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Pirelli-Motorsportdirektor Paul Hembery

Bauen die Reifen, die gebraucht werden

Paul Hembery Foto: xpb 21 Bilder

Die neuen Pirelli-Reifen sorgen für viel Gesprächsstoff in der Formel 1. Wir haben Motorsportdirektor Paul Hembery gefragt, was er zu den neuen Reifen, der Kritik am starken Gripabbau und den Entwicklungszielen von Pirelli sagt.

10.02.2011 Tobias Grüner

Was waren die Meilensteine in der Reifenentwicklung?
Hembery: Es gab drei Phasen. Erstens: Die Entwicklung der Reifenstruktur durch Simulation. Im August waren die Produktionsformen fertig. Zweitens: Zwei Monate Testfahrten mit einem 2009er Toyota. Dabei wurde die die Karkasse festgelegt. Drittens: Nach dem Abu Dhabi-Test im November haben wir uns im Dezember und Januar auf die Mischungen verständigt. Die endgültigen Versionen von Intermediates und Regenreifen wurden nach einem Regentest in Abu Dhabi abgenickt.  

Was passiert zwischen dem Valencia-Test und dem Saisonstart in Bahrain?
Hembery: Wir werden noch kleine Änderungen in Bezug auf Stabilität und Verschleiß an der Lauffläche vornehmen, aber im großen und ganzen stehen die endgültigen Reifentypen fest. Ich würde es als Feintuning der Mischungen bezeichnen.
 
Konnten Sie noch irgendwie die Erfahrung von 1991 nutzen?
Hembery: Die einzige Übereinstimmung ist, dass es auch damals 13-Zollreifen waren. Heute sind keine Leute mehr von 1991 involviert, auch keine Technologien. Alles an unserem Projekt ist neu.
 
Wie steht es mit dem Konflikt, dass die FIA und Ecclestone spannende Rennen sehen wollen, Pirelli aber den bestmöglichen Reifen bauen will?
Hembery: Du musst beides miteinander vereinen. Die Leute wollen spannende Rennen sehen. Man muss respektieren, dass Motorsport auch Unterhaltung ist. Je mehr Leute sich Formel 1-Rennen anschauen, umso mehr nehmen unsere Marke wahr. Wir wollen die Disziplin des Reifenmanagements in den Vordergrund stellen. Die Botschaft soll lauten: Wer die Reifen besser behandelt, holt mehr aus ihnen heraus. Das gleiche gilt ja auch für Straßenreifen. Die Leute müssen sich eben über die Reifen Gedanken machen, wie sie sie am besten über die Runden bringen. Würden wir Reifen bauen, die das ganze Wochenende halten, würde keiner über sie sprechen.
 
Also kommt es auf das klügste Setup und den besten Fahrstil an?
Hembery: Genau das ist es. Reifen sind ein Sicherheitsprodukt und ein wesentlicher Bestandteil eines Autos. Und sie sind dementsprechend zu behandeln.
 
Haben Sie keine Angst, dass Sie in Kritik geraten, wenn es statt Einstopp- plötzlich Dreistopprennen gibt?
Hembery: Wenn die Öffentlichkeit der Meinung sein sollte, dass drei Boxenstopps falsch sind, werden wir Reifen bauen, die das ganze Rennen durchhalten. Das ist keine Kunst. Es ist in der Hand des Publikums zu entscheiden, welche Art von Rennen sie lieber sehen will. Die FIA, die Teams und die Organisatoren haben uns gebeten, Reifen zu bauen, die nicht so langlebig sind. 
 
Die meisten Testfahrten fanden auf einem alten Toyota statt. Was haben Sie von den modernen Autos in Abu Dhabi gelernt?
Hembery: Wir haben gelernt, dass der Abtrieb seitdem stark gestiegen ist und dass die Gewichtsverteilung eine andere ist als bei dem Toyota, weil es seit 2010 keine Tankstopps mehr gibt. Wir haben auch gemerkt, dass die letztjährigen Autos für die Reifen unseres Vorgängers gebaut worden waren. Valencia war gewissermaßen auch ein Prüfstein für uns. Wir wollten sehen, wie sich die Teams mit den neuen Autos an unsere Reifen angepasst haben. Sie haben über den Winter, ausgehend von den Daten des Abu Dhabi-Tests, sicher unzählige Renndistanzen am Simulator abgespult. Soweit ich es von den Testfahrten in Valencia beurteilen kann, sind die Teams auf gutem Weg unser Produkt zu verstehen.
 
