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Niki Lauda über Nürburgring-Unfall

"Falle in ein Loch und denke, ich sterbe"

Foto: Wolfgang Wilhelm 72 Bilder

Niki Laudas Feuer-Unfall am 1. August 1976 am Nürburgring schrieb Motorsport-Geschichte. 40 Jahre später blickt Lauda noch einmal zurück auf den Tag, der sein Leben verändert hat und räumt mit falschen Legenden auf.

22.08.2016 Michael Schmidt 3 Kommentare
Sie wurden als Totengräber der Nordschleife kritisiert. Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu dieser Rennstrecke?

Lauda: Die Nordschleife war für uns damals die größte Herausforderung, die geilste Strecke, die man fahren konnte. Dein Auto dort am Limit zu beherrschen war die Krönung. Wir haben uns gefreut, dort zu fahren, weil wir ja jung und dumm waren und den Tod und die Gefahr ausgeblendet hatten. Völlig unbelastet und total bescheuert, obwohl das Risiko um ein Vielfaches größer war als anderswo. Ich genauso, weil ich sonst dort nicht hätte schnell fahren können. Wenn du nur an einer Ecke überlegt hättest, wo es dich hinwirft, wenn etwas schief geht, hättest du keine Runde hingekriegt.

Warum gab es dann 1976 plötzlich Stress, wenn alles so geil war?

Lauda: Das Problem war die Streckenlänge. Deshalb hatten wir Fahrer einen Plan aufgestellt, welche Stellen man renovieren muss, um einigermaßen eine Sicherheit hinzubekommen. Das war ein Dreijahres-Plan, der mit dem Nürburgring abgesprochen war. Ein Mal umbauen, 3 Jahre Garantie von uns dort zu fahren. 1976 war die letzte Saison von diesen 3 Jahren. Doch die Autos waren einfach zu schnell geworden. Das, was sie am Nürburgring geändert hatten, war schon wieder obsolet. In Long Beach haben sich 5 Fahrer hingesetzt und darüber diskutiert, ob wir 1976 fahren sollten. Uns wurde klar, dass wir einen Riesenwickel bekommen würden. Wir waren da ein bisschen in der Zwickmühle, weil wir dem Nürburgring das Versprechen gegeben hatten, zu fahren. Er hatte ja unsere Forderungen erfüllt. 5 Leute haben abgestimmt. 3 waren für Fahren, 2 dagegen. Ich glaube der Fittipaldi und ich. An den Mehrheitsbeschluss habe ich mich gehalten. Für mich war das Thema damit erledigt.

Können Sie sich noch an Ihre allererste Nürburgring-Runde erinnern?

Lauda: Na klar. Ich war mit Lambert Hofer, einem Wiener Rennfahrer, am Ring. Der hatte einen Mini Cooper S. Ich bin damals auch Mini gefahren und habe ihn gefragt, warum wir nicht zusammen dort an einem Rennen teilnehmen. Wir kommen an den Ring, und weil ich der Gescheite war, dachte ich mir, es wäre gut die Strecke kennenzulernen. Ich sehe den Dieter Quester mit seinen O-Haxen im Fahrerlager herumrennen. Von dem wusste ich, dass er die Strecke kennt. Außerdem war er der große Hero und der Europameister im Tourenwagen und richtig gut. Ich geh' zu ihm hin, stelle mich vor und frage ihn, ob er mich um den Nürburgring mitnehmen kann. Er hatte einen BMW. Hau‘ di eini, hat der Quester gesagt. Ich hinten drin im Überrollbügel verkeilt, weil er noch einen Beifahrer hatte. Der Quester ist wie ein Wahnsinniger über den Nürburgring geheizt. Mir stand nur der Mund offen. Ich habe ihn sofort um eine zweite Runde gebeten. Diesmal vorn. Dem anderen war schlecht geworden. Am Ende waren es 3 Runden. Ich habe versucht, so viel wie möglich über die Linie durch die Kurven zu merken.

Und dann kam der Mini?

Lauda: Genau. Der Hofer war zu blöd, sich darauf vorzubereiten. Ich habe mit ihm in einem kleinen Zimmer mit Blick auf die Nürburg gewohnt. Am nächsten Morgen schauen wir aus dem Fenster. Da haben ein paar Irre vor unserem Hotel ein Grab ausgeschaufelt und einen Sarg danebengestellt. Der Hofer sagt zu mir: Schau, was die da machen. Ich hab ihm gesagt: Der Sarg ist für dich. Ich kenn den Nürburgring schon. Ein blöder Witz, war aber so. Dann sind wir mit dem Mini um den Nürburgring gefahren. Ich war natürlich eine Minute schneller als der Hofer. So habe ich den Kurs kennengelernt.

