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Nico Hülkenberg im Interview

„Renault mehr Chance als Risiko“

Nico Hülkenberg - Force India - Formel 1 - GP Belgien - Spa-Francorchamps - 26. August 2016 Foto: xpb 59 Bilder

Nico Hülkenberg wechselt das Team. Im Interview erzählt uns der 29-jährige Rheinländer, warum er ausgerechnet jetzt diesen Schritt wagt, was den Reiz eines Herstellers ausmacht und warum das kleine Team Force India so gut als Hecht im Karpfenteich mitschwimmt.

26.10.2016 Michael Schmidt

Warum gehen Sie zu Renault?

Hülkenberg: Ich glaube, es ist zum jetzigen Zeitpunkt meiner Karriere der richtige Schritt. Nach fünf Jahren bei Force India und einigen schönen Erfolgen ist es jetzt mal Zeit für eine neue Herausforderung. Seit ich in der Formel 1 bin, wollte ich immer schon einmal für einen Hersteller fahren, und das war jetzt eine gute Gelegenheit. Das Timing hat genau gepasst. Ich sehe es als gute Chance und richtigen Schritt in meiner Karriere. Wenn du in der Formel 1 vorne mitfahren willst, musst du dich auf lange Sicht mit einem Hersteller verbünden. Die haben das Geld, die Ressourcen, die Möglichkeiten und eine lange Ausdauer. Diese Aussicht war sehr verlockend für mich.

Ihr Teamkollege Perez ist aber geblieben.

Hülkenberg: Aus seiner Sicht macht es vielleicht mehr Sinn. Er darf hoffen, dass er eines Tages bei Ferrari landet. Bei mir sind die Türen bei den aktuellen Top-Teams dicht.

Wie lange haben Sie geprüft, ob Renault wirklich die richtige Adresse ist?

Hülkenberg: Da gab es natürlich Gespräche mit den entsprechenden Leuten vor Ort. Ich habe mich schon aufklären lassen, was die unternehmen werden, um nach vorne zu kommen. Da war relativ schnell klar, dass Renault das ist, was ich möchte.

Seit wann sind Sie mit Renault in Kontakt?

Hülkenberg: Das hat sich in den letzten Wochen relativ kurzfristig und schnell ergeben.

2017 ist ein besonderes Jahr. Alles beginnt bei Null. Ist deshalb das Timing so gut?

Hülkenberg: Es ist schwer zu sagen, ob ein Teamwechsel in dem besonderen Fall eine Chance oder Risiko ist. Das werden wir erst nächstes Jahr wissen. Das war für mich aber nicht ausschlaggebend. Für mich war die langfristige Aussicht wichtiger. Und die Chance, mit dem Team zusammen etwas aufzubauen. Da kann es dann nächstes Jahr auch ruhig etwas schwierig werden.

Welche Rolle hat Ihre Erfahrung mit Porsche 2015 in Le Mans gespielt?

Hülkenberg: Das war schon ein Aspekt. Eine Erfahrung, die ich vorher in meiner Karriere noch nie gemacht hatte. Das hat mir schon die Augen geöffnet, mit welcher Power so ein Hersteller auftritt. Das hat den Appetit auf ein Werksteam noch gesteigert.

Was erwarten Sie von Renault, was Ihnen Force India nicht geben kann?

Hülkenberg: Ein Hersteller muss gewisse Erwartungen in sich selbst erfüllen. Das heißt vorne fahren und Rennen gewinnen. Dort will ich auch hin. Natürlich liegt vor Renault noch ein langer Weg. Es war ein hartes Jahr für sie. Das konnte nach dem Kauf von Lotus auch nicht anders sein. Es wird Zeit brauchen, dieses Team wieder aufzubauen. Ich sehe dort eine gute Zukunft, auch eine große Herausforderung, aber ich bin bereit sie anzunehmen. Und warum sollten wir nicht eine Erfolgsstory zusammen schreiben?

Was können die großen Teams von Force India lernen?

Hülkenberg: Die Struktur im Management ist übersichtlich, mit direkten Wegen, schnellen Entscheidungen. Deshalb sind sie auch so effizient.

Es ist kein Geheimnis, dass Force India immer mal wieder Probleme mit dem Cashflow hat. Spielte auch eine Art Existenzangst für den Teamwechsel eine Rolle, dass dieses Team mal zusammenkrachen könnte?

Hülkenberg: Existenzangst nicht. Seitdem ich bei Force India gab es immer Schlagzeilen und Gerüchte in diese Richtung. Das Team wurde schon 20 Mal totgeschrieben und Vijay Mallya schon 20 Mal eingesperrt. Das Team ist immer noch da und Vijay auch. Ich habe einen Heidenrespekt vor Vijay.

