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Lewis Hamilton im Interview

"Ich werde technisch unterschätzt"

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Kanada 2016 Foto: xpb 73 Bilder

Lewis Hamilton mal anders. Der Weltmeister spricht darüber, wie er seinen wilden Lebensstil kultiviert hat, und warum er trotzdem mehr ist als nur ein Instinktpilot. Er findet, dass seine technischen Fähigkeiten unterschätzt werden.

15.06.2016 Michael Schmidt 2 Kommentare
Haben Sie sich bei Nico Rosberg für den Sieg in Monte Carlo bedankt?

Hamilton: Warum?

Weil er sie vorbeigelassen hat. Glauben Sie nicht, dass er damit zu Ihrem Sieg beigetragen hat?

Hamilton: Ich schaue nie darauf, welchen Beitrag ein anderer an meinen Siegen hat. Warum sollte ich? Kein Fahrer tut das. Ich frage mich ja auch nicht: Was wäre passiert, wenn ich dies oder das getan hätte? Es bringt nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen.

Hätten Sie Rosberg im umgekehrten Fall vorbeigelassen?

Hamilton: Das ist die Regel, die wir im Team haben. Nico war 2 Sekunden langsamer als ich. Es war klar, dass er dieses Rennen nicht gewinnen würde können.

Wie lange denken Sie über ein Rennen nach? Analysieren sie es später noch einmal am Video?

Hamilton: Von den 174 Rennen, die ich gefahren bin, habe ich vielleicht 5 noch einmal angeschaut. Direkt nach dem Rennen schaue ich mir beim Debriefing Clips von den wichtigen Szenen an, dem Start, den Boxenstopps, einem Überholmanöver. Das war‘s. Aber das Rennen in Monaco habe ich in voller Länge gesehen. Mit Freunden beim Dinner. Aber ehrlich: Ich lerne nicht viel aus den Videos. Außer dass ich einen besseren Gesamtüberblick über das Rennen bekomme. Mein eigenes Rennen muss ich nicht sehen. Da läuft ein Film ab, den ich kenne. Viel wichtiger sind die Daten. Ich kann am Sonntagabend so viele Informationen vom Team runterladen, dass ich weiß, was ich wissen muss.

Und wann beginnt die mentale Vorbereitung auf das nächste Rennen?

Hamilton: Am Donnerstag davor. Über das Wochenende bekomme ich Mails vom Team mit allem, was wichtig ist. So weiß ich grob Bescheid. Ich studiere das aber nicht im Detail. Da ist mir meine Freizeit wichtiger. Zu Beginn der Woche tauche ich langsam in den Renn-Modus ein, aber ernst wird es erst mit dem ersten Briefing mit den Ingenieuren. Ich glaube, da ist jeder Rennfahrer anders.

Wie lange brauchen Sie, um über Enttäuschungen hinwegzukommen?

Hamilton: Normalerweise einen Tag. Es hängt ein bisschen vom Grund ab, ob ich einen Fehler gemacht habe oder andere. Am Montag spürst du es noch, aber am Dienstag ist es vorbei. Ich will mich nicht zu lange mit Selbstzweifeln aufhalten.

War das immer so?

Hamilton: Das habe ich über die Jahre gelernt. Es gab Zeiten, da habe ich mich 3 Tage lang im Hotelzimmer eingeschlossen. Ich war sauer auf mich selbst und habe mir immer wieder die Frage gestellt: Warum ist dir das passiert? Mit dem Alter legst du das ab. Irgendwann musst du das abstellen, sonst verbrennst du sinnlos Energie.

Außerhalb der Rennstrecke führen Sie ein wildes Leben. Wann haben Sie gemerkt, dass Ihnen das gut tut?

Hamilton: Nicht von heute auf morgen. Es hat 23 Jahre gedauert, meine ganze Karriere lang, bis ich herausgefunden habe, was ich brauche. Grob gesagt: Seit ich bei Mercedes bin, genieße ich mein Leben. Es ging los mit meinem ersten Tattoo. Ab da habe ich mich nicht mehr darum gekümmert, was andere Leute von mir erwarten.

Haben Sie dafür einen Mentalcoach oder Mentor gebraucht?

Hamilton: Ich glaube nicht an so einen Quatsch. Solche Erfahrungen musst du selbst machen. Ich würde es nicht erlauben, dass sich da ein anderer einmischt. Jeder Mensch ist anders. Manche haben Selbstvertrauen im Überfluss, manche kommen nie ans Ziel. Es gibt Leute, die Leben ihr ganzes Leben in einer Schublade, andere lassen sich nie in eine reinpressen und wieder andere finden langsam raus aus dieser Schublade. Das ist ein Trial and Error-Prozess. Ich bin in meinen späten 20er Jahren raus aus meiner Box gekommen.

Ein Ingenieur hat Sie und Rosberg so charakterisiert: Wenn es 100 Dinge zu lernen gibt, dann lernt Rosberg 100. Sie nur die wichtigsten 10. Stimmt das?

Hamilton: Das ist eine falsche Einschätzung. Ich finde, dass ich in Bezug auf die technische Seite des Sports unterschätzt werde. Ich habe meine Siege und WM-Titel nicht zufällig gewonnen. Deshalb kann ich diesen Kommentar so nicht unterschreiben.

Ist das nicht ein Kompliment?

Hamilton: Weder noch. Nico wird im Briefingzimmer sitzen, solange er kann. Und jeder soll den Eindruck bekommen, dass er die 100 Dinge auswendig lernt. Ich kenne die 100 Dinge auch, glauben Sie mir. Ich habe sie auch studiert. Aber ich setze Prioritäten. Ich unterscheide: Das ist wichtig, das weniger. Ich kann nicht alle 100 Details auswendig aufzählen, aber ich habe sie parat, wenn ich sie brauche. Mir ist es nicht wichtig anderen zu beweisen, dass ich das auch studiere.

Thema Reifenmanagement: Wie viel ist gelernt, wie viel Instinkt?

Hamilton: Die Ingenieure schütten dich so mit Informationen zu, dass du den Überblick verlierst, wenn du alle Daten aufsaugst. Bei den Reifen mache ich mir nur Notizen, wenn ich das Gefühl habe, dass ich das später verwenden kann. Dinge wie den Arbeitsbereich der Reifen, die Mindesttemperatur für die jeweiligen Reifen, die Griffigkeit des Asphalts, die Bremsbalance um die Reifen optimal zu nutzen und die Erfahrungen, wie viel Schlupf ich mir am Kurvenausgang erlauben kann, um die Reifen nicht zu überhitzen. Der Rest ist Instinkt.

Das müssen Sie erklären.

Hamilton: Du musst den Reifen ertasten, ihn spüren. Das ist am Anfang immer eine Reise ins Ungewisse. Es gibt kein Handbuch, das dir sagt, wie du den Reifen für eine Qualifikationsrunde konditionieren musst. Kein Mensch kann dir erzählen, wie du den Reifen vorbereiten musst, dass er später ab Kurve 7 nicht einbricht. Keiner weiß vorher, ob er zwei Kurven länger hält, wenn du ein Mal weniger rutschst. Das musst du mit dem Hintern und dem Gasfuß spüren und dich immer wieder anpassen. Diese Fähigkeit versuche ich seit meiner Formel 3-Zeit zu optimieren. In der GP2 konnte ich es schon ganz gut. Aber auch heute lerne ich noch dazu, wie ich aus den Reifen das Maximum herausholen kann.

Also mehr Instinkt als Wissenschaft?

Hamilton: Ich würde sagen: eine große Portion Instinkt. Aber ohne Wissenschaft geht es auch nicht. Fangio, Senna, Schumacher waren stark in allen Disziplinen, aber sie haben auch ihren Instinkt benutzt. Es ist der Ausgleich zu den Ingenieuren, die nur in ihrer Datenwelt leben. Wenn du von 100 Informationen nur 10 brauchst, dann ist es dein Instinkt der dir sagt, welche 10.

Neuester Kommentar

Wenn er seine Tattoos als Freiheit interpretiert, dann zeigt das die Trotzreaktion eines noch nicht erwachsen gewordenen Teenagers. Justin Bieber ist ein anderes Beispiel. Es zeigt aber auch einen grossen Mangel an Stil, Klasse und guten Geschmacks. Das koennte er zwar noch lernen, aber er ja schon irreversible Fakten geschaffen. Willkommen im Ballermann Club.

henry 15. Juni 2016, 20:26 Uhr
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