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Jolyon Palmer im Interview

„Muss beweisen, dass ich es wert bin“

Jolyon Palmer - Renault - F1 2016 Foto: xpb 22 Bilder

Jolyon Palmer holte beim GP Malaysia seinen ersten WM-Punkt. Der 25-jährige Engländer erzählt, was ihm der Punkt bedeutet, warum die Formel 1 so viel schwieriger ist als die GP2 und warum es an ihm liegt, seinen Platz in der Formel 1 zu behalten.

14.10.2016 Michael Schmidt

Wie groß war die Erleichterung über Ihren ersten WM-Punkt?

Palmer: Sehr groß. Wenn du nach 15 Rennen noch keinen Punkt auf dem Konto hast und in einem Auto sitzt, das eigentlich nicht schnell genug für WM-Punkte ist, dann erwartest du nicht mehr, dass es noch klappt. Ich hatte den Glauben schon fast aufgegeben. In Malaysia war das Auto so gut wie schon lange nicht mehr. In den freien Trainings bin ich immer auf den Plätzen 12 bis 14 gelandet. Deshalb war der 19. Startplatz eine Enttäuschung. Im Rennen ist dafür alles perfekt gelaufen.

Sie sind ein Einstopp-Rennen mit der Reifenfolge Hart-Soft gefahren. War das von Anfang an geplant?

Palmer: Die Strategie hat sich im Rennen entwickelt. Wenn du am Start so weit hinten stehst, musst du irgendetwas anders machen als der Rest. Also bin ich mit den harten Reifen losgefahren. Eigentlich sollte ich zwei Stopps machen. Aber die harten Reifen haben ewig gehalten. Da wurde aus Plan A ein Plan B mit einem Stopp. Dann haben wir diskutiert, welchen Reifen wir für den zweiten Stint nehmen sollen. Ich habe den Jungs gesagt: Lass es uns mit den weichen Reifen versuchen. Das war dann Plan C. Unsere Strategen an der Boxenmauer haben Rennen gut gelesen und mich zum richtigen Zeitpunkt reingeholt. Von den Soft-Reifen wussten wir, dass sie 20 Runden lang halten. Ich musste also ein bisschen Reifen schonen, um über 25 Runden zu kommen.

Dabei hing Ihnen noch Sainz im Nacken.

Palmer: Ich habe 6 Runden vor ihm gestoppt, musste also mehr Reifenmanagement betreiben als er. Als Sainz bis auf 2 Sekunden herangekommen war, musste ich mein Tempo anziehen. Ich habe es geschafft ihn in dem Zweisekunden-Fenster zu halten ohne die Reifen zu verheizen. Mein Auto fühlte sich richtig gut an. Die Strecke kam uns entgegen. Deshalb hatten wir auch die Reifenabnutzung im Griff.

War es die Revanche für die verlorenen Punkte in Ungarn?

Palmer: Ein bisschen schon. Es war die gleiche Situation dort. Nach dem letzten Boxenstopp lag ich auf dem 10. Platz. Von hinten drückte Hülkenberg. Ich dachte, ich hätte ihn im Griff, als mich plötzlich das Heck des Autos überholt hat. Ich war echt sauer auf mich. Doch Malaysia hat gezeigt, dass ich aus diesem Fehler gelernt habe. Ich war voll darauf konzentriert, auf keinen Fall einen Fehler zu machen.

Wie wichtig ist es Ihnen, nun als Fahrer mit WM-Punkten in der Statistik zu stehen?

Palmer: Es ist die zweite Box, die ich abgehakt habe. Die erste ist überhaupt in der Formel 1 zu starten. Dann der Punkt. Die nächsten Aufgaben werden schwieriger. Das erste Podium, der erste Sieg.

Wie schwierig ist es, mit dem Renault in die Top Ten zu fahren?

Palmer: Das geht nur, wenn vom Start bis ins Ziel alles perfekt läuft. Sind wir ehrlich: Wenn alle ins Ziel kommen, machen wir keine Punkte. Wir brauchen Ausfälle. Um dann zu punkten, muss ich vor allen Autos liegen, die ich theoretisch schlagen kann. So war das bei Magnussen in Singapur und bei mir in Malaysia. Der Punkt in Sepang hätte theoretisch auch an Sainz oder Massa gehen können.

Was war gut, was schlecht an Ihrer ersten Formel 1-Saison?

Palmer: Ich bin zufrieden mit meinem Speed. Zwischen Magnussen und mir liegt meistens nur eine Zehntelsekunde. Mal ist er schneller, mal ich. Mit dem Renntempo hatte ich mehr zu kämpfen. Aber da habe ich im Verlauf der Saison viel dazugelernt. Schlecht war, dass ich zu viele Anfängerfehler gemacht habe. Monte Carlo war ganz schlimm. Auch der Ausrutscher in Budapest war unnötig. Bis jetzt habe ich aus allen meinen Fehlern gelernt. Deshalb habe ich auch eine Zukunft in der Formel 1 verdient.

