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Königsklasse in der Krise

Geht die Formel 1 vor die Hunde?

Giedo van der Garde - Formel 1 - GP Spanien 2013 Foto: Dani Reinhard 41 Bilder

Teams in Finanznot. Teure Turbomotoren. Streit um Reifen. Ungerechte Geldverteilung. Kein Concorde Abkommen. Bernie Ecclestone unter Anklage. Rechteinhaber, die den Sport aussaugen. Dazu ein Weltverband, der tatenlos zusieht. Es gibt so viele Baustellen, dass die Formel 1 daran zerbrechen könnte.

16.05.2013 Michael Schmidt

Die Probleme sind hausgemacht. Einige im Fahrerlager haben sie schon seit Jahren wie einen Tsunami auf die Formel 1 zurollen sehen. Und davor gewarnt. Die Teams, Bernie Ecclestone, die FIA und die ewigen Optimisten im Zirkus wollten nichts davon wissen. Sie haben stattdessen ihre eigene kleine Zirkuswelt viel zu lange schön geredet.

Doch das Klima zwischen den Motorhomes von Red Bull und Marussia schlägt um. In eine Art Endzeitstimmung. Erst jetzt beginnen einige zu realisieren, dass die unheilvolle Welle immer näherkommt, und keiner mehr in der Lage ist, sie aufzuhalten. Sie könnte noch vor Ende des Jahres auf Land treffen. Dann wenn die ersten Motorenrechnungen bezahlt werden müssen.

Formel 1 kurz vor dem großen Knall

Wie so oft bei verschleppten Krisen kommt alles auf einmal. Die Formel 1 muss auf so vielen Baustellen aufräumen, dass sie nur noch ein Kahlschlag retten kann. Nur vier der elf Teams sind gesund. Das ist ein Fakt. Der Preis, um einigermaßen konkurrenzfähig zu überleben, liegt bei 100 Millionen Euro. Wer einfach nur mitfahren will wie Caterham oder Marussia, muss 70 Millionen investieren. Dafür aber finden sich auf dem Markt keine Sponsoren mehr.

Das Geld aus der Kasse von Bernie Ecclestone reicht nicht aus, diesen Etat zu decken. Weil der Auszahlungsmodus die Reichen reicher macht und Armen arm lässt. Ferrari und Red Bull bekommen aus Ecclestones Kasse weit über 100 Millionen. Statt die Einkünfte zum Großteil in gleichen Portionen an alle elf Teams zu verteilen, wird die Position in der Konstrukteurswertung auf der Rennstrecke überbewertet. So kann ein kleines Team nie nach oben kommen. Das sagt schon die Logik.

F1-Motoren viel zu teuer

In dieser angespannten Lage kommt 2014 eine neue Motorenformel, die viel zu teuer ist. Schon jetzt werden utopische Preise von bis zu 23 Millionen Euro pro Jahr aufgerufen, um die Entwicklungskosten der Hersteller zu decken. Wenn sich im Betrieb der hochkomplizierten Triebwerke Probleme einstellen, sei es von der Haltbarkeit oder der Power oder dem Spritverbrauch, wird es noch teurer. Dann muss nachgebessert werden. Wer soll das bezahlen?

Ein kaum durchschaubarer Entwicklungs-Stufenplan mit einem Punktesystem sagt den Herstellern, was sie ändern dürfen und was nicht. Die Liste der Eingriffe wird von Jahr zu Jahr kleiner. Damit wird es für neue Hersteller von Jahr zu Jahr unattraktiver, in die Formel 1 einzusteigen. Wer in drei Jahren mit einem neuen Motor in die Formel 1 kommt, kann auf Kinderkrankheiten fast nicht mehr reagieren.

FIA hört nur auf Ingenieure

Den Grundfehler hat die FIA bei der Verabschiedung des Reglements gemacht. Sie hat auf Ingenieure statt auf Buchhalter gehört. Es wäre einfach gewesen, die maximalen Entwicklungskosten auf 20 Millionen Euro pro Hersteller festzulegen. Dann wären die Motoren einfach etwas simpler ausgefallen. Auf der Tribüne merkt das keiner. Dass man damit ordentliche V6-Turbos bauen kann, zeigt die IndyCar-Serie. Der Bau des Chevy V6 hat Mario Illien 15 Millionen Euro gekostet. Mercedes, Renault und Ferrari liegen bereits jenseits der 100 Millionen-Marke.

Die FIA geht mit immer stärkeren Reglementierungen im Detail den falschen Weg. Viel besser wäre es eine Budgetobergrenze auszurufen und im Rahmen dieser alle Freiheiten zu gewähren. Das würde den Sport auch technisch wieder aufwerten. Weil man zwar mit geringerer Taktzahl entwickelt, aber mit größeren Paketen. Weil dann die Erfahrung und der Einfallsreichtum der Ingenieure wieder eine größere Rolle spielt als der Windkanal und Simulator.

Problematisches Mitspracherecht der Teams

Die Teams streiten seit Saisonbeginn um die Reifen. Red Bull und Mercedes sehen sich als Opfer. Ferrari und Lotus sind happy. Die Fahrer schmollen, weil sie nicht mehr volles Rohr fahren dürfen. Mal abwarten, was sie nächstes Jahr mit den Turbomotoren sagen werden, die für eine Renndistanz nur 135 Liter Sprit verbrennen dürfen. Dann werden sie erst einmal merken, was Langsamfahren wirklich heißt.

Pirelli hat auf Druck von außen reagiert. Sie werden sich spätestens ab dem GP Kanada die Klagen derer anhören müssen, die glauben, benachteiligt worden zu sein. Dieses Hickhack macht nicht den Eindruck eines professionellen Sports. Wo gibt es denn so etwas, dass die Teilnehmer bei den Rahmenbedingungen der Regeln mitreden dürfen? Das wäre ungefähr so, als würden Bayern München und Borussia Dortmund breitere Tore beantragen.

Das neue Concorde Abkommen sieht vor, dass eine Strategiegruppe bei den Regeln mitbestimmt. Da führen Red Bull, Ferrari, Mercedes, McLaren, Williams und derzeit noch Lotus das große Wort. Die kleinen Teams werden erst gar nicht gefragt. Das ganze System ist grundfalsch. Die Teams sollen Vorschläge machen dürfen, aber zu entscheiden hat die Sporthoheit. Die Formel 1 ist nicht durch Demokratie zu einem Premiumsport geworden, sondern durch eine Diktatur.

FIA meidet unpopuläre Entscheidungen

FIA-Präsident Jean Todt rühmt sich der Architekt der Harmonie in der Formel 1 zu sein. In seiner Zeit habe es noch keine großen Kontroversen gegeben. Stimmt. Doch das bringt den Sport nicht weiter. Gerade jetzt braucht es einen Präsidenten, der die Zügel in die Hand nimmt und notfalls auch unpopuläre Entscheidungen trifft um den angeschlagenen Dampfer wieder auf Kurs zu bringen.

Der aktuell rechtsfreie Raum ohne Concorde Abkommen wäre die ideale Gelegenheit dazu. Todt dürfte dieses Abkommen eigentlich nie unterschreiben. Weil es den Teams zu viel Mitspracherecht lässt, vor allem jenen, die nicht das Wohl des Sports sondern nur die eigenen Interessen im Auge haben. Offenbar sind dem Verband andere Dinge wichtiger. Bernie Ecclestone ködert die FIA damit, dass sie am Ende mehr Geld aus dem System ziehen darf. 40 Millionen Euro pro Jahr.

Ecclestone nur ein Angestellter von CVC

Der Formel 1-Boss steht seit dem 15. Mai unter Anklage wegen Bestechung und Beihilfe zur Untreue. Zum dümmsten Moment könnte man sagen. Egal was dabei herauskommt, Ecclestone wird angeschlagen aus der Nummer herausgehen. Weil jetzt die Heckenschützen Oberwasser bekommen oder all die anderen Traumtänzer in dem Zirkus, die glauben, sie könnten den Job ebenso gut machen wie der kleine Mann vom Princes Gate.