Wo kam die Nürburgring-Erfahrung her?

Lauda: Im Tourenwagen. Da bin ich viel am Ring gefahren. Mit dem BMW Dreiliter-Alpina. Das war ein schweres Auto. Werd‘ ich auch nie vergessen. Der Bovensiepen von Alpina hat ein 24 Stunden-Rennen veranstaltet. 8 Stunden Rennen, 8 Stunden Pause, wieder 8 Stunden fahren. Danach ist der Bovensiepen zu mir gekommen und hat mir gesagt, dass er so etwas noch nie gesehen hat. Ich bin 3 Runden hintereinander auf die Zehntelsekunde die gleiche Rundenzeit gefahren. Bei 22 Kilometer Streckenlänge. Wie bringst du das zusammen, hat er gefragt. Weil ich am Limit war, hab‘ ich ihm gesagt. Da war kein Spielraum mehr.

Niki Lauda - F1 - GP Deutschland 1976 - NürburgringFoto: Wilhelm
Niki Lauda 1976 auf der Nordschleife.
Dann kamen die Formel-Autos.

Lauda: Im Formel Vau bin ich schon vorher gefahren. Der Marko und ich im gleichen Team. Ich wollte den Helmut überholen. Der macht mir zu, ich rumple über die Wiese, ärgere mich grün und blau, und bin hinter ihm ins Ziel. Ich habe mich hinterher aufgeregt, er nur gelacht. Dann sind wir aufs Podium rauf, mussten aber ewig warten, weil der Dritte noch gar nicht im Ziel war. Das war der Peter Peter. Als der endlich da war, habe ich zu ihm gesagt: Bist du deppert, warum lässt du uns hier 10 Minuten warten? Dann kam die Formel 3. Da bin ich mit meinem McNamara gleich einmal am Flugplatz in den Wald geflogen. Da wurde der Spruch Hecke auf, Hecke zu, wieder einmal bestätigt. Ich habe mich verabschiedet mit dem Ding, durch die Hecke durch und in den Wald. Danach bin ich den Hügel wieder raufgeklettert und habe den Streckenposten gesagt, dass da unten mein Auto liegt.

Haben Sie am Ende jede Kurve, jeden Scheitelpunkt, jede Bodenwelle gekannt?

Lauda: Ja. Ohne ging es nicht.

Der schlimmste Streckenteil?

Lauda: Die Fuchsröhre. Du hast aus der Aremberg-Rechtskurve volle Pulle den Berg runter beschleunigt und musstest schauen dass du die Schlängelkurven und die Senke richtig erwischst, weil oben am Berg 2 enge Kurven gewartet haben. In der Senke hat es dich so zusammengestaucht, dass du den Fuß nicht vom Gas gebracht hast. Du musstest aber kurz danach auf die Bremse. Kaum war die Fliehkraft weg, hast du auf der letzten Rille gebremst und bist mit Hängen und Würgen durch die Kurven durch.

Sie hatten schon 1973 mit dem B.R.M. einen bösen Unfall im Kesselchen.

Lauda: Ja, da hatte ich echt Glück. Ich brezel da den Berg rauf und hatte einen Reifenschaden. Der B.R.M. biegt mir ab, schlägt in die Böschung ein, kommt wieder zurück, und plötzlich steht ein Betonhäusl für Streckenposten im Weg. Mein Kübel hatte keine Räder mehr dran, ich hatte mir die Hand gebrochen, konnte nicht lenken und fahre auf das Haus zu. Kurz davor bleibt mein Auto stehen. Reines Glück.

1974 haben Sie eine Siegchance in der Nordkehre weggeschmissen.

Lauda: Der Regazzoni hatte den Start gewonnen. Ich wollte ihn in der Nordkehre ausbremsen, habe mich aber gedreht und war gleich weg. Warum? Beim Schieben des Autos vom Fahrerlager in die Boxengasse waren schon die Rennreifen drauf. Plötzlich stellen wir fest, dass wir rechts vorne einen Plattfuß haben. Da haben sie dann einen neuen Reifen draufgemacht. Ich Depp vergesse das. Beim Anbremsen hat ein Reifen mehr Grip gehabt als die 3 anderen. Deshalb habe ich mich rausgehauen.

Sie sind der einzige Mensch, der die klassische Nordschleife unter 7 Minuten geschafft hat. Können Sie ihre 6.58,5 Minuten-Runde von 1975 heute noch einmal geistig nachfahren?