Ist es in der Formel 1 einfacher Fehler zu machen als in der GP2?

Palmer: Viel einfacher. Die Rennen sind zwei Mal so lang wie in der GP2. Sie sind schwerer zu lesen, weil du so viel im Blick haben musst. Du kämpfst mit Fahrern aus deinem Umfeld, musst aber gleichzeitig auch die Schnellen überrunden lassen. Das gibt es in der GP2 nicht, weil kaum Überrundungen vorkommen. Es gibt verschiedene Strategien, mehr Boxenstopps, du musst auf die Reifen aufpassen, die Knöpfe am Lenkrad richtig einsetzen. Also viel mehr potenzielle Fehlerquellen. In der GP2 reichen auch 98 Prozent für einen Sieg. In der Formel 1 musst du 100 Prozent geben, um einen Punkt zu holen.

Können Sie die arrivierten Fahrer verstehen, denen im Rennen langweilig wird, weil sie nicht jede Runde voll fahren können?

Palmer: Mir wird nicht langweilig. Aber ich habe ja auch erst 17 Grand Prix auf dem Buckel und mache bei jedem Rennen neue Erfahrungen. Jenson Button ist schon 16 Jahre dabei. Da kann ich schon verstehen, dass die alten Hasen sich wünschen, jede Runde voll zu fahren. Sie haben ja noch die alten Zeiten mit Tankstopps erlebt, wo das noch möglich war. Wenn es heute noch Tankstopps gäbe, wären die Rennen viel schneller. Aber wenn du mit 100 Kilogramm Sprit an Bord losfährst, ist das Auto zuerst einmal langsam.

Sie haben vier Jahre in der GP2 verbracht. Ihr Landsmann Lewis Hamilton war in einer Saison durch. Warum hat es bei Ihnen so lange gedauert?

Palmer: Ich hätte es gerne auch kürzer gehabt. Als ich in die GP2 kam, war ich viel unerfahrener als Lewis. Er hatte schon Unterstützung von einem Formel 1-Team und war perfekt auf die Aufgabe vorbereitet. Und er kam auch gleich in das beste Team. Mein erstes Team in der GP2 hatte noch nichts gewonnen. Trotzdem möchte ich die GP2-Zeit nicht missen. Sie war eine gute Schule. Als ich die Serie verlassen habe, bin ich mit einer Rekordzahl von Punkten Meister geworden.

Ihr Vater war auch Formel 1-Pilot. War das ein Vorteil?

Palmer: Am Anfang sicher. Weil er mir viele gute Tipps geben konnte und in dem Sport gut vernetzt ist. Je weiter ich aufgestiegen bin, umso weniger hat er sich eingemischt.

Was für ein Typ Vater ist er: Der Typ Button, der nur zugeschaut und das Leben genossen hat oder der Typ Verstappen, der sehr aktiv mit dabei ist?

Palmer: Irgendwo dazwischen. Mein Vater hatte mit Jensons Vater gerne mal einen Drink genossen, aber er hat mich auch aktiv an der Strecke unterstützt. Jetzt zieht er sich aus dieser Rolle mehr und mehr zurück. Er kommt zu fast allen Rennen, macht mir aber keinen Druck oder mischt sich in meine Arbeit mit dem Team ein. Er lässt mich mein Ding machen.

Sie haben Ihre erste Formel 1-Saison in einem Auto verbracht, das im Hinterfeld fährt. Eine lehrreiche Erfahrung?

Palmer: Sie hat mich bestimmt mental stärker gemacht. Weil ich lernen musste mit einem Auto klarzukommen, das schwer zu fahren ist. Die Reaktionen waren anfangs so unberechenbar, dass dir schnell mal ein Fehler unterlaufen ist. Das habe ich jetzt aber im Griff. Das Problem ist, dass die Leute von einem Werksteam automatisch viel mehr erwarten. Wenn du dann keine Ergebnisse ablieferst, schauen erst einmal die Fahrer schlecht aus.

Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Palmer: Ich habe noch eine Chance bei Renault zu bleiben. Jedes Rennen ohne eine Entscheidung von ihrer Seite ist für mich eine Gelegenheit zu beweisen, dass ich es wert bin, in der Formel 1 zu bleiben.

Beruhigt es Sie, dass es nicht gerade ein Überangebot für die freien Plätze in der Formel 1 gibt?

Palmer: Es macht die Sache einfacher. Aber ich will mich nicht darauf verlassen. Ich schaue nicht über meine Schulter. Es liegt an mir allein. Ich muss beweisen, dass ich ein Cockpit verdiene. Dafür muss ich auf mich aufmerksam machen. Wenn ich mein Bestes gebe, bin ich 2017 dabei.

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