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McLaren, Ferrari oder Lotus?

Neuer Gegner für Vettel gesucht

Lewis Hamilton Foto: dpa 120 Bilder

Die erste Testwoche ist vorbei. Was haben wir daraus gelernt? Red Bull ist gut gerüstet. McLaren und Ferrari müssen nachsitzen. Die Gegner für Sebastian Vettel könnten aus dem eigenen Lager oder von Lotus kommen.

15.02.2012 Michael Schmidt

Das sind die Fakten der ersten vier Testtage: 14.949 Kilometer, 3.380 Runden, 724 Reifen und eine Bestzeit, die ausnahmsweise nicht an Red Bull ging. Romain Grosjean fuhr mit 1.18,419 Minuten die schnellste Runde der neuen Autos. Für viele eine Überraschung. Man hatte sie weder dem neuen Lotus E20, noch dem Wiedereinsteiger Grosjean zugetraut.

Die McLaren-Presseabteilung war offenbar auch erstaunt. Im Pressebulletin vom dritten Testtag ist nicht Romain Grosjean eingetragen, sondern Kimi Räikkönen. Der war aber zu dem Zeitpunkt längst nach Hause geflogen. Die Testwoche von Jerez hat einige Fragen beantwortet, aber auch einige Antworten offen gelassen. Zum Beispiel die: Wer soll Sebastian Vettel am dritten WM-Titel hindern?

Sebastian Vettel über den neuen Red Bull RB8 2:09 Min.

Vettel-Konkurrenz geht volles Risiko

Die üblichen Verdächtigen Fernando Alonso, Lewis Hamilton und Jenson Button haben im Augenblick noch nicht das Auto dazu. Während Red Bull sein Erfolgskonzept weiterentwickelt hat, wollten Ferrari und McLaren das Rennauto mit riskanten Lösungen und alternativen Ansätzen neu erfunden. Dieser Schuss ging zunächst einmal nach hinten los. So macht man Vettel das Leben leicht.

Der neue Red Bull RB8 ist ein gutes Rennauto. Mark Webber vergleicht das erste Gefühl "mit dem RB7 in seinem Frühstadium". Nur die Standzeiten waren länger als im Vorjahr. Sebastian Vettel und Mark Webber kamen in Summe auf 297 Runden. Die beiden Lotus-Piloten spulten im gleichen Zeitraum 430 Runden ab.

Ansonsten machte der neue Red Bull, was die Windkanaldaten und Simulationen versprochen hatten. Die Rundenzeiten waren schnell und konstant. Das Auto ist berechenbar und reagiert logisch auf Abstimmungsänderungen. Man blickte in zufriedene Gesichter. "Ich bin happy mit der ersten Woche", kommentierte Vettel den Start in die neue Saison. "Natürlich ist weniger Grip da, aber daran gewöhnt man sich schnell."

Alonso trotz Showzeit langsamer als Lotus

Seine Hauptgegner dagegen sind mit gemischten Gefühlen aus Jerez abgereist. Ferrari hat eine Wundertüte. Ein Auto, das die Ingenieure und Fahrer noch kennenlernen müssen. Die Chronologie der schnellsten Runde von Fernando Alonso am Freitag zeigt, dass Ferrari den Spanier mit dem Auftrag einer Showzeit auf die Strecke geschickt hatte. Alonso rückte mit den weichen Reifen in den Morgenstunden aus, als die Bedingungen für Rekordrunden ideal waren.

Das Team brauchte eine Beruhigungspille, denn in der Heimat erhöhten die Medien bereits den Druck. Nehmen wir einmal den für Ferrari günstigsten Fall an: Alonso und Grosjean waren mit ähnlich wenig Benzin an Bord unterwegs. Alonso mit der Reifenmarke soft, Grosjean mit medium. Die Zeitdifferenz betrug 0,458 Sekunden. Dazu der Reifenvorteil. Dazu der Alonso-Faktor. Dann dürfte der Ferrari momentan eine Sekunde langsamer als der Lotus sein.

Ferrari F2012 zeigt sich zickig

Gegen einen Sebastian Vettel im Red Bull braucht auch Superstar Alonso ein Siegerauto. Der Ex-Champion muss beten, dass Ferrari im Datendschungel schnell die richtige Kombination findet. Zickige Rennautos müssen nicht unbedingt schlecht sein. Es gibt Beispiele, da ging die Post richtig ab, aber nur in einem ganz schmalen Abstimmungsfenster. Der Ferrari F2003-GA war so ein Auto. Oder der McLaren MP4-15 von 2000.

