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Nick Heidfeld im Interview

"Ich habe alle nach Punkten geschlagen"

Nick Heidfeld Foto: dpa 14 Bilder

Nick Heidfeld spricht im Interview über die Gründe, warum die Saison für BMW und ihn bislang so enttäuschend verlaufen ist, über sein Imageproblem im Fahrerlager und den unübersichtlichen Transfermarkt. Außerdem blickt der BMW-Pilot auf die Zeit nach seiner Karriere.

23.09.2009 Michael Schmidt, Tobias Grüner

Ab wann haben Sie gewusst, dass diese Saison ein Reinfall wird?
Heidfeld: Ab dem zweiten Rennen.

Obwohl Sie da Zweiter geworden sind?
Heidfeld: Beim ersten Rennen haben wir schon gesehen, dass wir nicht den Speed haben, den wir uns erhofft hatten. Aber da waren wir zumindest noch halbwegs konkurrenzfähig. Beim zweiten Rennen waren wir dann eigentlich schwach vom Speed her, haben es im Regen aber doch noch geschafft, nach vorn zu kommen. Im dritten und vierten Rennen wurde es dann nur noch schlimmer. Das war ganz einfach damit zu erklären, dass wir kein neues Teil am Auto hatten.

Wie kann man sich so täuschen? Ihr seid ja mit viel Optimismus in die Saison gegangen.
Heidfeld: Ich glaube nicht, dass wir uns getäuscht haben. Bei gemeinsamen Tests mit Ferrari waren wir gleich schnell, und da wir natürlich angenommen haben, dass Ferrari stark sein würde, waren wir optimistisch. Dann kamen bei uns in den ersten Rennen keine neuen Teile ans Auto, bei den anderen hingegen schon. Das war schon etwas frustrierend.

Nach dem ersten Saisondrittel hat man gesagt, dass die Top-Teams für ihre KERS-Entwicklung bestraft wurden. Wie muss man es heute sehen? War es ein Fehler?
Heidfeld: Aus der Sicht von damals war es definitiv kein Fehler KERS zu entwickeln. Aus der heutigen Sicht haben wir es einfach nicht geschafft, KERS gut genug und richtig zu entwickeln. Offensichlich ist es bei Ferrari und McLaren schneller, sonst würden sie es nicht drin haben und bei Renault war es zumindest in Monza sinnvoll. Das konnte man natürlich im Vorhinein nicht wissen. Dann hätte man sagen müssen, für uns wäre es besser gewesen ohne KERS zu planen. Aber idealerweise hätten wir es einfach besser hinbekommen müssen.

Wie ist das als Fahrer bei der aktuellen Leistungsdichte, wenn man sieht, dass im Qualifying der 19. nur 0,9 Sekunden langsamer war als der Beste.
Heidfeld: Das ist wirklich unglaublich. Vor allem in der Saison, wo es keiner erwartet hat, mit den neuen Regelungen. Aber es macht eigentlich auch Spaß, weil da der Fahrer einen größeren Unterschied machen kann als sonst. Wenn du eine perfekte Runde hinbekommst, zwei Zehntel gewinnst und alle anderen verlieren, dann macht es natürlich schon einen entsprechend großen Unterschied.

Sind die engen Zeitabstände eine Hoffnung für die nächsten Rennen, nochmal einen großen Schritt zu machen?
Heidfeld: Definitiv. Das hat man schon seit Anfang der Saison bis zum jetzigen Zeitpunkt gesehen, wann immer einer ein großes Update gemacht hatte, konnte er auch immer größere Sprünge machen. Zu Saisonbeginn waren noch Brawn GP und Red Bull weit weg und dann war ein bisschen Abstand zu den Nächsten. Aber mittlerweile ist alles so eng zusammen und für Singapur erwarten wir doch schon einiges an Updates und ich hoffe, dass es dann nochmal richtig vorwärts geht.

Wie weit nach vorne?
Heidfeld: Das ist schwierig zu sagen. Es kommt ganz klar auch darauf an, wie viele Updates die anderen bringen. Die Hoffnung ist, dass die anderen nicht mehr so viel machen für dieses Jahr. Das ist zumindest das, was man so hört. Bei Ferrari kommt angeblich nicht mehr viel, bei Renault auch nicht und wie es bei McLaren aussieht, weiß ich nicht.

