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Das Mercedes-Rätsel

Weltmeister-Team ist ratlos

Lewis Hamilton - GP Singapur 2015 Foto: Wilhelm 54 Bilder

Mercedes fiel in Singapur von einem Extrem ins andere. Aus einer Sekunde Vorsprung wurden quasi über Nacht anderthalb Sekunden Rückstand. Und keiner wusste warum. Sicher war nur eines: Die Reifen sind schuld. Doch die Messwerte geben keine Antwort.

23.09.2015 Michael Schmidt

Es war das Rätsel des Wochenendes. Die Frage, warum Mercedes so langsam war, beschäftigte der Formel 1-Zirkus mehr als die Erklärung für die starke Form von Ferrari und Red Bull. Die lag zum Teil auf der Hand. Bei Mercedes waren selbst die eigenen Ingenieure ratlos. "Ich hör gar nimmer hin. Die Herren Techniker drehen sich im Kreis", winkte Niki Lauda desillusioniert ab.

Mercedes hat nicht einfach so verloren. Lewis Hamilton und Nico Rosberg waren chancenlos. Im Training um 1,5 Sekunden deklassiert. Im Rennen schrumpfte die Differenz auf sieben Zehntel. "Vettels Tempo war für uns aber unerreichbar. Mit mehr Benzin im Tank fiel der Rückstand etwas erträglicher aus", gab Strategiechef James Vowles zu.

Auto, Motor und Fahrer standen nicht im Verdacht. "Bei einem so großen Rückstand gibt es nur eine Erklärung. Du bringst die Reifen nicht zum Arbeiten." Teamchef Toto Wolff erinnerte: "Singapur ist speziell. Da hatten wir schon im Vorjahr unsere schwächste Vorstellung."

Er sagte auch: "Wenn die Matrix der Parameter für die Reifenbehandlung nur in einem Punkt nicht stimmt, bezahlst du massiv dafür." Er fand es auch nicht verwunderlich, dass die Datenanalyse keine Aufklärung lieferte: "Das hatten wir 2012 und 2013 öfter." Damals warf man Mercedes vor, die Reifen nicht zu verstehen.

Entscheidender Parameter nicht gemessen oder übersehen

Das hat sich geändert. Die Ingenieure aus Brackley sind zu Reifen-Verstehern mutiert. Umso verwunderlicher der Absturz ins Bodenlose. Das Werk fuhr auf Williams-Niveau. Mit dem besseren Motor. Was zeigt, dass etwas dramatisch schiefgelaufen sein muss.

Das brachte in einer Welt des Misstrauens viele abstruse Theorien auf den Plan. Zum Beispiel die, dass Bernie Ecclestone den bisherigen Alleinunterhaltern über seine Pirelli-Connection härtere Reifen zuschanzen ließ, während alle anderen auf weichen Sohlen fahren durften. Oder dass Mercedes freiwillig Leistung zurückdrehte, damit das Gerede über die große Langeweile aufhört.

Gewisse Aussagen schürten weiter das Misstrauen. Hamilton und Rosberg spürten nicht einmal, wo die Zeit verloren ging. "Im Auto fühlte sich die Runde gut an. Es war gut ausbalanciert. Erst auf der Uhr haben wir gesehen, wie langsam wir waren", wunderte sich Rosberg.

Die Mercedes-Ingenieure brüteten vergeblich über ihren Daten. Die Reifentemperaturen waren weder verdächtig hoch, noch abenteuerlich niedrig. Aber vielleicht lag das magische Betriebsfenster ja gar nicht dort, wo es Mercedes vermutete. "Wir haben alle Parameter gecheckt", resümierte ein Ingenieur. "Entweder haben wir einen übersehen, die Messung falsch interpretiert, oder die Auflösung der Messung war nicht gut genug, um zu erkennen, was wir erkennen sollten."

Reduzierte Sturzwerte schuld an Mercedes-Pleite?

Das Fenster der Supersoft-Reifen ist mikroskopisch klein, doch das soll keine Ausrede sein. "Wir haben mit diesen Reifen auch schon gewonnen." Die Mercedes-Ingenieure geben aber zu, dass die Abstimmung in Singapur ein Geduldsspiel ist, bei dem man sich leicht verzetteln kann.

Bei 13 Bremspunkten wird das Auto erst so getrimmt, dass die Bremsen überleben. Das hat auch Einfluss auf die Reifenbehandlung, weil sich die Temperatur an den Scheiben über die Felgen auf die Reifen überträgt. "Wer beim ersten Abstimmungsziel etwas falsch macht, kann beim zweiten Probleme bekommen." Einwand aus dem eigenen Lager: "Wir machen das ja nicht zum ersten Mal."

