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Konfusion um Motorprogramme

Rosberg nicht schlauer als Hamilton

Lewis Hamilton - GP Aserbaidschan 2016 Foto: Wilhelm 59 Bilder

Ein falsch kalibriertes Motorprogramm hielt die Mercedes-Fahrer in Atem. Während Nico Rosberg das Problem innerhalb einer halben Runde löste, brauchte Lewis Hamilton das halbe Rennen dafür. Doch das war nicht seine Schuld. Die Umstände sprachen gegen ihn.

20.06.2016 Michael Schmidt 3 Kommentare

Mercedes war so überlegen wie nie. Und doch blieb den Silberpfeilen ein Doppelsieg versagt. Weil Lewis Hamilton der Speed fehlte, um vom 10. Startplatz auf Rang 2 zu fahren. Und das hatte zwei Gründe. Hamilton fehlte weiter das Vertrauen in seine Bremsen. Und er kämpfte eine halbe Ewigkeit mit einem fehlerhaft kalibrierten Motorprogramm.

Bei einem normalen Rennverlauf wäre Hamilton zu 88 Prozent Zweiter geworden, selbst wenn er aus der Boxengasse gestartet wäre. Das hatten die Simulationsprogramme berechnet. Auf der Basis, dass die Mercedes in der Theorie der Konkurrenz pro Runde um 1,6 Sekunden davonfahren konnten. Wenn sie gefordert worden wären.

Hamilton war gefordert. Er musste Plätze gutmachen. Doch schon ab der vierten Runde ahnte der Weltmeister, dass die Mission Schadensbegrenzung schwer werden würde. Er spürte auf der Gegengerade zwischen den Kurven 2 und 3 einen Leistungsverlust. Der Antrieb ging in den De-Rating Betrieb, ohne dass es so vorgesehen war. Die MGU-K lieferte ab der Hälfte der Geraden keine Leistung mehr. Dadurch gingen 163 PS verloren. Die Batterie wird geladen, statt Elektro-Power abzurufen. Entweder indem die MGU-K beim Beschleunigen gegen den Verbrennungsmotor ankämpft oder dass die MGU-H den Ladedruck runterregelt, um mehr Energie zu speichern.

Rennmodus war falsch kalibriert

Hamilton gab an, dass er dadurch eine Sekunde pro Runde verloren habe. Teamchef Toto Wolff sprach von 2 Zehnteln. Er stützte sich auf die Kalkulationen der Ingenieure. Die betrachteten rein die technischen Auswirkungen. Den Rest der Zeit büßte Hamilton ein, weil er verzweifelt versuchte, das Problem zu lösen. „Ich habe das halbe Rennen nur auf mein Display geschaut.“ Der Champion war auf sich allein gestellt, weil die Regeln seit diesem Jahr verbieten, dass der Fahrer ferngesteuert wird.

Der Mercedes-Kommandostand durfte Hamilton noch nicht einmal sagen, dass es ein Problem gibt. „Das dürfen wir nur, wenn Gefahr besteht, dass daraus ein Defekt entsteht, der zu einem Ausfall führt“, erklärt ein Ingenieur. Doch das war bei Hamilton zunächst nicht der Fall. Der Disput zwischen Fahrer und Boxenmauer begann erst, als Hamilton seine Ingenieure auf den Notstand aufmerksam machte. In der 27. Runde lief Nico Rosberg in die gleiche Falle. Er brauchte nur eine halbe Runde, um wieder auf den rechten Weg zu finden.

Doch was war überhaupt passiert? Nach den Longruns am Freitag hatten die Mercedes-Ingenieure einige der 14 Motoreinstellungen optimiert. Unter anderem den Rennmodus. Es ging darum, wie der Elektromotor speichert und Leistung abgibt. „Wir konnten das Problem erst sehen, als wir den Modus im Rennen benutzt haben. Die Fahrer haben die Probleme bemerkt, aber wir durften ihnen nicht sagen, wie sie zu lösen sind. Es ist unser Fehler. Wir haben die Kennfelder falsch kalibriert“, gaben sich die Ingenieure selbst die Schuld.

Die Software machte nicht, was sie sollte. „Selbst wir haben ein paar Runden gebraucht, um zu kapieren, was da los war und wie wir das Problem aus der Welt schaffen konnten“, gab Chefingenieur Andrew Shovlin zu. Wie sollte es dann der Fahrer bei Tempo 350 können? „Lewis steckte noch mitten im Kampf. Er hatte viel mehr Druck, die richtigen Schalter zu finden als Nico“, vereinfachte Niki Lauda das Problem.

FIA erlaubt einen Hinweis an Rosberg

Tatsächlich war es noch komplizierter. Hamilton schaltete gleich nach dem Start in das fehlerhafte Programm. Es sollte dem Fahrer mehr Elektropower bereitstellen. Der Weltmeister brauchte sie, um sich nach vorne zu kämpfen. Rosberg lag komfortabel an der Spitze und war deshalb in einem anderen Modus unterwegs.