Das Überholen ist nach wie vor schwer. Liegt es an der Aerodynamik oder an der Tatsache, dass das Feld so ausgeglichen ist?
Heidfeld: Ich denke, es liegt in erster Linie an den Geschwindigkeiten in der Formel 1. So lange die so hoch sind, wird es immer schwierig bleiben, zu überholen. Wenn man sich die langsamen Serien anschaut - da wird einfach mehr überholt. Da hat man auf der Geraden mehr Zeit, sich im Windschatten anzusaugen. Da, wo wir "kurz" eine Gerade fahren, da schläft man in den langsameren Autos fast ein. Zudem haben wir je nach Strecke Bremswege von 50 Meter. Um da an einem Auto vorbeizukommen, das fünf Meter lang ist, muss man schon mal zehn Prozent später bremsen ab dem Punkt, an dem man direkt daneben ist. Und das ist viel. Man kann nicht einfach mal zehn Prozent später bremsen. Ich denke, das ist das Hauptproblem. Aber zusätzlich hat der Doppeldiffusor einiges kaputt gemacht. Seitdem die Autos mit immer extremeren Diffusoren ausgestattet sind, fällt es wieder schwerer, nah aufzufahren.

Es ist Ihre zehnte Saison. Wie würden Sie diese einordnen in Ihre lange Formel 1-Karriere?
Heidfeld: Ich würde als beste Saison bisher ganz klar 2007 sehen und daran gemessen habe ich 2007 so ziemlich das Maximum herausgeholt das ganze Jahr über. Das ist mir diese Saison nicht gelungen. Ich denke es ist eine gute Saison, speziell seit dem Nürburgring, wo wir am Auto was geändert haben, womit ich deutlich besser zurecht komme. Seitdem läuft es speziell vom Speed her wirklich gut.

Sie ärgern sich, dass Ihr Image schlechter ist als die Leistungen auf der Rennstrecke. Woran liegt das?
Heidfeld: Ich denke, es liegt an meiner Art und meinem Auftreten. Wenn man sich anschaut, gegen wen ich in der Formel 1 gefahren bin, Leute wie Räikkönen, Massa, Webber und auch Kubica - dann habe ich mit Ausnahme der Saison 2008 alle nach Punkten geschlagen. Das ist für mich ein Fakt, aber da denke ich vielleicht manchmal auch zu logisch und zu mathematisch, aber so bin ich. Ich hätte eigentlich gedacht, dass es in der Formel 1 auch so sein müsste. Leider entsteht das Image nicht nur durch Zahlenvergleiche.

Belastet Sie der Makel des fehlenden Sieges in so einer Situation auch noch? Glauben Sie, es hat auf das Ansehen irgendeine Auswirkung?
Heidfeld: Mich belastet es nicht, natürlich ärgert es mich. Ich will auch Rennen gewinnen, aber imagemäßig kann ich mir schon vorstellen, dass es eine Auswirkung hat.

Glauben Sie dran, dass es mit dem Rennsieg noch klappt in den nächsten Jahren?
Heidfeld: Ja. Ich glaube aber nicht nur daran, sondern auch dass ich auch um den Titel kämpfen werde. Das ist ein Gefühl, was ich einfach ganz stark in mir habe und das wird mir auch keiner nehmen können. Das ist etwas, was ich in der Vergangenheit vielleicht auch nicht so offensiv gesagt hätte. Ich weiß, was ich kann, ich weiß, wen ich geschlagen habe. Ich habe viele Meisterschaften gewonnen, auch wenn es nicht die Formel 1 war. Immer wenn ich auf den fehlenden Sieg angesprochen werde, versuche ich ganz logisch zu erklären, dass in den Autos, in denen ich gefahren bin, keiner ein Rennen gewonnen hat, bis auf Robert, und dieser Sieg war eigentlich meiner.