Der Verdacht liegt nahe, dass Mercedes unter den neuen Reifen-Restriktionen von Pirelli mehr leidet als Ferrari oder Red Bull. Weniger wegen des erhöhten Luftdrucks. Der Knackpunkt könnte in den reduzierten Sturzwerten liegen. In Singapur wurden sie gegenüber Vorjahr um 0,75 Grad (vorne) und 0,5 Grad (hinten) zurückgenommen.

Technikchef Paddy Lowe will das nicht glauben: "Wir haben in Spa hinten freiwillig Sturz rausgenommen und waren trotzdem überlegen." Aber vielleicht, so mutmaßt die Konkurrenz, traf es Mercedes auf dem Stadtkurs an der Marina Bay härter. Die Hinterachse des Mercedes ist auf eine relativ starke Sturzvariabilität ausgelegt. Bei reduzierten Maximalwerten, wird das Fenster eingeschränkt.

Mercedes hatte ganz offensichtlich massive Schwierigkeiten, die Reifen in der ersten Runde auf den magischen Punkt zu bringen. Schon in Monza lag Hamilton im Training nur knapp vor den Ferrari. Dort hat ihn die Power des neuen Mercedes-Motor gerettet. Im Rennen dann waren die Reifen nach ein paar Runden im Fenster, und er fuhr auf und davon. "Wenn das gleiche in Singapur passiert wäre, hätte die Theorie Berechtigung gehabt", warfen die Ingenieure ein.

Wolff wiegelte ab: "Es hat nichts mit den Drücken und Radstürzen zu tun, eher damit, wie wir unser Auto auf die Strecke stellen. Der spezielle Kurs von Singapur hat die negativen Effekte vielleicht verstärkt." Mercedes muss so denken, denn Pirelli wird weiter eine Politik der Vorsicht walten lassen. Aus der Nummer käme man schwer wieder raus.

Packt das Drehmoment zu brutal an?

Force India-Technikchef Andy Green fiel auf, dass alle Autos mit Mercedes-Motoren unter Wert geschlagen wurden: "Der Mercedes-Motor entfaltet sein Drehmoment ziemlich brutal. Das ist nicht hilfreich, wenn du mit den Reifen daneben liegst. Die Hinterreifen werden auf der Oberfläche zu heiß und bleiben innen kalt. Du rutschst in den Kurven herum, statt Grip aufzubauen und kannst so nie Wärme in die Struktur bekommen." Die Mercedes-Chefs wollten die Theorie nicht ganz von der Hand weisen. "Du musst alles in Betracht ziehen."

Was Force India passierte, ist aus Sicht von Williams-Technikchef Pat Symonds nachvollziehbar. Wegen des schmalen Haftungsfensters der Supersoft-Reifen. "Da liegt schnell eine Sekunde drin, wenn es nicht passt."

Lotus-Einsatzleiter Alan Permane unterstreicht das: "Wie viel im Reifen liegt, zeigt der Unterschied zwischen Fahrern des gleichen Teams. Er war bei uns genauso groß wie bei Ferrari. Grosjean hat auf Maldonado 9 Zehntel gewonnen, weil bei ihm die Reifen im richtigen Fenster waren. Umd Kimi ist nicht 8 Zehntel langsamer als Vettel."

Die höheren Reifendrücke tun Mercedes nach Meinung von Experten nicht weh. Weil sie in Singapur absolut betrachtet gar nicht so hoch lagen. Aber sie helfen Ferrari. Die Hinterreifen walken weniger, was weniger Turbulenzen um die Hinterräder herum bedeutet. So ist es einfacher den Boden und den Diffusor zu versiegeln. Ferrari hat in diesem Bereich mit 9 statt 3 Schlitzen in der Bodenplatte auch aerodynamisch nachgeholfen.

Trotz der Pleite ist Mercedes für Suzuka zuversichtlich. "Wir dürfen jetzt nicht in Depressionen verfallen", beruhigt Wolff die Gemüter. "Irgendwann erwischst du mal einen schlechten Tag. Es war trotzdem unglaublich, wie weit wir neben den Schuhen standen. Erst wenn es in Japan ähnlich läuft, müssten wir in Frage stellen, ob wir da etwas mit den Reifen nicht verstanden haben."

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