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Jochen Mass wird 70 Jahre alt

Ein guter Typ

Jochen Mass - Rennfahrer - 70 Jahre Foto: Wilhelm 68 Bilder

Er war die deutsche Motorsporthoffnung vor Stefan Bellof und Michael Schumacher. Jochen Mass fuhr Formel 2, Formel 1, Sportwagen-WM und DTM. Er siegte in Le Mans und gewann unter tragischen Umständen den GP Spanien 1975. Am 30. September wird Mass 70 Jahre alt.

26.09.2016 Michael Schmidt 1 Kommentar

Es war das große schwarze Loch im deutschen Motorsport. Nach dem tödlichen Unfall von Wolfgang Graf Berghe von Trips im September 1961 dauerte es 9 Jahre, bis Deutschland wieder regelmäßig in der Formel 1 vertreten war. Zuerst Rolf Stommelen, dann Jochen Mass, schließlich Hans-Joachim Stuck. Jochen Mass war der Erfolgreichste eines Trios, das Motorsport in der Autonation wieder salonfähig machte.

Am 30. September wird Jochen Mass 70 Jahre alt. Geboren im bayerischen Dorfen, aufgewachsen in Mannheim, zuerst Seeman bei der Handelsmarine, dann, als der Rennsport-Funke übergesprungen war, Rennmechaniker bei Alfa Romeo Hähn. Mass überzeugte seinen Arbeitgeber, dass er ein besserer Rennfahrer als Mechaniker war, und der verlor auch dann den Glauben nicht, als sein junger Angestellter zwei Mal Schrott ablieferte. Den Rennwagen und das Privatauto des Chefs.

Nie hundertprozentig fixiert auf den WM-Titel

Mass stieg über Tourenwagen und die Formel 3 rasend schnell in die Formel 2 auf. Grundstein war der Titel der Deutschen Rennsportmeisterschaft 1971 auf Ford Capri, in etwa vergleichbar mit der heutigen DTM. 1973 empfahl sich der gelernte Seemann als Formel 2-Europameister auf Surtees für die höchste Spielklasse. Natürlich auch bei Surtees. Die Autos waren zerbrechlich, aber immerhin ausreichend schnell, um McLaren zu überzeugen, ihn 1975 als Nummer zwei neben Emerson Fittipaldi zu verpflichten.

Mass fuhr drei Jahre für McLaren, holte einen Sieg, acht Platzierungen auf dem Podium, 64 WM-Punkte. Manche sagen, der Lebemann hat damals nicht genügend aus seiner Chance gemacht. McLaren war ein Spitzenteam, holte 1974 mit Emerson Fittipaldi und 1976 mit James Hunt den WM-Titel. Vielleicht lag es am Naturell des späteren Le Mans-Siegers. Mass war nach eigener Aussage nie so hundertprozentig fixiert auf den WM-Titel wie seine berühmten Teamkollegen. Er wollte einfach nur gute Arbeit abliefern.

Es passt ein bisschen zum Verlauf seiner Karriere, dass ein einziger GP-Sieg 1975 in Spanien unter tragischen Umständen zustandekam. Rolf Stommelen war nach einem Heckflügelbruch auf der schnellsten Stelle des Montjuich Park über die Leitplanken geflogen. Fünf Zuschauer kamen zu Tode. Das Rennen wurde nach 29 von 75 Runden abgebrochen. Zu dem Zeitpunkt lag Mass in Führung.

Ähnlich schicksalshaft verlief ein anderer Grand Prix, den Mass locker gewonnen hätte, wäre Niki Lauda nicht in der zweiten Runde des GP Deutschland 1976 verunglückt. Mass hatte auf feuchter, aber abtrocknender Strecke als einziger auf Slicks gesetzt. Als die rote Flagge gezeigt wurde, lag der damals 30-jährige McLaren-Pilot meilenweit in Führung. Nach dem Re-Start wurde er noch Dritter.

Die Einschläge kamen näher

Nach drei Jahren trennte sich McLaren von Mass, der von da an durch mehrere Teams vagabundierte. Zuerst ATS, dann Arrows, schließlich March. Autos, auf denen nicht viel zu holen war. Die 7 Punkte, die der Deutsche bei Arrows noch zusammenfuhr, waren eher ein Kompliment an den Fahrer als an das Auto.