Die Transferzeit ist unübersichtlicher denn je. Ist es sinnvoll, mit Teams zu sprechen, von denen man nicht weiß, ob die nächstes Jahr noch dabei sind?
Heidfeld: Es ist sinnvoll, mit denen zu sprechen. Doch es macht keinen Sinn, dort zu unterschreiben. Hinter Toyota steht ein Fragezeichen, da könnte es sich noch lange hinziehen, bis man da Klarheit hat. Bei Renault weiß mit dem Singapur-Skandal auch keiner, wie es da weiter geht. Bei den neuen Teams sagt man, dass Campos die besten Chancen haben soll. Über die beiden anderen gibt es viele Zweifel. Bei den Teams, die dann noch übrig bleiben, sind nicht viele Fahrer fix. Red Bull ist gesetzt, Lewis Hamilton ist klar und sonst keiner. Das ist ein Wahnsinn dieses Jahr.

Ist das die extremste Situation, die Sie jemals erlebt haben?
Heidfeld: Nicht die extremste. Ich saß schon zweimal im Winter zu Hause und wusste nicht, wie es weiter geht, als die Saison schon vorbei war. Ich denke, da bin ich jetzt in einer besseren Situation. Aber es ist die extremste Situation in dem Sinne, wie offen und verworren alles ist.

Als etablierter Fahrer ist man heute in einer komfortablen Lage. Es kommt nicht viel nach. Ist das eine gewisse Beruhigung?
Heidfeld: Ja, schon. Das ist auch für mich positiv, wobei ich da nicht so egoistisch bin, zu sagen, es soll so bleiben, nur weil es mir nutzt. Die Situation ist im Moment für Nachwuchsfahrer so schlecht wie noch nie. Das andere Extrem haben wir in dem Jahr gesehen, als es die Freitagsfahrer gab. Da standen die Neulinge übertrieben gut da, weil die immer mit neuen Reifen und wenig Sprit Erster waren und jeder gleich gedacht hat, da kommt der neue Weltmeister. Die Kostenfrage steht heute natürlich im Vordergrund - aber ganz ohne Testfahrten, das ist einfach zu extrem.

Es ist ja jetzt die erste Saison in der Sie überhaupt nicht testen. Mussten Sie jetzt Ihr Leben neu organisieren neben der Rennstrecke?
Heidfeld: Nein. Es ist gar nicht so extrem geworden, wie ich es mir vorgestellt habe. Man hat sich recht schnell daran gewöhnt. Man beschäftigt sich auch zu Hause viel mit der Formel 1. Man macht auch viel Fitnesstraining, weil man mehr Zeit hat. Und es natürlich für mich schön mit der Familie und den zwei Kindern auch mehr Zeit zu haben.

Freut man sich dann mehr auf die Rennwochenenden, wenn es wieder losgeht?
Heidfeld: Ja, man freut sich tatsächlich noch mehr darauf. Aber zwischendurch denkt man auch, jetzt könnte man eigentlich mal wieder testen gehen. Es ist schon noch ungewohnt.

Viele aus Ihrer Generation bekommen ein oder zwei Jahre nach dem Rücktritt ein Problem, weil sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht haben, als Rennen zu fahren. Wie ist es bei Ihnen? Entsteht da eine Art Panik, was passiert in meinem zweiten Leben?
Heidfeld: Nein, Panik entsteht da überhaupt nicht. Ich bereite da nichts vor, weil mein Fokus ganz klar auf der Formel 1 liegt. Aber die Fahrer, für die es dann so schwer geworden ist, die konnten sich das vorher wahrscheinlich auch nicht vorstellen, wie schwer es werden wird. Natürlich ist man in der komfortablen Situation, dass man sich nicht totarbeiten müsste. Aber irgendwann hat man einfach so die Schnauze voll und will wieder was machen. Gerade als Spitzensportler ist das Leben schon extrem, auch wenn es ein unheimlich schöner Job ist. Es ist viel Arbeit, es ist viel Stress und es ist viel Druck. Aber du machst das, was du geliebt hast bis zum Exitus und dann könnte es sehr schwer sein aufzuhören. Dann muss ich eben mal schauen, ob ich was anderes finde. Zumal ich nach meiner Karriere immer noch gerne die 24h von Le Mans und vom Nürburgring fahren würde. Das nimmt zwar kein ganzes Jahr in Anspruch aber das sind noch so Dinge, die dann noch gerne machen würde.

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