Lauda: Ich kann nur sagen, was ich nachher gemacht habe. Als ich durchs Ziel war, habe ich zu mir gesagt: Das machst du nie mehr in deinem Leben. Wenn doch, bist du tot. Das Problem am Nürburgring war, dass du im Training wegen der Streckenlänge nur 3 oder 4 fliegende Runden zusammengebracht hast. Du warst gezwungen, immer gleich volle Pulle zu fahren. Du konntest nie Speed aufbauen oder Bremspunkte lernen.

Warum waren die Autos im Jahr danach langsamer?

Lauda: Keine Ahnung, muss an den Autos gelegen haben.

Mit welchem Gefühl sind Sie in das 76er Wochenende gegangen. Einfach nur Überleben?

Lauda: Nein, das war für mich kein Thema. Nach der Entscheidung von Long Beach war es für mich ein ganz normales Rennen. Wir haben beschlossen zu fahren, also fahre ich voll.

Am Renntag ist am Morgen in Wien die Reichsbrücke eingestürzt. Erinnern Sie sich noch daran?

Lauda: Klar. Ein Journalist sagt mir in der Früh, dass die Brücke eingestürzt ist. Damals hast du das halt glauben müssen. Bilder gab es ja keine, auf jeden Fall nicht sofort. Dass da ein ganzer Autobus ins Wasser gefallen ist, haben wir erst nachher gesehen. Ich war gerade auf dem Weg vom Fahrerlager hoch an die Boxen. Ein paar Meter weiter kommt ein Fan zu mir und will ein Autogramm. Er bittet mich, das Datum dazuzuschreiben. Ich frage warum. Er sagt, es könnte ja das letzte Autogramm sein. Ich denke mir: Was ist das für ein Depp. Ob es das letzte Autogramm vor dem Unfall war, weiß ich nicht mehr. Es war auf jeden Fall das letzte, an das ich mich erinnern kann.

Wie viel vom Rennen ist noch in Erinnerung?

Lauda: Beim Start ging es um die Frage Regen- oder Trockenreifen. Ich glaube, alle bis auf Jochen Mass sind auf Regenreifen los. Dann bin ich zum Reifenwechsel gekommen. Das letzte, was noch im Gedächtnis ist, war wie ich aus der Box rausfahre. Die 10 Kilometer bis zum Unfall sind ausgelöscht.

Wann setzt die Erinnerung wieder ein?

Lauda: Im Hubschrauber nach Ludwigshafen. Ein weiß gekleideter Arzt sitzt links neben mir und hält den Tropf in der Hand. Ich wollte von ihm nur wissen: Wie lange fliegen wir. Er sagt 45 Minuten. Dann war wieder alles weg.

Waren Sie sich da schon über den Ernst der Lage im Klaren?

Lauda: Angeblich habe ich mit einem brasilianischen Radio-Reporter in Adenau bei der Erstversorgung ein Interview gemacht. Und da kam auch unser Rennleiter Audetto hin. Dem habe ich gesagt, wo er meinen Mietwagenschlüssel findet und ich habe ihn noch gebeten, meine Frau Marlene anzurufen. Das weiß ich aber gar nicht mehr.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie erste Bilder vom Unfall sahen?

Lauda: Beim zweiten Spitalaufenthalt, wo nach 7 Tagen Überlebenskampf die Verbrennungen versorgt wurden. Ungefähr 10 Tage danach haben sie mir die Bilder gezeigt.

Wie wichtig war es zu wissen, ob es ein Defekt oder ein Fahrfehler war?

Lauda: Ich habe relativ schnell gewusst, dass es ein Materialfehler war. Mein Chefmechaniker Cuoghi hat mir erzählt, dass der Anlenkpunkt des rechten hinteren Längslenkers gebrochen war. Der war mit einem neuen Magnesiumteil am Motor befestigt. Wir wollten ein bisschen Gewicht sparen. Den hat es rausgerissen. Dadurch ist das rechte Hinterrad weggekippt. Es kann sein, dass der Bruch durch die Belastung auf dem Randstein provoziert wurde. Aber das darf nicht passieren.

War die Unfallstelle einer der kritischen Punkte, die sie vorher auf dem Radar hatten?

Lauda: Nein. Das war eine normale Vollgaskurve. Nix gefährliches.

Ist der Unfall 40 Jahre später komplett verdrängt?

