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Mark Webber im Interview

"Gebe Seb zu 100 Prozent Recht"

Mark Webber - Porsche 918 Spyder - Zuffenhausen 2015 Foto: Joss / Porsche 43 Bilder

Vor dem WEC-Rennen am Nürburgring haben wir mit Porsche-Werkspilot Mark Webber darüber gesprochen, wie gerne er Le Mans gewonnen hätte, was er von den Reifenschäden von Spa hält und wie sehr ihn der tödliche IndyCar-Unfall von Justin Wilson beunruhigt.

28.08.2015 Michael Schmidt
In der WEC ist Le Mans der Höhepunkt. Ist die zweite Saisonhälfte dann nur noch die Kür?

Webber: Für mich ist das zweite Jahr viel einfacher als das erste. Weil ich alles kenne. Letztes Jahr hätten wir in Le Mans fast das Unglaubliche geschafft. Nach 22 Stunden lagen wir in Führung. Le Mans ist unser Highlight, unser Grand Daddy. Das Rennen, um das sich alles dreht. Jeder kennt es. Wie der Monte Carlo Grand Prix. Nach unserem Sieg in Le Mans dieses Jahr ist die Stimmung natürlich auf einem Hoch. Wir haben Audi auf der Strecke geschlagen. Beim härtesten Rennen der Welt. Auf Audis Spielwiese. Die haben dort in den letzten 10 Jahren fast alles gewonnen. Jeder im Team weiß jetzt, was wir können. Fahrer, Ingenieure, Strategen, Mechaniker fragen jetzt nicht mehr: Wie sollen wir diese Audis schlagen? Wir wissen, dass wir es können. Das eine Ziel ist abgehakt. Jetzt kommen die anderen. Die Marken-Weltmeisterschaft, der Fahrer-Titel. Wir sind in der Lage, diese Titel zu gewinnen. Ich würde deshalb nicht sagen, dass die zweite Saisonhälfte nur Kür ist. Wir bringen für den zweiten Teil der Saison ein Upgrade des Porsche 919 an den Start. Mit mehr Abtrieb. Ich kann sagen, dass wir definitiv Rundenzeit gefunden haben. Ob es ausreicht, werden wir sehen. Die Rennen in Silverstone und Spa standen unter dem Eindruck von Le Mans. Das war das erste Saisonziel. Dem hatte sich alles unterzuordnen. Deshalb sind wir dort mit Autos angetreten, die nicht optimal für diese Strecke abgestimmt waren.

Wie gerne hätten Sie Le Mans gewonnen?

Webber: Wenn du 5 Stunden vor Schluss zwei Autos an der Spitze hast, musst du als Fahrer deine persönlichen Wünsche hinten anstellen. Da ist nur noch eines wichtig. Porsche muss das Rennen gewinnen. Es ist so einfach, den Sieg noch wegzuschmeißen. In Le Mans liegen überall Landminen. Das kannst du dem Team nicht antun. Wir alle wussten, was Porsche dieser Sieg bedeutet. Einige der Mechaniker haben 50 Stunden durchgeschuftet, beim Rennen, bei den Vortests. Da nur an dich zu denken, wäre fahrlässig.

Hadern Sie noch mit den Problemen, die Sie vielleicht den Le Mans-Sieg gekostet haben?

Webber: Ich stehe immer noch dazu. Die 90-Sekunden-Strafe hat uns nicht den Sieg gekostet. Höchstens, dass wir dadurch an eine andere Stelle der Strecke geraten sind und bei den späteren Gelbphasen weitere Zeit verloren haben. Irgendwie ging die Dynamik unseres Rennens mit dieser Strafe verloren. Brendon war zerstört, als ich ihn nach meinem Stint sah. Ich musste seine Strafe absitzen. Schon da habe ich zu ihm gesagt. Kopf hoch Junge, wir haben erst 11 Stunden hinter uns. Die 90 Sekunden werden uns nicht umbringen. Auch die anderen werden noch ihre Probleme bekommen. Das 19er Auto hat sie nicht bekommen, was ziemlich unüblich für Le Mans ist. Sie hatten einen reibungslosen Tag. Aber ich muss auch zugeben. Die drei sind in der Nacht auch fantastisch gefahren. Das war der Grundstein für ihren Sieg.

Wäre ein Le Mans-Erfolg so viel wert wie ihre beiden Monte Carlo-Siege?

Webber: Ich will mit Porsche Le Mans gewinnen, aber die beide Monte Carlo-Siege werden immer herausstechen. Auch im Vergleich zu den anderen Grand Prix, die ich gewonnen habe.

Zur Formel 1: In Spa sind an zwei Autos die Reifen geplatzt. Ist das akzeptabel?

Webber: Absolut nein. Seb hat zu 100 Prozent Recht. Ein Reifenplatzer darf nicht die Strafe dafür sein, dass du mit dem Reifen zu lange fährst. Du wirst langsamer, okay, aber du musst dir als Fahrer sicher sein, dass der Reifen dann noch hält. Wenn es stimmt, dass Pirelli eine Richtlinie von 40 Runden für einen Reifensatz ausgegeben hat, dann darf der Reifen nicht nach 28 Runden platzen. Das ist ein Unterschied von 12 Runden. Auf einer kürzeren Strecke wären das 20 Runden, um die man sich verschätzt hätte. Pirelli hat bis jetzt echt Glück gehabt. Schon damals in Silverstone. Erinnert euch an die Reifenfetzen von Bahrain, die Alonso um die Ohren geflogen sind. Nico Rosberg hatte einen bösen Unfall bei einem Bahrain-Test.

Muss die Formel 1 handeln?

Webber: Auf jeden Fall. Die Sicherheit steht bei der FIA an oberster Stelle. Sie tun wirklich alles dafür, sogar bis ins kleinste Detail. Du musst in fünf Sekunden aus dem Auto kommen, du hast HANS, du hast die Crashtests. Da kannst du bei einem so fundamentalen Teil wie den Reifen nicht die Augen zudrücken. Für den Fahrer ist ein Reifenplatzer ein Sicherheitsrisiko. Wir Fahrer können Fehler machen. Damit müssen wir leben. Aber wenn du nur noch Passagier bist aus einem Grund, den du nicht beeinflussen kannst, dann hört der Spaß auf. Fahrt mal mit 300 km/h durch Eau Rouge. Da will ich mich auf meine Reifen verlassen können. In beiden Fällen in Spa ist der Reifen ohne Vorwarnung geplatzt. Deshalb geht es nicht, Ferrari da die Schuld zu geben. Ich weiß, wie schmal der Grat ist. Stellt euch vor, wenn Seb die restlichen 12 Kilometer noch geschafft hätte und Dritter geworden wäre. Dann hätte sich Pirelli hingestellt und gesagt: Schaut her, wie toll unsere Reifen sind. Damit kannst Du auch mit einem Stopp auf das Podium fahren.

Pirelli sagt, sie bauen Reifen, die mehr Boxenstopps garantieren, damit die Show stimmt. Ist dieser Weg richtig?

Webber: Natürlich brauchst du Boxenstopps. Ich glaube auch, dass man Pirelli gebeten hat, entsprechende Reifen zu bauen. Doch das darf keine Entschuldigung dafür sein, dass die Reifen platzen, wenn man länger damit fährt. Ich glaube auch nicht, dass die Schäden etwas mit der Gummimischung zu tun haben. Das würde ja bedeuten, dass man mit Monaco-Reifen in Spa nur fünf Runden fahren könnte. Ich habe da eher die Konstruktion im Verdacht. Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Die Strafe für zu langes Fahren sollten langsamere Rundenzeiten sein, aber kein Defekt.

Nach dem tödlichen Unfall von Justin Wilson kommen die Diskussionen wieder hoch: Brauchen Monopostos ein geschlossenes Cockpit? Was meinen Sie dazu?

Webber: Was in den letzen 15 Jahren für die Sicherheit des Fahrers getan wurde, ist unglaublich. Der Nackenschutz HANS, der seitliche Cockpitschutz. Schaut euch den GP2-Crash in Spa an. Unglaublich, dass einer da lebend davonkommt. Das letzte Teil des Puzzles ist, wie wir verhindern können, dass herumfliegende Teile den Helm des Fahrers treffen. Kein Helm der Welt kann einem Objekt standhalten, wie das, was Wilson getroffen hat. Wenn du siehst, wie hoch die Fahrzeugnase abgeprallt ist, kannst du dir die Energie vorstellen, die da im Spiel war. Und ich bin sicher, dass Justin wegen des Unfalls vor ihm schon Fahrt herausgenommen hatte. Der Unfall führt aber auch zu einer anderen Frage: Können wir verhindern, dass eine Nase vom Auto wegfliegt? Ich bin nicht dagegen, dass man bei Monopostos noch etwas mehr Schutz für den Kopf des Fahrers anbringt. Ich habe ein paar Vorschläge gesehen. Sie sehen zwar verrückt aus, scheinen aber nicht so schlecht zu sein. Offenbar wollen sie keine geschlossene Kanzel wie bei den Sportwagen.

Fühlen Sie sich in ihrem geschlossenen Cockpit im Porsche 919 sicherer als im Formel 1-Auto?

Webber: Nicht wirklich. Ein Formel 1-Auto ist für mich schon extrem sicher. Das Gewicht spielt da eine große Rolle. Bei den Sportwagen ist deutlich mehr Masse unterwegs, wenn du abfliegst. Mein Crash letztes Jahr in Brasilien war bei weitem der schwerste, den ich je hatte. Hätte ein Dach Wilson geholfen? Schwer zu sagen. Ich habe Testreihen der FIA gesehen, wo ein Reifen gegen ein Cockpit mit Kanzel geprallt ist. Und da muss ich sagen: Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber mit Kanzel fahren. Die Unfälle von Massa und Wilson waren schon sehr ähnlich. Das Objekt muss eine bestimmte Höhe haben, um den Kopf überhaupt treffen zu können. Möglicherweise reicht es, genau in dieser Höhe einen Schutz anzubringen, wenn man unbedingt den Gedanken des offenen Cockpits beibehalten will. Das hätte vielleicht auch Maria de Villota gerettet. Bei Jules Bianchis Unfall bin ich mir nicht sicher. Ich glaube, gegen so einen Unfall kannst du dich nicht schützen. Da hättest du auch in einem Sportwagen Probleme bekommen.

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