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Lewis Hamilton

Der Champion im Porträt

Foto: Wolfgang Wilhelm 32 Bilder

Lewis Hamilton wird wegen seiner aggressiven Fahrweise oft als eigensinnig und rücksichtslos abgestempelt. Doch neben der Strecke ist der knallharte Racer ein ganz normaler Formel 1-Weltmeister.

28.11.2008 Michael Schmidt

So unsicher ist noch nie ein Weltmeister über die Ziellinie gefahren. Als für Lewis Hamilton der GP Brasilien zu Ende war, fragte er seinen Renningenieur Phil Prew am Funk: "Hab ich’s, hab ich’s?" Er hatte es, und wenig später brach über den neuen Champion das Chaos herein. Er fiel jedem um den Hals, der ihm über den Weg lief. In der McLaren-Garage drückte man Lewis ein Handy in die Hand mit dem direkten Draht in die Fabrik in Woking.

Als er den Jubel 10.000 Kilometer entfernt hörte, musste der erste McLaren-Weltmeister seit Mika Häkkinen tief durchatmen. "Es war das härteste Rennen meines Lebens, ich dachte, mein Herz explodiert." Eine Stunde nach dem Rennen die Überraschung: Sein letztjähriger Teammate Alonso gratulierte: "Du hast den Titel verdient." Der zweite Schuss saß. Hamilton holte nach, was er 2007 in letzter Minute verloren hat, nur weil für 32 Sekunden die Getriebesoftware verrückt gespielt hatte. 

Vergleich mit den ganz Großen

Der Hype um "Super Lew" ist nur mit dem um Nigel Mansell zu dessen besten Zeiten zu vergleichen. Lewis Hamilton ist ein Vollblutrennfahrer. Er kämpft wie Mansell. Zaubert auf Bestellung eine schnelle Runde aus dem Ärmel wie Ayrton Senna. Agiert im Zweikampf so kompromisslos wie Michael Schumacher. Fährt mit einer Präzision wie Alain Prost. Geht im Regen über Wasser wie noch kein anderer vor ihm.

Der McLaren-Pilot ist in 35 Rennen nicht ein einziges Mal mit einem Defekt stehen geblieben. Wenn er ausfällt, dann durch einen Unfall. In einem unterscheidet sich Hamilton von den Superstars, mit denen er bereits verglichen wird. Er ist kein Perfektionist, kein kühler Rechner. Dafür erlaubt er sich zu viele einfache Fehler. Ein Vorurteil legte er in Interlagos ab. Er kann doch auf Ergebnis fahren. "Ich habe nur getan, was ich tun musste."

Zwei verschiedene Seiten

Eigentlich funktioniert er anders. Hat er ein anderes Auto vor der Nase, bricht der Renn-Instinkt in ihm durch. Das erklärt die Blackouts von Bahrain, Montreal, Magny-Cours, Spa und Fuji. Hamilton polarisiert. Die einen verehren ihn, die anderen mögen ihn nicht. Eine der Stärken des ersten dunkelhäutigen Weltmeisters der Motorsportgeschichte ist, dass er abschalten kann. Der "schwarze Blitz", wie ihn die "Bild"-Zeitung einmal getauft hatte, lebt am Genfer See "ein ganz normales Leben". Ein Leben mit Sport, mit Modellflugzeugen, mit Schlagzeug oder Gitarre.

Und immer geht es um alles oder nichts. Kürzlich fuhr er gegen seinen Bruder Nicolas, Teamkollege Heikki Kovalainen und Testfahrer Pedro de la Rosa ein Vier-Stunden-Rennen mit ferngesteuerten Buggys. Wenn er an seiner E-Gitarre zupft, sieht er ein bisschen aus wie Jimi Hendrix, auch wenn er mit dem Rockidol der späten Sechziger nichts gemein hat. Hamiltons Leben ist von A bis Z durchorganisiert, wilde Ausschweifungen kommen nicht vor. 

Niederlagen sind Motivation

Abhaken, ignorieren, schönreden: Lewis Hamilton hat seinen eigenen Verdrängungsmechanismus kultiviert. Er verscheucht negative Gedanken. Beispiel Fuji, als er sich beim Start auf ein unnützes Bremsduell mit Kimi Räikkönen eingelassen hatte: "Ich vergesse einfach, was dort passiert ist." Niederlagen sind Motivationsprogramm. Hamiltons Antwort: "Sie machen aus mir einen besseren Rennfahrer." Zur Einstimmung auf den Showdown dieser Saison blickte er ein Jahr zurück: "2007 war ich im Finale der WM unheimlich nervös. Ich musste dauernd daran denken, dass ich ganz kurz vor dem Ziel stehe. In diesem Jahr bin ich viel konzentrierter in die letzten Rennen gegangen."

Die zweite Saison zeigte: Hamilton ist kein Wunderkind mehr, dem man alles verzeiht. Der Rookie-Bonus war aufgebraucht. Wer in der Liga der Großen mitspielt, für den gibt es nur schwarz oder weiß. "Mit Kritik muss ich leben", entgegnete der Held matt. "Die beste Antwort sind gute Ergebnisse." Zwischenzeitlich hatte er sich sogar mit der britischen Presse angelegt, die gerne ihre Hauptdarsteller in Frage gestellt hat. Nur der "Daily Express" positionierte sich auf Hamiltons Seite. Es muss am Erfolg liegen, dass die Sätze von Lewis Hamilton immer standardisierter wirken. Oder am Einfluss von Ron Dennis und von Vater Anthony, der seinem Sohn mit Macht ein Strahlemann-Image verpassen will.

Unbekümmertheit ist verschwunden

Für Ecken und Kanten bleibt da wenig Platz. Egal, wo Hamilton hinkommt, er findet alles cool. Die Leute, die Stadt, die Rennstrecke. Die herrliche Unbekümmertheit vom Vorjahr ist verschwunden. Nun spricht er staatstragender. Da war man schon um gelegentliche emotionale Entgleisungen wie diese froh: "Was kann ich dafür, wenn Kimi nicht den Mut hat, bis zum Ende der Geraden Vollgas zu geben?" Es war vielleicht nicht sonderlich klug, den Mitspieler seines WM-Rivalen gegen sich aufzubringen, aber es war wenigstens ehrlich.

Für Mercedes und die Sponsoren ist Hamilton der perfekte Botschafter. Ein Gesicht mit Wiedererkennungswert, ein Auftritt wie aus dem Modekatalog, jovial im Umgang. Auch bei den Fans kommt Hamilton an. Da gibt er sich so locker wie früher. Für einen 18-jährigen Schüler aus Singapur ging ein Traum in Erfüllung. Sein Idol Hamilton gab ihm als Gewinner eines Preisausschreibens Fahrtipps auf der Playstation. Der virtuelle Hamilton befand sich in dem älteren Spiel noch nicht im Angebot. Der Schüler wählte stattdessen Kimi Räikkönen. Hamilton grinste breit: "Das ist aber keine gute Idee."

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