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Machtspiel Formel 1

Wer regiert die Königsklasse?

Bernie Ecclestone Foto: xpb 41 Bilder

Bis 2009 haben Bernie Ecclestone und Max Mosley die Formel 1 nach Gutsherrenart geführt. Dann begehrten die Teams auf, gründeten die FOTA, und entmachteten Mosley. Ferrari und Red Bull scherten schnell aus der FOTA wieder aus und begannen nun selbst das Zepter in die Hand zu nehmen. Ecclestone verliert an Einfluss, weil er zu viele eigene Baustellen hat.

18.06.2013 Michael Schmidt

Wer regiert die Formel 1? Die Frage wäre noch vor fünf Jahren ein Witz gewesen. Bernie Ecclestone natürlich, wer sonst. Immer mit Hilfe seines Kompagnons Max Mosley, der vom Rechtsberater 1993 in das Amt des FIA-Präsidenten aufstieg. Viele haben das Duo Ecclestone und Mosley verflucht, weil sie den Teams ihren Willen mit immer den gleichen Tricks aufzwangen. In einem zerstrittenen Haufen funktionierte das Prinzip "Teile und herrsche" wunderbar. Hauptsache die beiden Herrschenden waren sich meistens einig. Heute wünschen sich viele in der Szene ihre beiden alten Diktatoren zurück. Eine Angelegenheit wie der Pirelli-Skandal wäre früher hinter verschlossenen Türen geregelt worden. Ecclestone und Mosley hätten im Alleingang eines oder mehrere Teams dazu bestimmt, dem Alleinausrüster bei seinem Reifenproblem zu helfen. Beim GP Kanada meinte Bernie Ecclestone auf Anfrage von auto motor und sport, warum er diesmal nicht geschlichtet hat: "Das ist Vergangenheit. Leider."

Hersteller verschwanden ganz oder hinterließen finanzielle Löcher

Der Versuch der Automobilhersteller eine eigene Rennserie zu gründen, war die letzte große Schlacht, die Ecclestone und Mosley gemeinsam ausgefochten haben. Sie landeten 2006, nach fünf Jahren Kleinkrieg einen Sieg, doch zu welchem Preis? Die Formel 1 war im Sog des Wettrüstens der Hersteller viel zu teuer geworden. Die Mehrzahl der Teams wurde von den Autokonzernen dominiert. Ein ungesundes Verhältnis und im Grunde nichts anderes als das, was die beiden Strippenzieher so lange bekämpft hatten. Das drückte die privaten Rennställe an den Rand. Nur Red Bull hatte den finanziellen Atem in dem ruinösen Spiel mitzuhalten. Als die Hersteller die Lust verloren, hinterließen sie entweder ein schwarzes Loch oder ein Monster, das von den Privatteams nicht zu finanzieren war. Toyota verschwand ganz. Renault übergab seinen Rennstall an Lotus. BMW verkaufte die Hinterlassenschaft für viel Geld an Sauber. Heute weiß man: Für zu viel Geld. Honda machte es ehrlich und übergab sein Team per Handschlag an Ross Brawn, garniert mit einem Startkapital von rund 80 Millionen Pfund.

Teams wurden mit der FOTA zur dritten Macht in der Formel 1

Max Mosley war schnell klar, dass die Formel 1 in diesem Zustand nicht überleben würde. Deshalb drückte er dem Sport immer stärkere Restriktionen auf, holte mit Cosworth einen unabhängigen Motorhersteller zurück ins Boot und versuchte neue Teams anzulocken. Drei bissen an, ohne zu ahnen, worauf sie sich einließen. Eigentlich machten alle Korrekturversuche von Mosley Sinn, nur waren die meisten Teams zu dumm dazu, das zu begreifen. Sogar diejenigen, die Nutznießer einer Kostenbremse gewesen wären. Die Teams rotteten sich in einer Vereinigung namens FOTA zusammen und begannen gegen Mosley und Ecclestone aufzubegehren. Eine dritte Macht war geboren. Mit dem Erfolg, dass die Rechteinhaber ab 2010 mehr von ihren Einkünften an die Teams abtreten mussten.

Jean Todt ist das Gegenteil von Mosley

Die großen Teams hatten kein Interesse daran, ihre geldwerten Vorteile aufzugeben. Als Mosley der Formel 1 eine Budgetdeckelung verabreichen wollte, gaben sie ihn zum Abschuss frei. Dass in dieser Zeit seine Sex-Affäre ans Licht kam, ist kein Zufall. Mosley legte seinem Nachfolger Jean Todt den roten Teppich aus, in der Hoffnung, dass er die FIA in seinem Sinne weiterregieren würde. Todt war ein Mann des Sports. Er wusste wovon er sprach. Doch der ehemalige Ferrari-Rennleiter wollte nicht wie sein Vorgänger von oben herab bestimmen. "Ich bin gesetzestreu." Fast hat man den Eindruck, Todt geht bewusst mit allem auf Konfrontationskurs, was Mosley auf den Weg brachte. Der Franzose sieht seine Lebensaufgabe außerhalb des Sports. Er betreibt mit viel Energie das Projekt "Sicherheit auf den Straßen". Dafür braucht er Geld. Das Geld soll ihm der Motorsport, speziell die Formel 1 einspielen. Im Gegenzug lässt er die Teams und Ecclestone in Ruhe. Getreu dem Motto: Sollen sie doch ihre Probleme alleine lösen. Mit der Pirelli-Affäre wird Todt zum ersten Mal in die Sache mit hineingezogen. Red Bull und Ferrari haben ihn mit ihrem Protest gegen Mercedes aus der Reserve gelockt. Am kommenden Donnerstag muss Todt als Chefankläger öffentlich Farbe zu einem kontroversen Thema bekennen.

