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Mercedes W07 im Technik-Check

Weltmeister geht volles Risiko

Mercedes W07 -Technik - 2016 Foto: sutton-images.com 25 Bilder

Der neue Mercedes W07 für die Formel 1-Saison 2016 hat nicht mehr viel mit seinem erfolgreichen Vorgänger gemeinsam. Bei den Testfahrten legten die Ingenieure ein aggressives Entwicklungsprogramm auf. Doch die Taktik ist nicht ohne Risiko. Wir analysieren den Mercedes W07 in unserem Technik-Check.

07.03.2016 Tobias Grüner

Kaum war der neue Mercedes W07 auf wenigen Studio-Bildern vorgestellt, kursierten im Netz bereits die ersten Technik-Analysen zum neuen Silberpfeil. Obwohl kaum etwas zu erkennen war, spekulierten die Experten bereits munter drauf los. Doch das war, wie sich mittlerweile herausgestellt hat, etwas voreilig. Der Mercedes hat sein Gesicht bei den Testfahrten komplett verändert.

Lewis Hamilton - Video-Screenshot - W07 - 2016
Hamilton und seine Silberpfeile 2:8 Min.

Die Mercedes-Ingenieure haben sich im Winter nicht auf ihren Lorbeeren ausgeruht. Obwohl das Vorgängermodell W06 zu einem der erfolgreichsten Formel 1-Autos der Geschichte wurde, bauten die Techniker das Konzept in vielen Punkten rigoros um. Modifkationen gab es reichlich - nicht nur in Sachen Aerodynamik sondern auch unter der Haube, vor allem in puncto Kühlung und Antrieb.

Technische Daten Mercedes W07

  • Modell: Mercedes W07
  • Motor: Mercedes PU106C Hybrid
  • Benzin: Petronas
  • Felgenhersteller: Advanti
  • Bremsen: Brembo
  • Länge: 5.067 mm
  • Radstand: 3.500 mm (2015: 3.441 mm)
  • Überhang vorne: 1.001 mm
  • Anstellwinkel: 1,0°

Antrieb:

Mercedes hat seinem Erfolgsmotor über den Winter noch einmal eine ordentliche Kraftkur verpasst. Mindestens 930 PS Systemleistung mobilisiert das V6-Hybrid-Aggregat in der neuen Spezifikation. Bereits mit den 2015 in Monza eingeführten Updates wurde die Basis für das 2016er Triebwerk gelegt. Bei den Testfahrten fiel Mercedes aber nicht nur durch hohe Top-Speeds sondern auch durch die bombensichere Zuverlässigkeit auf. Sowohl die Basis-Version (1. Woche) als auch die weiterentwickelte Variante (2. Woche) machten trotz Marathon-Programm keine Mucken.

Auch in Sachen Packaging ist Mercedes neue Wege gegangen. Der Ladeluftkühler liegt nun nicht mehr seitlich im Chassis sondern direkt hinter der Airbox in unmittelbarer Nähe zum Turbo. Damit sparen sich die Ingenieure lange Leitungen und können die Seitenkästen schlanker bauen. Der Auspuff führt nun wie bei Ferrari durch das Getriebe, was weit hinten im Heck für eine kompakte Bauweise sorgt. Die neue Wastegate-Endröhrchen liegen bei Mercedes nicht wie bei den meisten Konkurrenten schräg seitlich sondern direkt unter dem Auspuff-Endrohr.

Aerodynamik:

Beim Nachfolger eines Weltmeisterautos geht man normalerweise von einer behutsamen Evolution aus. Doch die Mercedes-Ingenieure haben das Konzept ganz schön auf den Kopf gestellt. Das neue, kompaktere Packaging sorgt zwar für eine schlankere Taille, dafür wuchs die Airbox ordentlich in der Breite. In der Theorie sollte das negative Auswirkungen bei der Anströmung des Heckflügels haben, wovon bei den Testfahrten aber nichts zu sehen war.

Auch am Radstand wurde ordentlich geschraubt. Zwischen den Achsen liegen jetzt 6 Zentimeter mehr Platz, was den Aerodynamiker mehr Spielraum gibt, die Luft um die Seitenkästen zu leiten. Dieser Spielraum wurde auch intensiv genutzt: Bei den Testfahrten baute Mercedes zahlreich Aero-Updates ein, mit der die Strömung effizienter vom Frontflügel bis zum Heck geführt wird. Der neue Frontflügel erzeugt nun gezieltere Wirbel in der sogenannten Y250-Zone zwischen dem standardisierten Mittelteil und den frei gestaltbaren Ende. Daran angepasst wurden auch die Leitbleche unter der Nase und die Abweiser an den Seitenkästen.

Der Mercedes wurde zudem mit einem sogenannten S-Schacht ausgerüstet, der die Luft von der Unterseite der Nase auf die Oberseite der Front leitet. Das zweite große Technik-Highlight der Testfahrten waren die neuen Bargeboards, die den Luftstrom mit vielen kleinen Elementen in die gewünschten Bahnen lenken. Ein neuer Unterboden sowie ein neuer Heckflügel mit Sägezahn-Kante runden das Paket im Heck ab. In unserer Galerie stellen wir Ihnen die genannten Elemente im Detail vor.

Fazit:

Mercedes hat die Ferrari-Kampfansage mit einem großen Entwicklungsprogramm gekontert. Der Komplett-Umbau des Silberpfeils ist aber nicht ohne Risiko. Sollten die Ingenieure merken, dass die neue Anordnung der Antriebsteile und der Kühlung nicht wie gewünscht funktioniert, lässt sich der Silberpfeil nicht ohne größeren Aufwand zurückrüsten. Gleiches gilt auch für die Verlängerung des Radstands.

Gespannt darf man sein, wie sich die ungewöhnlichen Aerodynamik-Teile in der Praxis machen. Kein anderes Auto weist so viele Ecken und Kanten auf wie der W07. Bei gestörter Anströmung im Verkehr könnte der Silberpfeil wegen der vielen filigranen Elemente etwas anfälliger sein. Ob Mercedes ein echter Geniestreich gelungen ist, erkennt man spätestens dann, wenn die Konkurrenz die Elemente kopiert - oder auch nicht.

Die Karosserie-Updates stehen zwar mehr im Mittelpunkt des Interesses, die größte Trumpfkarte ist aber nach wie vor der leistungsfähige, effiziente und kompakte Motor. Im Qualifying können die Silberpfeile bekanntlich immer ein paar PS extra abrufen, was auch 2016 wieder zu vielen Startplätzen in der ersten Reihe sorgen wird. Und einmal in Front sind die Silberpfeile wegen des Top-Speed-Vorteils nur schwer einzuholen.

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