Also keine Überraschungen nach dem Abu Dhabi-Test?
Hembery: Nicht wirklich. Wir haben nur eine Kleinigkeit an den Hinterreifen geändert, aber die Karkassen blieben gleich. Das war nur Feintuning. Wir werden sicher unter der Saison noch Korrekturen vornehmen, wenn man uns das erlaubt. Wir sammeln immer noch Daten. Erst die Saison wird uns alle Bedingungen einmal präsentieren, unter denen ein Reifen zu funktionieren hat.
 
Wieviele Mischungen hatten Sie in Valencia?
Hembery: Alle vier, aber es war so kalt, dass es keinen Sinn machte, mit der harten Mischung zu fahren. Vielleicht setzen wir die harten bei wärmerem Wetter in Jerez, wahrscheinlich aber erst in Barcelona ein.
 
Wie sind die einzelnen Mischungen gespreizt?
Hembery: Weiter als bei unserem Vorgänger. In Valencia lag die Differenz zwischen acht Zehntel und einer Sekunde zwischen supersoft und soft und weiteren sechs Zehnteln zwischen soft und medium. Der Unterschied im Abbau hängt davon ab wie die Fahrer und Teams die Autos behandeln.
 
Ist der Vorderreifen stärker als der Hinterreifen?
Hembery: Wir haben den Vorderreifen so gebaut, dass er etwas direkter einlenkt. Einige Fahrer haben das auch lobend erwähnt. Es hängt jetzt viel davon ab, wie die neuen Autos funktionieren. Einige Fahrer werden happy sein, andere werden ihren Fahrstil anpassen müssen. Das war doch immer so. Es sind die besten Fahrer der Welt.
 
Es gab Klagen über hohen Abbau der Hinterreifen.
Hembery: Wir werden nicht mehr viel an den Reifen mehr machen. Die Teams und die Fahrer müssen sich anpassen.
 
Es gab in Abu Dhabi Reifenschäden. Was war da los?
Hembery: Es gab genau zwei. In einem Fall war die Lauffläche zerschnitten. Im anderen ein Montagefehler. Kein Problem.
 
Was macht es so schwierig Windkanalreifen zu bauen?
Hembery: Das ist ein kniffliger Job. Die anderen haben drei Jahre dafür gebraucht, wir hatten nur sechs Monate dazu Zeit. Die Struktur eines Windkanalreifens hat nichts mit normalen Rennreifen zu tun. Du versuchst den Fingerabdruck und die Steifigkeit in kleinerem Maßstab zu kopieren. Du hast aber nicht die Einrichtungen in deiner Fabrik so kleine Reifen zu bauen. Es ist eine völlig andere Technologie. Wenn du den Reifen nur um 40 Prozent kleiner machen würdest, hätte er nichts mit dem richtigen Reifen zu gemein. Du brauchst 40 Prozent weniger von allen Eigenschaften.
 
Welche Spuren wird das Formel 1-Engagement bei Pirelli hinterlassen?
Hembery: Wir wollen unsere Marke bekannter machen. Die Weltmeisterschaft ist weltumspannend und eröffnet uns neue Märkte. Wir merken schon, dass mehr Interesse da ist. Jetzt muss es sich nur noch im Verkauf niederschlagen.
 
Werden Sie mit dem Toyota weitertesten?
Hembery: Ja, wir müssen aber noch klären, ob wir das Auto dahingehend modifizieren können, um das Abtriebsniveau der modernen Autos darzustellen. Zum Glück müssen wir uns dabei nicht buchstabengetreu an das Reglement halten. Ich möchte mich bei der Toyota-Truppe bedanken. Sie haben uns sehr gut unterstützt.

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