Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Lotus-Technikchef James Allison

Lotus-Geheimnis unter der Karbonhaut

Lotus E20 Test Formel 1 2012 Foto: xpb 20 Bilder

Der Lotus E20 war die Überraschung bei den Testfahrten in Jerez und Barcelona. Trotz einer Zwangspause von vier Tagen, weil das Chassis im Bereich der Vorderachse zu weich war. Technikchef James Allison erklärt, was das Auto so gut macht.

07.03.2012 Michael Schmidt

Der Lotus E20 ist die große Unbekannte im Ratespiel, wer wo steht in der Hackordnung der Formel 1. Romain Grosjean war mit 1:18.419 Minuten der schnellste Mann von Jerez. Kimi Räikkönen fuhr mit 1:22.030 Minuten die Bestzeit an den acht Testtagen von Barcelona. Auch die Rundenzeiten bei den Dauerläufen konnten sich sehen lassen. Dafür hat Lotus wegen der Chassismisere nur 3.503 Kilometer geschafft. Weniger als die vier anderen Spitzenteams.

Lotus E20 fährt wie auf Schienen

Trotzdem gilt Kimi Räikkönen im Lotus als Geheimfavorit. Als einer, der Red Bull, McLaren und Mercedes ärgern kann. Der Lotus E20 bekommt von Streckenbeobachtern Bestnoten. Das Auto fährt wie auf Schienen, auf alten wie neuen Reifen. Wenn sich der Eindruck bestätigt, dann hätte die Truppe von James Allison die Wende geschafft. Der Technikdirektor von Lotus versucht mühsam den Ball flach zu halten. "Wir sehen uns nicht als Favorit. Das sind Red Bull und McLaren. Dahinter gibt es eine Gruppe von Teams, die sehr eng zusammen liegen. Da sind auch wir drin."

Im vergangenen Jahr versuchten die Ingenieure aus Enstone die Spitzenteams mit einem alternativen Konzept zu schlagen. Der Coup mit dem vorgelagerten Auspuff zahlte sich nur in den ersten Rennen aus. "Das Konzept mit dem Auspuff vor den Hinterrädern hatte einfach mehr Potenzial. Unsere Gegner legten zu, und wir traten irgendwann auf der Stelle", bedauert Allison.

Der vor den Seitenkästen austretende Auspuffstrahl war laut Allison mit drei grundsätzlichen Problemen behaftet. "Der Einfluss der Auspuffgase auf die Aerodynamik war auf dem langen Weg nach hinten sehr schwer im Windkanal darstellbar. Bis die Auspuffgase dort ankamen, wo sie den größten Nutzen bringen sollten, hatten sie sich schon zu stark abgeschwächt. Außerdem brauchten wir über eine große Strecke Beplankungen, um den Boden und die Verkleidung vor Hitzeschäden zu schützen. Die haben die Strömung zum Heck massiv gestört."

Lotus E20: Innenleben ohne Fugen und Kanten

Womit wir schon beim Nachfolgemodell E20 wären. Der größte Fortschritt des Autos ist nämlich unsichtbar. "Es ist um Welten besser verarbeitet als der R31", verrät Allison. "Es gibt weniger Fugen, Spalten, Kanten." Das Innenleben des Autos hat sich komplett geändert. "Wir haben sehr darauf geachtet, dass die Luft auf ihrem Weg von den Kühlschächten zum Heck im Inneren des Autos auf möglichst wenig Ecken und Kanten trifft. Alle Blockaden, die den Luftwiderstand erhöhen, wurden konsequent beseitigt." Ganz nebenbei: Das ist eines der Geheimnisse der Red Bull-Autos der letzten Jahre.

Der Lotus E20 trägt trotz der Pleite in der Vorsaison einige mutige Designmerkmale in sich, wie zum Beispiel die zurückversetzten Seitenkästen und eine Hinterradaufhängung, die sich an den Red Bull anlehnt. "Ich kann meinen Chefs nur danken", lacht Allison. "Sie hatten allen Grund von uns ein konservatives Auto zu fordern, doch sie haben uns dazu ermutigt, auch weiterhin innovativ zu sein. Sie haben verstanden, dass dieser Weg immer zwischen großem Ertrag und großem Risiko schwankt. Dass Sie bis jetzt nichts davon am Auto finden, hat damit zu tun, dass uns im Moment im Rahmen der Regeln nichts Außergewöhnliches eingefallen ist."

