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Nico Rosberg exklusiv im Interview - Teil 2

"Träume von gigantisch gutem Auto"

Nico Rosberg 2012 - Mercedes GP Foto: Wolfgang Wilhelm 24 Bilder

Im zweiten Teil des großen Interviews mit Nico Rosberg erklärt der Mercedes-Pilot im Detail, welche Herausforderungen die Fahrer bei der Setup-Arbeit bewältigen müssen, wie sehr er von einem schnellen Auto träumt, wo er sich im Duell mit Michael Schumacher sieht und wo es für Mercedes in Zukunft hingeht.

14.01.2012 Michael Schmidt
Thema Setup-Arbeit - wie oft sehen Sie ihren Ingenieur am Wochenende?

Rosberg: Eigentlich immer. Manchmal habe ich das Gefühl, es geht nur um Meetings und die Technik. Wir sitzen ständig zusammen um das Auto mechanisch, elektronisch und aerodynamisch zu optimieren. Vier Stunden pro Tag sind das bestimmt.

Wie schwierig ist es, so ein Auto zu optimieren?

Rosberg: Das ist schon schwierig. Du fährst 100 Prozent und musst gleichzeitig alles verstehen. Wo sind die Schwächen, wo die Stärken? Wenn du Untersteuern hast, dann gibt es unendlich viele Eingriffsmöglichkeiten, die das Untersteuern wegbringen. Erst einmal musst du feststellen, woher das Untersteuern überhaupt kommt. Ist der Frontflügel zu wenig angestellt, oder vielleicht der Stabi zu hart? Vom Fahrgefühl her sind das nur ganz feine Unterschiede. Liegst du falsch, verrennst du dich. Doch bei manchen Maßnahmen schaffst du dir andere Probleme, die du auch nicht haben willst. Es geht darum, den besten Parameter zu finden. Das sind Nuancen. Untersteuern ist aber nur ein Problem, das du lösen musst. Da kommen andere dazu. Das muss alles aufeinander abgestimmt werden. gleichzeitig musst du mit einrechnen, wie sich das Auto in diesem Punkt verhalten wird, wenn mehr oder weniger Sprit an Bord ist, wenn alte oder neue Reifen drauf sind, oder wenn sich die Streckenbeschaffenheit ändert. Da sehe ich eine meiner Stärken, das Auto zu optimieren.

Schauen Sie dann auch drauf, wie der Teamkollege die gleichen Probleme löst?

Rosberg: Natürlich, immer. Das grobe Setup der Autos ist heute sehr ähnlich.

In wieweit ist das Verständnis für die Technik wichtig. Müssen Sie wissen, wie der angeblasene Diffusor funktioniert?

Rosberg: Das hilft extrem. Ein Beispiel: Ich fahre in eine Kurve, für die eigentlich der dritte Gang bestimmt ist. Wenn ich es irgendwie schaffe, dort im zweiten durchzufahren, dann habe ich megamäßig mehr Grip. Weil der Gang niedriger ist, die Drehzahl höher, und weil der Auspuff da stärker bläst. Das merkst du, wenn du am Kurvenausgang früh hochschaltest. Plötzlich ist weniger Abtrieb da. Anderes Beispiel: Ich fahre in eine Kurve rein und habe Untersteuern. Um das wegzukriegen hilft es, extrem spät runterzuschalten. Würde ich das früher tun, hätte ich im Heck plötzlich überproportional viel Anpressdruck über das Anblasen des Diffusors. Das heißt, dass mir das Auto beim Einlenken vorne weggeht. Also warte ich so lange wie möglich, bis dieser Effekt eintritt. Das kann ich mit dem Schaltpunkt steuern.

Wie lange hat es gedauert, den Pirelli-Reifen zu verstehen?

Rosberg: Das war schon sehr komplex. Ich habe bis zum letzten Rennen dazugelernt. Es ist eine Kunst rauszufinden, wie viel du dem Reifen zumuten kannst, damit er nicht überhitzt und möglichst lange hält. Andererseits musst du lernen, wie du den Reifen schonst ohne allzu viel Zeit zu verlieren. Da führen verschiedene Wege zum Ziel. Jede Kurve ist anders, also muss der Reifen auch immer anders behandelt werden. Abu Dhabi war in der Hinsicht mein bestes Rennen. Da habe ich den Reifen perfekt genutzt. Ich frage mich nur, ob die Red Bull-Fahrer das auch in dem Maße machen mussten, oder ob die so viel Abtrieb hatten, dass es viel weniger schwierig war, die Reifen zu schonen.

Gefallen Ihnen die Rennen, wo man taktieren muss besser als die zu Zeiten der Tankstopps, als sie jede Runde auf Attacke fahren konnten?

Rosberg: Das alte System war besser. Jede Runde eine Qualifikationsrunde. Das ist schon cool. Heute darfst du im Rennen nicht eine Chaosrunde fahren. Du musst auf die Reifen aufpassen, Sprit sparen.

Wenn Sie sich da so voll reinhängen, wie frustrierend ist es dann, wenn am Ende nur Platz sechs oder sieben dabei rausspringt?

Rosberg: Es geht. Ich weiß, dass ich einen tollen Job gemacht habe. Ich weiß auch, dass es aufwärts geht. Die Geduld dafür bringe ich auf.

Ist für Sie ein sechster Platz ein erster?

