hamilton dran?

Button: Nein, das hat nichts mit den Reifen zu tun. Ich kenne das Team besser und fühle mich im Auto wohler. In der Qualifikation ist Lewis immer noch einen Tick schneller als ich, obwohl ich mich da gesteigert habe. Die Rennen sind eher von der Strategie bestimmt. Ich kann da noch keine klare Linie erkennen, was besser ist. Einige Rennen hat das Reifenschonen funktioniert, andere nicht. Lewis fährt sicher aggressiver als ich und er benutzt andere Abstimmungen. Trotzdem gab es Rennen, da hielt er die Reifen besser in Schuss als ich.

Werden die Reifen oder das Auto die WM entscheiden?

Button: Das Auto. Und der Fahrer, der die wenigsten Fehler macht. Sebastian hat seine Fehler meistens im Training gemacht. Im Rennen fährt er unheimlich stabil. Nur in Montreal konnten wir ihn nervös machen.

Sie fahren meistens alternative Strategien. Weil Sie Red Bull dazu zwingt?

Button: Eher im Gegenteil. Bis auf Montreal bin ich immer die Strategie gefahren, die wir vorher geplant hatten. Die anderen haben auf mich reagiert. Die meiste Zeit bin ich mit drei Stopps gut unterwegs gewesen. Ich halte nichts davon, im Rennen zu viel zu ändern. Wenn du dir eine Taktik zurechtgelegt hast, dann fährst du auch so, dass sie sich optimal auszahlt.

Vettel ist in einer ähnlichen Situation wie Sie vor zwei Jahren. Können Sie sich vorstellen, dass sich mit der ersten Niederlage nach einer Siegesserie auch eine gewisse Nervosität einschleicht?

Button: Bei mir war das der Fall. Aber ich war zu dem Zeitpunkt auch noch nicht Weltmeister. Vettel ist es. Deshalb wird er locker bleiben. Ich fuhr 2009 für ein Team, das aus dem Nichts heraus einen unglaublichen Job gemacht hat. Wir konnten ja selbst kaum glauben, was da passiert und haben uns ständig gefragt, wann die Siegesserie abreißt. Red Bull hat ganz andere Ressourcen als Brawn GP damals. Die Gefahr, dass sie zurückfallen, besteht nicht. Sie werden bis zum Ende der Saison auf hohem Niveau weiterentwickeln. Das konnten wir uns bei Brawn GP nicht leisten.

Ihre Freundin hat japanische Wurzeln. Waren Sie seit dem großen Erdbeben schon in Japan?

Button: Ich bin nach dem Grand Prix von China für ein paar Tage nach Tokio geflogen. Den Weg nach Sendai bin ich nicht angetreten, weil du da zu nah an Fukujima vorbei musst. Da ist mir die Strahlung nicht geheuer. Viele Leute spenden, und man kann nur hoffen, dass das so bleibt. Es wird Milliarden und Abermilliarden kosten, das alles wieder aufzubauen. Dann ist da noch das Problem mit der radioaktiven Strahlung, das keiner richtig einschätzen kann. Du weißt nicht, welchen Berichten du glauben sollst.

Hat bei Ihrem Aufenthalt die Erde gebebt?

Button: Ja, wir hatten ein leichtes Erdbeben. Ich war mit meiner Freundin im Grand Hyatt Hotel in Tokio, als es nachts losging. Ich war gerade eingeschlafen und bin sofort aufgewacht. Das ganze Zimmer hat sich bewegt, es hat überall komische Geräusche gemacht. Wenn du so etwas das erste Mal erlebst, bekommst du es mit der Angst zu tun. Du fühlst dich ziemlich hilflos. Meine Freundin hat nur gesagt, das sei nur ein leichtes Beben, das mache nichts. Und hat sich einfach umgedreht und ist wieder eingeschlafen.

In unserer Fotogalerie haben wir für Sie noch einmal die schönsten Bilder aus der langen Karriere von Jenson Button zusammengestellt.

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