Dazu braucht es dann einen Fahrer im Cockpit, der sich bei dieser Gratwanderung wohlfühlt. Alonso wäre so einer. Felipe Massa würde sich wahrscheinlich schwer tun. Bei Ferrari hat man das Gefühl, dass der F2012 genau dieses Problem in sich trägt. Das Auto unterscheidet sich so sehr von seinen Vorgängern, dass Pat Fry, Nicolas Tombazis und Co. ihn erst entschlüsseln und das magische Fenster finden müssen.

Hat McLaren mit tiefer Nase Recht?

Bei McLaren liegt der Fall etwas anders. McLaren blieb sich treu. Seit Jahrzehnten tragen die Autos aus Woking die Nase tief. Also auch diesmal. Das Konzept ist anders als der Rest, aber nicht anders als das, was die McLaren-Techniker kennen. Aber ist es auch richtig? Lewis Hamilton äußerte in Jerez erstmals Zweifel: "Als ich sah, dass alle anderen Auto hohe Nasen haben, da stellt sich mir die Frage: Haben die Recht oder wir?"

Adrian Newey baut nicht umsonst ein Auto mit hoher Nase. Wenn er gekonnt hätte, wäre er der erste gewesen, der die Nase tief legt, nur um den schrecklichen Knick aus dem Chassis zu bekommen. Er sagt aber: "Seit der Regelreform 2009 macht nur noch die hohe Nase Sinn."

McLaren in dieser Saison ohne Supertrick

McLaren könnte in diesem Jahr von der Wirklichkeit eingeholt werden. Nämlich, dass der Erfolg der letzten drei Jahre einzig und allein daran lag, dass es immer einen Supertrick gab, der das Handikap der tiefen Nase kaschierte. 2009 den Doppeldiffusor. 2010 den F-Schacht. 2011 den angeblasenen Diffusor. Jetzt gibt es nichts mehr, das einem die Rundenzeit im XXL-Format schenkt. Jetzt sind klassische Designfeatures und Detailarbeit gefragt. Möglicherweise ist das der Todesstoß für die tiefe Nase.

Als Lewis Hamilton am Donnerstag seine persönlich schnellste Runde mit 1.19,464 Minuten drehte, da rutschte ihm der Satz heraus. "Wir waren mit dem Sprit aggressiv unterwegs." Das würde bedeuten: Der McLaren ist im Moment eine ganze Sekunde langsamer als der Lotus.

Spätestens in Barcelona werden Lewis Hamilton und Jenson Button wissen, wo die Reise hingeht. Dort könnte sich bestätigen, was Hamilton schon in Jerez auffiel: "In schnellen Kurven ist das Auto schwer zu kontrollieren." Da hört sich Vettels erste Diagnose ganz anders an: "In schnellen Kurven spüre ich den geringsten Unterschied zu früher."

Gefahr für Vettel durch Teamkollege Webber?

Wenn Alonso, Hamilton und Button als Gegner für Vettel ausfallen, müssen andere Namen her. Mark Webber zum Beispiel. Der Feind im eigenen Haus. Der Australier will es noch einmal wissen. "Ich fühle mich so stark wie noch nie." Manche werden sagen, dass David Coulthard und Rubens Barrichello sich früher auch immer mit solchen Sprüchen motiviert haben, doch dem WM-Dritten merkt man die neue Frische an. Es ist so etwas wie sein allerletzter Ansturm auf das große Ziel.

Webber gehört zu den Fahrern, die eine ganz große Leistung nur alle paar Jahre abrufen können und dazwischen ihre Ruhepausen brauchen. Damon Hill war auch so ein Fall. Der Weltmeister von 1996 hatte nicht die Energie eines Michael Schumacher, jedes Jahr top zu sein. Bei Webber stimmen die Vorzeichen. Er hat abgespeckt, das Auto hat abgespeckt. Damit wirkt sich der Gewichtsunterschied zu Vettel bei der Gewichtsverteilung nicht mehr so gravierend aus.

Vettel warnt vor Räikkönen

Sebastian Vettel hat auch ein Auge auf Kimi Räikkönen geworfen. "Wenn das Auto so gut ist wie es in Jerez den Anschein hatte, dann ist Kimi ein ernsthafter Gegner." Vettel kennt den Finnen. Räikkönen spielt in der Liga von Alonso, Hamilton und Button. Auch nach zwei Jahren Pause. Der hat den Speed, die Erfahrung, die Ruhe und den Biss, vor allem wenn das Auto passt.

Auch der Iceman kann seine Gefühle nicht ganz verstecken. Man merkte es ihm am Ende des ersten Testtages an. Räikkönen spürt, dass er in einem potenziellen Siegerauto sitzt. Jetzt kommt es nur darauf an, dass Lotus nicht die Weiterentwicklung verschläft. Denn aus dem Red Bull-Untergrund hört man bereits: Adrian Newey packt seinen Joker erst beim letzten Barcelona-Test im März aus.

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