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Nach dem Gribkowsky-Urteil

Was passiert mit Ecclestone?

Bernie Ecclestone & Clown GP Bahrain 2012 Foto: dpa

Der ehemalige BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky ist vom Landgericht München zu achteinhalb Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung, Untreue und Bestechlichkeit verurteilt worden. Damit geht das Gericht davon aus, dass Bernie Ecclestone den Ex-Banker bestochen habe. Was passiert jetzt mit dem Formel 1-Chef?

28.06.2012 Michael Schmidt

Für Gerhard Gribkowsky ist das Rennen zu Ende. Das Landgericht München verurteilte das ehemalige Vorstandsmitglied der Bayerischen Landesbank zu achteinhalb Jahren Haft. 18 Monate davon hat der Ex-Banker bereits in Untersuchungshaft abgesessen. Der Vorwurf lautet auf Steuerhinterziehung, Untreue und Bestechlichkeit. Gribkowsky hatte sich nach Ansicht des Gerichts mit 44 Millionen Dollar schmieren lassen, damit der Verkauf der Formel 1-Beteiligung der BayernLB an Ecclestones Wunschpartner CVC Capitals möglichst geräuschlos über die Bühne gehe. Wenn Gribkowsky bestochen worden ist, könnte Bernie Ecclestone demzufolge eine Anklage wegen Bestechung drohen. Ob das passiert, ließ Oberstaatsanwalt Christoph Rodler noch offen.

Ecclestone hatte dem Gericht als Zeuge eine andere Version aufgetischt. Der Formel 1-Chef will die 44 Millionen Dollar als eine Art Schweigegeld an Gribkowski bezahlt haben, um zu verhindern, dass der mit seinem Wissen über Ecclestones Geschäfte bei den britischen Steuerbehörden vorstellig wird, was dem Chefbroker der Formel 1 viele Unanehmlichkeiten bereitet hätte. Obwohl Ecclestone das Wort "Erpressung" nicht in den Mund nahm, erfüllt seine Geschichte den Tatbestand einer "Erpressung". Wäre das Gericht Ecclestones Aussage gefolgt, hätte die Strafe für Gribkowsky noch sehr viel höher ausfallen können. Das wurde dem Angeklagten vermutlich ziemlich deutlich klar gemacht. Deshalb auch das überraschende Geständnis nach fast 18 Monaten Schweigen.

Bernie Ecclestone ließ beim GP Europa in Valencia durchblicken, dass einer, der so lange in Untersuchungshaft sitze, nach jedem Strohhalm greift, der seine Haftstrafe verkürze. Das lässt seine Verteidigungsstrategie bei einer möglichen Anklage erahnen. Ecclestone wird sich auf den Standpunkt stellen: Wem glaubt ihr mehr? Einem, der sich mit seiner Aussage eine kürzere Haftstrafe zusichern lässt, oder einem der juristisch gesehen unbescholten ist?

Der vorsitzende Richter Peter Noll erwähnte in seiner Urteilsbegründung, dass Gribkowskys Geständnis "ins Bild passe". Staatsanwalt Rodler bezeichnete Ecclestones Aussage als "nebulöse Geschichte". Das lässt erahnen, wem das Gericht mehr Glauben schenkt. Tatsächlich sind beide Versionen nur bedingt glaubhaft, sowohl die von Gribkowsky, als auch die von Ecclestone. Glaubt man dem Banker, dann hat Ecclestone Schmiergeld für etwas bezahlt, das ohnehin passiert wäre. Die BayernLB musste die ungeliebte Formel 1-Beteiligung im Winter 2005/2006 verkaufen, und zwar so schnell wie möglich. Sie hatte im Frühjahr 2001 der maroden Kirch-Gruppe einen Kredit von 1.08 Milliarden Euro gewährt, damit der Medienmogul 25 Prozent der Formel 1-Aktien kaufen konnte.

Dieser Deal wurde trotz Bedenken der hausinternen Revision und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) von der Landesbank finanziert, und zwar unter ausdrücklicher Zustimmung des Verwaltungsrates, in dem auch der damalige bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser saß. Faltlhauser wurde auf Kritik hin mit den Worten zitiert, dass die Banker der BayernLB keine "Dorftrottel" seien und der Verwaltungsrat den Kredit als genügend abgesichert betrachte.

F1-Beteiligung musste schnell verkauft werden

Tatsächlich war Kirch bald danach pleite und der Landesbank fiel die Formel 1-Beteiligung gewissermaßen als Pfand in die Hände. Der schnelle Verkauf der Aktien war schon allein deshalb Pflicht, um die Sünden derer zu kaschieren, die diesen Kauf erst ermöglicht hatten. Darunter hochrangige Vertreter der Bayerischen Regierung. Sie mussten eine schnelle Rekapitalisierung der riskanten Kredite vorweisen, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, Steuergelder verschwendet zu haben. Wie Gribkowsky in seinem Geständnis bestätigte, war die Bank gottfroh, mit CVC relativ schnell einen Interessenten gefunden zu haben, und sie wäre auch mit dem Kaufpreis von 839 Millionen Dollar zufrieden gewesen.

