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KERS-Kosten höher als geplant

Hybrid-Rückkehr spaltet die Formel 1

KERS Schild Foto: xpb 12 Bilder

KERS stellt den Formel 1-Frieden auf die Probe. Eigentlich sollte der Hybridantrieb für Kundenteams nicht mehr als eine Million Euro pro Jahr kosten. Mercedes rechnet aber die Entwicklungskosten dazu und verlangt deutlich mehr. Es droht eine Zweiklassengesellschaft.

08.09.2010 Michael Schmidt

In Sachen KERS waren sich die Formel 1-Teams in diesem Jahr einig. Alle verzichteten einmütig auf den Hybridantrieb, obwohl das Reglement einen Einsatz von KERS erlaubt hätte. Für 2011 ließen sich die Rennställe in ihrem Kostenreduzierungsplan folgende Regelung einfallen. KERS kommt nur zurück, wenn die Hersteller ein System für nicht mehr als eine Million Euro an ihre Kunden liefern können. Die Entwicklungskosten dürfen pro Hersteller fünf Millionen Euro nicht übersteigen.

Als man sich bereits mit einem weiteren Jahr ohne KERS anzufreunden begann, meldete sich fristgerecht am 31. März Ferrari. Der einst größte Kritiker von KERS stellte plötzlich eine Kundenversion für eine Million in Aussicht. Damit war das Thema wieder akut. Umso mehr, da der neue FIA-Präsident Jean Todt aus politischen Gründen auf ein Comeback des Hybridantriebes drängte. "Wir können damit nicht bis 2013 warten, bis die neue Motorenformel kommt", beschwor Todt die Teams.

KERS-Klausel im Reglement nicht präzise

Der Ruf nach Hybridtechnik könnte die Teams teuer zu stehen kommen. Die Vertragsklauseln im Kostenreduzierungsplan sind so vage gehalten, dass ein Hersteller seinen Kunden die Entwicklungskosten berechnen kann. Und es ist noch nicht einmal genau definiert, ob er diese Kosten auf seine Kundschaft aufteilen muss oder bei jedem die Gesamtsumme abkassieren darf.

Neben Ferrari fand plötzlich auch Renault wieder Gefallen an dem Leistungsschub aus der Elektrokonserve. Es macht sich nach außen gut, wenn man seinem Formel 1-Engagement ein grünes Deckmäntelchen überstreifen kann. Bei Ferrari gab es allerdings noch andere Beweggründe. Am Ende des Jahres muss der italienische Rennstall massiv Personal abbauen, weil ab 2011 nur noch 350 Mitarbeiter am Bau und Einsatz der Autos beteiligt sein dürfen. Die KERS-Entwicklung zählt nicht dazu. Eine gute Gelegenheit, Mitarbeiter in diese Abteilung zu verschieben.

McLaren gegen Anhebung der Zusatzpower

Außerdem erhoffte sich Ferrari einen Wettbewerbsvorteil. Man drängte die FIA dazu, die Leistungsabgabe von 400 auf 800 Kilojoule zu erhöhen oder wahlweise die Nutzungsdauer von 6,7 auf 13,4 Sekunden zu verdoppeln. Dazu aber hätten die anderen Hersteller zustimmen müssen. Mercedes stand der Rückkehr von KERS wegen der zu erwartenden Entwicklungskosten ohnehin reserviert gegenüber und hätte sich zu höchstens zu 600 Kilojoule überreden lassen. McLaren, obwohl nicht selbst Hersteller, roch den Braten und bestand auf der Beibehaltung von 400 Kilojoule.

Cosworth hätte das Thema am liebsten komplett verdrängt. Pläne für einen eigenen Hybridantrieb gibt es nicht. Dafür springt jetzt Williams mit einem selbst entwickelten Batterie-Hybrid-System in die Bresche. Cosworth baut seine Motoren so um, dass man in den Antriebsstrang einen Generator einbauen kann.

