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Mercedes und Pirelli vor Gericht

Was erwartet Mercedes in Paris?

Nico Rosberg - GP Bahrain 2013 Foto: Pirelli 26 Bilder

Am morgigen Donnerstag (20. Juni 2013) steht Mercedes in Paris vor dem Sportgericht. Zur Verhandlung kommt der mutmaßlich illegale Reifentest der Rennstalls vom 15. bis zum 17. Mai in Barcelona. Auch von Pirelli wird eine Erklärung verlangt. Der Ausgang des Verfahrens ist völlig offen. Mercedes glaubt sich gut gerüstet.

19.06.2013 Michael Schmidt

Es ist das erste Mal. 2010 wurde das Internationale Schiedsgericht von FIA-Präsident Jean Todt ins Leben gerufen. In dem Geschworenen-Rat sitzen mindestens drei von 12 Richtern, die von der FIA-Generalversammlung in das Schiedsgericht berufen wurden. Es handelt sich dabei um Richter des Zivil- und Strafrechts, die normalerweise mit dem Motorsport nichts zu tun haben. Und das macht Prognosen so schwierig. Bei früheren Fällen des FIA-Berufungsgerichts konnte man in 90 Prozent aller Fälle von einem Scheitern des Antrages ausgehen. Meistens wurden die Strafen noch erhöht. Goldene Ausnahme: Ferrari kam 1999 mit ihrem Einspruch gegen die Disqualifikation beim GP Malaysia in der Leitblech-Affäre durch.

Was ist mehr wert? Ein Vertrag oder ein Gesetz?

Ankläger ist FIA-Präsident Jean Todt. Auslöser war ein Protest von Red Bull und Ferrari beim GP Monaco wegen eines vermeintlich illegalen Reifentests von Mercedes von 15. bis zum 17. Mai in Barcelona. Die Sportkommissare fühlten sich mit der Beurteilung des Protests überfordert, konnten keinen Zusammenhang mit dem Rennresultat erkennen und reichten den Protest an das Schiedsgericht weiter. Der 1.000-Kilometer-Test wurde mit einem Mercedes AMGW04 des Jahrgangs 2013 durchgeführt und verstößt nach Meinung aller Teams, mit Ausnahme von Mercedes, gegen Artikel 22.1 des Sportgesetzes. Mercedes beruft sich auf einen separaten Vertrag zwischen Pirelli und der FIA, der einen solchen Test in Ausnahmefällen zulässt, unter der Voraussetzung, dass die Testmöglichkeit allen Teams angeboten und vorher entsprechend kommuniziert wird. Genau dies ist nicht passiert. Auch die Teams haben sich untereinander für diesen Fall abgesichert. Tenor: Kein Test ohne Zustimmung der anderen.

Angeblich gibt es eine schriftliche Bestätigung der FIA zum Reifentest

Pirelli hatte Mercedes rund zwei Wochen vor dem GP Spanien angefragt, ob sie bereit wären, nach dem GP Spanien einen solchen Test durchzuführen. Offenbar hatten die Testfahrten in einem 2011er Ferrari mit Pedro de la Rosa am 23. und 24. April in Barcelona nicht die Antwort auf alle Fragen geliefert. Mercedes-Teamchef Ross Brawn versicherte sich bei FIA-Rennleiter Charlie Whiting, ob ein solcher Test den FIA-Statuten entspreche. Whiting musste sich selbst bei der Rechtsabteilung der FIA kundig machen, in wieweit der separate Vertrag von Pirelli mit dem Verband das Sportgesetz aushebelt oder nicht. Hier liegt einer der Knackpunkte des Verfahrens. Gibt es eine schriftliche Bestätigung der Rechtsabteilung oder nicht? Mindestens drei Personen wollen sie gesehen haben. Angeblich liegt sie auch vor. Whiting jedenfalls informierte Mercedes, dass ein solcher Test stattfinden könne, allerdings nur unter der Bedingung, dass alle Teams die gleiche Möglichkeit erhielten.

Pirelli musste den Test geheimhalten

Der Test wurde unzweifelhaft von Pirelli bezahlt und durchgeführt. Pirelli lieferte auch Pläne für das Testprogramm. Das wird in Mailand nicht bestritten. Demnach ist es auch die Aufgabe des Veranstalters, allen anderen Teams eine Testmöglichkeit einzuräumen, sie über den bevorstehenden Test mit Mercedes in Kenntnis zu setzen und die FIA zu informieren, wann der Test stattfinden soll. Das ist nicht passiert. Aus verständlichen Gründen. Der Test wäre umgehend an einem Veto gescheitert. Selbst wenn Pirelli Marussia und nicht Mercedes gefragt hätte. Dann wäre eben Caterham auf die Barrikaden gestiegen. Die anderen Teams sind der Meinung, dass Mercedes als Bewerber eine Mitschuld trifft, wenn man sich nicht versichert hätte, ob Pirelli seinen Pflichten nachgekommen ist. Angeblich gibt es einen E-Mail Verkehr, in dem der Rennstall den Reifenhersteller darauf hinweist, dass die Bedingungen der FIA erfüllt sein müssen. Ob er wirklich existiert, muss die Verhandlung in Paris zeigen. Mercedes-Teamchef Ross Brawn machte in Montreal trotz des Drucks, der auf ihm lastet, einen eher gelassenen Eindruck: "Bei dem Verfahren werden alle Fakten auf den Tisch kommen. Dann kann sich jeder ein besseres Bild von der Situation machen. Wir waren offensichtlich der Meinung, dass wir diesen Pirelli-Test durchführen durften."

Niki Lauda wurde erst während den Tests informiert

Ein weiteres Thema wird die Geheimhaltung der Probefahrten sein. Red Bull-Teamchef Christian Horner beschwerte sich über den Mangel an Transparenz. "Das ist enttäuschend. Wir haben von dem Test erst aus zweiter Hand erfahren." Selbst die FIA bekam erst am 20. Mai, also drei Tage nach Beendigung des Tests, davon Wind. Die Fahrer traten in schwarzen Helmen an, und Pirelli hatte rund um den Kurs Sichtblenden angebracht. Ein spanischer Fotograf, der in der Gegend lebt, musste auf einen der umliegenden Berge steigen, um Fotos zu machen. Er stellte diese offenbar noch während des Tests auf seine Twitter-Seite, wobei wegen der großen Entfernung nicht zu erkennen war, mit welchem Auto Mercedes fuhr. Trotzdem erstaunlich, dass diese Information unbeachtet im großen weltweiten Netz verschwand. Bei Mercedes redete man sich damit heraus, man habe seine Fahrer mangels Sicherheitspersonals vor einem Ansturm der Fans bewahren wollen. Deshalb die neutralen Helme. Sämtliche Teammitglieder hätten die offizielle Teamkleidung getragen. Ross Brawn wehrt sich gegen den Vorwurf der Geheimhaltung: "Es war ein privater, aber kein geheimer Test. Wer glaubt, dass er drei Tage unerkannt in Barcelona fahren kann, ist naiv." Der 58-jährige Engländer ist bereit, seinen Kopf hinzuhalten: "Es war meine Entscheidung, diesen Test durchzuführen." Sein Co-Direktor Toto Wolff gibt Rückendeckung: "Wir sind nicht der Meinung, etwas Illegales getan zu haben." Aufsichtsrat Niki Lauda hat von dem Test erfahren, als sich die Räder schon drehten. Seine Generäle überzeugten ihn aber am ersten Testtag, dass man sich vorher ausreichend abgesichert habe.

Pirelli hoffte vergeblich auf die Unterstützung der Teams

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Testprogramm. Pirelli behauptet, dass es sich zum Großteil um die Entwicklung von 2014er Reifen gehandelt habe, dass aber ein Reifentyp mit einem Kevlargürtel dabei gewesen sei. Also die Konstruktion, die Pirelli als Lösung der Delaminierungs-Problematik ausprobieren wollte. Mercedes ging eher davon aus, dass es um das aktuelle Problem mit der Ablösung der Lauffläche an den Hinterreifen ging. Brawn stellte in Montreal fest: "Der Test hatte nichts mit unseren persönlichen Reifenproblemen zu tun. Jeder in der Formel 1 war besorgt um die Delaminierungen an den Hinterreifen, und wir dachten, wir könnten einen Beitrag leisten, Pirelli bei der Lösung dieses Problems zu helfen." Pirelli-Sportchef Paul Hembery hatte sich zuvor bitter über die mangelnde Kooperation im Feld beklagt: "Wir wollen dem Sport helfen, indem wir die Reifen bauen, die gewünscht sind, aber der Sport hilft uns nicht. Es gibt keinerlei Unterstützung, auch von der FIA nicht. Wie sollen wir in acht Wochen die Reifenspezifikationen für 2014 festlegen, wenn wir vorher nicht mit repräsentativen Autos testen können?"

Freispruch oder Rekordstrafe im Reifentest-Prozess?

Mercedes kann bei der Verhandlung in Paris alles passieren, vom Freispruch bis zu einer Rekordstrafe, die derzeit bei 100 Millionen Dollar gegen McLaren für den Spionagefall 2007 liegt. Christian Horner erinnerte vorsorglich daran, dass der Test das zweitschwerste Vergehen seit der Spionage-Affäre von McLaren sei. Sollte Mercedes verurteilt werden oder das Gericht zu dem Schluss kommen, dass die Verantwortung beim Reifenlieferanten gelegen hat, könnte es auch Pirelli erwischen. Zwar nicht direkt durch das Schiedsgericht, aber dann durch eine Zivilklage der FIA. Der Verband könnte das Urteil als Basis dafür nehmen, dass der separate Vertrag zwischen Pirelli und der FIA gebrochen wurde. Auch die FIA selbst könnte schlecht abschneiden. Der eigene Rechtsbeistand muss sich womöglich fragen lassen, warum er einen Vertrag über das Gesetz stellt, selbst unter der Bedingung, dass alle anderen Teams eingeweiht worden wären. So oder so: Viele werden versuchen ihre Haut zu retten, und dabei könnten einige Themen auf den Tisch kommen, die für den einen oder anderen äußerst unangenehm sind. Man hört, dass die Geschütze der Prozessbeteiligten gut geladen sind.

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