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Mosley im Interview

Luftblase Formel 1 könnte platzen

Foto: Daniel Reinhard

FIA-Präsident Max Mosley gehörte zu den ersten Warnern im Lande. Bereits vor drei Jahren sprach der gelernte Jurist von dringend notwendigen Kostensenkungen. Die Teams haben erst jetzt im Zuge der Wirtschaftskrise die Zeichen der Zeit erkannt. Mosley sprach mit auto-motor-und-sport.de über die Sparpläne der FIA und der Teams.  

14.01.2009 Michael Schmidt

Ist die Formel 1 eine große Luftblase, die bald platzt?
Mosley: Die Gefahr, dass das passiert ist vorhanden. Aber wir können es noch verhindern. Das geht aber nur mit radikalen Lösungen.

Hat die Formel 1 zu spät damit begonnen, ans Sparen zu denken?
Mosley: Ich hoffe nicht. Das Problem ist die Saison 2009. Da sind wir in unserem Handlungsspielraum begrenzt. Für 2010 können wir drastische Einschnitte planen. Es geht jetzt also darum, 2009 zu überleben und die Pläne für 2010 mit möglich wenigst Streit umzusetzen. Je früher wir uns einigen, umso einfacher ist es für die Teams sich darauf einzustellen.

Sie haben jetzt weitere Sparvorschläge an die Teams verschickt. Sind diese bindend oder muss darüber abgestimmt werden?
Mosley: Einige sind bindend, einige sind Vorschläge. Wenn wir es aber darauf anlegen, können wir alles durchsetzen. Es gibt kein Concorde-Abkommen mehr, das uns daran hindert.

Erleben wir jetzt mit den Teams und deren Präsident Luca di Montezemolo eine dritte Kraft im Machtpoker der Formel 1?
Mosley: Das ist nicht von der Hand zu weisen. Ich sehe aber wenig Konfliktstoff, denn die Teams können sich nur selbst schaden, wenn sie uneinsichtig sind. Wenn der Ballon platzt, sind die Teams aus dem Geschäft. Dann würde Bernie an die Reihe kommen. Die FIA könnte mit einem Zusammenbruch der Formel 1 leben. Wenn Bernie nicht mehr in der Lage wäre, der FIA seinen Beitrag zu leisten, gingen alle Rechte zurück an uns und wir würden sozusagen aus den Ruinen etwas neues gründen. Es liegt im Interesse der Teams, dass wir alle zu einer Lösung kommen. Wir sind beim Sparen radikaler als die meisten Teams. Ich sehe da trotzdem keine gemeinsame Front gegen uns. Deshalb stellt sich die Machtfrage gar nicht. Wir sitzen alle im gleichen Boot.

Wird das Regieren mit einer dritten Kraft nicht komplizierter?
Mosley: Einerseits war das Regieren einfacher, solange die Teams sich nicht einig waren. Andererseits hat uns das Concorde-Abkommen in vielen Dingen die Hände gebunden. Dieses Hindernis fällt nun weg. Es wäre allerdings töricht von uns etwas zu tun, das alle Teams ablehnen.

Montezemolo sieht den idealen Weg für die Zukunft so: Die FIA setzt das Ziel, und die Teams entscheiden, wie man dorthin kommt. Richtig so?
Mosley: Das wäre der ideale Weg. Die Realität sieht anders aus. Wir setzen ein Ziel, und zwei Monate später diskutieren die Teams immer darüber, wie man dorthin kommt. Wenn also nicht schnell Lösungen angeboten werden, müssen wir uns die Freiheit nehmen, selbst zu handeln.

In welcher Zeit wollen Sie ihre jüngsten Sparvorschläge abgesegnet sehen?
Mosley: Spätestens Ende März. Dann müssen die Regeln für 2010 stehen.