Rosberg: Wenn ich in Abu Dhabi Sechster werde mit nur zwei Sekunden Rückstand auf den Ferrari, dann kann ich mich darüber freuen.

Träumen Sie nachts von einem Red Bull oder McLaren?

Rosberg: Soweit ist es noch nicht. Ich träume von einem Sieg im Silberpfeil. Das werden gigantische Emotionen sein.

Lassen wir mal die Markentreue weg. Ich meine vom reinen Auto?

Rosberg: Ich träume schon davon, ein gigantisch gutes Auto zu haben, mit dem ich alle in Grund und Boden fahre.

Können sie nachvollziehen, wo dieser Red Bull seine Zeit macht?

Rosberg: In mittelschnellen und schnellen Kurven.

Wie oft mussten Sie sich vorhalten lassen: Schon über 100 Grand Prix und noch kein Sieg?

Rosberg: In letzter Zeit immer öfter. Ich denke da überhaupt nicht dran. Ich glaube an meinen Weg, und ob es jetzt 100 Grand Prix sind oder nicht, macht mir keine Sorgen.

Ärgern Sie sich, dass andere Fahrer zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Auto saßen?

Rosberg: Ich bereue nichts. Ich bin voll überzeugt, dass es richtig war zu Mercedes zu wechseln und auch dort zu bleiben.

Wäre es nicht besser gewesen, nach zwei Jahren Williams zu McLaren zu wechseln? Es gab ja ein Angebot.

Rosberg: Das Interesse war schon da, aber Frank wollte mich nicht gehen lassen. Ich hatte noch einen Vertrag. Sicher waren vier Jahre Williams nicht ideal. Das hätte vielleicht ein bisschen kürzer ausfallen können. Aber gerade die letzte Saison dort wurde für mich zum Sprungbrett. Da wurde ich Siebter in der WM wie in den letzten beiden Jahren auch, und das hat einige Leute aufmerksam gemacht.

Sie haben Michael Schumacher zwei Mal hintereinander deutlich im Trainingsduell geschlagen. Was gibt Ihnen das?

Rosberg: Das Trainingsduell ist nur ein Punkt. Wichtig ist das Gesamtbild. Im Rennen war der Michael in diesem Jahr da näher dran, aber schlussendlich lag ich auch da klar vorne. Und das macht mich schon zufrieden. Ich hätte vorher nie erwartet, dass ich den Rekordweltmeister so in Schach halte. Ich habe mir da im Team Respekt verschaffen und merke auch, wie das Team an mich glaubt.

Wie muss man Schumacher einschätzen. Ist das ein alter Mann oder immer noch einer der Besten?

Rosberg: Besonders im Rennen fährt er auf einem sehr hohen Niveau. Das ist auch gut für mich. Daran kann ich mich hochziehen und mich steigern. Es gibt immer Bereiche, wo der andere mal stärker ist und man selbst lernen kann.

Zum Beispiel?

Rosberg: Ich analysiere immer, was andere machen. Die erste Runde ist eine Stärke von Michael. Allerdings kam er meistens auch immer von weiter hinten als ich. Vor mir standen meistens nur noch Red Bull, McLaren und Ferrari. Und die waren alle schneller als wir. Da ist es schwierig, zwei, drei Plätze gutzumachen.

2011 war eigentlich ein Rückschritt im Vergleich zu 2010. Haben Sie da nicht Angst, dass Mercedes aus den Fehlern vom Vorjahr nichts gelernt hat?

Rosberg: Der Glaube vor der Saison war schon, dass wir uns im Vergleich zu 2010 steigern. Das war nicht der Fall. Mich hat die Bewegung überzeugt, die dieses Jahr in das Team gekommen ist. Wir haben mit Bob Bell, Geoff Willis und Aldo Costa drei neue Topleute an Bord. Ich glaube auch immer noch sehr stark an Ross Brawn. Die Motivation lässt sich fühlen. Er weiß, was wir brauchen, um das beste Team zu werden.

Könnte man die zwei Jahre Mercedes so bilanzieren: Die Leute sind gut, die Struktur war es nicht?

Rosberg: Das könnte man so sehen. Es sind sehr viele kompetente Menschen da, die waren aber noch nicht gut genug zusammengewachsen und nicht jeder war am richtigen Platz. Dieser Prozess findet jetzt statt. Die Ingenieure haben schon tolle Ideen. Da wird nicht nur kopiert, sondern es fließen auch eigene Ideen ein.

Wie oft erkundigen Sie sich nach dem neuen Auto?

Rosberg: Ich lasse mir jede Woche ein Update geben.

Das Reglement nimmt Red Bull zwei Trumpfkarten weg. Hilft das auch Mercedes?

Rosberg: Red Bull wird trotzdem noch stark sein, egal unter welchem Reglement. Die haben die Kompetenz und die Struktur, aus allen Anforderungen das Beste draus zu machen. Die sind das Team, das es zu schlagen gilt.

Sie sind ein Werksfahrer. Wie schwer ist es, seine Worte so zu wählen, dass sie politisch korrekt sind?

Rosberg: Mercedes verbietet mir nicht, irgendetwas zu sagen. Mercedes ist mein Arbeitgeber. Ich sehe keinen Grund, jemand öffentlich zu kritisieren, nur weil wir gerade mal in einer schwierigen Phase stecken. Das ist nicht anders als damals bei Williams.

>> Hier geht es zum ersten Teil des großen Interviews mit Nico Rosberg.

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