Haben Sie bei Force India alles erreicht, was Sie sich vorgenommen hatten?

Hülkenberg: Ich hätte schon gerne ein Podium geholt mit ihnen. Dieses Jahr hatten wir in Monte Carlo, Baku und Spa drei Möglichkeiten. Es gab Umstände, die das verhindert haben. In Monte Carlo haben wir es durch einen taktischen Fehler selber verbaut. In Baku durch meinen Unfall in der Qualifikation. In Spa die rote Flagge zur falschen Zeit. Da lag ich noch auf Platz 2. Das Gesamtbild aber passt. Als ich zu Force India kam, waren wir Achter. Jetzt haben wir eine gute Chance auf Platz 4. Damals waren wir noch ziemlich unorganisiert und nicht gut aufgestellt. Im Vergleich dazu fahre ich heute für ein ganz anderes Team. Es ist schön an dieser Entwicklung beteiligt gewesen zu sein. Wenn da draufschaue, bin ich stolz.

Irgendwie ist Force India der Robin Hood der Formel 1. Beißer, die sich nichts gefallen lassen. Stimmt dieses Bild?

Hülkenberg: Es sind einfach Vollblut-Racer. Das alte Jordan-Team, das nie auf Rosen gebettet war und sich alles erkämpfen musste. Diese DNA steckt in diesem Team.

Was hat Force India gesagt, als sie erfuhren, dass Sie zu Renault gehen?

Hülkenberg: Sie haben sicher keine Freudensprünge gemacht. Aber sie haben es akzeptiert. Das zeigt, dass da auch eine menschliche Beziehung zwischen dem Team und mir gewachsen ist. Das ist mehr als das normale Fahrer-Teamchef Verhältnis. Sie haben schon versucht mich zu halten, aber auch relativ schnell respektiert, dass ich etwas anderes machen will. In meiner ganzen Zeit bei Force India war die Kommunikation immer sehr offen und fair. Es gibt da keine Spielchen. Dafür bin ich dankbar. Das ist immer auch ein Geben und Nehmen. Ich habe dem Team viele Punkte gebracht, das Team hat mich aber auch 2011 aufgepickt, als ich bei Williams plötzlich ohne Job da stand.

Sergio Perez sagt, Sie sind der beste Teamkollege, den er jemals hatte. Trifft das umgekehrt auch zu?

Hülkenberg: Sicher einer der besten. Rubens Barrichello ist auch einer, der mir noch im Kopf herumschwirrt. Sergio und ich haben viel voneinander gelernt. Ich habe mir seine Stärken abgeguckt. Er genauso bei mir. Mit dem Resultat, dass es immer extrem eng zwischen uns zugeht. Wir müssen beide komplett am Limit fahren und alles perfekt machen, weil sonst der andere um zwei Hundertstel vor einem steht. Es ist ein intensives Duell, aber auch spannend und interessant.

Was haben Sie von ihm gelernt?

Hülkenberg: Das Reifenmanagement. Speziell das der Hinterreifen. Er ist ein Fahrer, der da sehr viel Toleranz hat, was die Hinterachse angeht, wenn die zum Bespiel mal schwammig ist. Auch sein Gefühl und sein Verständnis für die Hinterreifen und sein Fahrstil, damit umzugehen, das habe ich mir von ihm abgeschaut.

Wie erklären Sie sich, dass Sie trotz des engen Zweikampfes immer gut miteinander ausgekommen sind?

Hülkenberg: Wir kommen beide aus einem guten Elternhaus, mussten beide hart arbeiten in unserer Karriere, haben beide einen gesunden Menschenverstand und hohen Respekt voreinander und wissen, was es bedeutet das zu erreichen, was der andere erreicht.

Sie qualifizieren sich regelmäßig in den Top Ten. Was ist das Geheimnis dieser Beständigkeit?

Hülkenberg: Ein gutes Auto. Das macht das Leben immer leichter. Das Team hat mit der Entwicklung einen richtig guten Job gemacht. Das Auto ist ein echter Allrounder, gut auf Strecken für viel Abtrieb, für wenig Abtrieb, auf schnellen und langsamen Kursen. Hinter den drei Top-Teams sind wir eine feste Größe geworden.

Lernen Sie schon Französisch?

Hülkenberg: Nee, noch nicht. Aber es wird bald so weit sein.

Was ist Ihr Minimalziel für 2017?

Hülkenberg: Ich wünsche mir, dass wir auf Anhieb konkurrenzfähig sind und gut Punkte mitnehmen können nächstes Jahr. Aber es ist schwer einzuschätzen mit den Regeländerungen. Ich sehe sie mehr als Chance als Risiko.

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