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Mercedes-Urteil im Vergleich

Vorteil für Mercedes gering

Mercedes Formel 1 GP Kanada 2012 Foto: xpb

Mercedes kann die Strafe im Reifen-Skandal verschmerzen. Wer auf eine Rekordstrafe hoffte, wird jetzt enttäuscht sein. Mercedes hat aus den drei Testtagen sicher einen Vorteil gezogen, doch der war geringer als bei den Regelverstößen von Tyrrell 1984, BAR 2005, McLaren 2007 und Renault 2008.

25.06.2013 Michael Schmidt

Mercedes kann froh sein, dass die FIA ein unabhängiges Schiedsgericht eingeführt hat. Bei früheren Prozessen vor dem FIA-Berufungsgericht hätte die Sache anders ausgehen können, je nachdem wie die jeweilige politische Großwetterlage gewesen wäre. Eine Verwarnung und ein Verbot den Young Drivers Test durchzuführen, lassen sich verschmerzen. Für was hätte man Mercedes faktisch bestrafen können, außer dass man zwei Paragrafen des Sportgesetzes verletzt hat? Doch nur dafür, dass man sich gegenüber den anderen Teams einen unfairen Vorteil verschafft hat. Zumindest gegenüber denen, die in der nächsten Zeit keine Einladung von Pirelli zu einem Dreitagestest bekommen. 1.000 Kilometer testen bringt einen Vorteil, auch wenn man die verwendeten Reifen nicht kennt. Teamchef Ross Brawn musste zugeben, dass natürlich auch Fahrzeugdaten ermittelt werden, weil nur so das Auto sich sicher auf einer Rennstrecke bewegen könne. Wie FIA-Ankläger Mark Howard völlig richtig ausführte, ist allein die Tatsache, dass der Mercedes die 1.000 Kilometer klaglos überstanden hat, eine wertvolle Aussage.

Mercedes-Vorteil geringer als bei Vergleichsfällen

Ist der Urteilsspruch damit gerecht? Wird hier im Vergleich zur Vergangenheit mit zweierlei Maß gemessen? Entscheidend für das Strafmaß muss in erster Linie die Frage sein: Wie groß war der Vorteil, wie gravierend die Ungleichbehandlung für die Konkurrenz? Mercedes redet diesen Vorteil klein, Red Bull bläst ihn künstlich auf. Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte, wird aber nie zu ermitteln sein. Doch das Gesetz macht hier keinen Unterschied. Auch ein theoretischer Vorteil ist ein Vorteil. Ob man ihn nutzt, steht auf einem anderen Blatt. Ein echter Nachweis war in den aufgeführten Fällen aus der Vergangenheit höchstens bei Renault in Singapur 2008 zu führen. BAR und Tyrrell wurden für eine Vorteilsnahme bestraft, die jeweils nur in einem Einzelfall bewiesen war, für andere Rennen jedoch nur angenommen werden konnte. Trotzdem lässt sich sagen: Mercedes hat auch in der Theorie einen kleineren Nutzen gehabt als Tyrrell 1984, BAR 2005, McLaren 2007 und Renault 2008.

Fall BAR 2005: Tankbetrug bringt klare Vorteile

Die strategischen Vorteile, die sich BAR 2005 durch einen Zusatztank ergaunerte, waren deutlich plausibler als der Erfahrungsvorsprung, den Mercedes an den drei Testtagen für spätere Rennen gewonnen haben könnte. BAR konnte dank eines größeren Tanks entweder seine Stints im Rennen verlängern, oder den Sprit im verborgenen Reservoir als flexiblen Ballast nutzen. Der Rennstall wurde dafür für zwei Rennen gesperrt und bekam das Resultat des GP San Marino aberkannt. Eine harte, aber gerechte Strafe, auch wenn das Team nach dem Ausbau des Zusatztanks ähnlich gute Leistungen wie zuvor zeigte.

Fall Tyrrell 1984: Drakonische Strafe

Da erwischte es Tyrrell 1984 schon härter. Die FIA schloss das Team von der kompletten WM 1984 aus, weil die Autos kurz vor Rennende mit Bleikugeln beschwert wurden. Diese kamen bei einem Boxenstopp zum Auffüllen eines Wasserspeichers an Bord. Mit dem Wasser kühlte Tyrrell nach eigenen Angaben die Bremsen. Das Blei brachte die Fahrzeuge auf das erforderliche Mindestgewicht, um nach der Zielflagge die technische Abnahme zu passieren. Man durfte also annehmen, dass die damaligen Piloten Stefan Bellof und Martin Brundle die meiste Zeit des Rennens mit untergewichtigen Autos unterwegs waren. Nachgewiesen wurde es jedoch nur für den GP USA-Ost in Detroit. Da es aber auch bei den vorangegangenen Grand Prix verdächtige Boxenstopps im letzten Renndrittel gab, stand Tyrrell unter dem Verdacht, systematisch betrogen zu haben.