Gut so, werden Ecclestone-Gegner sagen. Er hat uns die Suppe erst eingebrockt. Das stimmt und stimmt nicht. Er hat einen entscheidenden Fehler gemacht, indem er 1999 begann die Formel 1 zu verkaufen. Das fällt uns heute auf den Kopf.

Die ersten Besitzer, zwei Banken, waren gar nicht so schlimm. Aber die haben weiterverkauft, und die neuen Käufer auch, und irgendwann sind wir bei dem Konstrukt gelandet, das dem Sport Fesseln anlegt, die er nicht mehr abstreifen kann. Ecclestone ist in dem ganzen Spiel nur noch ein Angestellter mit gewissen Freiräumen, doch am Ende muss er das tun, was CVC von ihm erwartet. Nämlich Kohle einspielen.

Geld um jeden Preis

Genau hier beginnt das Problem. Für einen Finanzvestor hat CVC die Formel 1 erstaunlich lange gehalten. Weil sie ein guter Bürge war. Man hat zwei Mal eine milliardenschwere Anleihe mit den Formel 1-Erlösen als Sicherheit aufgenommen, um mit diesem Geld anderswo noch mehr Geld zu verdienen. Zuletzt im März 2012 die Summe von 2,92 Milliarden Dollar. Dieses Geld muss bis 2017 wieder eingespielt werden. Auf Teufel komm raus.

Wenn der Grand Prix von Turkmenistan mehr Geld einspielt als der GP Deutschland, wird in Zukunft in Turkmenistan gefahren. Egal, ob dort Zuschauer kommen oder nicht. CVC will aber nicht mehr bis 2017 warten, weil man gemerkt hat, dass alle Kurven in diesem Geschäft nach unten zeigen. Deshalb haben die CVC-Manager im letzten Jahr damit begonnen, Teile des Geschäfts zu veräußern. Zum Beispiel an Waddell & Reed (20,9 %) oder den Finanzinvestor BlackRock (2,9 %).

CVC selbst gehören nur noch 35,1 Prozent vom Kuchen. Mit dem Verkauf der Anteile ging das Versprechen einher, die Formel 1 an die Börse zu bringen. Das erhöht derzeit den Druck bis zur Zerreißprobe. CVC braucht dafür ein Concorde Abkommen mit den Garantien der elf Teams bis 2020 und man ist gezwungen, die Kuh zu melken, bis sie keine Milch mehr gibt. Bernies Problem mit der Deutschen Justiz macht die Situation nicht einfacher.

Börsengang verschärft die Probleme

Ein Börsengang würde die Probleme der Formel 1 nicht lösen, sondern weiter verschärfen. Weil man sich noch abhängiger von äußeren Einflüssen macht. Der frühere FIA-Präsident Max Mosley hat einmal durchblicken lassen, dass die FIA den 100-jährigen Vertrag über die Vermarktung der Formel 1 Anfang 2012 unter bestimmten Umständen hätte einkassieren können. Die Chance wurde vertan.

Genauso wie es die kleinen Teams versäumt haben, ein Gegengewicht zu den großen aufzubauen. Selbst wenn sich nur fünf Teams zusammengerauft hätten, wären Ferrari, Red Bull und Co. unter Druck geraten. Sie können nicht gegen sich selbst fahren. Die Kundenauto-Idee, die Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo seit Jahren träumt, wird Schiffbruch erleiden, weil es auch dann Sieger und Verlierer gibt, und keiner in einen Verlierer investieren will.

Außerdem bekämen die verbleibenden Teams noch mehr Kontrolle. Was dabei herauskommt, sieht man schon heute. Die Teams werfen Ecclestone vor, die Formel 1 schlecht zu vermarkten, haben aber selbst ein katastrophales Marketing. Gäbe es nicht die Reifenproblematik oder Ausreißer wie Stallregie, würde keine kontroverse Geschichte das Fahrerlager verlassen.

Von der politischen Korrektheit der Beteiligten könnte sogar mancher Politiker etwas lernen. Der Zirkus produziert keine Schlagzeilen mehr. Normalerweise hat die Formel 1 spätestens ab Mittwoch Pause in den Medien. Deshalb muss man Pirelli ja fast dankbar sein.

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