Lauda: Der Unfall wird mich mein ganzes Leben verfolgen. Er gehört zu meinem Leben dazu. Der Unfall selbst war nicht das Problem, sondern die Angst danach, das Feuer, der Überlebenskampf. Das musste ich so schnell wie möglich verarbeiten. Da hat mir geholfen, dass ich nur 42 Tage danach in Monza wieder im Rennauto gefahren bin. Damit war das Problem abgeschlossen. Die grenzenlose Risikobereitschaft war von Monza an die nächsten drei, vier Rennen noch leicht eingeschränkt. Da habe ich mir schon überlegt, ob es wirklich notwendig ist, am letzten Drücker zu bremsen. Danach war ich wieder so wie früher.

Wie wichtig war der Blackout?

Lauda: Das wichtigste überhaupt. Wenn der kleine Bub da nicht auf der Böschung gestanden wäre und den Film gemacht hätte, wüsste ich gar nicht, was da passiert ist. Als ich die Bilder zum ersten Mal sah, dachte ich: Da hat einer einen irren Unfall. Wohlgemerkt irgendeiner, nicht ich. Es wäre viel schlimmer gewesen, wenn ich das alles live erlebt hätte.

Wäre der Unfall ohne das Feuer glimpflich ausgegangen?

Lauda: Ich hatte einen Jochbeinbruch. Der Kopf hat auch was abgekriegt. Mir ist ja der Helm davongeflogen. Das hat dann auch die Verbrennungen verursacht. Der obere Teil der Balaklava war nicht feuerfest. Deshalb hat es mir alles ab den Augen verbrannt. Die Brüche und die Gehirnerschütterung sind quasi nebenbei mit ausgeheilt. Ich musste ja wegen der Verbrennungen ruhig liegen.

Wären die Verbrennungen mit Helm also gar nicht so schlimm gewesen?

Lauda: Null. Die Story warum mir der Helm beim Aufprall weggeflogen ist, ist auch interessant. Ich hatte Jahr und Tag einen Bell-Helm. In der Saison hatte AGV einen neuen Helm entwickelt, und mich zu ihrem Testvehikel gemacht. Der Helm war leichter, komfortabler, aber mir eigentlich zu groß. Er saß zu locker auf meinem Kopf. Ich glaube nicht, dass mir der Bell-Helm davongeflogen wäre.

Ihr Ferrari stand quer auf der Straße. Brett Lunger, Guy Edwards und Harald Ertl haben ihr Auto noch getroffen. Hat das die Folgen verschlimmert?

Lauda: Es war natürlich gut, weil die Strecke blockiert war und alle anhalten und helfen mussten. Aber beim ersten Anprall sieht man, wie ein Seitentank davonfliegt. Dabei ist Sprit ausgelaufen, so dass auch noch die Strecke gebrannt hat. Der zweite Anprall von Lunger hat meinen eh schon brennenden Ferrari dann noch in diese Feuerhölle hineingeschoben, wo der Tank gelegen ist.

Haben Sie außer Arturo Merzario auch Ihre anderen Retter noch einmal getroffen?

Lauda: Interessant war Guy Edwards. Der arme Hund war in Silverstone und sitzt jetzt im Rollstuhl. Ich habe ihn erst gar nicht erkannt. Er wollte mir was überreichen, einen Orden. Ich wusste erst gar nicht worum es geht. Dann gibt er mir eine Replika der Tapferkeitsmedaille, die er von der britischen Königin für die Rettungsaktion bekommen hat. Er war mittendrin wie viele andere auch, aber der einzige, der mich rausgezogen hat, war der Merzario.

Gab es später nie mehr einen Erinnerungsfetzen aus der Blackout-Phase?

Lauda: Ich weiß nicht, ob ich das erzählen darf. Jahre später war ich in Ibiza und ein Typ gibt mir eine Hasch-Zigarette. Marlene und ich haben da mal einen Zug davon genommen um zu probieren. Kurzum, mir wird schlecht. Ich bin ins Badezimmer und beuge mich übers Waschbecken, und als ich in den Abfluss schaue, kamen alle Gedanken zurück, wie es mir in den Momenten zwischen Leben und Tod ergangen ist. Ich sehe mich selbst leblos in einen tiefes Loch fallen und denke: Jetzt stirbst du. Wenn du dich jetzt nicht zusammenreißt, ist es vorbei. Nur dieses einzige Mal, wegen der depperten Zigarette, kam dieses Gefühl wieder zurück.

In der Galerie zeigen wir noch einmal einige Bilder aus der bewegten Karriere von Niki Lauda.

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Achso, janz verjesse (weil an anderer Stelle geschrieben): Das beste Interview mit Niki Lauda, das ich je gelesen habe. So freimütig und ausführlich erzählt er ja nicht oft. :-)

Ollie Mengedoht 23. August 2016, 11:21 Uhr
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