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Porträt Ron Dennis

Rücktritt ist ein Schritt nach vorne

Ron Dennis Foto: Daniel Reinhard 15 Bilder

Nach 29 Jahren hat Ron Dennis den Staffelstab bei McLaren an Martin Whitmarsh übergeben. Gegenüber auto motor und sport erklärt der Teamchef, warum nun der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel gekommen ist.

23.02.2009 Michael Schmidt

Das Wort Rücktritt gefällt Ron Dennis nicht. Wenn er das Amt des Teamchefs an Martin Whitmarsh übergibt, spricht er lieber von "einem Schritt nach vorne als zurück". Dennis will sich mit dieser Entscheidung die Luft verschaffen, die er braucht, um die McLaren-Gruppe durch schwierige Gewässer zu steuern. Der Wechsel von der Boxenmauer auf die Kommandobrücke soll ihm den Spielraum schaffen, für strategische Entscheidungen mehr Zeit zu haben.

McLaren besteht nicht nur aus der Formel 1. Das Unternehmen teilt sich in die sechs Bereiche Racing, Automotive (Straßenautos), Electronic Systems, Marketing, Applied Technologies (Kohlefaserfertigung) und Absolute Taste (Catering). "Ich will, dass die Organisation weiter wächst. Die Wirtschaftskrise ist eine Herausforderung. Jeder falsche Schritt könnte ernsthafte Konsequenzen haben." Grundsätzlich habe es eine kompakte Firma wie McLaren einfacher, die Krise in eine Chance umzumünzen, als Konzerne.

Vorteile durch Flexibilität

"Unsere Ambitionen sind anders als die eines großen Unternehmens. Wir sind nicht vom Aktienkurs oder dem Zwang nach extremen Renditen getrieben, und wir tragen weniger Ballast mit uns herum." Die Flexibilität beginnt bei den Mitarbeitern. Ron Dennis demonstriert Treue, und er fordert sie auch ein. "Loyalität ist keine Einbahnstraße. Wir bieten unseren Angestellten ein optimales Arbeitsumfeld und die Chance, innerhalb der Firma zu wachsen. Jeder kennt mein persönliches Problem damit, Leute zu entlassen. Vielleicht zwingt uns die Rezession eines Tages dazu."

Dass McLaren von den Irrungen der Wirtschaft weniger betroffen ist als mancher Mitbewerber, liegt auch an der Geschäftspolitik. "Wir sind risikoscheu", erklärt Dennis seinen konservativen Umgang mit Geld. "Wir haben uns nie mit mehr als 20 Prozent des Firmenwertes verschuldet. Das zahlt sich heute aus." Dennis erinnert an seinen Formel 2-Rennstall Rondel, der Ende der siebziger Jahre vor der Pleite stand. "Ich schuldete anderen Menschen Geld. Das war eine schmerzhafte Erfahrung. Ich konnte die Fabrik zum Glück über Preis verkaufen. Das rettete mich davor, diese Bürde weitertragen zu müssen, doch es lehrte mich eine Lektion: Treibe es nie zu weit."

Deshalb ist McLaren auch 43 Jahre nach dem Debüt beim GP Monaco 1966 noch ein fester Bestandteil des GP-Zirkus. An die 30 Teams sind in diesem Zeitraum verschwunden, und einige davon galten als unsterblich. Laut Dennis lässt sich das Scheitern auf eine einfache Formel herunterbrechen: "Diese Teams haben immer genauso viel Geld ausgegeben, wie in der Kasse war. Oder mehr als das. Wir haben uns rechtzeitig andere Standbeine geschaffen, um uns abzusichern."

Erfolgreichster Teamchef aller Zeiten

Unter Ron Dennis als Teamchef hat McLaren zehn Mal die Fahrer-WM, sieben Mal den Konstrukteurstitel und 138 Siege eingefahren. Die Ära des 61-jährigen ehemaligen Mechanikers begann am 1. November 1980 mit rund 50 Mitarbeitern und geht am 1. März mit 1.500 Angestellten in einen neuen Abschnitt über. "Wir schlagen ein neues Kapitel auf, aber kein neues Buch", relativiert er den Wechsel an der Spitze des Rennstalls. Teamchef, das sei ein großes Wort. Damit ist die Person gemeint, die in kritischen Fällen den Kopf hinhält. "Ich habe an der Boxenmauer meine Ingenieure nur überstimmt, wenn es um die Sicherheit der Fahrer ging oder wenn meine Erfahrung etwas anderes sagte als die Daten."

Das könne Whitmarsh genauso gut, schließlich übe er die Funktion des Teamchefs bereits seit Jahren aus. Dem 50-jährigen Ingenieur, der 1989 von British Aerospace zu McLaren stieß, fehlte eigentlich nur noch die richtige Berufsbezeichnung. "Deshalb war die Ankündigung keine große Sache für mich", verteidigt sich Dennis, dafür, dass die Personalie nur beiläufig verkauft wurde. "Ich habe nichts versteckt. Es ist ein logischer Übergang. Ich wäre ein schlechter Chef, würde ich an diesem Sessel kleben, wenn es für die Firma besser ist, dass ich meine Prioritäten an anderer Stelle setze."

So manch einer im Zirkus wird sich über die Personalie freuen. Dennis hat sich in seiner Karriere nicht nur Freunde gemacht. Die FIA wollte ihn nach der Spionageaffäre aus dem Amt drängen, Bernie Ecclestone ließ McLaren zur Strafe am Ende der Boxengasse schmoren, und selbst bei Mercedes hätte man es im turbulenten Winter 2007/2008 lieber gesehen, wenn die Reizfigur Dennis Platz für ihren designierten Nachfolger gemacht hätte. Der Gedanke, den Staffelstab zu übergeben, reifte in Dennis erst drei Tage vor der Präsentation des neuen McLaren MP4-24-Mercedes.

Verheißungsvolle Zukunft

"Ich hatte zum ersten Mal das neue Auto komplett gesehen. Es gefiel mir. Die Mathematik sagt, dass es ein gutes Auto ist, mit dem wir auch 2009 um den WM-Titel kämpfen können. Und wir haben die volle Unterstützung unserer Partner Mercedes und Vodafone für die nächsten drei Jahre im Rücken. Deshalb war die Zeit reif für eine Amtsübergabe." Mit Whitmarsh lebt McLaren weiter, wie es sein Vorgänger in den letzten 29 Jahren vorexerziert hat.

Auf die Frage, welches die Meilensteine für die stattliche Sammlung an Pokalen waren, zögert Dennis eine Weile. "Als ich 1968 bei Brabham arbeitete, hatten wir ein gutes Auto, aber mit dem Repco einen zu schwachen Motor. Die Lehre daraus: PS sind durch nichts zu ersetzen. Ich habe in meiner Zeit bei McLaren immer auf die richtigen Motorenpartner gesetzt, meistens auf die richtigen Fahrer, und ich erkannte früh, dass Motorsport eine Wissenschaft ist. Man darf an der Boxenmauer nicht den Atem anhalten müssen, nach dem Motto: Hoffentlich kommt das Auto über die Runden."

Ron Dennis begründet seine Technikverliebtheit mit einem "ungestillten Durst nach Wissen". Das Verständnis der Materie ist der Schlüssel zum Erfolg. Nur wer die Zusammenhänge begreift, kann Fortschritte im Mikrobereich machen, die der Fahrer nicht mehr spürt. Erst in der Summe ergeben sie das eine oder andere Zehntel, das dem Piloten den Eindruck vermittelt, schneller zu sein als vorher. "Vor zehn Jahren haben wir die Autos zu 20 Prozent verstanden. Heute sind es 80", glaubt Dennis.

Aussöhnung mit dem Erzfeind

Dennis kann in Frieden gehen. Sogar mit Erzfeind Ferrari hat er sich ausgesöhnt. Der Spionagefall hatte das historisch belastete Verhältnis zu Maranello zusätzlich angespannt. "Ich habe heute ein anderes Bild von Ferrari als vor einem Jahr. Damals war unser Verhältnis eher feindschaftlich. Vielleicht schweißen schwierige Zeiten zusammen. Ich habe ein exzellentes Verhältnis zu Luca di Montezemolo. Er ist eine Schlüsselfigur im Bestreben der Teams, die Formel zu verbessern."

Ist es Zufall, dass McLaren wie Ferrari Straßenautos baut? Dennis verweist auf pragmatische Gründe. Der Einstieg in die Serienfertigung bedeutet Unabhängigkeit und verschafft dem Team den Zugang zu Sponsoren, mit denen man sonst nicht in Kontakt kommen würde. Gar keine Emotionen? In der Antwort schwingt dann doch wieder Rivalität mit: "An den Ferrari für die Straße gefiel mir das Styling der Autos, der Motor und das Getriebe. Aber als Perfektionist fehlt mir ein wenig die Perfektion."

Ob auf den McLaren F1 und den Mercedes SLR eine dritte Baureihe folgt, ist noch offen. Dennis weiß, dass die für 2011 geplante Markteinführung in eine kritische Zeit fallen könnte. "Entscheidend wird sein, wann die Talsohle der Krise erreicht ist." Er macht kein Geheimnis daraus, dass Mercedes das Projekt nicht unterstützen will. "In einer so engen Partnerschaft muss es zwei Meinungen geben dürfen. Bis jetzt haben wir immer eine Lösung gefunden." Dennis stellt klar: "Wir werden das Projekt nur mit der Zustimmung unserer Partner absegnen." Und um daran zu arbeiten, braucht er Zeit. In seiner neuen Funktion gibt es einen Unterschied: "Ich kann immer noch zu den Rennen gehen, muss es aber nicht mehr."

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