Wäre eine Budgetobergrenze nicht der Königsweg, alle Probleme auf einmal zu lösen? Volle technische Freiheit innerhalb einer vorgegeben Größe?
Mosley: Absolut. Ich habe die Teams daran erinnert, dass diese Maßnahme alle Probleme auf einmal löst. Es ist dann die Entscheidung des Teams, wie sie ihr Geld ausgeben. Wer es dumm anstellt, wird hinterherfahren. Nichts ist fairer als alle mit dem gleichen Budget antreten zu lassen. Wer doppelt soviel Geld ausgeben kann, hat den gleichen Vorteil als würde er mit einen größeren Motor fahren. Die Schwierigkeit ist es, genügend Teams dafür zu begeistern. Ferrari hat bis jetzt am stärksten opponiert. Es scheint aber so, dass sie beginnen einzusehen, dass eine Budgetgrenze die beste aller Lösungen ist.

Ist das Argument, dass eine Budgetgrenze nicht kontrollierbar sei, schlüssig?
Mosley: Wir haben eine Spezialfirma mit einer Studie beauftragt, wie man ein Budget wirksam überprüfen könne. Das Ergebnis war, dass es machbar ist. Die Kosten einer Überprüfung wären nicht unerheblich, aber gering im Vergleich zu dem, was man einsparen könnte. Etwa ein Prozent davon. Ferrari argumentierte, dass ihre Experten behauptet hätten, eine Budgetgrenze wäre nicht kontrollierbar. Interessanterweise hat Ferrari bei den gleichen Leuten nachgefragt wie wir. Es mag für Ferrari umständlich sein, ihre Buchhaltung für so ein System umzustellen, aber sie würden am meisten von einer Budgetgrenze profitieren. Keiner bekommt soviel Sponsorgeld wie Ferrari. Lägen die maximal erlaubten Einnahmen bei 50 Millionen Euro, würde Ferrari unglaublich viel Geld mit der Formel 1 verdienen. Wenn wir also ein System aufbauen, das die Formel 1 für jedes Team zum Profitcenter macht, dann würden keine Teams mehr aussteigen, und wir würden neue bekommen. Sie hören doch nur auf, weil sie mit der Formel 1 Geld verlieren.

Was wäre eine vernünftige Obergrenze?
Mosley: Um auf der sicheren Seite zu bleiben, sollten die Ausgaben nicht die Einnahmen der Teams durch die FOM übersteigen. Das läge so zwischen 40 und 50 Millionen Euro. Sponsoreinnahmen wären Gewinn. Um das umzusetzen müssten die Einnahmen der FOM gleichmäßig unter den Teams verteilt werden. Der am Ende des Feldes hat praktisch keine Sponsoreinnahmen.

Die Teams verlangen einen größeren Anteil von der FOM. Ist das überhaupt machbar?
Mosley: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die prognostizierten Einnahmen der FOM im Zuge der Wirtschaftskrise noch zu halten sind. Bernie wird mit einigen Veranstaltern Probleme bekommen. Sollte es bei CVC zu Engpässen mit der Rückzahlung ihrer Kredite kommen, könnte man das sicher mit den finanzierenden Banken lösen. Ich kenne aber die Details nicht.

Müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass Motorsport auch technischer Wettbewerb ist?
Mosley: Nein. Bei einer Budgetobergrenze hätten wir gar keine Probleme. Da können die Teams innerhalb des vorgegeben Rahmens auf den Gebieten ihre Entwicklung betreiben, die Ihrer  Meinung nach wichtig sind. Können wir uns auf keine Budgetgrenzen einigen, müssen wir den Ansatz ändern. Dann bestimmen wir die Bereiche, wo Entwicklung Sinn macht. Dinge, die für das Publikum interessant, die für Straßenautos relevant sind. Zum Beispiel KERS. Der Rest wird standardisiert, eingefroren, homologiert. Heute tüfteln die Ingenieure im Mikrobereich, um ein paar Zehntel zu gewinnen. Radmuttern, die 1.000 Euro kosten und nach einem Rennen weggeworfen werden. Radträger aus dem faserverstärkten Metall MMC, die ein Vermögen kosten. Keramiklager oder Getriebe, die heute teurer sind als das Motorenbudget für 2010. Keine dieser Komponenten macht den Sport besser. Es kostet nur ein Vermögen. Kein Zuschauer kann den Unterschied zwischen einem Zehn-Millionen-Euro-Getriebe und einem Ein-Millionen-Euro-Getriebe feststellen.

Montezemolo sagt, dass KERS wichtig ist, das Timing aber völlig falsch war. Die Technologie käme viel zu früh.
Mosley: Zu früh für Ferrari. Das Beispiel KERS zeigt klar, wie krank die Formel 1 geworden ist. Die Ingenieure arbeiten lieber an der Optimierung von Details wie Radmuttern oder Bremsbelüftungen, statt wie früher Colin Chapman oder Keith Duckworth an großen Projekten zu forschen. Das einzige Team, das noch diesen alten Weg beschreitet, ist Williams. Die haben sich bei KERS an eine alternative Lösung herangetraut, die nicht auf Batterien baut. Batterien sind kein Weg für die Zukunft, weil sie nicht schnell genug Energie speichern und wieder abgeben können. Außerdem müssen sie bei häufigem Laden und Entladen nach kurzer Laufzeit ausgetauscht werden. Ferrari und einige Teams haben sich lieber an den Tropf von Magneti Marelli gehängt, statt selbst über Probleme nachzudenken, die sie für ihre Straßenautos auch lösen müssen. Sie haben den alten Gedanken, dass die Formel 1 für Innovation und Technologie steht, aufgegeben. Sie sollten sich an Williams ein Beispiel nehmen, die mit einem im Vergleich zu Ferrari kleinen Budget selbst nach einer Lösung gesucht haben. Das Schwungradsystem von Williams ist in Bezug auf die Energieaufnahme ausbaufähig. Bei der Batterielösung sind wir abhängig von der Batterieentwicklung. Irgendwann werden sie so groß, dass sie einen Anhänger brauchen.  

Kommen die Testrestriktionen im Augenblick zur falschen Zeit?
Mosley: Ich habe den Testrestriktionen nur zugestimmt, weil die Teams das so wollten. Aber diese Maßnahme ist ein glatter Denkfehler, weil fehlende Testkilometer durch mehr Simulationen und Prüfstandstests kompensiert werden. Wir sollten nicht die Testkilometer, sondern die Kosten für einen Testkilometer reduzieren. Wenn ein Kilometer mit einem Formel 1-Auto so viel kosten würde wie der für einen Leihwagen, wäre es egal wieviel sie testen. Wenn heute der Kilometer 2.000 Euro kostet, dann kann ich den Teams nur sagen: Ihr benutzt zu teure Motoren und zu teure Getriebe, um diesen Kilometer zurückzulegen.

Die Formel 1 hat genug Probleme. Brauchen wir wirklich Goldmedaillen, kürzere Renndistanzen oder eine Verlosung der Startplätze?
Mosley: Das ist der typische Aktionismus von Leuten, die Symptome bekämpfen wollen statt deren Ursachen. Wer das vorschlägt, kümmert sich um künstliche Probleme und nicht um die richtigen. Wenn wir Zweikämpfe wollen und ein enges Feld, müssen wir das über die Technik lösen. Es ist falsch Prozeduren zu ändern, die den Leuten seit Jahren in Fleisch und Blut übergegangen sind. Es gibt keinen Grund, an den Strukturen etwas zu ändern. Wir müssen sicherstellen, dass der Hintermann überholen kann, wenn er schneller ist. Keiner soll mir erzählen, dass ein Fahrer eine Überholmöglichkeit auslässt, wenn sie sich anbietet. Mit KERS und verstellbaren Flügeln wie ab 2009 geplant sollte das möglich sein.

In harten Zeiten braucht die FIA eine starke Hand. Werden Sie Im November 2009 wieder kandidieren?
Mosley: Das werde ich erst im Juni entscheiden. Im Moment besteht keine Eile. Die Dinge haben sich seit letztem Sommer drastisch verändert. Immer mehr Leute in der FIA bitten mich zu bleiben, weil sie sich Stabilität wünschen. Ich bin noch im Zweifel. Es kommt im Leben immer der Moment, an dem es gut ist, loszulassen. Wenn Sie zu einem Essen eingeladen sind, sollten sie auch nicht bis in alle Ewigkeit sitzen bleiben. Es wäre unhöflich dem Gastgeber gegenüber.   

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