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Mario Andretti im Interview

"Bitte nicht das Rad neu erfinden"

Mario Andretti - Formel 1 - GP USA - 1. November 2014 Foto: xpb

Amerikas Motorsport-Legende Mario Andretti warnt im Gespräch mit auto motor und sport vor übertriebenem Aktionismus bei der Reform der Formel 1, er kritisiert das IndyCar-Management und fordert, dass der Fahrer wieder Herr über sein Auto sein soll.

03.10.2015 Michael Schmidt
Ist die Formel 1 so schlecht, wie sie gemacht wird?

Andretti: Die Formel 1 ist ein großartiges Produkt. Sie behält ihre Integrität, weil sie an der Technik festhält. Das ist ihr Markenzeichen. Deshalb lieben die Fans die Formel 1. Motorsport ist teuer, und manchmal schlägt er über die Stränge. Deshalb muss man den Sport hin und wieder anpassen. Ich sage anpassen, nicht alles anders machen, nur um des Änderns willen. Keine Rennserie ist perfekt. Es gibt nicht den magischen Schlüssel. Aber bitte versucht das Rad nicht neu zu erfinden. Das wäre das Schlimmste, was sie tun könnten.

Gilt das gleiche für IndyCar?

Andretti: Hier haben sie genau diesen Fehler gemacht. Sind fremdgegangen, haben ihre Wurzeln verleugnet und Dinge eingeführt, die nicht zu der Serie passen. Das ist mein persönlicher Kampf mit dem IndyCar-Management. Sie kennen das Produkt nicht, weil sie aus einer anderen Welt kommen. Wie kann eine Rennserie Ende August aufhören? Die Formel 1 fährt bis Ende November. Für die IndyCar-Fans entsteht ein riesiges Loch im Winter, wo keiner über die Serie spricht. Verrückt.

IndyCar argumentiert, dass man der American Football-Saison dadurch aus dem Weg geht.

Andretti: Oh mein Gott, was soll das denn! Sie reden darüber, dass die TV-Quoten dann fallen würden? Ich würde ja nichts sagen, wenn sie im Juni oder Juli abenteuerlich hoch wären. Aber sie sind immer im Keller. Du musst immer mit anderen Sportarten konkurrieren.

Kann die Formel 1 also nichts von den IndyCars lernen?

Andretti: Eher umgekehrt. Ich sehe nichts, was die Formel 1 von den IndyCars übernehmen sollte. Alle reden über die Mercedes-Dominanz, dass sie den Sport kaputtmacht. Ich finde, gerade das produziert doch tolle Geschichten. Jetzt schauen alle gebannt auf Ferrari, ob sie die Lücke schließen können. Die Grand Prix in Ungarn und Singapur haben doch gezeigt: Mercedes kann sich nicht mehr die geringsten Fehler leisten. Ferrari und Vettel sind eine so starke Kombination, dass sie von jedem Fehler bei Mercedes profitieren. Ich als Fan liebe das.

In den USA bremsen sie Teams ein, die zu erfolgreich sind. Ist das das bessere System?

Andretti: Das Problem bei den IndyCars ist ein ganz anderes. Als sie sich einmal dazu entschieden hatten mit Einheitsautos zu fahren, war die Rückkehr zu alten Verhältnissen praktisch ausgeschlossen. Weil die Serie für die Sponsoren uninteressant wurde. Die Hersteller sind abgehauen. Jetzt hat keiner mehr das Geld, eigene Autos zu bauen. Hier müssten schon Ford, Chevrolet und Chrysler voll einsteigen, damit etwas passiert. Aber das ist eine Utopie.

War das Aero-Kit nicht ein Schritt in die richtige Richtung?

Andretti: Prinzipiell ja. Aber es wurde falsch eingeführt. Sie haben es nur Honda und Chevrolet überlassen. Das hat das Feld in zwei Hälften geteilt. Wie bei einem Reifenwettbewerb. Wir wissen, was das heißt. Jedes Wochenende hat einer den falschen Reifen. Oder das falsche Aero-Kit. Da kannst du gleich zuhause bleiben. Dieser Fehler hätte nicht passieren dürfen, auch wenn sich das in der zweiten Saisonhälfte ein bisschen angleicht. Am Anfang war Chevrolet zu überlegen.

Wie wäre es besser gewesen?

Andretti: Die ursprüngliche Idee war gut. Jedes Team sollte unter bestimmten Restriktionen sein Aero-Kit bauen dürfen. Keiner aber hätte das Paket exklusiv für sich behalten dürfen. Wenn man gemerkt hätte, dass zum Beispiel Penske das beste Kit hat, dann hätten alle anderen es für einen Fixpreis von sagen wir 75 000 Dollar kaufen und wieder weiterverbessern dürfen. Das hätte erstens verhindert, dass eines der Teams unsinnige Summen in die Aerodynamikentwicklung verdient, weil sie es dann mit Verlust hätten anbieten müssen. Und es hätte das Feld nicht in zwei Fraktionen aufgeteilt. Dieses Konzept hätte Wettbewerb unter allen Teams bedeutet.

