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Kritik an Pirelli-Maßnahmen

"Eine Fahrt ins Ungewisse"

Pirelli - GP Italien - Monza - Donnerstag - 3.9.2015 Foto: ams 80 Bilder

Die Sicherheitsmaßnahmen von Pirelli für den GP Italien 2015 treffen in Kreisen der Fahrzeugingenieure auf Kritik. Viele glauben, dass die hohen Startdrücke neue Risiken heraufbeschwören könnten. Ganz einfach, weil es null Erfahrungswerte mit so hohen Reifendrücken gibt.

03.09.2015 Michael Schmidt

Pirelli hat die Ursache für Sebastian Vettels Reifenplatzer von Spa eingekreist. Ein Schnitt im Reifen soll die Schwachstelle gewesen sein. Man habe insgesamt 63 solcher Beschädigungen festgestellt. Ferrari und Vettel gaben sich mit der Erklärung zufrieden. In einer Pressemitteilung der FIA heißt es, dass Pirelli in keinem der untersuchten Reifen von Spa Anzeichen von Materialermüdung fand. In keinem der Reifen, die hinterher auf einem speziellen Prüfstand den Belastungen von Spa ausgesetzt wurden, zeigte sich eine Ablösung des Unterbaus der Reifen.

In einem anderen Fall hat Pirelli einen Schnitt in der Oberfläche entdeckt, der bis auf den Mantel durchgedrungen sei, ohne dass es zu einem Reifenplatzer führte. Da im Fall von Vettel die Lauffläche nur noch 30 Prozent des üblichen Umfangs betrug, könnte ein Fremdkörper dort nach Meinung von Pirelli-Experten aber größeren Schaden angerichtet haben.

Trotzdem hat der italienische Reifenhersteller die Vorgaben für seine Reifen beim GP Italien drastisch verschärft. Der Startdruck vorne sollte auf 23 PSI, der hinten auf 22 PSI steigen. Das wären fünf, respektive vier PSI mehr als im Vorjahr gewesen. Und auch als die Grenzwerte auf anderen Strecken. Normal sind 18 PSI. Nach Protesten aus den Reihen der Teams nahm Pirelli die Reifendrücke um jeweils ein PSI zurück. Also 22 PSI vorne und 21 PSI hinten.

Hohe Startdrücke fördern Blasenbildung

Die Fahrzeugingenieure schlagen trotzdem noch die Hände über dem Kopf zusammen. Sie müssen ihre Autos nun komplett neu abstimmen. Die um jeweils ein halbes Grad reduzierten Radsturz von 3,0 Grad vorne und 2,0 Grad hinten könnte zu Untersteuern führen. Doch das können die Ingenieure relativ leicht über das Setup wegtrimmen.

Bei den Startdrücken erwartet sie eine "Fahrt ins Ungewisse". Lewis Hamilton wurde noch deutlicher: "Höhere Drücke sind der falsche Weg. Meinetwegen zwei PSI, aber nicht so viel. Der Verschleiß wird steigen, der Grip sinken. Die Reifen sind für diese Art Drücke nicht gebaut. Das könnte sich zu einem Desaster entwickeln."

Ein Ingenieur kritisiert: "Wenn die Ursache für Vettels Reifenplatzer ein Schnitt war, dann sind höhere Startdrücke nicht die richtige Antwort. Keiner von uns hat Erfahrung damit, was bei solchen Drücken passiert. Das höchste, was wir im Fahrbetrieb einmal gesehen haben, waren 21 PSI." Ein Startdruck von 22 PSI bedeutet, dass der Druck im Fahrbetrieb auf ungefähr 24 PSI steigen wird. Der Reifen rollt dann nur noch auf einem schmalen Streifen, links von der Reifenmitte. "Das wird zu einer einseitigen Belastung und wegen Überhitzung zu Blasenbildung führen", prophezeien die Ingenieure. Damit könnte aus dem klassischen Einstopprennen in Monza in Zweistopper werden.

Vielleicht will Pirelli genau das. Auch in Bezug auf die Fahrzeugabstimmung gibt es viele Unbekannte. Die Bodenfreiheit wird wegen des größeren Reifenumfangs um 1,5 Millimeter steigen. Die steiferen Reifen verlangen andere Dämpfer- und Stabilisatoreinstellungen. "Das Auto wird sich steifer anfühlen. Wenn du am Auto gegensteuerst, um etwas zu ändern, weißt du nicht mehr: Kommt es vom Reifen oder von der Setup-Änderung", fürchtet Jenson Button. Mercedes-Ingenieure glauben, dass es wegen der hohen Reifendrücke im Rennen zu starken Balanceverschiebungen kommen wird. "Die Hinterreifen werden eher überhitzen. Wenn der volle Druck nach fünf, sechs Runden aufgebaut ist, wird das Auto ins Übersteuern fallen."

Die Reifentechniker der Teams fürchten, dass Pirelli mit dieser drastischen Aktion mehr Unheil anrichtet als Gutes tut. Vor allem wenn es am Freitag wie vorhergesagt regnet. "Wenn wir ohne Erkenntnisse über das Verhalten der Reifen bei so hohen Drücken unter Dauerbelastung in das Samstagstraining gehen, dann könnte es im Rennen ungemütlich werden. Weil keiner vorhersagen kann, wie die Reifen darauf reagieren."

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