Im Gegensatz zu dem ewigen Lausbub Stuck war Mass ein ruhender Pol, der mit Kopf und kalkuliertem Risiko fuhr. Bis 1978 blieb Deutschlands bester Rennfahrer der späten 70er Jahre von Unfällen verschont. Doch dann kamen die Einschläge immer näher, und das in einer Häufigkeit, die Mass schließlich zu seinem Rücktritt aus der Formel 1 bewogen haben.

1978 zog er sich bei einem Testunfall in Silverstone Beinbrüche und eine Lungenverletzung zu. Am ATS war die Aufhängung gebrochen. 1980 stürzte er am Österreichring im Training kopfüber in ein Kornfeld und stauchte sich die Wirbelsäule. 1982 flog er in Paul Ricard am Ende der Mistral-Geraden über den Arrows von Mauro Baldi. Sein March katapultierte sich über die Leitplanke und den Sicherheitszaun hinweg in den Zuschauerraum. Ein Wunder, dass Mass mit leichten Verbrennungen und schweren Prellungen dem bereits brennenden Wrack entstieg. 12 Zuschauer wurden durch herumfliegende Trümmerteile leicht verletzt.

Im gleichen Jahr stand Jochen Mass in Zolder im Mittelpunkt des tödlichen Unfalls von Gilles Villeneuve. Der Kanadier war auf einer seiner Chaosrunden auf den langsam dahinrollenden March des Deutschen aufgefahren und wurde bei dem fürchterlichen Sturzflug danach aus dem Auto geschleudert. Viele gaben Mass die Schuld. Tatsächlich war es das klassische Missverständnis. Mass wollte innen Platz machen. Villeneuve probierte es außen. Jahre später traf Jochen Mass im Flugzeug Gilles Villeneuves Sohn Jacques, der nun selbst Rennfahrer geworden war. „Jacques hat mir versichert, dass die Familie mir nie die Schuld gegeben hat.“

Der Mentor von Michael Schumacher

Nach seiner Formel 1-Karriere konzentrierte sich Mass auf Sportwagen-Rennen. Zuerst Porsche, dann Mercedes. Nicht minder gefährlich, nur mit der Gewissheit, dass er nun für Automobilhersteller fuhr und nicht für irgendwelche englischen Bastler. Zusammen mit Jacky Ickx gewann Mass 9 Langstreckenklassiker auf den Porsche-Typen 956 und 962.

1988 wechselte er zu dem verkappten Mercedes-Werksteam von Sauber. Hier gewann er endlich das Rennen, das er wegen der viel zu gefährlichen Rennstrecke so sehr hasste. 1989 beglich er zusammen mit Manuel Reuter und Stanley Dickens auch für Mercedes eine alte Le Mans-Rechnung.

In der Folge wuchs Mass immer mehr in die Rolle des Lehrmeisters und Mentors. Er teilte sich ein Auto mit Michael Schumacher. Der Junge aus Kerpen vertraute seinem erfahrenen Kollegen. Selbst als Mass endgültig seinen Helm an den Nagel gehängt hatte und für RTL als TV-Kommentator tätig war, suchte Schumacher oft seinen Rat.

Heute sieht man Jochen Mass immer noch regelmäßig auf historischen Veranstaltungen. Mal im Porsche, mal im Mercedes, zuletzt auch in einem Ford Capri, den er sich einst mit seinem tödlich verunglückten Rennfahrerkollegen Gerry Birrell teilte. Nur in den ATS wollte er nicht mehr einsteigen.

Eberhard Reuß vom SWR hat in Nizza, Goodwood, Hockenheim und am Nürburgring eine wunderbare Dokumentation über das Leben und die Karriere von Jochen Mass produziert. Der sehenswerte Film erzählt über eine Zeit, in dem Rennfahrer noch echte Ritter waren und die Technik alles andere als perfekt war. Der am 25. September ausgestrahlte Film ist in der Mediathek der ARD oder des SWR jederzeit abrufbar.

Neuester Kommentar

Ich hatte mal das vergnuegen Jochen Maas auf einer Mercedes Veranstaltung kennenzulernen und muss sagen er ist einer der angenehmsten "Prominenten" die mir jemals untergekommen sind. Einer der mit einen Mechaniker redet wie mit einen Menschen und dabei nicht oberflaechlich ist sondern nachfragt, sich wirklich interessiert fuer seine mitmenschen. Jochen, alles Gute, bleib wie du bist und ein langes leben!!!

rohromatic 26. September 2016, 17:36 Uhr
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