Sind die Aero-Kits im Oval ein Problem geworden? Es gab dieses Jahr viele Unfälle ohne Vorwarnung?

Andretti: Da stimme ich nicht zu. Serge Karam zum Beispiel hat in Pocono die innere Streckenbegrenzung getroffen. Da muss er sich nicht wundern, wenn er abfliegt. Der gleiche Unfall ist mir auch einmal passiert. Ich wollte meinen Sohn Michael innen überholen, er hatte mich dabei übersehen und ich traf den Betonstreifen. Auf den Superspeedways wird der kleinste Fehler bestraft. Der Speed multipliziert die Folgen. Das müssen die weniger erfahrenen Piloten lernen. Respektiere die Ovale, denn sie beißen zurück. Alte Veteranen-Regel.

Justin Wilson starb, weil er von Trümmern am Kopf getroffen wurde. Brauchen Monopostos einen Cockpitschutz?

Andretti: Es war genauso ein Verkettung höchst unglücklicher Umstände wie bei Massa. Wilson war der siebte oder achte Fahrer, der an Karams Wrack vorbeikam, und die Nase tanzte immer noch auf der Straße herum. So etwas passiert ein Mal in 100 Jahren. Dagegen kannst du dich nicht schützen. Soll man die Cockpits schließen? Das müssen die aktuellen Fahrer entscheiden. Sie müssen es sich aber gut überlegen. Es könnte andere Probleme mit sich bringen. Und Motorsport wird nie zu 100 Prozent sicher sein. Vielleicht sollten wir die Nase von innen mit einem Seil am Chassis zu befestigen. Und einem Schnellverschluss für den Nasentausch beim Boxenstopp.

Ein Problem in der Formel 1 ist das finanzielle Ungleichgewicht. Passt die IndyCar-Serie nicht besser auf die kleinen Teams auf?

Andretti: Das Problem beginnt damit, dass in der Formel 1 jeder sein eigenes Auto baut. Deshalb gibt es einen Mercedes und einen Manor, und der Manor weiß genau, dass er nie gewinnen wird. Bei den IndyCars ist es anders. Da kann auch das Team von Dale Coyne gewinnen. Aber der Preis dafür ist, dass die IndyCars fast alle gleich aussehen. Es wäre falsch, der Formel 1 den Technik-Aspekt deshalb wegzunehmen. Sie braucht das als Aushängeschild. Deshalb sollte sie vielleicht versuchen, die Kosten irgendwie in den Griff zu bekommen. In Amerika können die Leute mit einer Markenformel eher leben. Weil sie leider über Jahre hinweg so erzogen wurden.

Wie sieht es bei den Fahrern aus?Andretti: Nicht so schlecht. IndyCar hat ein paar sehr gute junge Fahrer, und die alten sind immer noch schnell genug, mit ihnen mitzuhalten. Ein guter Mix, würde ich sagen.In der Formel 1 werden die Fahrer ferngesteuert. Ist das gut?

Andretti: Das ist doch einfach zu lösen. Schafft die Telemetrie ab. Oder verbietet den Funk. Das mag ich an der MotoGP. Der Kerl da oben auf dem Motorrad ist auf sich alleine gestellt. Wenn die Flagge fällt, muss er das Biest bändigen, ohne Hilfe von der Boxenmauer, ohne Boxenstopps. Pures Racing, wie früher. Hier muss irgendeiner ein Stoppschild aufstellen. Der Fluch ist das Angebot an Technologie, die verfügbar ist. Wenn man alles erlaubt, wird es auch genutzt. Wenn das Team alles über das Auto weiß, wird es dem Fahrer sagen, wie er sein Auto am besten fahren muss. Die Fahrer wären sofort dafür, wieder die Kontrolle über ihr Auto haben. Ich meine, das ist doch lächerlich. Wenn die Bremskraftverteilung oder die Reifentemperatur nicht stimmt, muss der Fahrer das selbst spüren. Dazu braucht er doch kein Kindermädchen.

Also hier muss die Formel 1 etwas ändern?

Andretti: Ganz klar. Weg mit dem ganzen Zeug, das das Fahren einfacher macht, oder wo der Fahrer Hilfe von außen braucht. Warum will keiner von uns eine Traktionskontrolle? Weil der Fahrer die Traktionskontrolle sein muss. Je weniger Komfort für den Fahrer, umso besser.

Ist Überholen bei den IndyCars einfacher?

Andretti: Ja. Das liegt am Konzept. Der flache Unterboden in der Formel 1 gibt den Flügeln und dem Diffusor zu viel Bedeutung. Die können einfacher gestört werden. Die IndyCars haben zwei Tunnel unter dem Auto. Das macht die Autos in Turbulenzen gutmütiger. Aber einfach ist es trotzdem nicht. Alle Fahrer sagen, dass ihr Auto im Verkehr schwieriger zu fahren ist, seit die Aero-Kits ans Auto kamen.

Was halten Sie von DRS oder Push-to Pass?

Andretti: Ich bin dafür. Bei den Geschwindigkeiten und kurzen Bremswegen wird es immer schwieriger zu überholen. Du musst den Fahrern da eine kleine Hilfe geben. Sie müssen auch mit diesen Hilfen ihre Überholmanöver planen. DRS darfst du nur an bestimmten Stellen benutzen. Push to pass gibt es nur 10 oder 15 Mal im Rennen. Zu meiner Zeit gab es viel mehr Start und Ziel-Siege. Und oft mit einem Vorsprung von einer halben Minute und mehr. Und du brauchst heute Überholmanöver. In unserer Zeit waren die Leute zufrieden, wenn sie ein Rennauto auf der Rennstrecke gesehen haben. Das war genug. Auf der alten Nordschleife kamen alle neun Minuten ein paar Autos vorbei. Dazwischen hast du ein Bier getrunken und gewartet. Heute undenkbar. Heute wollen die Leute jede Minute Action sehen. Eines muss den Zuschauern aber erklärt werden: Sie können nicht von jedem Rennen erwarten, dass es in die Geschichte eingehen wird. Es liegt in der Natur des Sports, dass es langweilige und spannende Rennen gibt.

Die Doppelte-Punkte-Regel hat Scott Dixon zum Meister gegkürt. Juan Pablo Montoya findet das ungerecht. Und Sie?

Andretti: Alle sind happy, außer Montoya. Der Zweite, Dritte oder Vierte freut sich über die Chance, die ihm das Punktesystem bietet. Man kann es Klamauk nennen, aber so bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten. Über Dixon hat vor dem Finale keiner gesprochen. Es ging nur um Montoya gegen Rahal. So gesehen war die Titelentscheidung eine Riesenüberraschung. Montoya und Rahal haben verloren, weil sie in Unfälle verwickelt waren. Dixon ist ein fabelhaftes Rennen gefahren. Für mich ist er der Beste im Feld, überall schnell, unglaublich überlegt, unheimlich konstant. Seit über einem Jahrzehnt fährt er vorne mit. Er ist ein verdienter Meister.

Die Formel 1 geht immer mehr auf Rennstrecken, die zwar supermodern, aber unspektakulär sind. Macht es IndyCar da nicht besser, auf Traditionsrennen zu setzen?

Andretti: Ich mag die Opulenz der Formel 1-Strecken. Im Vergleich zu hier ist das der Taj Mahal. Motorsport ist eine Show. Ich habe nichts gegen Mid Ohio. Aber die Strecke braucht eine bessere Infrastruktur. Der Taj Mahal in der Formel 1 bedeutet Investitionen in den Sport. Und das ist gut.

Das Indy500 und der GP Monaco sind die beiden Highlights. Welches war für Sie besser?

Andretti: Jeder Sport braucht ein Highlight. Es ist immer schön, wenn man sich auf etwas freuen kann. Beide Strecken haben eines gemeinsam: Die Tradition. Was macht Indy so speziell? Seine 100 jährige Geschichte. Es ist nicht die beste Rennstrecke, vielleicht auch nicht das beste Rennen. Aber es ist Indy. Mit seiner Siegerliste. Sie ist ein eigener Maßstab, mit dem du dich als Fahrer misst. Monte Carlo ist ähnlich. Die Strecke ist einzigartig und hat sich kaum verändert. Geht ja auch nicht. Sonst müsstest du das Casino verschieben. Und es ist der Glamour, der dieses Rennen umgibt. Singapur ist vielleicht besser, aber es kommt nie an Monte Carlo ran. Was lernen wir daraus: Pflege die Tradition. Ändere nichts an diesen Rennen. Du zerstörst nur den Mythos.

Die Formel 1 will 2017 aggressivere Autos mit einem anderen Look. Finden Sie das gut?

Andretti: Ja, warum nicht. Das nimmt ihr ja nichts weg. Die Teams bauen sowieso jedes Jahr neue Autos. Ich finde, in einigen Bereichen sollte die Formel 1 etwas moderner werden. Zum Beispiel mit 18 Zoll-Reifen. Kein Straßenauto der Welt fährt solche Ballonreifen wie die Formel 1. Ich finde aber, die IndyCars hätten ein Facelift viel nötiger. Damit sie besser aussehen.

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