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Wer war schuld am Mercedes-Crash?

Technikpanne löst Kollision aus

Nico Rosberg - Mercedes - GP Spanien 2016 - Barcelona - Sonntag - 15.5.2016 Foto: sutton-images.com 68 Bilder

Der GP Spanien endete für die Mercedes-Piloten nach einem Kilometer im Kiesbett. Die Rennleitung sagt zum Crash zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton: normaler Rennunfall. Doch ausgelöst hat die Kollision eine Technikpanne. Rosberg wurde plötzlich 17 km/h langsamer.

15.05.2016 Michael Schmidt

Es ist das Horror-Szenario für Mercedes. Und der einzige Hoffnungsschimmer für die Konkurrenz. Nico Rosberg und Lewis Hamilton krachten nach einem Kilometer auf der Anfahrt zur Kurve 4 zusammen und landeten im Kiesbett. Hamilton hatte Rosberg innen attackiert. Der WM-Spitzenreiter machte früh die Tür zu, so dass Hamilton nur noch der Ausweg durch die Wiese blieb. Dort stellte sich der Silberpfeil mit der Nummer 44 quer und räumte auf seinem Sturzflug auch das Schwesterauto ab.

Die Fahrer behielten bis zu ihrer Rückkehr in den Mercedes-Techniktruck die Helme auf. Keiner sollte sehen, wie es unter der Kopfbedeckung kochte. Die Mercedes-Vorstände Dieter Zetsche und Thomas Weber reagierten in der Garage mit ungläubigem Kopfschütteln. Nacheinander enterte die Mercedes-Führung den Besprechungsraum. Das Rennen ging gerade in die 13. Runde, da stiegen Teamchef Toto Wolff und Technikdirektor Paddy Lowe die steile Treppe zur Mercedes-Kommandozentrale hinauf. Fünf Minuten später folgte Niki Lauda.

Rosberg fehlten plötzlich 160 PS

Der Mercedes-Außenminister hatte in einem Schnellurteil Hamilton die Schuld für die Kollision gegeben. "Es war ganz klar der Fehler von Lewis. Das muss Konsequenzen haben." Doch so einfach lagen die Dinge nicht. Es war ganz offensichtlich, dass Hamilton deutlich schneller aus der dritten Kurve kam. Und das nicht nur, weil er nach Rosbergs Überraschungs-Coup am Ende der Zielgeraden die bessere Linie in den Kurven 2 und 3 hatte. Rosberg musste ständig auf Verteidigungskurs fahren.

Doch als Rosberg auf die kurze Gerade zwischen den Kurven 3 und 4 einbog, spürte er einen plötzlichen Leistungsverlust. Und Hamilton wusste das, weil an Rosbergs Mercedes sofort das Rücklicht blinkte. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Mercedes V6-Turbo in die De-Rating-Phase übergangen war. Dabei wird die Batterie geladen, und der Elektromotor liefert keinen Saft mehr. Dem Fahrer fehlen 160 PS. Rosberg war am Messpunkt nur 245,5 km/h schnell. Später im Rennen haben die Besten an der Stelle mit über 270 km/h passiert.

Rosberg drückt vergeblich Überholknopf

Hamilton kam mit einem Überschuss von 17 km/h aus der Kurve und musste in einem Bruchteil einer Sekunde eine Entscheidung treffen: Links oder rechts? "Der Speedunterschied war fast so groß wie bei einem offenen DRS. Ich habe mich für die Innenseite entscheiden, weil dort üblicherweise zwei Wagenbreiten Platz sind. Außen bleibt dir nur Platz für ein Auto", erklärte Hamilton.

Rosberg hatte das Manöver durchschaut und zog seinen Mercedes nach innen, um dem Teamkollegen keine Möglichkeit zu geben, sein Missgeschick auszunutzen. "Ich habe Lewis früh genug und klar angedeutet, dass es da keinen Sinn macht." Hamilton erwiderte: "Zu dem Zeitpunkt gab es kein Zurück mehr für mich."

Der Engländer war bereits mit allen vier Rädern auf dem Gras, und dann hakte auch noch die Kufe des Unterbodens im weichen Untergrund ein. Ein Dreher war unvermeidlich. Doch warum ging der Mercedes-Motor von Rosberg plötzlich in den Lademodus über? "Nico hat nach dem Start vom Startprogramm nicht in den Rennmodus geschaltet", erklärte Teamchef Toto Wolff. "Ich habe es versucht", erwiderte Rosberg. "Der Knopf dafür ist bei uns links oben am Lenkrad. Der gleiche wie für den Überholmodus. Es ist aber nichts passiert."

