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Kleine Teams gegen Kundenautos

"Muss Teams zu ihrem Glück zwingen"

Sauber - GP Spanien 2015 Foto: xpb 32 Bilder

Wenn es nach dem Willen von Bernie Ecclestone und den großen Teams geht, dann sollen Lotus, Sauber und Force India ihre Finanzprobleme durch den Einsatz von Kundenautos lösen. Die wollen das aber gar nicht. Sie hätten auch gar kein Geld dafür.

02.06.2015 Michael Schmidt

Lotus, Sauber und Force India steht das Wasser bis zum Hals. Wieder einmal. Jeden Monat müssen Löhne für 470, 330 respektive 370 Mitarbeiter bezahlt werden. Dazu kommen die Leasingraten an die Motorenhersteller, Reifengebühren, Produktionskosten für Upgrades, Windkanalmieten, Reisespesen und Transportkosten.

Lotus-Besitzer Gérard Lopez klagt: "Wir kommen mit unserem Budget aus. Die Zahlungsverpflichtungen sind nur ungleich über das Jahr verteilt. Deshalb gibt es in der ersten Saisonhälfte immer Probleme mit dem Cashflow. Ich muss in den ersten 5 Monaten 68 Prozent aller Rechnungen bezahlen." Sauber und Force India geht es ähnlich. Deshalb wird es eng.

Nach dem Börsengang die Sintflut

Bernie Ecclestone und die großen Teams haben die goldene Lösung dafür, wenn auch mit unterschiedlichen Vorstellungen. Die Hungerleider sollen die kompletten Autos kaufen. Ecclestone plädiert für einen Hersteller. Mercedes, Ferrari, Red Bull und McLaren wollen lieber 4 Autos bauen und 2 davon abgeben.

Hinter der Kampagne steckt auch, dass CVC die restlichen Investoren am Formel 1-Geschäft in den nächsten zwei Jahren ausbezahlen muss. Die wollen endlich Rendite sehen. Am liebsten über einen Börsengang. Was aber mit all den schlechten Nachrichten, die die Formel 1 derzeit produziert, nicht möglich ist. Deshalb suchen die Drahtzieher krampfhaft nach einer guten Message. Die da hieße: Wir haben 5 starke Konstrukteure und 5 gesunde Kunden.

Das würde die Abnehmer vom Konstrukteur auf ewig zum Kunden degradieren. "Wir würden unsere Unabhängigkeit verlieren. Die schreiben uns dann die Fahrer vor und sagen uns, wem wir unsere Stimme geben sollen. Das wollen wir nicht", winkt Force India-Teamchef Bob Fernley ab.

Dass dieses Kartenhaus schnell in sich zusammenbrechen könnte, weil der Sport von immer weniger Konstrukteuren abhängig wäre, interessiert bei CVC und Co niemand. Sie würden sich nach einem Börsengang schnell aus dem Staub machen.

Wer soll Kundenautos bezahlen?

Lotus-Chef Gérard Lopez kann sich über die Naivität der Kundenauto-Verfechter nur wundern: "Wie soll ich denn die Autos bezahlen, wenn ich schon Probleme habe, die Motorenrechnung zu begleichen? Da kommen ja noch mal 30 oder 40 Millionen oben drauf. Keiner von uns hat so viel Geld in der Tasche."

Die großen Teams stellen sich das so vor: Sie zweigen den Anteil des Kunden aus Ecclestones Einnahmetopf direkt in die eigene Tasche ab. Die Einsatzkosten müssten die Kunden über Sponsoren oder Bezahlfahrer finanzieren. Kopfschütteln allenthalben. "Das funktioniert nie", heißt es bei Sauber.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff sieht es pragmatisch aus der Sicht des Geschäftsmannes. "Kundenautos sind nur eine Notlösung. Aber sie sind eine Lösung, wenn uns Teams zusammenbrechen. Ich verstehe den Widerstand, aber manchmal müssen die Leute zu ihrem Glück gezwungen werden."