Mercedes-KERS kostet sechs Millionen Euro

So weit, so schlecht. Aber damit noch nicht genug: Wie auto motor und sport in seiner aktuellen Ausgabe (20/2010, ab dem 8.9. im Handel) berichtet, erhielten McLaren und Force India kürzlich von ihrem Lieferanten Mercedes die Nachricht, dass sich der Kauf der KERS-Technik empfindlich verteuern wird. Statt einer Million werden nun sechs Millionen Euro aufgerufen. Das ist schon für McLaren ein beträchtlicher Brocken, für Force India aber bei der derzeitigen Finanzlage unbezahlbar. Zum Vergleich: Für die komplette Motorenversorgung einer Saison überweist Force India "nur" neun Millionen Euro auf das Mercedes-Konto. Das Team sucht jetzt händeringend nach einem Sponsor, der die Mehrkosten trägt.

Wer 2011 gewinnen will, muss KERS an Bord haben. Auf 80 PS extra kann zumindest beim Start keiner verzichten. Und da das Mindestgewicht von 620 auf 640 Kilogramm angehoben und die Gewichtsverteilung auf 46:54 festgeschrieben wird, tut der Einbau der KERS-Elemente nicht mehr so weh wie noch in der Hybrid-Premierensaison 2009.

KERS ab 2011 unverzichtbar

Für KERS spricht noch ein anderer Punkt, der gerne übersehen wird. Wenn 2011 der verstellbare Heckflügel kommt, dann darf der nur bei einem genau definierten Abstand zum Vordermann aktiviert werden. "Wenn das Auto vor dir mit KERS fährt und du hast keines, kannst du nie so dicht aufschließen, dass du den Heckflügel flacher stellen darfst. Du hast also einen doppelten Top-Speed-Nachteil. Kein KERS, keinen verstellbaren Heckflügel", erklärt Williams-Technikchef Sam Michael.

Mercedes glaubt, das Gewicht für die Hybridbausteine von bislang 25 auf 21 Kilogramm drücken zu können. Auch bei Ferrari redet man von deutlich unter 25 Kilogramm. Das geht natürlich ins Geld. Deshalb will Mercedes sich die Kosten von seiner Klientel rückerstatten lassen.

Andere Hybridhersteller bleiben beim alten Preis

Den anderen Hybridherstellern Ferrari, Renault und Williams ist dagegen nicht ganz klar, warum McLaren und Force India jeweils den vollen Preis zahlen sollen. "Bedeutet das, dass Mercedes mehr als fünf Millionen in die Entwicklung von KERS gesteckt hat? Das wäre nicht erlaubt. Oder wollen sie so andere Finanzlöcher stopfen", grummelt es im Untergrund.

Ferrari und Renault bieten ihre Systeme weiter für eine Million an, doch wenn Mercedes bei seinem Preis bleibt, könnte die Front schnell bröckeln. Dann gäbe es in der Formel 1 wieder eine Zweiklassengesellschaft. Die mit und die ohne KERS. Sam Michael wundert sich über den Entwicklungsaufwand der Werke, selbst wenn es sich nur um die erlaubten fünf Millionen Euro handeln würde. "Wir haben für unser KERS eine halbe Million Pfund veranschlagt. Es wird nicht mehr als 25 Kilogramm wiegen."

Angst vor der Mercedes-KERS?

Das Jüngste Gerücht sagt, dass Ferrari-Boss Luca di Montezemolo die Lust an KERS schon wieder verloren hat. Das wird von Ferrari nicht bestätigt. Sollte es so sein, muss man sich fragen warum. Vielleicht hat man in Maranello Angst, dass Mercedes so viel Geld in die Verbesserung seines Systems gesteckt hat, dass sich der von Ferrari erhoffte technische Vorsprung in einen Nachteil verkehrt. Mercedes war schon 2009 der Marktführer in Sachen KERS.

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