Staatsanwalt Rodler begründet Ecclestones Motive für eine Bestechung auch damit, dass Ecclestone 2005 die Macht über die Motorsportserie zu verlieren drohte, weil die Bank in England diverse Prozesse gegen den Formel 1-Chef gewonnen hatte, mit dem Ziel mehr Mitspracherechte zu erstreiten. Tatsächlich hätte die Bank Ecclestone seinerzeit absetzen können. Da aber ein Verkauf der Anteile ohnehin geplant war, hätte das keine große Wirkung gehabt. Der neue Besitzer, namentlich CVC, hätte Ecclestone jederzeit wieder einstellen können. Laut Gribkowsky gab es im fraglichen Zeitraum keine Konkurrenzangebote. Wie auch? Die Hersteller drohten mit einer eigenen Serie. FIA-Präsident Max Mosley hätte jeden Interessenten, der ihm nicht seriös erschien, mit der sogenannten "Don-King-Klausel" ablehnen können. Was vermutlich auch passiert wäre, weil Mosley mit seinem Kompagnon Ecclestone auch sonst Doppelpass zu spielen pflegte.

Damit war die Aktie Formel 1 aus Sicht von Investoren nicht attraktiv. Die Bank hätte auch nie gemeinsame Sache mit den Herstellern gemacht, wie es Staatsanwalt Rodler ausdrückte. Die Konkurrenzserie der Autokonzerne hätte eine Anlaufzeit von mindestens drei Jahren benötigt, um halbwegs erfolgreich zu sein. Viel zu lange aus Sicht der Bank. Zumal zum damaligen Zeitpunkt mit Ferrari, Williams und Red Bull bereits drei wichtige Rennställe ins Ecclestone-Lager übergelaufen waren. Das Angebot von CVC war demnach viel verlockender, weil schnell und unkompliziert. Ecclestone wusste das. Er ist nicht der Typ, der freiwillig Geld für etwas bezahlt, das er nicht bezahlen muss.

In diesem Punkt ist Gribkowskys Geschichte unglaubwürdig. Oder soll man sagen lückenhaft? Dass er Geld von Ecclestone erhalten hat, steht außer Zweifel. Doch vielleicht war nur ein Teil des Geldes dafür gedacht, den Verkauf der Formel 1-Aktien lautlos über die Bühne zu bringen. Vielleicht gab es auch ganz andere Gründe, Gribkowsky eine Summe dieser Größenordnung zukommen zu lassen. Der Verurteilte sagt selbst, dass er von seiner 50 Millionen Dollar-Forderung Ecclestone gegenüber maximal zehn Millionen erwartet habe. Wer den Formel 1-Boss kennt, wird zugeben: Selbst zehn Millionen sind noch ziemlich optimistisch. Wofür also 44 Millionen?

"Erpressung" könnte glaubhaft sein

Jetzt kommt Bernie Ecclestones Version vom Schweigegeld ins Spiel. Sie klingt auf den ersten Blick noch abenteuerlicher als die Gribkowsky-Aussage. Aber gerade deshalb sollte man hellhörig werden. Der 81-jährige Engländer redet sich nicht freiwillig um Kopf und Kragen, nur um aus der Bestechnungsnummer herauszukommen. Wenn Ecclestone das Schweigegeld mit der Angst vor Nachforschungen beim Fiskus in Verbindung bringt, kann man davon ausgehen, dass er bei einer Untersuchung von den britischen Finanzbehörden nichts zu befürchten hat. Er würde englischen Medien zufolge sonst riskieren, bis zu zwei Milliarden Pfund Steuern nachzahlen zu müssen. Ein Ecclestone stößt das Finanzamt nicht mit der Nase darauf, wenn er das wirklich befürchten müsste.

Trotzdem könnte die Story von der "Erpressung" im Kern richtig sein. Vielleicht hat Gribkowsky über Dinge Bescheid gewusst, die für Ecclestone wirklich unangenehm hätten werden können. Die Szene mutmaßt, dass es sich dabei um Dinge handeln könnte, über die der Mann von der Bank auch vor Gericht keine Aussage machen würde, weil sie vielleicht einmal eine Art Versicherung sind, wenn Gribkowsky das Gefängnis verlässt. Bis dahin haben die Banken dann alles verpfändet, was ihm einmal gehört hat.

Ecclestone kommt die Geschichte von der Erpressung noch aus einem anderen Grund gelegen. Wäre Gribkowsky deshalb verurteilt worden, könnten die beim Verkauf der Formel 1-Aktien vermeintlich Geprellten keine Zivilprozesse gegen ihn anstrengen. Die Kirch-Erben haben es bereits getan. Sie klagen in England auf Schadensersatz für den ihrer Meinung nach zu geringen Verkaufserlös bei dem Deal mit CVC. Für den Formel 1-Chef ist die Situation ungewohnt. Zum ersten Mal drehen andere am großen Rad. Bernie muss warten, wie sich die bayerische Justiz entscheidet. Sein größtes Pfand ist, dass es der Staatsanwaltschaft schwer fallen wird, Beweise zu finden, die seine Version vom Schweigegeld wiederlegen. Bei einem Verfahren Aussage gegen Aussage müsste er eigentlich gewinnen. Denn mittlerweise weiß jeder, dass Gribkowsky sein Geständnis erst gemacht hat, als ihm weniger als neun Jahre Haft zugesichert wurden.  

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