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Mercedes-Urteil in der Kritik

Zu viele Ungereimtheiten im Reifen-Prozess

Reifen - Formel 1 - GP China - 11. April 2013 Foto: ams

Mercedes und Pirelli atmen auf. Sie loben ein Urteil mit Augenmaß. Logisch, denn beide kamen mit einem blauen Auge davon. Red Bull und Ferrari kritisieren das Urteil als zu lasch. Doch konnten das Gericht überhaupt eine härtere Strafe aussprechen? Die Urteilsbegründung lässt durchblicken, dass es für eine drakonische Strafe zu viele Ungereimtheiten gab.

24.06.2013 Michael Schmidt

Niki Lauda hat die Strafe sofort akzeptiert. Aus seiner Sicht war es ein gutes Urteil. Eine Verwarnung kann Mercedes akzeptieren, den Verzicht auf die Teilnahme am so genannten Young Drivers Test auch. Im Juli ist das Entwicklungsprogramm für das 2013er Auto ohnehin schon auf Schmalspur herunter gefahren. Nur Sam Bird und Brendon Hartley werden fluchen, weil ihnen Formel 1-Kilometer verloren gehen. Während Ferrari den Urteilsspruch nur verdeckt auf seiner Internetseite kritisierte, gab Red Bull seine Meinung immerhin mit offenem Visier kund. Das Weltmeister-Team empfand die Strafe als zu lasch. Man hatte als einziges Team bereits in einem eigenen Schriftsatz, der am 14.Juni dem Tribunal eingereicht wurde, eine "adäquate Sportstrafe" für Mercedes gefordert. In seiner Unterlassung hatte Red Bull dem Gericht die möglichen Vorteile einer dreitätigen Testfahrt über 1.000 Kilometer beschrieben. Teamchef Christian Horner lobte jedoch das Tribunal. Er war als einziger Teamchef anwesend, um sich einen Eindruck zu verschaffen. "Der Vorsitzende Richter Edwin Glasgow hat mir einen sehr fairen Eindruck gemacht. Er agierte besonnen und absolut unparteiisch."

Gericht folgte dem Antrag der Verteidigung

Das Gericht sprach Mercedes zwar in allen Punkten (Artikel 22.4., Artikel 151c) schuldig, beließ es aber bei einem milden Urteil. Die Geschworenen folgten einem Antrag der Verteidigung, die genau diese Strafen im Falle einer Verurteilung für angemessen hielt. Insofern war es ein guter Schachzug von Paul Harris in den letzten Minuten seines ansonsten sehr scharf vorgetragenen Plädoyers, Demut zu zeigen. Das Gericht begründete seinen Urteilsspruch damit, dass Mercedes und Pirelli in guter Absicht gehandelt und sich bei der FIA eine "qualifizierte Zustimmung" eingeholt hätten. Auch wenn diese nicht bindend gewesen sei, weil weder FIA-Rennleiter Charlie Whiting noch die Rechtsabteilung des Verbandes das Sportgesetz aushebeln können.

FIA-Regelwerk widerspricht sich

Im Grunde konnte das Gericht kein anderes Urteil aussprechen. Im Laufe der Verhandlung kamen so viele Ungereimtheiten ans Licht, die bei einem schärferen Urteil womöglich eine Prozess-Lawine nach sich gezogen hätten. Außerdem hätten dann einige Herren, die aus diesem Fall einen politischen Vorteil ziehen wollten, die Hosen runterlassen müssen. Wo aber liegen die Fallstricke in diesem Prozess. Zum einen im Reglement selbst. Paragraf 22.4. verbietet kategorisch und ohne Ausnahme Testfahrten von Bewerbern nach Artikel 4.1. mit dem aktuellen Auto während der Saison. Reifentestfahrten unter Paragraf 4.2. werden aber Sonderrechte gegenüber normalen Testfahrten (Artikel 4.1.) eingeräumt. Diese Sonderrechte erlauben den Einsatz eines aktuellen Autos bei Zustimmung der FIA. Sie schreiben zwar vor, dass alle Teams gleich behandelt werden, sagen aber nichts von einer Informationspflicht an die anderen Teams, oder welcher Fahrer eingesetzt werden darf. Es wurde in der Verhandlung jedoch klar, dass nur der FIA-Weltrat diese Zustimmung hätte geben dürfen, um Paragraf 22.4. auszuhebeln. So aber steht es nicht in der Reifentest-Sonderregel. Mit anderen Worten: Pirellis Vertrag mit der FIA war völlig wertlos. Sie hätten außer mit Zustimmung des FIA-Weltrates nie eine Testfahrten mit 2013er Autos durchführen dürfen, was sie aber nach eigener Aussage mussten, um relevante Ergebnisse zu erzielen. Bei einer scharfen Verurteilung hätte die FIA womöglich ihr eigenes Regelwerk in Frage stellen müssen.