Von einer Zweiklassengesellschaft per Gesetz hält Wolff auch nichts: "Natürlich macht es keinen Sinn, unterschiedliche Regeln für Konstrukteure und Kunden aufzustellen oder zwei Meisterschaften auszutragen. Das würde die Leute nur noch mehr verwirren. Die Kunden sollen ohne Einschränkungen nach den gleichen Regeln fahren."

Große Sorge um die Formel 1

Urgestein Pat Symonds kennt die Formel 1 von allen Seiten. Er war bei Top-Teams (Renault, Benetton), bei Hinterbänklern (Marussia) und beim gesunden Mittelstand (Williams) unter Vertrag. Sein Urteil hat Gewicht, und es sieht nicht rosig aus. "Ich habe mir noch nie so große Sorgen um die Formel 1 gemacht wie jetzt."

"Kundenautos sind ein Weg, der den Sport ins Grab führen kann. Wo liegt der Anreiz für ein Team, bei einem anderen ein Auto einzukaufen, womöglich noch eines mit veralteter Technik? Die verbleibenden Konstrukteure würden immer mehr Geld ausgeben, um sich zu bekämpfen. Und die Verlierer würden nach und nach aussteigen. Es gibt aber keinen Ersatz mehr für sie. So bewegen wir uns irgendwann auf eine Einheits-Formel zu."

Lopez bringt es auf den Punkt: "Der Sport muss leiden, weil die großen Teams nicht sparen wollen. Wir haben einen detaillierten Vorschlag eingebracht, wie man für 90 Millionen Euro, mit 280 Angestellten, einer limitierten Anzahl an Upgrades und Motoren für 10 Millionen Euro guten Sport bieten kann. Das wollten die großen Teams nicht einmal hören. Sie haben auch versucht, die Präsentation der Studie von McKinsey abzuwürgen, die im Auftrag der FIA Sparpotenziale ausgearbeitet hat."

Symonds weiß, wovor die großen Teams Angst haben. "Wenn alle Formel 1-Teams ab morgen mit 120 Millionen Pfund im Jahr auskommen müssten, würde Williams Weltmeister werden. Weil wir es gewohnt sind, mit dieser Summe effizient zu wirtschaften. Die großen Teams müssten das erst einmal wieder lernen. Und davor haben sie Angst."

Privatteams sind das Skelett der Formel 1

Bob Fernley legt nach: "Ich finde es schäbig, wie mit den Privatteams umgegangen wird. Alle sollten sich mal erinnern, wer die Formel 1 gerettet hat, als vor sechs Jahren die Hersteller scharenweise ausgestiegen sind. Honda wurde von Brawn GP übernommen. BMW von Sauber. Renault von Lotus. In allen Fällen mit hohen finanziellen Risiken. Die Privatteams sind das Skelett der Formel 1. Jetzt kommen Leute daher, die damals nichts dazu beigetragen haben, und wollen uns erklären, was wir zu tun haben."

Fernley regt sich über die Kurzsichtigkeit der Drahtzieher auf. "Ist den Leuten nicht klar, was Kundenautos bedeuten? Einmal Kunde, immer Kunde. Wir müssten unsere Ingenieure entlassen, unsere Maschinen verkaufen, unsere Expertise aufgeben. Das kriegst du nie mehr zurück."

Bestes Beispiel ist Sauber. Der Schweizer Rennstall gab seine Getriebekonstruktion auf, weil BMW partout eigene Getriebe in München bauen wollte. Seitdem ist Sauber gezwungen, die Kraftübertragung extern einzukaufen. "Wir haben gar nicht mehr das Knowhow dafür", bedauert Teammanager Beat Zehnder und ergänzt: "So würde es in allen anderen Bereichen auch gehen."

Fernley resümiert: "Man kann uns nicht zwingen, einfach nur hinterherzufahren wie Manor, nur weil die großen Teams von ihrem hohen Ross nicht runterkommen wollen. Force India hatte immer den Anspruch, ein wettbewerbsfähiges Auto zu bauen und die besten Fahrer in dieses Auto zu setzen, die wir kriegen konnten. Als Kunde wären wir nur noch die Marionette eines Herstellers."

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