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Mercedes will Klarheit von der FIA

Mercedes und Red Bull ohne Fric

Lewis Hamilton - Mercedes - 2014 Foto: xpb 22 Bilder

Vor dem GP Deutschland wird hinter den Kulissen eifrig Politik gemacht. Mindestens zwei Teams haben der FIA angekündigt, dass sie die interaktive Aufhängung (Fric) für illegal halten. Die FIA warnt die Teams, dass es Proteste geben könnte. Mercedes und Red Bull werden deshalb in Hockenheim ohne das System fahren.

10.07.2014 Michael Schmidt

Neun Rennen lang war es ruhig an der Technikfront. Keine Proteste, keine Verbote, keine versteckten Fouls. Das hat sich geändert. Mindestens zwei Teams, wahrscheinlich drei, haben die FIA darauf hingewiesen, dass sie die interaktiven Aufhängungen für illegal halten. Und sie möglicherweise schon ab dem GP Deutschland dagegen protestieren werden. Es soll sich dabei um Ferrari, McLaren und Caterham handeln.

Im Fachjargon heißt das System Fric (front and rear interconnected drive). Dabei sind die vier Aufhängungspunkte untereinander hydraulisch vernetzt. Eine Feder in einem Ölspeicher reagiert auf die einzelnen Lasten in den Dämpfern und gleicht sie am andere Ende wieder aus. Wer es perfekt macht, hält das Auto immer in der aerodynamisch günstigsten Position. Der Vorteil ist, dass man an der Vorderachse tiefer fahren kann. Das bringt Abtrieb.

Das stünde nach Meinung seiner Kritiker im Widerspruch zu Artikel 3.15 des technischen Reglements. Demzufolge muss jedes Teil, das die Aerodynamik beeinflusst, fest mit den gefederten Massen des Autos verbunden sein. Im Fall der Feder, die auf die Lastwechsel reagiert, könnte das angezweifelt werden. Aber tun das nicht alle konventionelle Federn und Dämpfer auch? Oder die Massenträgheitsdämpfer und die dritten Federelemente, die die Bodenfreiheit in Abhängigkeit des Anpressdruck regulieren?

Mercedes will Klarheit beim Thema Fric

Die FIA bezieht bis jetzt nicht eindeutig Stellung. Nur, dass man die Frage nach der Regelkonformität für relevant halte. Man wäre aber bereit, Fric zu akzeptieren, sollten alle Teams dem Einsatz dieses Systems bis zum Jahresende zustimmen. 2015 soll Fric verboten und irgendwann später einmal durch aktive Aufhängungen ersetzt werden. Die sind kostengünstiger als die aktuellen rein mechanischen Vorrichtungen, die viel Simulations- und Testarbeit verlangen, bis sie einwandfrei funktionieren.

Die Mercedes-Ingenieure haben zweieinhalb Jahre gebraucht, bis sie Fric im Griff hatten. Der entscheidende Tipp kam von einem Ingenieur, den man Anfang 2013 von Lotus abgeworben hatte. Lotus gilt als Erfinder der Technik.

Inzwischen sind Mercedes und Red Bull die Klassenbesten. Ihre Systeme gleichen nicht nur die Nickbewegungen nach vorne und hinten aus, sondern kontrollieren auch das Rollverhalten um die Längsachse und nivellieren auch Lastwechsel über Kreuz. Niki Lauda kann die Kehrtwende der FIA nicht verstehen: "Das System wird seit zweieinhalb Jahren eingesetzt und hat bisher alle technischen Abnahmen anstandslos passiert. Es ist schwer zu begreifen, warum sich plötzlich die Sicht der Dinge ändert."

Lauda fordert von FIA-Rennleiter Charlie Whiting klar Stellung zu beziehen. "Wir wollen nicht weiter in eine Technik investieren, die durch das Reglement ad absurdum geführt wird. Deshalb ist es umso wichtiger, dass uns die FIA in diesem Fall eindeutige Richtlinien vorgibt. Wir wollen wissen, ob es legal oder illegal ist."

Kräfteverhältnis wird sich nicht verschieben

Auf das Risiko eines Protests will sich Mercedes nicht einlassen. Der WM-Spitzenreiter wird in Hockenheim ohne das System fahren. Nach Information von auto motor und sport will auch Red Bull sein Fric ausbauen.

Die Frage ist, ob die Protestfront damit das erreicht, was sie bezweckt. Nämlich dass die Konkurrenz näher an Mercedes und Red Bull heranrückt. Experten glauben nicht, dass sich das Kräfteverhältnis dramatisch ändern wird. Für Mercedes ist Fahren ohne Fric kein Neuland. Bei den Wintertestfahrten wurde meistens ohne die Technik gefahren.

Alle werden Federn lassen müssen, denn mit Ausnahme der kleinen Teams haben alle das System an Bord. Die Vorreiter der Technik werden mehr leiden, doch es wird nicht ausreichen, dass ein Ferrari oder McLaren plötzlich auf den Stand eines Mercedes kommt, oder ein Caterham beim nächsten Rennen mit Toro Rosso, Lotus oder Sauber um die Wette fährt.

Techniker schätzen, dass die Auswirkungen eines Verbots auf langsamen Strecken größer sind als auf schnellen. Die Teams werden durch den Ein- und Ausbau nicht vor unlösbare Probleme gestellt. Force India fuhr zwei Rennen mit und die letzten vier ohne das System. Umbauten an den Flügeln waren nicht notwendig.

Parallelen zum Massedämpfer-Verbot

Der Fall erinnert stark an den Massedämpfer. Renault hatte die Technik Ende 2005 erfunden. Im Verlauf der Saison 2006 zogen andere Teams nach, doch keiner erreichte die Perfektion des Erfinders. Mitten in der Saison, kurioserweise auch vor dem GP Deutschland, stellte die FIA den Massedämpfer in Frage, weil sie Auswüchse der Idee und damit ein teures Wettrüsten befürchtete. Dem Weltverband wurde damals unterstellt, die Weltmeisterschaft zugunsten von Ferrari beeinflussen zu wollen.

Ferrari fuhr zwar auch mit einem Massedämpfer, der in seiner Ausführung dem von Renault klar unterlegen war. Treibende Kraft hinter der FIA-Aktion war damals McLaren. Ferrari nahm das Verbot allerdings billigend in Kauf, weil damit der Rückstand zu Renault schrumpfte. Auch hier sind Parallelen zu heute erkennbar.

Beim Massedämpfer pendelte beim Ein- und Ausfedern an beiden Achsen ein Gewicht in entgegengesetzter vertikaler Richtung. Das dämmte die Fahrzeugbewegungen beim Bremsen und Beschleunigen, auf Randsteinen und Bodenwellen ein. Im weitesten Sinne war es auch ein Eingriff in die Aerodynamik, weil das Auto künstlich in Ruhe gehalten wurde. Der Unterschied zu Fric: Der Massedämpfer war nicht an die Aufhängung gekoppelt. Fric ist Teil des Fahrwerks.

Wegen der unsicheren Rechtslage baute Renault seine Massedämpfer aus. Damals hatte das Folgen. Renault war in Hockenheim chancenlos und brauchte zwei Rennen, bis man sich von dem Schock erholte. Die Aerodynamik des Autos war auf den Massedämpfer abgestimmt. Am Ende wurde Fernando Alonso auf Renault trotzdem Weltmeister.

In unserer Bildergalerie aus dem Vorjahr erklären wir Ihnen noch einmal, wie Fric genau funktioniert.

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