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Niki Lauda über Mercedes-Zweikampf

"Nico muss das Manöver anders planen"

Niki Lauda - Mercedes - 2014 Foto: Wilhelm 51 Bilder

Mercedes steht seit dem GP Belgien vor einem Problem. Man hat das schnellste Auto im Feld, verschenkt aber Siege. Das Duell Nico Rosberg gegen Lewis Hamilton ist mit der Kollision der beiden WM-Kandidaten in Spa eskaliert. Ab Monza gelten neue Benimm-Regeln. Was meint Niki Lauda dazu?

02.09.2014 Michael Schmidt

Nico Rosberg und Lewis Hamilton dürfen weiter gegeneinander fahren. Trotz der Kollision von Spa. Das ist allerdings kein Freibrief, sondern eine letzte Warnung. Wenn es noch einmal passiert, gibt es Konsequenzen. Und das kann dann nur heißen: Stallregie.

Niki Lauda ist für die freie Fahrt mit angezogener Handbremse: "Das Problem können die Fahrer nur untereinander lösen. Deshalb wird es auch weiter keine Stallregie geben. Von außen sind nur Zurufe möglich. Zurufe der Art, dass sie gegenüber Mercedes in der Verantwortung stehen und so früh wie möglich erstens den Konstrukteurs-Titel einfahren und dann sicherstellen müssen, dass nur noch ein Mercedes-Fahrer Weltmeister werden kann."

Deshalb appelliert der Aufsichtsratschef des Rennstalls an Hamilton und Rosberg: "Ihre Aufgabe ist ein Team-Sieg für Mercedes, am besten im Doppelpack, ohne den Ricciardo dazwischen. Es geht um den schnellstmöglichen Abschluss der Konstrukteurs-WM", so Lauda.

"Wenn wir den Konstrukteurs-Titel einfahren, ist das erste Ziel erreicht. Wenn dann noch kein Dritter trotz der doppelten Punkte in Abu Dhabi in der Fahrer-WM dazwischenfunken kann, dann haben unsere Fahrer völlig freie Fahrt. Dann können auch mal die Fetzen fliegen. Uns ist es egal, wer von den beiden am Ende gewinnt."

Die Fahrer müssen kapieren, dass der Verzicht auf Stallregie ein Geschenk ist. Es gibt genügend Beispiele in der Rennsport-Historie, bei denen Teams das interne Duell gesteuert haben. Lauda lehnt das ab: "Wir halten an unserer Überzeugung von freier Fahrt fest. Das ist eine grundsätzliche Mercedes-Strategie. Eine Stallorder würde dem klar widersprechen."

Ein Freibrief sei das aber nicht für die Piloten: "Der Schlüssel ist: Solange wir es verhindern können, dass der Zweikampf den Gesamterfolg gefährdet, wollen wir uns in dieses Duell nicht einmischen. Das setzt aber voraus, dass die Fahrer mit der Freiheit, die wir ihnen geben, verantwortungsvoll umgehen."

Lauda bekam nie Stallorder - oder doch?

Das Problem von Mercedes ist nach Ansicht von Lauda, dass beide Fahrer in der Summe ihrer Eigenschaften praktisch gleichwertig sind. "Das macht es für uns immer schwieriger einzugreifen, weil dann der Eindruck entsteht, dass wir den Weltmeister steuern wollen. Wenn der Webber dem Vettel ins Auto gefahren ist, hat das keine Rolle für Red Bull gespielt, weil der Vettel in der Regel der Schnellere war. Das hat sich von allein aussortiert. Wir appellieren deshalb an unsere Fahrer, dass sie bei allen Zweikämpfen die Mercedes-Interessen im Auge behalten müssen."

Vielleicht liegt es auch daran, dass Lauda als Rennfahrer selbst nie einen Stallbefehl bekommen hat. "Es konnte gar nicht dazu kommen. Erstens durch meine vertraglichen Vereinbarungen, durch die Position, die ich mir im Team erarbeitet hatte und dadurch, dass ich mit Ausnahme gegen Alain Prost immer der Schnellere war."

Sein langjähriger Teamkollege John Watson korrigiert. "1982 im Finale von Las Vegas hätte Niki für mich fahren müssen, wenn ich in die Position gekommen wäre, Keke Rosberg den Titel noch streitig zu machen. Ich brauchte einen Sieg, und Keke hätte nicht punkten dürfen. Wäre Niki auf dem ersten Platz vor mir gelegen, hätte er Platz machen müssen."

Ricciardo sitzt Mercedes im Nacken

Doch wie erklärt man zwei Löwen in einem viel zu engen Käfig, dass sie im Kampf um jeden WM-Punkt auf den anderen Rücksicht nehmen sollen. Lauda weiß ein Mittel: "Wir müssen so tun, als ob uns Ricciardo im Nacken sitzt. Daran sollen die Fahrer immer denken."

"Ohne die Doppelpunkte-Regel wäre unser Problem mit den beiden Fahrern bei unserer Dominanz möglicherweise vernachlässigbar. In diesem Jahr kann uns aber das Reglement ein Bein stellen." Nicht dass der Red Bull-Pilot am Ende den Titel abstaubt. Aus Sicht von Mercedes und der beiden Fahrer wäre das der Super-GAU.

Lauda versucht seinen Fahrern zu erklären, dass so eine Nummer wie in Spa auch für den Angreifer mal ins Auge gehen kann: "Du kennst bei einer Kollision nie den Ausgang. Wer garantiert dir, dass du weiterfahren kannst und der andere nicht? Wenn Nicos Flügel nur die Felge von Lewis berührt, dann hätte er den Schaden gehabt, und Lewis hätte profitiert."

Der dreifache Weltmeister kann sich besser in die Psyche seiner Fahrer hinein versetzen als jeder andere im Team. "Alles hängt davon ab, wie hart der Kampf ist und wie oft man Rad an Rad im eigenen Team um den Sieg fährt. Aus dem heraus entstehen störende Emotionen. Man wird als Fahrer härter, weil man dem anderen beweisen will, dass man nicht immer nachgibt."

"Wenn der andere dir fünf Mal auf eine brutale Art zeigt, dass du keine Chance hast, dann staut sich da genug Frust auf, der zu einem Gegenangriff führen kann. Genau das Problem haben wir jetzt. Noch schlimmer als vorher. Hamilton hat in Spa alles verloren. Das könnte diesen Zweikampf eskalieren lassen, weil sich Lewis die verlorenen Punkte zurückholen will. Auf das müssen wir aufpassen."

Freundschaft zwischen Rosberg und Hamilton beendet

Lauda vergleicht das Mercedes-Duell mit seiner Situation 1984 bei McLaren gegen Alain Prost: "Zwischen Prost und mir gab es eine normale Konkurrenzsituation. Wir kannten uns vorher nicht. Wir sind auch nicht miteinander Bier trinken gegangen. Der Unterschied heute ist, dass sich Nico und Lewis gut kennen und früher viel Freizeit miteinander verbracht haben. Durch den engen Kampf um den Titel wurde diese Beziehung beendet."

"Jetzt ist es für uns das wichtigste, dass sie den Respekt gegenüber dem jeweils anderen und dem Team nicht verlieren. Lewis ist ein kommunikatives Alpha-Tier. Nico eher das Gegenteil. Damit krachen die zwei noch einmal aufeinander." Fraglich, ob Rosbergs Entschuldigung genügend Fahrt aus der Diskussion nimmt.

Trotzdem hat Lauda an Rosberg einen Rat, wenn Hamilton mal wieder abseits der Strecke seine Giftpfeile abschießt: "An Nicos Stelle wäre mir völlig egal, was der Lewis sagt. Ich lasse mich dadurch sicher nicht in Fehler hetzen."

Der 65-jährige Österreicher kritisiert dennoch weiter Rosbergs Überholversuch in Spa: "Es war ein absolut normaler Rennunfall, der immer wieder passiert ist und immer wieder passieren wird. Im Normalfall wird darüber gar nicht diskutiert. Deshalb ist auch die Rennleitung nicht eingeschritten. Das Besondere an dem Unfall war, dass es sich um Teamkollegen handelt, und dass er so früh im Rennen passiert ist."

Lauda und Teamchef Toto Wolff waren nach dem Rennen schnell mit ihren Urteil bei der Hand. Rosberg hat Schuld. Einige meinten, die Chefs hätten zu früh Rosberg an den Pranger gestellt. Lauda will das nicht abstreiten, relativiert aber: "Ich weiß, dass diese Kritik für einen Fahrer auf dieser öffentlichen Bühne sehr hart ist. Rückblickend hätten wir mit unseren klaren Worten sicher bis nach der Aussprache warten können. Doch ich muss Sie enttäuschen. Unser Urteil war nachher das gleiche wie vorher."

Warum hat Rosberg nicht gewartet?

Rosberg hätte den Unfall verhindern können, Hamilton nicht. "Nico hätte einen Tick mehr bremsen und dieses Manöver früher abbrechen müssen. Man konnte mit 90-prozentiger Sicherheit sagen, dass dieser Angriff nicht gutgeht, wenn Lewis auf seiner Linie bleibt. Und für ihn gab es keinen Grund, von seiner Linie abzuweichen."

"Nico war zu weit hinten, als dass ihn Lewis hätte sehen können. Und dass Lewis ihm nicht freiwillig Platz machen wird, hat er ihm schon 100 Mal gezeigt. Nico war nie weit genug an Lewis vorbei, um seine Linie einzufordern. Mich stört, dass Nico nicht gewartet hat. Das ganze Rennen lag noch vor den beiden. Da gibt es tausend Möglichkeit, Lewis zu überholen."

Doch durfte Rosberg seinen Gegner ein weiteres Mal vom Haken lassen, nachdem er schon in Bahrain und Ungarn mehrmals vom Gas gegangen und von der Strecke gefahren war, um einen Unfall zu verhindern. Hatte er da nicht das Recht, dem anderen mal zu zeigen, dass er sich nicht immer darauf verlassen kann?

Lauda verneint: "Was war in Budapest? Dort hat Nico versucht, außen vorbeizufahren. In einer schnelleren Kurve. Klar war, dass ihm der Platz ausgeht, wenn Lewis nur auf seiner normalen Linie weiterfährt. Da musste er nachlassen. Nico muss das Überholmanöver so planen, dass Lewis in eine Situation kommt, in der er nur noch nachgeben kann."

In Monza geht das Mercedes-Duell weiter. Was glauben Sie, was uns bei den letzten sieben Rennen erwartet? Schreiben Sie uns Ihre Meinung.

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