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Ex-Fahrer zur F1-Fanumfrage

"Formel 1 muss Seifenoper sein"

Brundle & Coulthard - GP Kanada 2015 Foto: xpb

Die Formel 1-Fanumfrage der Fahrergewerkschaft GPDA brachte einige interessante Erkenntnisse. Wir haben Ex-Formel 1-Piloten gefragt, was sie von den Ergebnissen halten. David Coulthard kritisiert dabei die Teams, die nicht zuhören wollen.

09.07.2015 Michael Schmidt

215.000 Formel 1-Fans aus 194 Ländern haben abgestimmt. Die Ergebnisse gibt es >> hier zum Nachlesen. Wir haben in Silverstone fünf ehemalige Formel 1-Piloten und aktuelle TV-Experten gefragt, was sie von der Kritik und den Wünschen der Fans halten. Und was sie an den Charts am meisten überrascht hat. Hier ihre Antworten.

David Coulthard: "Sie kochen, was sie wollen"

David Coulthard ist von 1994 bis 2008 in der Formel 1 gefahren und hat 13 Grand Prix gewonnen. Heute arbeitet er als Experte für die BBC. Der Schotte nimmt die Teams unter Beschuss: "Vor der Kamera sagen die Teamchefs, dass ihnen die Wünsche der Fans wichtig sind. Tatsächlich nehmen sie keine Notiz. Mit dem Argument, dass die Fans die Details nicht verstehen. Sie kommen mir vor wie ein Restaurantbesitzer, der seine Kunden fragt, was sie am liebsten essen. Am Ende kocht er doch, was er will."

"Wenn sich die Teams nicht von ihrer eigenen Agenda wegbewegen und versuchen das große Bild zu sehen, wird nie etwas passieren. Was sagt uns Kimi Räikkönen als beliebtester Fahrer? Die Leute wollen Charakterköpfe sehen. Menschen mit Ecken und Kanten. Eine Formel 1-Saison muss wie eine Seifenoper sein. Mit allem drin, was zum Motorsport gehört. Siege, Niederlagen, Pannen, Fehler, Unfälle, Kontroversen. Perfektion ist langweilig."

Jacques Villeneuve: "Machen die keine Marktforschung?"

Jacques Villeneuve ist von 1996 bis 2006 in der Formel 1 gefahren, hat 11 Grand Prix gewonnen und wurde 1997 Weltmeister. Der Kanadier arbeitet für Sky Italia und Canal + als Experte und sieht das Votum für Kimi Räikkönen, Fernando Alonso und Jenson Button als Absage an den Jugendwahn: "Wer sind die drei beliebtesten Fahrer? Die drei mit der meisten Erfahrung. Das spricht ganz klar gegen den Trend, immer jüngere Piloten in die Formel 1 zu bringen. Die Leute wollen Fahrer, die eine Geschichte zu erzählen haben. Mich wundert, dass die Teams das nicht begreifen. Machen die keine Marktforschung?"

"Überrascht hat mich, dass die Fans für einen Reifenkrieg sind. Ich denke genauso. Er würde der Formel 1 gut tun. Bei Tankstopps bin ich unentschieden. Ich fürchte, die Rennen werden dadurch nicht besser. Lautere Motoren halte ich für überbewertet. Wenn die Rennen gut wären, würden sich die Leute über den Sound der Motoren auch nicht beschweren. Was ich gar nicht verstehe ist, dass so viele für eine Budgetdeckelung gestimmt haben. Man sollte die Schlechten auf das Niveau der Guten bringen und nicht umgekehrt."

Damon Hill: "Machen Rolling Stones eine Fanumfrage?"

Damon Hill ist von 1992 bis 1999 in der Formel 1 gefahren, hat 22 Grand Prix gewonnen und wurde 1996 Weltmeister. Er gehört zum Expertenteam von Sky England. Der Sohn von Graham Hill sieht die Fanumfrage als ein Zeichen der Schwäche: "Ich wundere mich, warum unser Sport eine Fanumfrage braucht. Haben Sie schon mal gehört, dass die Rolling Stones eine Fanumfrage machen? Ein Sport sollte selbst wissen, was zu tun ist."

"Wenn du mit Macht nach Popularität strebst, drehst du dich im Kreis. Für mich liegt das Hauptproblem darin, dass die Formel 1 heute mehr eine Konstrukteurs-Weltmeisterschaft als eine Fahrer-Weltmeisterschaft ist. Das zeigt sich schon an der Größe der Teams. In der guten alten Zeit war der Fahrer einer von 12 Angestellten. Heute ist es einer von 1200."

"Viele Dinge sind nicht gut genug erklärt. Beispiel Tankstopps. Die Fans scheinen sie zu faszinieren, obwohl sie schlechtere Rennen bringen. Ein großes Problem ist auch, dass es keine Überraschungen mehr gibt. Das Kräfteverhältnis ist festgefahren, und es fallen kaum noch Autos aus."

Christian Danner: "Fans widersprechen sich"

Christian Danner ist von 1985 bis 1989 Formel 1 gefahren. Der heutige RTL-Experte stellt fest, dass sich die Wünsche der Fans widersprechen: "Viele der Befragten merken nicht, dass das, was sie da fordern nicht das ist, was sie gerne hätten. Wenn sie sich einen Reifenkrieg und Tankstopps zurückwünschen, dann bewirkt es das Gegenteil dessen, was sie an anderer Stelle wollen: Nämlich spannendere Rennen."

"Die Umfrage war ein Forum für Hardcore-Fans. Von den 8 Millionen, die sich zu Schumi-Zeiten in Deutschland die Formel 1 angeschaut haben, hat sich der Großteil nicht für den Reifenkrieg interessiert. Für sie war wichtig, dass Schumacher gewonnen hat. Und er hat aus ihrer Sicht gewonnen, weil er schneller gefahren ist als alle anderen. Reifenkrieg hin oder her. Was zeigt: Der Fahrer sollte das wichtigste Element in dem ganzen Paket sein."

"Wundert es mich, dass Kimi vor Alonso und Button in der Beliebtheitsskala vorne liegt? Überhaupt nicht. Kimi und Fernando sind Typen. Bei Button spielt sicher auch die Freundin mit rein. Sebastian Vettel findet außerhalb der Rennstrecke nicht statt. Das ist die Quittung dafür. Hamilton bedient eine Klientel, die in Fanumfragen nicht zu finden ist. Und Rosberg ist keiner, den man vergöttern kann."

Martin Brundle: "Jede Maßnahme hat eine Nebenwirkung"

Martin Brundle ist von 1984 bis 1996 Formel 1 gefahren. Heute arbeitet er für den englischen Bezahlsender Sky. Er warnt davor, Fanwünsche zu erfüllen, ohne sie zu hinterfragen. "Wir sind alle Formel 1-Fans. Auch wenn wir im Fahrerlager arbeiten. Eigentlich sollten wir die Antworten wissen. Natürlich ist es interessant herauszufinden, wie die Fans auf den Tribünen und am Fernsehschirm denken. Doch die Ergebnisse sind mit Vorsicht zu genießen. Als Zuschauer tut man sich schwer, die Konsequenzen einer Entscheidung zu erkennen. Jede Maßnahme hat eine Nebenwirkung, weil der Sport so komplex ist. Wer Tankstopps fordert, handelt sich langweilige Rennen ein.

"Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, müssen wir Experten fragen, die unabhängig sind und keine Teambrille aufhaben. Also Leute wie Ross Brawn. Dazu muss ein schlankes System geschaffen werden, das schnell Entscheidungen treffen kann. Es macht keinen Sinn, die Teams zu fragen. Sie haben zu viele Eigeninteressen. Bei der Fahrerbewertung wundert mich, dass es Lewis nicht in die Top 3 geschafft hat. Er ist ein Typ. Kimi ist aus PR-Sicht ein Alptraum. Aber offenbar haben die Fans ein Herz für Rebellen."

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