Hamilton versuchte ohne entsprechende Hintergrundinformation das Problem selbst aus der Welt zu schaffen. Hinterher stellte sich heraus, dass er nur zwei Schalter verstellen hätte müssen. Stattdessen drehte er nach dem Zufallsprinzip an allen möglichen Knöpfen. So kam er immer tiefer in den Wald. Und in eine Situation, die für die Antriebseinheit gefährlich werden konnte.

Erst da durfte sich Renningenieur Pete Bonnington einschalten. Als Hamilton genervt drohte: „Dann probiere ich einfach alle Einstellungen durch“, bekam er zu Antwort: „Das rate ich dir auf keinen Fall. Es könnte das Ende deines Rennens bedeuten.“

Danach kam vom Team die Anweisung: „Beherrsche dich und konzentriere dich auf deinen Job. Lass alles so wie es ist.“ Hamilton geriet eher zufällig auf den richtigen Weg. „Er änderte etwas, das er vorher nicht getan hatte und merkte schnell, dass es wieder passte.“ Rosberg hatte es einfacher. Als er später den fehlerhaften Modus anwählte, durften ihn die Ingenieure warnen. „Die FIA hatte uns zu diesem Zeitpunkt erlaubt, ihn mit einem Satz davon zu unterrichten, dass etwas faul ist. Es war deshalb einfach für Nico daraus zu schließen, dass er wieder in den alten Modus zurückkehren soll.“

Nach den vielen Diskussionen um die etwas legere Vorbereitung von Hamilton, war es Toto Wolff und den Technikern wichtig zu erklären, dass der eine Fahrer nicht schlauer als der andere ist. „Es wäre unfair beide Fahrer zu vergleichen. Nico hat einen guten Job gemacht, aber er bekam die Information, die ihm half, sehr schnell. Lewis nicht.“

Hamilton stolpert über Setup-Änderung am Samstag

Auch als der Mercedes-Motor wieder nach Plan lief, konnte der Weltmeister nicht so durch das Feld marschieren, wie er wollte. Die Strategen glauben, dass Hamiltons Renntempo für Kimi Räikkönen gereicht hätte, nicht aber für Sergio Perez und Sebastian Vettel. „Perez war sehr schnell. Bis Lewis durch den Verkehr kam, hatte er schon seine Reifen zu stark abgenutzt. Ein Undercut war nicht möglich, weil er nicht nahe genug an Perez rankam. Maximal auf 1,1 Sekunden. Doch dann zog Perez wieder weg.“

Das Problem lag laut Wolff in einem hektischen Freitagstraining. Die Ingenieure drücken es kryptisch aus: „Wir haben am Freitag unser Programm nicht optimal durchgezogen und ihm keine gute Ausgangsbasis gegeben, mit der er arbeiten konnte. Lewis ist in das Rennen mit einigen Unbekannten mehr gegangen, als es normalerweise der Fall ist.“

Zwischen Freitag und Samstag wurde die Abstimmung der Autos den veränderten Bedingungen angepasst. Die Temperaturen stiegen an, die Strecke bekam mehr Grip, und Pirelli senkte den Luftdruck der Hinterreifen um ein PSI. Hamilton stellte überrascht fest, dass sich sein Rennauto verwandelt hatte. „Ich konnte nicht mehr an den Stellen bremsen, wo es am Vortag noch möglich war.“

Was keine Erklärung für seine unglaubliche Fehlerserie in der Qualifikation ist, mit der er den Grundstein dafür legte, dass er am Ende nur Fünfter wurde. „Lewis war auch noch am Samstag unglaublich schnell. Wenn er keine Fehler machte. Er hat aber die letzte Millisekunde gesucht, und es dabei übertrieben.“

Neuester Kommentar

Wer es am besten auf den Punkt gebracht hatte, war Alonso.
Man macht Regeln, einverstanden mit den 3 respektiv 4 sogenannten Spitzenteam von dennen jedes meint noch Gescheiter als der andere zu Sein, die das ganze so Komplex machen das es dem Fahrer einfach nicht möglich ist dies zu Beherschen (auch Nico nicht vielleicht nochmals durchlesen). Es gäbe schon Lösungen durch zusätzliche Möglichkeiten am Kommandopult, sprich Lenkrad was vor allem ein sehr grosser Programmieraufwand wäre, was sich wahrscheinlich nicht alle Leisten können. Ob es aber dem Fahrer möglich ist während der Fahrt die entsprechenden Anleitung zu suchen und studieren würde ich stark bezweifeln.
Es gibt aber noch ein bedeutend wichtigeren Grund warum das nicht möglich ist, die Regeln erlauben dies genau so wenig wie eine Message auf den Anzeigetafel an den Boxen.

bschenker 22. Juni 2016, 01:08 Uhr
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