Pirelli hat die Bedingungen nicht erfüllt

Mercedes hat sich an das Procedere, das Artikel 4.2. vorschreibt, gehalten. FIA-Rennleiter Charlie Whiting und FIA-Anwalt Sebastien Bernard gaben ihre Zustimmung. Dass sie dazu gar nicht befugt sind, hätte Mercedes wissen können, aber nicht müssen. Das Gericht führte aus, dass es im Tagesgeschäft üblich ist, Charlie Whitings Meinung einzuholen. Die Billigung durch die FIA war jedoch an Bedingungen geknüpft, die nur zum Teil oder gar nicht erfüllt wurden. Diese aber wurden von Pirelli gebrochen, da der Reifenhersteller unzweifelhaft Veranstalter des Tests war. Ohne das Pirelli-Siegel hätte er gar nicht stattfinden können. Mercedes schiebt die Verantwortung auf Pirelli ab, konnte aber nachweisen, dass Ingenieur Andrew Shovlin seine Kollegen von Pirelli gefragt hatte, ob die von der FIA gestellten Bedingungen in Bezug auf eine Einladung an alle Teams erfüllt worden seien. Ross Brawn sah das als Beweis für den Standpunkt von Mercedes: "Wir haben alles getan, um uns an die Regeln zu halten." Pirelli wiederum erklärte, man habe die von der FIA gestellten Bedingungen erfüllt, weil es vom März 2012 eine Einladung an alle Teams gab, die am 2. Juni erneuert wurde. Ein bisschen wachsweich, weil das erst eine Woche nach Bekanntwerden der Mercedes-Testfahrt passierte, aber vermutlich justiziabel.

Ein strenges Urteil hätte Ferrari mit hineingezogen

Ein Knackpunkt waren auch die beiden Ferrari-Testfahrten von 2012 und 2013. Zunächst sah es nach einem billigen Ablenkungstrick von Mercedes aus, aber mit den beim Prozess dargelegten Details bekam der Einwand Substanz. Ferrari hat sich zwar mit dem Einsatz eines zwei Jahre alten Autos an Artikel 22.4. gehalten, hätte aber Mühe gehabt sich gegen den Vorwurf unfairer Vorteilsnahme zum Schaden des Sports zu verteidigen. Der Rennstall aus Maranello hatte sich offenbar nicht an alle Punkte der Reifentestregel nach Artikel 4.2. gehalten. Mercedes legte Beweismittel vor, dass Ferrari die FIA nur bei einem der beiden Testfahrten um Bewilligung gefragt hat. Es fand ebenfalls keinerlei Information über den Ablauf der Testfahrten statt, weder gegenüber der FIA, noch den anderen Teams. Horner bestätigt: "Ich habe von dem Ferrari-Test erst durch die Mercedes-Sache erfahren." Ferrari hatte in einem Fall mit Felipe Massa ebenfalls einen Stammpiloten im Auto, es gab einen viel regeren Datenaustausch mit Pirelli über die verwendeten Reifen und dabei ermittelten Erkenntnisse, und Ferrari hatte bei den 1.000 Kilometern ein eigenes Testprogramm eingebracht, was nach Paragraf 4.2. strikt verboten ist. Der Einwand des FIA-Chefanklägers Mark Howard, dass man Ferrari nach Paragraf 151c nur bestrafen könne, wenn sie sich nach Artikel 22.4. schuldig gemacht hätten, wirkte wenig überzeugend. Es war dem Gericht klar, dass Ferrari mit in den Fall hineingezogen würde, wenn es für Mercedes nach Artikel 151c harte Sanktionen geben hätte.

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