Fall McLaren 2007: Nutzen fraglich

McLaren bekam 2007 die Rekordbusse von 100 Millionen Dollar aufgebrummt und wurde von der Konstrukteurs-WM des gleichen Jahres ausgeschlossen, weil Ingenieur Mike Coughlan Daten und Einsatzpläne von Ferrari-Einsatzleiter Nigel Stepney angenommen hatte. Die Hintergründe dieser Story aus dem Agentenmilieu waren äußerst dubios. Bis heute glauben viele, dass McLaren absichtlich eine Falle gestellt wurde. Es wurde auch nie geklärt, in wie weit die Erkenntnisse aus Ferraris Datensammlung für McLaren eine Hilfe waren. Trotzdem strafte das FIA-Gericht McLaren mit der vollen Härte, weil das Team bei zwei Anhörungen falsche Angaben gemacht habe und später zugeben musste, dass mehrere Ingenieure Kenntnis von den vertraulichen Daten hatten. McLaren blieb bei seiner Version, nicht von diesen Daten profitiert zu haben. Was sehr wahrscheinlich ist, weil der Ferrari und der McLaren von 2007 grundverschiedene Autos waren. Da das Gegenteil nicht zu beweisen war, wurde McLaren wegen Verletzung von Paragraf 151c des Sportgesetzes verurteilt. Begründung: McLaren hat den Sport in Misskredit gebracht. Das Urteil war aber in jedem Fall maßlos überzogen.

Fall Renault 2007: Technologieklau wahrscheinlich

Interessanterweise kam Renault für eine ähnliche Verfehlung im gleichen Jahr mit einem blauen Auge davon. Der von McLaren zu Renault übergelaufene Ingenieur Phil Mackereth hatte sensible Daten und technische Zeichnungen mehrerer Systeme des McLaren, darunter auch über die damals streng geheime Konstruktion des Massenträgheitsdämpfers, an seinen neuen Arbeitgeber übergeben. Die FIA-Justiz ließ Renault wegen angeblich zu dünner Beweislage vom Haken. Im Vergleich zum Fall Ferrari/McLaren hätten die brisanten Daten einen deutlich geringeren Umfang gehabt. Das Urteil war insofern unbefriedigend, weil Renault ein Jahr später seine Autos mit Massenträgheitsdämpfern ausrüstete und bei der Einführung der Technologie mit keinerlei Kinderkrankheiten zu kämpfen hatte. Der Verdacht der Vorteilsnahme lag hier mindestens genauso nahe wie bei McLaren. 

Fall Renault 2008: Sieg erschwindelt

Renault stand 2008 im Mittelpunkt einer weiteren Affäre. Das Team hatte den GP Singapur manipuliert, indem Nelson Piquet junior aufgefordert wurde, in einer bestimmten Runde das Auto in die Mauer zu fahren. Der folgende SafetyCar-Einsatz wurde von Teamkollege Fernando Alonso dazu genutzt, den GP Singapur zu gewinnen. Ursache und Wirkung waren hier unzweifelhaft. Alonsos Taktik konnte nur durch eine frühe SafetyCar-Phase aufgehen. Renault wurde von der Formel 1-WM ausgeschlossen, erhielt die Strafe aber auf Bewährung, weil man geständig war. Dafür durfte sich der Rennstall 2010 und 2011 nichts zu Schulden kommen lassen. Teamchef Flavio Briatore und Technikdirektor Pat Symonds erhielten zunächst eine lebenslange Sperre, die später in ein fünfjähriges Arbeitsverbot umgewandelt wurde. Wenn das aktuelle Urteil gegen Mercedes nach Ansicht von Kritikern milde war, dann ist Renault damals praktisch ungeschoren davongekommen. Bedingte Strafen haben keinerlei Abschreckungscharakter. Welches Team macht einen solchen Blödsinn innerhalb von zwei Jahren schon zwei Mal? 

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