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McLarens Unfall-Rätsel

Wer lügt im Fall Alonso?

GP Malaysia - Fernando Alonso - McLaren-Honda - Formel 1 - Donnerstag - 26.3.2015 Foto: xpb 24 Bilder

Fernando Alonsos Unfallschilderung hat viele Fragen beantwortet. Doch am Ende sind die Rätsel größer als vorher. Wer sagt die Wahrheit: Alonso oder McLaren? Oder passt doch alles in ein Puzzle, dass im Moment keiner versteht?

26.03.2015 Michael Schmidt

McLaren stolpert über seine eigene Pressepolitik. Das Team knausert mit Informationen, und wenn überhaupt kommen sie mit großer Verzögerung. Die richten dann am Ende mehr Schaden als Nutzen an. Das beste Beispiel dafür war der Testunfall von Fernando Alonso. Zuerst kam nichts. Dann die Aussage, dass nichts am Auto gebrochen sei. McLaren-Chef Ron Dennis tischte die Wind-Theorie als mögliche Unfallursache auf.

Auch über den Gesundheitszustand des Fahrers gab es widersprüchliche Aussagen. Zunächst hatte Alonso keine Gehirnerschütterung, dann doch eine. Das Team berichtete von einer kurzen Bewusstlosigkeit, wollte aber nicht sagen, ob sie vor oder nach dem Aufprall auftrat.

In der letzten Presse-Mitteilung von McLaren hieß es fast beiläufig, dass Alonso kurz vor dem Abflug eine schwergängige Lenkung rapportiert habe. Alonso stellte den Fall viel dramatischer dar: "Mitten in der Kurve ist plötzlich die Lenkung im Rechtseinschlag blockiert. Das Auto bog nach innen ab, ich habe vom fünften in den dritten Gang runtergeschaltet und hart gebremst, konnte den Aufprall aber nicht mehr verhindern." Alonso gab aber auch zu: "Die Daten zeigen das Problem nicht."

Was war komisch an den Daten, Herr Button?

Martin Brundle twitterte noch während der Pressekonferenz von Alonso: "Jetzt bin ich noch ratloser als vorher." Nach Alonsos Unfallschilderung muss sich jeder neutrale Beobachter die Frage stellen: Wer lügt hier: Das Team oder der Fahrer?

Der Reihe nach: Ist es möglich, dass die Lenkung blockiert, ohne dass auf den Daten etwas davon zu erkennen ist? Experten sagen nein. Selbst wenn McLaren eine vorsintflutliche Sensorik im Lenksystem hätte, muss der Lenkeinschlag von Anfang bis Ende auf den Daten zu erkennen sein.

Die Ingenieure nutzen diese Information täglich, um etwas über das Fahrverhalten des Autos herauszulesen. Einzig denkbar ist, dass die Daten nicht verraten, warum die Lenkung blockierte. Aber auch das ist bei einem Top-Team wie McLaren höchst unwahrscheinlich.

McLaren sagt ganz offenbar die Wahrheit, wenn man behauptet, dass nichts am Auto gebrochen sei, was ein Versagen der Lenkung verursacht hätte. Das wird sowohl von Fernando Alonso, als auch von Jenson Button bestätigt: "Die Daten sind eindeutig. Ich jedenfalls hatte weder Angst noch Zweifel, in dieses Auto wieder einzusteigen", sagt Button.

Andererseits hatte Button gleich nach dem Unfall davon berichtet, dass er an den Daten etwas Seltsames entdeckt habe. Der Engländer bleibt nach Anfrage von auto motor und sport bei dieser Aussage. "Ja, da war etwas komisch. Ich kann euch aber nicht sagen, was."

Video und Fotos sprechen für Alonso

Andererseits stützen die Filmaufnahmen der Streckenkamera und die Fotos kurz nach dem Einschlag eher Alonsos Version. Ein Augenzeuge des Videos verriet uns: "Es sieht so aus, als würde Alonso immer weiter nach rechts lenken, selbst als die Kurve schon aus war. Er hätte da eigentlich die Lenkung wieder gerade ausrichten müssen. Stattdessen fährt er weiter nach innen auf die Mauer zu. Und obwohl er sehr langsam unterwegs ist, macht er keine Anstalten von dieser Mauer wegzulenken."

Fotos zeigen, dass am McLaren nach dem ersten Aufprall beide Vorderräder nach innen zeigen. Martin Brundle wundert sich: "Das spricht gegen eine Bewusstlosigkeit. Wenn Fernando unter der Fahrt ohnmächtig geworden wäre, dann hätte es die Lenkung wieder gerade ausgerichtet. Das ist Physik."

Die Fotos sind aber auch nicht der ultimative Beweis dafür, dass die Lenkung im Rechtseinschlag blockierte, wie ein FIA-Experte ausführte: "Wenn beim ersten Aufprall das rechte Vorderrad von der Mauer nach innen gedrückt wurde, dann zieht es das linke Vorderrad über die Lenkung mit."

Wie also ist dieser Widerspruch zu erklären? Auch hier müssen wieder Experten herhalten, die wegen des weiterhin ungeklärten Falles nicht genannt werden wollen. "Es ist möglich, dass der Hydraulikdruck wegblieb und Fernando die plötzlich ausfallende Servolenkung als ein Blockieren interpretierte. Vielleicht hat er in diesem Augenblick nach unten auf das Lenkrad geschaut und erst gar nicht darauf reagiert, dass sein Auto nach innen Richtung Mauer fuhr. Plötzlich war die Mauer da. Und jetzt ist er zu stolz, das zuzugeben."

Bewusstlos erst im Krankenwagen

Auch die Informationspolitik über Alonsos Gesundheitszustand war alles andere als professionell. Es ist nun eine gesicherte Erkenntnis, dass der Spanier beim Aufprall eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Konfusion gibt es weiterhin um die Bewusstlosigkeit und die Erinnerungslücken.

Alonso beteuert, jede Sekunde des Unfalls bei vollem Bewusstsein erlebt zu haben. "Wäre ich ohnmächtig geworden, wäre ich nach außen abgedriftet. Und wie kann ich dann eigenhändig den Funk ausschalten und den Hauptschalter umlegen, der das ERS lahmlegt?"

Der McLaren-Pilot glaubt: "Ich habe das Bewusstsein entweder im Rettungswagen oder dem Streckenhospital verloren. Die Ärzte haben mir gesagt, dies sei normal, weil ich Medikamente bekam, die mich sediert haben. Die sind auch für meine Erinnerungslücken verantwortlich. Mir fehlen vier Stunden am Nachmittag."

Dieses Statement wird von Alonsos Arzt Aki Hintsa untermauert. "Fernando wurde sediert, weil sich die Ärzte an der Strecke nicht sicher waren, wie viel der Kopf abgekriegt hat. Da geht man auf Nummer sicher. Wenn die Körperfunktionen durch das Sedieren heruntergefahren werden, ist die Gefahr einer Hirnschädigung geringer."

McLaren war über die Aussagen seines Fahrers jedenfalls überrascht. Die Pressepolizei des Teams ging davon aus, dass der Fahrer in der Pressekonferenz die Unversehrtheit des Autos bestätigen würde. Stattdessen kam er mit einer Unfallbeschreibung daher, die sich fast wie eine Anklage liest.

McLaren-Chef Ron Dennis steht plötzlich in einem Licht da, in das er nicht gerückt werden will. Er wird erklären müssen, warum er nur die halbe Wahrheit erzählt hat. Oder, dass sein Fahrer die Dinge falsch dargestellt hat. Wir haben das Gefühl: Diese Komödie geht noch in eine weitere Runde

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