FIA-Startmodus überschreibt alle Lenkradbefehle

Das ist richtig und gleichzeitig falsch. Egal welchen Knopf Rosberg in dieser Phase gedrückt hätte, es hätte nichts gebracht. Es ist deshalb auch irreführend, wenn Hamilton behauptet, er habe in Kurve 3 in den Rennmodus geschalten, während Rosberg noch im Startmodus unterwegs war. Das ist schlicht und einfach nicht möglich. Der Übergang in den Rennmodus erfolgt automatisch.

In den ersten 90 Sekunden nach dem Start überschreibt der FIA-Startmodus alle anderen Programme. Der Überholknopf konnte also nicht funktionieren. Trotzdem konnte Rosberg nichts dafür. Oder höchstens unbewusst. Der Leistungsverlust muss ein Software-Fehler gewesen sein. Ob er dadurch ausgelöst wurde, weil Rosberg die Formationsrunde versehentlich im Startmodus gefahren war, kann von den Mercedes-Ingenieuren erst nach genauer Datenauswertung in der Fabrik geklärt werden.

Hamilton entschuldigt sich beim Team, nicht bei Rosberg

Bleibt die Frage: Wer war schuld? Die FIA bewertete die Karambolage als "normalen Rennunfall". Teamchef Toto Wolff sagte im Prinzip das gleiche, allerdings mit anderen Worten: "Nico hatte aufgrund einer fehlerhaften Software-Einstellung einen hohen Speeverlust. Lewis sah die Lücke und stach hinein. Geben wir unseren Fahrer die Schuld? Ich habe ihnen nach dem Rennen gesagt: Ihr sitzt im Auto, ihr habt die Verantwortung beide Autos ins Ziel zu bringen. Das habt ihr heute nicht geschafft." Wolff will seinen Fahrern deshalb nicht den Kopf abreißen: "Wir haben Lewis die letzten beiden Male mit der Technik im Stich gelassen. Heute war es umgekehrt. Deshalb hat er sich sofort beim Team dafür entschuldigt."

Hamilton stellte schnell klar, dass seine Entschuldigung nur dem Team galt: "Nico und ich haben heute 43 Punkte weggeworfen. Das ist ein schlimmes Gefühl." Der Titelverteidiger übernahm dennoch nicht die Verantwortung für den Crash. Da schwang unterschwellig der Gedanke mit: Musste mir Rosberg die Türe so zuwerfen? Andererseits hatte Rosberg bereits angefangen nach rechts zu ziehen, bevor Hamilton auf diese Seite ausscherte.

FIA gibt keinem Fahrer die Alleinschuld

Die FIA-Inspektoren haben die Sequenz Bild für Bild analysiert. Sie wollten herausfinden, ob Rosberg die Spur gewechselt hat, nachdem Hamiltons Frontflügel neben dem rechten Hinterrad des anderen Mercedes war. Die Antwort ist Nein: "Es gibt nur zwei Bilder am Ende des Angriffs, wo der Flügel das Rad überdeckt. Aber da blieb Rosberg auf seiner Linie."

Teamintern kam man zur Ansicht, dass beide Fahrer Schuld hatten. Rosberg hat seinem Teamkollegen ein bisschen zu aggressiv die Türe zugeworfen, und Hamilton versuchte in eine Lücke zu stechen, die es nicht gab. Oder die bereits so weit zugefallen war, dass ein Angriff zwecklos war. Die Datenauswertung zeigte, dass Hamilton auch kaum vom Gas ging, als er sich schon auf dem Gras befand. Er hätte sich also noch aus der Falle retten können.

Die Situation in der WM war nicht ganz unschuldig daran, dass es Hamilton mit der Brechstange versuchen musste. Er hatte den Spurt in die erste Kurve verloren und wusste, dass er jede Chance in der ersten Runde nutzen musste. Überholen ist in Barcelona nur möglich, wenn man einen Vorteil von 2,4 Sekunden pro Runde hat. Danach wäre es fast unmöglich gewesen an Rosberg noch vorbeizukommen, weil der Spitzenreiter immer den früheren Boxenstopp bekommt. Rosberg bestätigte das mit seiner Aussage: "Nach dem Start gehörte das Rennen mir."

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