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Mercedes und sein Reifenrätsel

Ein Schritt, aber kein Durchbruch

Mercedes - GP Kanada - Formel 1 - 2017 Foto: Wilhelm 31 Bilder

Lewis Hamilton hat den GP Kanada überlegen gewonnen. Ist Mercedes damit seinem Reifenrätsel auf die Spur gekommen? Die Antwort lautet nein. Es war ein wichtiger Schritt, aber noch nicht der Durchbruch.

18.06.2017 Michael Schmidt 1 Kommentar

Lewis Hamilton ist in Montreal mit 0,33 Sekunden Vorsprung von der Pole Position gestartet. Er führte alle Runden im Rennen und gewann den GP Kanada überlegen. Er hätte vermutlich auch gewonnen, wenn bei Ferrari alles normal gelaufen wäre. Sebastian Vettel verlor nach seinem Reparaturstopp in der 5. Runde bis zum Schluss 6 Sekunden auf Hamilton. Der WM-Spitzenreiter saß in einem stark bechädigten Ferrari. Dafür fuhr Hamilton nach eigener Aussage den Großteil des Rennens nur mit Halbgas.

Die eigentliche Erfolgsmeldung aber lautet: Hamilton bewegte sich das ganze Wochenende lang im Reifenfenster. Das gab es in dieser Saison noch nie. Ist damit das Reifenrätsel gelöst? Niki Lauda wiegelt ab: „Wir haben es für Montreal gelöst. Das muss nicht automatisch überall so sein.“ Teamchef Toto Wolff bezeichnete den ersten Doppelsieg der Ära Hamilton/Bottas als „wichtigen Schritt in die richtige Richtung, aber noch keinen Durchbruch.“

Das wäre es vielleicht gewesen, hätte Valtteri Bottas Normalform erreicht. Doch der Finne war im Vergleich zu Hamilton zu langsam. „Valtteri verliert keine 7 Zehntel auf Lewis. Der echte Unterschied liegt je nach Tagesform bei 2 Zehnteln. Wir können also nicht von einem gelösten Probleme sprechen“, warnen die Ingenieure.

Bottas hätte nicht so stark abfallen dürfen

Die Niederlage von Monte Carlo hat Mercedes gefuchst. Toto Wolff erzählte, wie das Team in Brackley eine Generalmobilmachung ins Leben rief, um endlich den Fehler zu finden, der die Silberpfeilen schon 3 Rennen gekostet hat. Im Schichtbetrieb rund um die Ihr, am Wochenende. Alles wurde in Frage gestellt. Die Aerodynamik, das Fahrwerk, die Reifen, die Abstimmung, der Fahrstil der Piloten.

Der Fehler von Monte Carlo war schnell entdeckt. Die Autos waren dort zu weich abgestimmt, sind in den Kurven zu stark um die Längsachse gerollt. Für Montreal wurde die Rollsteifigkeit erhöht, der Federkomfort aber so belassen, dass die Fahrer über die Randsteine drüberkamen, ohne von ihnen abgeworfen zu werden.

Die Belohnung war ein Rennen, das Lauda als „perfekt“ beschrieb und ihn an die alten Zeiten erinnerte. Trotzdem beharren seine Techniker: „Wir verlassen Montreal nicht ohne Fragezeichen. Bottas hätte nicht so stark abfallen dürfen. Lewis fuhr das Auto anders. Das ist unsere einzige Erklärung. Unser Auto ist so spitz, so heikel zu fahren, dass es schwer ist, ins Schwarze zu treffen. Das Abstimmungsfenster zu treffen, ist immer noch ein Ritt auf Messers Schneide.“

Da sind wir bei dem magischen Wort. Wer die Probleme von Mercedes erklären will, kommt um den Ausdruck „Fenster“ nicht herum. Das Aerodynamikfenster ist klein, weil die Aerodynamik so komplex ist und der Anpressdruck bei Lastwechseln hin und her wandert. Dadurch wird auch das Fenster der mechanischen Abstimmung klein, weil das Auto sich so wenig wie möglich bewegen soll. Und das wiederum schränkt das Reifenfenster ein.

Baku wird zeigen, wie viel Mercedes verstanden hat

Der geringe Spielraum bei den Fahrwerkseinstellungen macht es so schwer, Vorderreifen und Hinterreifen zur gleichen Zeit in ihr Arbeitsfenster zu bringen. „Der Fahrer muss seinen Fahrstil auf die einmal gewählte Abstimmung einstellen. Das gelingt mal und mal auch nicht. So erklären sich die zum Teil großen Unterschiede zwischen Bottas und Hamilton.“

Die Tücke besteht darin, dass es weder für die Ingenieure, noch die Fahrer ein Allgemeinrezept gibt. In Montreal fand nur Hamilton die goldene Mitte zwischen Attacke und Defensive für Auto und Reifen. Bottas beklagte sich, dass er Grip verliert, sobald er aggressiver fährt. In Sotschi war es umgekehrt. Da verlangten die Reifen nach maximalem Einsatz hinter dem Lenkrad. Hamilton fuhr eine Spur weicher und lag bis zu 8 Grad neben dem Fenster.

Toto Wolff spricht von 3 Lösungsansätzen. Einer kurzfristigen („Das Setup“), einer mittelfristigen („Aerodynamikentwicklungen für eine bessere Balance“) und einer langfristigen („Hinterfragen des Gesamtkonzepts“). Der lange Radstand ist es nicht: „Er bringt uns auf einigen wenigen Strecken kleine Nachteile, aber auf den meisten Kursen große Vorteile.“ Auch an der Verwindungssteifigkeit soll es nicht liegen: „Das ganze Auto wurde auf den Prüfstand gestellt.“

Von der Aufhängungsgeometrie sind Mercedes Grenzen gesetzt. Sie zu ändern, würde zu stark in das aerodynamische Konzept eingreifen. Eines der Fahrwerks-Systeme, mit denen sich Mercedes in den letzten Jahren beholfen hat, gibt aus Zweifeln an der Regelkonformität nicht mehr. Deshalb müssen die Ingenieure jetzt mit einem speziellen Mix an Stabilisatoren, Dämpfern und Federn das darstellen, was das Fahrwerk aufgrund gewisser Defizite nicht kann. „Da hat Ferrari eine stabilere Basis“, gibt man in Brackley zu.

Montreal war ein erster erfolgreicher Versuch das umzusetzen, was man in den 10 Tagen davor analysiert hatte. Ein Ingenieur bewertet den Erfolg in Kanada so: „Wir sind um eine Erfahrung reicher. Was wir in Montreal gemacht haben, war korrekt. Aber Baku wird schwieriger. Dort wird sich zeigen, wie viel wir wirklich verstanden haben. Die Schwierigkeit liegt am Asphalt, den dort eingesetzten Reifentypen und den zu erwartenden Temperaturen. Letztes Jahr haben einige Reifensätze nur 6 Runden gehalten.“

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Die Frage lautet: Wie wäre es gelaufen, wenn Hamilton gefordert gewesen wäre? Die Reifenprobleme sind nicht aufgetreten, weil er lediglich mit Halbgas gefahren ist. So hätte er mit dem Reifen noch weitere 1000 km weiter fahren können. Auch in den vergangenen drei Jahren war die Situation ähnlich (keine Gegner, keine Reifenabnutzung). Die Probleme mit den Reifen sind nach wie vor gegeben! Schon seit 2010.

Wernilein 18. Juni 2017, 16:40 Uhr
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