Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Formel 1: Nico Hülkenberg im Porträt

Das Küken der deutschen Formel 1-Piloten

Nico Hülkenberg Foto: xpb.cc 10 Bilder

Nico Hülkenberg ist der jüngste deutsche Formel 1-Pilot. Er beginnt wie Nico Rosberg als  amtierender GP2-Meister seine Karriere bei Williams. Mit ungewöhnlichen Vorzeichen. Der  Rheinländer lebt in Oxford und ging bei Williams in die Lehre.

09.03.2010 Michael Schmidt

Frank Williams mag keine Weicheier. Er verehrt Alan Jones, weil sein erster Weltmeister ein Raubein war. Er schwärmt von Nigel Mansell, weil der Engländer im Rennauto absolut furchtlos sein konnte. Ihm imponiert Michael Schumacher, weil er mit den Ellbogen kämpft. Fahrer eben, die sich auf und neben der Rennstrecke nichts gefallen lassen. Die von unten kamen und sich nach oben geboxt haben. Die für den Sport alles aufgaben.

Die Formel 1 schon von Anfang an als Ziel

Nico Hülkenberg kommt diesem Ideal schon ziemlich nahe. Der 22-jährige Deutsche hat eine astreine Vita: fünf Jahre im Rennauto, vier Titel. Er bekam nichts geschenkt. Er hatte keine großen Sponsoren im Rücken. Er musste sich in der GP2-Serie gegen Fahrer durchsetzen, die bereits im zweiten oder dritten Jahr in dieser Serie unterwegs waren. Und er weiß, was er will. Als ihm letztes Jahr sein GP2-Ingenieur Informationen vorenthalten wollte, weil die Fahrer in dieser Szene häufig das Team wechseln, da erklärte ihm Hülkenberg: "Mach dir keine Sorgen. Ich fahre nur ein Jahr GP2, dann bin ich weg." Der spätere GP2-Meister hatte für 2010 die Formel 1 schon auf seinem Radar.
 
Wer für Frank Williams fährt, muss über den Tellerrand des Autofahrens hinausschauen. Oberstes Gebot ist die Fitness. Der ehemalige Marathonläufer, der seit einem Autounfall im März 1986 im Rollstuhl sitzt, akzeptiert nicht, wenn sich seine Fahrer auf die faule Haut legen. "Du hörst am Funk, ob einer fit ist oder nicht", sagt Williams, "die Stimme verrät es dir. Gute Piloten reden so entspannt, als würden sie neben dir auf der Couch sitzen." Hülkenberg bestätigt: "Immer wenn ich mit Frank telefoniere, will er meine Fitnesswerte wissen." Deshalb bezahlte ihm der Chef ein zwölftägiges Training in Malaysia. Drei bis vier Stunden täglich hat der neue Williams-Pilot mit seinem Physiotherapeuten bei feuchtheißem Wetter mit Joggen, Radfahren, Schwimmen und Kajak Muskeln und Kondition gestählt.

Hülkenberg lebt in Oxford in der Nähe des Teams

Sein zweitliebster Sport ist Tennis. Hülkenberg spielt erst seit zwei Jahren, aber mit etwas mehr Training könnte er es auf Kreisklassenniveau bringen. Er schaute während der Valencia-Testwoche fleißig die Australian Open, und er bewundert Roger Federer, "ein Typ den ich unbedingt einmal kennen lernen will. Unglaublich, wie lange der sich schon in der Weltspitze hält." Wenn er daheim ist, dann gehen zweieinhalb bis drei Stunden pro Tag für Sport drauf.
 
Daheim ist Oxford. "Eine schöne, kleine Stadt, aber wahnsinnig teuer, vor allem die Mieten", sagt der Wahlengländer. "London wäre mir zu unruhig." Die meisten Kumpels kommen aus der Rennszene. Rund um Oxford sind viele Teams zu Hause. Williams- Technikchef Sam Michael wohnt gleich um die Ecke. Hin und wieder geht man abends weg, das Nachtleben in der Studentenstadt sei allerdings nicht sonderlich spannend, weil viele abends lieber nach London tingeln. "Meistens koche ich mir was zu Hause", erzählt Hülkenberg, und das versteht er nicht als Misstrauensvotum gegen die englische Küche, "denn inzwischen habe ich ein paar gute Lokale kennen gelernt." Zum Beispiel einen Pub außerhalb der Stadt, schön gelegen an einem der vielen Kanäle, die den Süden Englands durchziehen.

