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Mercedes-Prozess geht weiter

Urteil wird am Freitag gefällt

FIA Mercedes Prozess Foto: xpb 8 Bilder

Nach einem Verhandlungsmarathon über 7 Stunden und 18 Minuten über den vermeintlich illegalen Reifentest von Mercedes im Auftrag von Pirelli kam es zu keiner Entscheidung. Der Vorsitzende Richter Edwin Glasgow kündigte das Urteil für den Freitag, den 21. Juni 2013 an.

20.06.2013 Michael Schmidt

Mercedes und Pirelli müssen also noch zittern. In ihren Plädoyers hatten die FIA, Mercedes und Pirelli noch einmal ihre Standpunkte vertreten. Für FIA-Anwalt Mark Howard hat sich Mercedes eindeutig in zwei Fällen schuldig gemacht. Der Reifentest vom 15. bis zum 17. Mai stand im Widerspruch dem Internationalen Sportgesetz in Artikel 22.4,h, weil er mit einem Auto des Jahrgangs 2013 durchgeführt worden sei und nicht wie im Fall von Ferrari mit einem zwei Jahre alten Fahrzeug. Außerdem sei aufgrund der Aussagen von Mercedes-Teamchef Ross Brawn zweifelsfrei erwiesen, dass Mercedes bei dem Test Informationen erhalten habe, die man nach Artikel 1.5.1,c des Sportgesetzes als unfaire Vorteilsnahme bewerten könne.

FIA-Anwalt verzichtet beim Merecedes-Prozess auf öffentlichen Strafantrag

Sämtliche Vergleiche mit ähnlich gelagerten Testfahrten von Ferrari oder der Versuch, die Interpretation von FIA-Rennleiter Charlie Whiting als verbindliche Zusage für diesen Test zu heranzuziehen, schweifen nach Ansicht von Howard vom Thema ab. Pirelli wiederum habe an einem Test teilgenommen, der nach den FIA-Statuten illegal war und habe sich deshalb ebenfalls zu verantworten. Der FIA-Ankläger hat sich in der Verhandlung nicht öffentlich auf ein mögliches Strafmaß für Mercedes und Pirelli geäußert. Er deutete jedoch Richter Glasgow an, dass er in seiner Unterlassung auf mögliche Bestrafungen Bezug nehme und auch darauf, wie die FIA das Vergehen im Vergleich zu anderen in der Vergangenheit einordne.

Pirelli hält sich für nicht schuldig

Pirelli lehnt jede Verantwortung ab. Das Tribunal sei der falsche Ort, Pirelli anzuklagen, behauptet Anwalt Dominique Dumas. Der Verband könne bestenfalls auf Basis seines Ausrüster-Vertrages mit Pirelli nach französischem Recht vor dem Tribunal de Grande Instance de Paris gegen den Reifenhersteller vorgehen. Die FIA könne aber nicht beweisen, dass Pirelli unfair gehandelt hat. Anwalt Dumas sagt: "Pirelli liefert an alle Teams das gleiche Produkt. Wir haben kein Interesse, ein Team zu bevorzugen, weil wir immer der Sieger sind."

FIA-Anwalt Howard antwortet Pirelli, dass jeder Ausrüster sich wie jeder Bewerber dem Sportgesetz zu unterwerfen habe, Pirelli also sehr wohl haftbar zu machen sei. Bei der Frage nach dem 2013er Auto gibt Pirelli Mercedes Rückendeckung. Mercedes hat zunächst ein 2011er Auto angeboten, ist davon aber abgerückt, weil das Auto nicht einsatzbereit gewesen sei. Daraufhin wurde der Einsatz des 2013er Autos in Erwägung gezogen. Pirelli machte gegenüber der FIA klar, dass ein 2011er Auto den Testzweck nicht erfüllt hätte. Der Reifenhersteller bestätigte außerdem den von Mercedes angeführten Mailverkehr mit FIA-Rennleiter Charlie Whiting und FIA-Rechtsbeistand Sebastien Bernard zur Bewilligung dieses Tests. FIA-Anwalt Howard hatte lediglich von Telefonaten gesprochen.

Pirelli gibt im Prozess Mercedes Rückendeckung

Mercedes erinnert in seinem Plädoyer noch einmal daran, dass der Test von Pirelli organisiert gewesen sei. Mercedes sei lediglich Ausrüster oder ein Agent für Pirelli gewesen. Pirellis Vertrag mit der FIA, der außerordentliche Reifentestfahrten bei Zustimmung der Behörde erlaubt, schreibe niemandem den Einsatz eines bestimmten Autos oder bestimmter Fahrer vor. Er verpflichte die beteiligten Parteien noch nicht einmal, die anderen Teams darüber zu informieren. Die Bedingung, dass Pirelli den Konkurrenzteams die gleiche Testmöglichkeit einräumen müsse, sei von Charlie Whiting nach Anfrage bei FIA-Rechtsbeistand Sebastien Bernard gegeben worden. "Es war die Verantwortung von Pirelli dies zu tun", behauptet Mercedes-Anwalt Paul Harris, konnte aber ein Mail präsentieren, indem sich Ingenieur Andrew Shovlin bei seinen Pirelli-Kollegen erkundigt, ob die Einladung an andere Teams erfolgt sei. Harris räumt gleichzeitig ein, dass Pirelli der Pflicht der Einladung nachgekommen sei. "Es gibt ein entsprechendes Rundschreiben vom März 2012 und eine Erinnerung vom 2. Juni 2013. Ferrari hat das Angebot in zwei Fällen wahrgenommen, und alle anderen Teams können das noch tun. Von einer verpassten Gelegenheit kann keine Rede sein."

Für Ferrari trifft Vorteilnahme nicht zu

Mercedes-Anwalt Harris wehrt sich entschieden dagegen, dass sich Mercedes einen unfairen Vorteil verschafft habe. Die ermittelten Testdaten seien wertlos gewesen, weil sie nicht mit den verwendeten Reifentypen in Zusammenhang zu bringen waren. Kollege Howard hackt auf der Aussage von Ross Brawn herum, dass man bei jeder Probefahrt auf der Strecke Erfahrungen über die Standfestigkeit bestimmter Komponenten mache. Dies sei unausweichlich, aber keine große Hilfe, weil heute die Anzahl der Testkilometer nicht mehr in Zusammenhang mit der Zuverlässigkeit des Autos stünden. Wenn das Gericht einen Vorteil für Mercedes sehe, dann müsse das in doppeltem Sinne für Ferrari gelten, die gleich zwei Testfahrten mit einem Stammfahrer durchgeführt und dabei mit Pirelli viel weitergehend über die Daten diskutiert hätten. Außerdem habe Ferrari eine eigene Test-Agenda gehabt. Dieser Punkt wird von FIA-Mann Howard entkräftet: "Mercedes hat sich unserer Meinung nach einer Verletzung von Artikel 22.4. schuldig gemacht. Erst dann wird Punkt 1.5.1. relevant, der Mercedes die Erlangung eines unfairen Vorteils beschuldigt. Ferrari hat nach unserer Ansicht legal getestet. Demzufolge trifft die Vorteilsnahme auch nicht zu. Herr Harris versucht hier vom Thema abzulenken."
 

Mercedes hat "in guter Absicht gehandelt"

Mercedes hat nach eigener Aussage alles getan, um sich für diese Testfahrten abzusichern. Man habe im Dienste der Sicherheit gehandelt. Dass es Bedenken um die Sicherheit der Pirelli-Reifen gegeben habe, beweisen ein Schreiben der Fahrergewerkschaft GPDA an die FIA und ein Brief der FIA an Pirelli, in dem nachgefragt wird, ob Pirelli den Einsatz sicherer Reifen für den GP Kanada garantieren könne. In dem Schreiben wird explizit auf die Delaminierung der Reifen Bezug genommen. Mercedes war zwei Mal Opfer solcher Reifenschäden. Ingenieur Andrew Shovlin führte in einem Beweisdokument aus, dass die Ergebnisse dieses Reifentests deshalb zum Wohle alle Teams gewesen seien. Nicht nur Mercedes habe davon profitiert, dass Pirelli sein Reifenproblem lösen konnte. Ross Brawn bilanziert: "Wir haben in guter Absicht gehandelt."

Welche Rolle spielt Charlie Whiting beim Mercedes-Prozess?

FIA-Anwalt Mark Howard widerspricht. "Charlie Whiting kann nur eine Meinung abgeben. Sie muss nicht automatisch ein bestehendes Gesetz außer Kraft setzen." Richter Glasgow richtet an Mercedes eine entscheidende Frage: "Haben Sie Charlie Whiting gefragt, ob der Test gemäß von Artikel 22.4. möglich sei, oder wollten Sie Klarheit darüber, ob der Vertrag zwischen Pirelli und FIA diesen Test gestattet?" Harris antwortet, dass Mercedes von Whiting nicht erwartet habe, ein Sportgesetz außer Kraft zu setzen oder darüber zu entscheiden. Für Mercedes sei der Punkt des Sportgesetzes nicht relevant gewesen, weil man der Meinung war, dass in diesem Fall Pirelli der Veranstalter war, womit Artikel 22.4. nicht zur Anwendung käme.

Mercedes-Anwalt wird zum zahnlosen Tiger

In den letzten Minuten des Plädoyers ändert sich der Tonfall von Mercedes-Anwalt Harris. Seine zunächst sehr bissig vorgetragenen Statements klingen nach einer kurzen Konsultation mit seiner Kollegin Caroline McGrory plötzlich wachsweich. Es klingt fast so, als bitte Harris um Gnade, als er als einzig mögliche Bestrafung eine Verwarnung vorschlägt. "Wenn wir nach Meinung des Gerichts etwas falsch gemacht haben sollten, entschuldigen wir uns und werden unsere Lehren daraus ziehen. Wir wollen darauf hinweisen, dass wir im Sinne der Sicherheit gehandelt haben, und dass dem Mutterkonzern Daimler sportliche Integrität sehr wichtig ist." Sollte es doch zu einer Sportstrafe kommen, hat Harris ebenfalls schon einen Vorschlag bereit. Man könnte Mercedes die Teilnahme an dem Young Drivers-Test im Juli verbieten. Der Schaden an diesem Dreitages-Test nicht teilnehmen zu dürfen, sei unverhältnismäßig größer als drei Tage für Pirelli Reifen zu testen. Welches Urteil das Schiedsgericht auch immer fällt, Mercedes und Pirelli können dagegen in Berufung gehen. Diese fände dann vor dem FIA-Berufungsgericht statt.

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