Die Vorderradaufhängung mit einer vom Bremsmoment abhängigen Höhenverstellung war so ein Projekt. Das wurde von der FIA beerdigt. Beim Auspuff wollte Allison noch abwarten, was der Weltverband erlaubt und was nicht. "Das Bild ist jetzt schärfer", sagt der Engländer ohne zu verraten, was er auf diesem Gebiet plant. "Alles, was wir bis jetzt gesehen haben, ist erlaubt. Die Regeln erlauben aber viel mehr Freiheiten als das, was die FIA am Ende tolerieren wird. Normalerweise tasten sich die Ingenieure am Reglement entlang. Jetzt braucht man ein gutes Augenmaß dafür, wie weit man den Bogen überspannen darf. Bis jetzt ist jeder noch auf der konservativen Seite."

Chassis-Problem trotz Sicherheitsreserven

Das Problem mit dem Chassis geht dem Technikchef von Lotus immer noch an die Nieren. "Mir war der Fall peinlich, dass wir ein Teil im Auto hatten, das nicht unserem Standard entsprach. Der Aufhängungspunkt des Querlenkers am Chassis kann stark genug, zu schwach oder irgendwo mittendrin sein. So wie die Anbindung konstruiert wurde, konnte sie unter bestimmten Bedingungen brechen. Das Ziel aber sollte es sein, dass eine konstante Reserve eingebaut ist, das so etwas nie passiert."

Der letzte Satz von Allison gibt zu denken: "Wir haben sichergestellt, dass die Anlenkpunkte mit der nötigen Reserve konstruiert werden." Das lässt den Schluss zu, dass da ein Zulieferer Mist gebaut hat. Es gingen Gerüchte um, dass es der gleiche Hersteller war, mit dem schon Force India im letzten Jahr ein Problem hatte.

Das Nachbessern kostete vier Testtage und packte ein Kilogramm in Form von Karbonmasse auf das Gesamtgewicht. "Ich muss mich bei den Jungs in Fabrik bedanken, wie schnell sie das Problem gelöst haben. Wir haben einen hohen Preis dafür bezahlt und vier Testtage verloren." Die schnelle Reaktion habe aber gezeigt, dass Technikbüro und Produktion krisenerprobt sind. Deshalb hat Allison auch keine Angst, dass Lotus im Entwicklungswettlauf mit Red Bull, McLaren und Mercedes die Luft ausgeht. "Dieses Team hat schon früher gezeigt, dass es auf höchstem Niveau ein Auto weiterentwickeln kann."

Sonderlob für Kimi Räikkönen

Nicht nur das Auto hat Fortschritte gemacht. Mit Kimi Räikkönen sitzt ein Weltmeister im Auto. An so einem wie Räikkönen merke man, so Allison, den Unterschied zwischen Extraklasse und Klasse. "Er hat unheimlich viel Eindruck im Team hinterlassen. Wie er fährt, wie er mit uns arbeitet, welches Feedback er gibt. Er ist zwei Jahre lang kein Formel 1-Auto gefahren. Wir haben nichts davon gemerkt. Er hat sich reingesetzt, ist vorher nie ein vollgetanktes Auto gefahren: kein Problem. Er ist vorher nie Pirelli-Reifen gefahren: kein Problem. Er hält die Reifen am Leben, er benennt präzise alle Probleme am Auto. Es ist ein Vergnügen, mit ihm zu arbeiten."

In unserer Fotogalerie zeigen wir einige der besonderen Tricks des Lotus E20.

TeamTageKilometer 2011Kilometer 2012Differenz
Red Bull124.8584.309- 549
McLaren123.3374.887+ 1.550
Ferrari125.6904.955- 735
Mercedes93.2794.250+ 971
Lotus92.8253.503+ 678
Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden