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Niki Lauda im Interview

"Nur auf dem Papier sind die Chancen da"

Niki Lauda - Formel 1 - GP China - 13. April 2013 Foto: xpb 28 Bilder

Mercedes hat mit seinem Sieg beim GP Ungarn Ansprüche auf den WM-Titel gestellt. auto motor und sport fragte bei Capo Niki Lauda nach, wie er die WM-Chancen für Lewis Hamilton und das Team sieht, wo Red Bull noch besser ist und was wir von den neuen Motoren 2014 erwarten dürfen.

16.08.2013 Michael Schmidt
Wird Mercedes in diesem Jahr noch Weltmeister?

Lauda: Nein.

Warum nicht?

Lauda: Red Bull ist immer noch überlegen. Und sie haben einen Punktevorsprung. Wir haben in den letzten Rennen aufgeschlossen, aber in der letzten Konsequenz sind sie die Stärkeren.

Aber Mercedes hat das schnellere Auto. Sieben Pole Positions sind ein Wort.

Lauda: Da bin ich bei Ihnen. Nur den Vettel mit diesem Red Bull zu schlagen, das schafft keiner.

48 Punkte für Hamilton und 69 für Mercedes sind nicht uneinholbar. Sehen Sie wirklich keine Chance?

Lauda: Auf dem Papier sind die Chancen da, in der Realität wird es sehr schwierig.

Was passiert, wenn sich der Rückstand in den nächsten beiden Rennen weiter verkürzt?

Lauda: Wir versuchen die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Einen haben wir schon abgestellt. Das Auto entwickelt sich in jedem Rennen vorwärts, nicht mehr rückwärts. Es gibt seit Saisonbeginn nur noch näherkommen oder sogar überholen. Entscheidend werden die nächsten drei Rennen sein. Nach Singapur wird es immer schwieriger, noch weiter zuzulegen. Irgendwann werden auch wir uns überlegen müssen, wo wir die Ressourcen schwerpunktmäßig hinlegen. Wir versuchen das so lange wie möglich hinauszuzögern, aber irgendwann muss dieser Punkt kommen. 

Sind Sie vor oder hinter Ihrem Zeitplan?

Lauda: Den Zeitplan bestimmt die Konkurrenz. Wir liegen im Moment gut. Jetzt wird interessant, was in Spa, Monza und Singapur passiert. Die Reifenfrage ist immer noch da. Wir müssen auf der Lauer liegen, dass wir in dem Punkt immer das Richtige machen.

In Ungarn hat Mercedes unter den schlechtest möglichen Bedingungen gewonnen. Haben Sie die Reifen endlich im Griff?

Lauda: Es war ein ehrlich herausgefahrener Sieg von Hamilton. Das möchte ich betonen. Wobei wir nicht unterschätzen dürfen, dass Red Bull dort Fehler gemacht hat. Kleine zwar, aber sie haben in der Konsequenz dazu geführt, dass es für sie nicht gereicht hat.

Welche Fehler?

Lauda: Beim Start waren sie nur Zweite. Dann sind sie genau in den Button-Stau gekommen, den Hamilton vermieden hat, weil er gleich an Button vorbei ist. Bei Red Bull hat das Fenster für die Reifenwechsel dann nicht gepasst. Das sind Dinge, die passieren, wenn du nicht von der Spitze weg das Rennen kontrollierst. Wir haben in Ungarn alles richtig gemacht. Zusammen mit Hamiltons brutaler Überholfahrt hat uns das den Sieg gebracht.

Wo auf der Verständnisskala der Reifen steht Ihr jetzt?

Lauda: Ich war bei der Rennanalyse des GP Ungarn in England dabei. Ganz klar, wir verstehen immer mehr von diesem Puzzle, aber ich fürchte, dass es von Rennstrecke zu Rennstrecke immer wieder Überraschungen geben kann. Nur bei den Regenreifen haben wir ein klares Bild. 

Eine Prozentzahl bitte.

Lauda: Wir wissen mehr, aber nicht alles. Ich würde sagen, wir liegen bei über 70 Prozent. Am Anfang der Saison haben wir gar nichts verstanden.

Hat das Testverbot in Silverstone den Vorteil des Barcelona-Tests aufgewogen?

Lauda: Jeder intelligente Mensch kann sich doch ausrechnen, dass uns der Barcelona-Test null Vorteile gebracht hat. Wir sind danach nach Monte Carlo gekommen, und dort ist alles anders. Für dieses Rennen kann man nicht testen. Dort hat man nicht das Problem der hohen Reifenbelastung. Das weiß jedes Kind. Ein kluger Fahrer kann in Monte Carlo das Rennen nach Hause schaukeln, wenn er aus der ersten Reihe startet. Das war immer so. Und das wurde von Red Bull vollkommen falsch interpretiert. In Silverstone durften wir nicht mit testen. Dort kamen die neuen Reifen. Trotzdem haben wir im Rennen danach wieder gewonnen. Damit ist diese ganze absurde Diskussion über Vorteil oder nicht Vorteil für mich beendet. 

Wo ist Red Bull noch besser als Mercedes?

Lauda: Red Bull ist im Gesamtpaket besser. Sie haben Strecken, wo sie alles gewinnen und welche, wo sie gegen uns ihre Aerodynamikvorteile nicht so ausspielen können, aber trotzdem dicht hinten dran sind. Wir haben noch größere Schwankungen. Wir müssen auf den Rennstrecken zubeißen, wo Red Bull nicht ganz so gut ist. Davon wird alles abhängen. Wie viele Strecken im Restprogramm passen Red Bull und wie viele nicht? Vielleicht liegen Spa und Monza nicht auf ihrer Welle, aber dann werden ihre Hausstrecken wieder kommen.

Ferrari und Lotus mischen da vorne auch noch mit. Ist das für Mercedes ein Vor- oder Nachteil?

Lauda: Was die Konstrukteurs-Meisterschaft angeht ein Vorteil. Ferrari und Lotus wechseln sich ab. Wir sind mit unseren beiden Topfahrern konstant vorne dabei. 

Sollten Sie in den nächsten drei Rennen merken, dass da noch etwas geht mit der WM: Muss dann Rosberg für Hamilton fahren?

Lauda: Bei uns gibt es eine klare Ansage: Jeder kann machen, was er will. In der Situation entscheiden zu müssen, sind wir noch bei weitem nicht. Wir können das noch offen lassen, bis er wirklich ernst wird.

Ihre Konkurrenten müssen sich einen zweiten Fahrer für 2014 suchen. Wen würden Sie als Red Bull nehmen: Räikkönen, Ricciardo oder Alonso?

Lauda: Den Alonso sicher nicht. Der würde nur Unruhe ins Team bringen. Red Bull hat nach wahrscheinlich vier WM-Titeln mit Vettel den Luxus, ganz in Ruhe die Vorteile von Räikkönen und Ricciardo gegeneinander abzuwägen. Der eine ist kurzfristig die bessere Lösung, der andere langfristig. Sie können ein Risiko in der Fahrerwahl eingehen. Ferrari nicht. Wenn Räikkönen nicht zu Red Bull geht, und daran glaube ich im Moment nicht, dann muss Ferrari versuchen, Kimi ins Boot zu ziehen. Um ein Gegengewicht zu Alonso zu haben. Nach sechs Jahren ohne Titel ist Ferrari unter Zugzwang. 

Der neue Mercedes-Motor für 2014 soll eine Sekunde bringen. Stimmt das?

Lauda: Ich kann das nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass Brixworth ein Hightech-Laden ist und dass Andy Cowell eine Mannschaft hat, bei der sich alle anderen fünf Finger abschlecken würden. Nur: Dieses extrem komplizierte Motorkonzept birgt Risiken in sich. 100 Kilo Sprit, Kers, Turboloch, abwechselnd Rückgewinnung von kinetischer und thermischer Energie, das ist ein irr kompliziertes Werkel. Das Ding ist zu komplex. dass alle auf dem gleichen Niveau beginnen. Aber wer da im Endeffekt die Nase vorn hat, ist für mich nicht einzuschätzen. Das werden wir erst nach fünf Rennen wissen. 

Wie hat Ihnen als Fahrer die alte Turbo-Ära gefallen?

Lauda: Überhaupt nicht. Weil ich im Training einen Motor mit 1.200 PS fahren musste, der dann im Rennen nur noch 600 PS hatte. Das wird in Zukunft nicht mehr so sein. Die neuen Motoren werden im Training etwas mehr PS als im Rennen haben, dafür werden sich die Turbomotoren viel besser fahren lassen. Die Fahrer können sich freuen.

Was macht Pirelli: Breitere Reifen, größerer Durchmesser?

Lauda: Eine ganz entscheidende Frage. Charlie Whiting hat an alle Teams geschrieben, dass Pirelli beides will: Größere Durchmesser und breitere Reifen. So wie ich das verstehe, wird das jetzt von der FIA allein entscheiden. Die Teams da zu involvieren, halte ich für sinnlos, weil eh nichts dabei rauskommt. Wenn wir da Pirelli nicht lückenlos die Daten über die Motoren und Autos liefern, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir nächstes Jahr in Melbourne wieder dastehen und über die Reifen schimpfen. Das darf nicht noch einmal passieren. Pirelli soll ohne Einfluss der Teams festlegen, wie die nächstjährigen Reifen auszusehen haben. Sonst kann man ihnen keinen Vorwurf machen, wenn wir wieder in Probleme rutschen. Gerade mit den neuen Autos und Motoren ist es wichtig, dass wir stabile Reifen haben. Nur so können wir vernünftig testen.

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