Ferrari und Red Bull kochen eigenes Süppchen

Die FOTA verlor rasch wieder ihre Mitglieder. Red Bull und Ferrari begannen ihr eigenes Süppchen zu kochen. Den beiden größten Teams stoßen die Kostenbeschränkungen sauer auf. Ihr Apparat ist auf 600 bis 700 Mitarbeiter angewachsen, sie haben in teure Windkanäle und Simulatoren investiert. Davon wollen sie sich nicht mehr trennen. Deshalb zogen beide an einem Strang. Ihr Lösungsansatz: Mehr Geld von Bernie, Kundenteams statt den Hinterbänkler, die sowieso nie auf die Füße kommen. Ferrari wünschte sich mehr Testfahrten, weil man glaubt, damit die Defizite in Bezug auf den Windkanal und den Simulator ausgleichen zu können. Ein naiver Denkansatz. Wenn mehr getestet werden darf, testet auch Red Bull mehr. Und hat am Ende immer noch die besseren Werkzeuge. Deshalb kann das Weltmeister-Team Ferrari ohne Gefahr bei seiner Kampagne unterstützen. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass man einigen der eigenen Junioren Fahrgelegenheiten bieten kann.

Die Global Players der Formel 1

Die Rechteinhaber waren leicht zu erpressen. Ecclestone wollte Ferrari und Red Bull aus der FOTA herauslösen, um deren Durchschlagskraft zu schwächen. Doch da hat er einen Fehler gemacht. Die beiden Global Player traten zwar aus der FOTA aus, begannen nun aber viel mehr Druck auf CVC auszuüben, als es Ecclestone Recht sein konnte. Ferrari ist schon Kraft seines Namens eine Macht in der Formel 1. Ohne das Traditionsteam geht es nicht. Red Bull hat zwei Rennställe im Geschäft. Zöge Dietrich Mateschitz beide über Nacht zurück, stünde der Sport vor einem existenziellen Problem. So war es leicht, CVC und ihren Chefbroker Ecclestone gefügig zu machen und sich erstklassige Bedingungen für das nächste Financial Agreement bis 2020 auszuhandeln. Beide streichen unabhängig von ihrer WM-Position pro Jahr über 100 Millionen Dollar ein. Ferrari und Red Bull unterstützen auch einen Börsengang, so unsinnig er auch sein mag, weil sich beide dabei ein gutes Stück vom Kuchen abschneiden würden.

CVC muss eine 2,27 Milliarden Dolar-Anleihe refinanzieren

Alle anderen Teams mussten nehmen, was übrig blieb. McLaren steht noch am besten da, dann kommen Mercedes, Williams und Lotus. CVC zahlte bereitwillig mehr, weil man langfristige Zusagen von Teams brauchte. Im März 2012 hatte der Finanzinvestor eine weitere Anleihe auf die Formel 1 über 2,27 Milliarden Dollar aufgenommen. Das Geld soll bis 2017 eingespielt werden. Bernie Ecclestone hätte in der Vergangenheit vielleicht noch seine Spielchen getrieben und auch Red Bull und Ferrari eingebremst, doch seit er bei der Münchener Staatsanwaltschaft unter dem Verdacht der Bestechung steht, ist er innen- und außenpolitisch angeschlagen und letztlich vom Goodwill von CVC, Ferrari und Red Bull abhängig. Deshalb ist es für ihn eben nicht mehr so einfach gegen die Interessen der beiden großen Teams zu arbeiten.

Mercedes war ein Störenfried auf dem Finanz-Schachbrett der Formel 1

Mercedes war in dem Spiel ein Störenfried. Erstens, weil Ross Brawn für eine Budgetdeckelung und gegen Kundenteams ist. Zweitens, weil Mercedes wegen der Strahlkraft seiner Marke eigentlich ebenfalls ein großes Stück vom Kuchen zustand. Doch der wäre für Red Bull und Ferrari deutlich kleiner ausgefallen, hätte die Marke mit dem Stern da auch noch groß abgesahnt. Als letzter großer Hersteller steht sie vor allem bei Red Bull unter dem Generalverdacht, notfalls alles Geld der Welt für den Erfolg zu investieren. Es ist eher umgekehrt. Bei Kundenteams geht Brawn auf Konfrontationskurs, weil das erstens gegen die DNA der Formel 1 ist und man sich leicht ausmalen kann, wie es endet. Auch bei sechs Herstellern mit sechs Kunden gibt es einen Letzten, für den es sich irgendwann nicht mehr lohnt. Wenn der Hersteller stirbt, stirbt der Kunde gleich mit. Oder er kauft bei einem der anderen Hersteller ein Chassis. Ein eigenes wird er nie mehr bauen können, weil er in der Zwischenzeit seine ganze Infrastruktur dafür aufgegeben hat. Dann geht das Spiel mit einem weniger von vorne los. Niki Lauda musste bei seiner Vermittlungstour von vielen Prinzipien abrücken, um bei Ecclestone wenigstens noch eine privilegierte Partnerschaft zu bekommen.

Hersteller bestimmen, wie Kunden abstimmen

Auf die Frage, wer die Formel 1 heute regiert, gibt es also eine einfache Antwort: Ferrari und Red Bull. Bestes Beispiel war die Abstimmung für mehr Testfahrten. Schon beim ersten Wahlgang stimmten Sauber und Marussia dafür. Obwohl sich weder der eine, noch der andere das leisten können. Beide mussten ihre Stimme für Ferrari abgeben. Wer 2014 Motoren zu einem bezahlbaren Preis will, sollte das tun, was der Motorenlieferant will. Das wird bei einer Zweiteilung in Hersteller und Kundenteams nicht anders laufen. Schöne neue Welt der Formel 1.

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