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Mercedes GP enthüllt Strategie in Valencia

Das war unsere Schumi-Taktik

Michael Schumacher Foto: Mercedes GP 33 Bilder

Mercedes GP hat auf die Kritik von auto motor und sport reagiert und Gründe für die Schumacher-Taktik in Valencia geliefert. Die offizielle GPS-Messung war im betreffenden Bereich ausgefallen, was zu falschen Schlüssen führte. Ross Brawn erklärt, was wirklich geschah.

29.06.2010 Michael Schmidt

Es ist ein Detektivspiel mit vielen Fallen. Warum ging Michael Schumacher in der elften Runde des GP Europa zum Reifenwechsel an die Box? Warum blieb er nicht mit seinen harten Reifen wie Kamui Kobayashi auf der Strecke, um am Ende des Rennens seinen Pflichtboxenstopp abzuspulen? Einhellige Meinung im Fahrerlager war: ein Strategiefehler.

Die Abschnitts- und Rundenzeiten der so genannten "Race History" und die offizielle GPS-Navigation schienen dies zunächst zu bestätigen. Deshalb prasselte auf die Mercedes-Strategen auch Kritik ein. Teamchef Ross Brawn hält die Vorwürfe für ungerechtfertigt und legte seine Version dar, warum Schumachers Boxenstopp durchaus Chancen auf Erfolg hatte.

Brawn rechtfertigt Schumacher-Taktik

"Vielleicht nicht gerade auf Platz drei, wohl aber auf ein deutlich besseres Ergebnis." Der Knackpunkt in der ersten Analyse von auto motor und sport liegt nach Brawns Meinung darin, dass die Positionen von Michael Schumacher und Kamui Kobayashi kurz vor dem Boxenstopp des Mercedes-Piloten auf dem offiziellen GPS-Ausdruck nicht richtig wiedergegeben worden sind, weil es im hinteren Teil der Strecke Datenausfälle gab. Außerdem war anhand der Race History nicht ersichtlich, aus welchem Grund sich der Abstand zwischen Schumacher und Kobayashi in jener entscheidenden Runde derart vergrößerte, dass die Mercedes-Strategen von einer echten Chance für Schumacher ausgehen mussten.

auto motor und sport liegt mittlerweile die Dokumentation der Strategieexperten von Mercedes GP vor. Zunächst werden die Informationen der Zeitnahme beim Passieren der Ziellinie in Runde 10 ausgewertet. Da überfährt Schumacher den Zielstrich mit 3,7 Sekunden Vorsprung auf Kobayashi, also viel zu knapp, um Hoffnung zu haben, aus einem frühen Boxenstopp Nutzen zu ziehen.

Kobayashi-Fehler entscheidend für Boxenstopp

Dann passiert etwas, das keine TV-Kamera eingefangen hat und nur die interne Zeitnahme der Teams auflösen kann. Am Ende von Sektor 1 der elften Runde hat sich Schumachers Vorsprung auf 5,9 Sekunden vergrößert. Bei Überfahren von Sektor 2 beträgt der Abstand zwischen dem Mercedes und dem Sauber bereits 11,2 Sekunden. Kobayashi hatte zu dem Zeitpunkt elf Autos im Nacken, von Jenson Button bis Vitantonio Liuzzi. Sie durften wegen der Safety-Car-Phase den Sauber nicht überholen.

Die Frage, warum Kobayashi in dieser Phase so langsam unterwegs war, während Schumacher im Renntempo fuhr, erklärt sich so: Der Japaner dachte, er müsse bei einer Safety-Car-Phase einen gewissen Zeitrahmen einhalten, der etwa 20 Prozent über der normalen Rundenzeit liegt. Da er aber nach Beginn der Safety-Car-Phase die Boxenausfahrt längst passiert hatte und sowieso keinen Boxenstopp plante, war für ihn diese Regel völlig irrelevant.

GPS fällt im ungünstigsten Zeitpunkt aus

Hier wurde der Plan geboren, Schumacher an die Boxen zu holen. "Wir mussten davon ausgehen, dass sich die Lücke weiter öffnet", erklärt Brawn. Der nächste Messpunkt ist die Ziellinie. Hier fehlt die Zeit von Schumacher logischerweise, denn der Mercedes steht zum Reifenwechsel an der Box, hat innerhalb der Boxengasse zwar den Zielstrich überquert, was aber in der Race History nicht mit einer Zeit sondern nur dem Hinweis "PIT" dokumentiert wird.

Die offizielle GPS-Position der 24 Autos zu diesem Zeitpunkt erweckt den Eindruck, dass der Abstand wesentlich geringer als die nötigen 19 Sekunden war, um vor dem Sauber wieder auf die Strecke zu gehen. Ross Brawn korrigiert: "Das offizielle GPS-System hatte in dem letzten Streckensektor Ausfälle. Michaels Position blieb eine Zeitlang in Kurve 17 hängen, bis sie urplötzlich auf Kurve 25 sprang. So könnte man glauben, dass Kobayashi näher an Michael dran war, als es tatsächlich der Fall gewesen ist."

Sauber bemerkt Kobayashi-Fehler

Mercedes verlässt sich für derartige Fälle auf seine eigene GPS-Navigation, die bei Fehlern der offiziellen sofort die richtigen Daten liefert. Darauf ist zu sehen, dass sich Schumacher am Anbremspunkt der Zielkurve befindet, die zugleich Boxeneinfahrt ist. Kobayashi fährt zum gleichen Zeitpunkt zwischen den Kurven 18 und 19. Für die Mercedes-Strategen war es das Risiko wert, Schumacher an die Box zu holen, weil aus ihrer Sicht das Feld nicht komplett hinter dem Safety Car aufgereiht war und deshalb die Boxenausfahrt nicht gesperrt werden durfte.

Was Mercedes nicht wissen konnte ist, dass Sauber nach dem zweiten Streckensektor den Fehler bemerkt und Kobayashi angewiesen hatte, wieder Vollgas zu geben. Deshalb hat sich in Sektor 3 Schumachers Vorsprung auch nicht mehr dramatisch vergrößert. Das Mercedes GPS-System liefert lediglich die Information, dass Lewis Hamilton ausgangs Kurve 25 einen Vorsprung von 18,8 Sekunden auf den Sauber-Piloten hatte. Auf diese Zeit bezog sich Mercedes bei seiner Strategiekalkulation. Der Wert schrumpfte dann noch bis zum Zielstrich auf 16,257 Sekunden zusammen, weil Vettel und Hamilton hinter dem dort wartenden Safety-Car erst einmal eingebremst wurden.

Brawn beklagt erneut rote Boxenampel

Die Lücke zwischen dem Safety-Car, Vettel und Hamilton zu Kobayashi und dem Rest des Pulks ist für Brawn der Beleg dafür, dass die Boxenampel auf Grün hätte bleiben müssen, als Michael Schumacher wieder auf die Strecke wollte. Er zitiert den relevanten Paragraph im Regelbuch: "Wenn das Safety-Car im Einsatz ist, dürfen die Autos an die Box gehen und das Rennen wieder aufnehmen, solange die Boxenampel grünes Licht zeigt. Das ist immer der Fall, außer wenn das Safety-Car und der Pulk von Autos dabei sind die Boxenausfahrt zu passieren."

Es gibt aber zu dieser Regel seit geraumer Zeit noch eine so genannte Klarstellung, die besagt: "Die Ampel wird auf Rot geschaltet, wenn das Safety-Car den Bereich zwischen den Safety-Car-Linien 2 und 1 erreicht hat." Das war der Fall, denn Bernd Mayländer wartete auf der Zielgeraden auf die Spitze des Feldes mit Vettel und Hamilton. Brawn gibt zu, dass hier wieder einmal ein Fall von Zweideutigkeit vorliegt: "Die Regel sagt nicht genau aus, ob es sich um einen oder mehrere Pulks handeln muss. Unserer Meinung nach lag zwischen Hamilton und Kobayashi eine genügend große Lücke, um Michael wieder aus der Box zu lassen. Wir sahen uns in unserer Ansicht auch deshalb bestätigt, weil die Ampel wieder auf Grün stand, als sich das Safety-Car mit Vettel und Hamilton im Schlepptau in Marsch gesetzt hatte."

Dritter Platz für Schumacher unrealistisch

Ross Brawn will mit seiner Analyse darauf hinweisen, dass er nicht mit falschen Fakten gehandelt habe, um die Strategie schön zu reden. "Wir gingen davon aus, dass wir uns durch den Boxenstopp in Runde 11 einen Vorteil gegenüber der Lösung verschaffen, Michael bis kurz vor Schluss auf der Strecke zu lassen, um dann unseren Pflichtboxenstopp durchzuziehen. Die Kritik an unserer Strategie basiert auf falschen GPS-Daten."

Die TV-Bilder belegen allerdings auch, dass die Hoffnung von Mercedes-Rennleiter Norbert Haug etwas zu optimistisch war, Schumacher mit diesem Coup auf Platz drei vorzubringen. Als Schumacher aus seiner Box losfährt, überquert Kobayashi auf der Rennstrecke im Renntempo gerade den Zielstrich. Wie die Race History eindeutig aufzeigt, folgen ihm Jenson Button, Rubens Barrichello, Robert Kubica, Sebastien Buemi, Nico Hülkenberg, Fernando Alonso, Pedro de la Rosa, Vitaly Petrov, Nico Rosberg und Vitantonio Liuzzi in einem dichten Pulk.

Safety-Car-Thema soll diskutiert werden

Schumacher hatte von seiner Box bis zur offiziellen Boxenausfahrt mindestens noch 50 Meter mit Tempo 60 zurückzulegen, und er hätte dann auch erst beschleunigen müssen, bis er den Punkt erreicht, wo er sich ins Feld hätte einreihen können. "Wo genau, das ist Spekulation", gibt Ross Brawn zu. Er glaubt Platz fünf bis sechs wäre möglich gewesen. Das hätte am Ende des Rennens allerdings wieder für Zündstoff gesorgt. Die Fahrer direkt hinter Schumacher hätten sich vermutlich beschwert, dass der Deutsche sie beim Einreihen überholt hätte, was in einer Safety-Car-Phase nicht erlaubt ist.

Aus diesem Grund hat die FIA die Rote-Ampel-Regel für den Fall geschaffen, um zu vermeiden dass ein Fahrzeug aus der Boxengasse kommend sich während einer Safety-Car-Phase in den laufenden Verkehr einfädelt. Ross Brawn verrät: "Über diese Punkte wird am Mittwoch (7.7.) vor Silverstone im Rahmen einer Teammanager-Sitzung gesprochen. Es gibt da zu viele offene Fragen, die man so oder so auslegen kann." Die Fans werden sagen: Muss die Formel 1 so kompliziert sein.

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