Hülkenberg ging bei Williams in die Lehre
 
Von dort, wo er wohnt, sind es 20 Autominuten in die Fabrik. "Ich bin fast jeden Tag da, lasse mich blicken, rede mit den Jungs." Der schlaksige Deutsche ist beim Personal bestens bekannt. Von April bis November ging Hülkenberg in Grove in die Lehre. Mit einem geregelten Arbeitstag, nur unterbrochen von den GP2-Rennen und dem Fitnesstraining. Karbonabteilung, Kraftübertragung, Windkanal - überall durfte der Rennfahrer einen Blick hinter die Kulissen werfen. Zum Gesellenbrief hat es nicht gereicht, "um bei Williams einen Job zu bekommen, bräuchte ich schon mehr Erfahrung. Ich habe überall mitgemacht, mir alles erklären lassen, aber zum Beispiel ein Differenzial zusammenbauen, das ist schon ein komplizierter Vorgang." Den größten Eindruck hinterließ bei dem Schüler auf Zeit der Windkanal. "Das ist echt cool. Diese kleinen Modellautos mit ihren filigranen Details. Ein Wahnsinn, welche Hingabe da drinsteckt." Es ist ein Prozess, der nie aufhört. "Unten im Keller brüten die Aerodynamiker ihre Ideen aus, eine Etage drüber werden die Modelle gebaut, dann kommt zum Beispiel ein neuer Frontflügel in den Windkanal, und nach 20 Minuten Test wandert er in den Mülleimer, weil er nicht das erwartete Ergebnis gebracht hat. Und so geht das rund um die Uhr."
 
Nico Hülkenberg ist mit 22 Jahren der Jüngste des deutschen Formel 1-Pools. Vielleicht liegt es am Alter, dass zu seinen Landsleuten kaum Kontakt besteht. Man kennt sich von ein paar gemeinsamen Anlässen, mehr nicht. "Am besten noch Timo Glock. Wir haben uns öfter in der Sportklinik Bad Nauheim und der Speed Academy getroffen." Da denkt man, Sebastian Vettel ist schon verdammt jung, und dann bringt Hülkenberg diesen Eindruck in eine neue Relation: "Der Sebastian war mir im Kart immer eine Klasse voraus. Er ist schon mit 15 Jahren in die Formel BMW gewechselt, ich bin noch bis 17 im Kart gesessen." Mit Michael Schumacher reichte es trotz des gleichen Managements nur zu zwei gemeinsamen Auftritten. "Smalltalk, das war’s." Dafür ist man mal auf der Kartstrecke beim Winterpokal in Kerpen aufeinandergetroffen. "Ich habe Michael überholt", lacht Hülkenberg, "aber erst im zweiten Anlauf. Nach dem ersten Manöver ist er innen auf dem Gras an mir wieder vorbei."
 
Hülkenberg ist erstaunlich bodenständig

Das könnte ein Vorgeschmack auf die Formel 1 sein. Bei Williams trifft der Debütant auf den Mann mit den meisten Rennen auf dem Buckel. Rubens Barrichello hat in 17 Jahren Formel 1 285 Grand Prix und 70.059 Rennkilometer abgespult. Hülkenberg bringt es seit dem Winter 2007/2008 auf 6.488 Testkilometer bei Williams. Jung und alt traf sich erstmals bei einer Sponsorveranstaltung in Abu Dhabi. "Ein netter Kerl, der Rubens", urteilt Hülkenberg, "er ist schnell, hat jede Menge Erfahrung, ich darf ihn nicht unterschätzen, aber letztendlich muss es mein Ziel sein, ihn zu schlagen."
 
Der Blondschopf aus Emmerich gehört der neuen Generation Rennfahrer an, und der ist Heldenverehrung fremd. Gerade bei Williams wird man oft mit den Legenden vergangener Tage konfrontiert, doch das macht wenig Eindruck: "Ich kenne ihre Namen, aber habe noch nie ein Rennen von ihnen gesehen." Für ein Computer-Kid ist der mit 1,85 Meter längste Formel 1-Pilot erstaunlich bodenständig. Twittern und Chatten ist nichts für ihn. Seine Berichte von den Rennen und Testfahrten trägt er nicht nur in den Computer ein. "Ich habe auch ein Buch dafür." Jeden Tag macht er sich Notizen, Eindrücke vom Auto, Daten, der Rapport von den Ingenieuren. Wer heute schnell sein will, braucht eine persönliche Datenbank. Nur Gasgeben reicht nicht mehr aus.
 
Hülkenberg freut sich auf seine erste Formel 1-Saison wie ein Kind. "Schon als ich beim ersten Wintertest in Valencia wieder den Motorenlärm gehört habe, ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen." Aus der GP2 kennt er Rennen ohne Tankstopps, aber ob es in der Formel 1 zu mehr Überholmanövern führt, das wird ganz von den Reifen abhängen. "In der GP2 sind nach 15 Runden die Hinterreifen in die Knie gegangen, wenn du nicht aufgepasst hast. Da haben sich Chancen zum Überholen geboten. Wenn die Reifen in der Formel 1 bei allen gleich stark abbauen, dann wird es im Feld wenig Bewegung geben."


Umfrage
Wird sich Williams in dieser Saison wieder zu der Spitze zählen können?
Ergebnis anzeigen
Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden