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Red Bull-Auspufftrick

Wird die Wunderwaffe entschärft?

Red Bull RB7 Malaysia 2011 Foto: Daniel Reinhard 24 Bilder

Die FIA will hart bleiben. Das aktive Anblasen des Unterbodens beim Gaswegnehmen soll ab dem GP England komplett verboten werden. Schon beim nächsten Rennen in Valencia soll Schluss sein mit den extremen Qualifikationseinstellungen. Red Bull stellt sich dagegen. Jetzt wartet alles auf die schriftliche Bestätigung aus Paris.

17.06.2011 Michael Schmidt

Es war eine lange Sitzung in London. Die Technikchefs und FIA-Rennleiter Charlie Whiting redeten sich die Köpfe heiß zum Thema des angeblasenen Diffusors. Whiting machte schnell klar, dass er ab dem GP England am 10. Juli sämtliche Formen des Anblasens beim Gaswegnehmen verbieten will. Einziges Zugeständnis: Bei null Gaspedalstellung dürfen Drosselklappen (Renault, Ferrari) oder Walzenschieber (Mercedes, Cosworth) zehn Prozent geöffnet bleiben. Einspritzung und Zündung müssen jedoch komplett unterbrochen werden.

Keine Qualifikationskennfelder mehr schon ab Valencia

Red Bull stellte sich gegen den Plan. Sie boten als Kompromiss an, dass man wenigstens die Variante des "kalten" Anblasens bis zum Saisonende erlauben solle. Damit dürfte weiterhin Luft durch die Brennräume gepumpt werden, um den Gasfluss im Auspuff im Schleppbetrieb des Motors konstant zu halten. Ferrari lehnte das ab. Wenn schon Verbot, dann komplett. Bedenken der Motorenhersteller, dass bei einem vollständigen Verbot die Motortemperaturen steigen, wurden von der FIA weggewischt. Die Motoren hätten das in den Jahren 2008 und 2009 auch überlebt. Und im Prinzip sind die Triebwerke die gleichen wie damals, weil seitdem die Entwicklung eingefroren wurde.

Die FIA ging dann noch einen Schritt weiter. Sie will schon ab dem nächsten Grand Prix in Valencia Eingriffe in die Motorkennfelder im Parc fermé untersagen. Damit müssten im Rennen die gleichen Einstellungen gefahren werden wie bei den Qualifikationsversuchen. Das würde vor allem jene Teams treffen, die das "heiße" Anblasen aggressiv betreiben und im Kampf um die besten Startplätze kurzfristig extra Abtrieb generieren. Gemeint sind Red Bull und Renault. Wieviel das ausmacht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Experten sprechen von drei bis fünf Zehntel.

Red Bull-Wunderwaffe entschärfen

Die extremen Einstellungen mit Einspritzen und Spätzündung halten Motor und Auspuff höchstens für eine oder zwei heiße Runden im Abschlusstraining aus. Im Rennen musste bislang auf zivilere Kennfelder umprogrammiert werden. Schon allein wegen des Benzinverbrauchs, der bis zu zehn Prozent steigen kann. Hätte man das im Rennen praktiziert, wäre der gesamte aerodynamische Vorteil durch 15 Kilogramm mehr Benzin im Tank wieder aufgefressen worden. Das ist eine von vielen Erklärungen, warum Red Bull im Training bislang so exorbitant schneller war als die Konkurrenz, im Rennen dann aber regelmäßig unter Druck geriet. Wenn die FIA ihre Drohung wahrmacht, dann wären schon in Valencia spezielle Qualifikations-Setups nicht mehr möglich. Red Bulls Gegner hoffen, dass damit auch die Wunderwaffe von Sebastian Vettel und Mark Webber entschärft würde.

Sorgen um die Motorenstandfestigkeit

Jetzt fragen sich alle, welche Auswirkungen ein derartiges Verbot hätte. Generell werden die Autos kritischer zu fahren sein, denn beim Bremsen oder Gaswegnehmen wird die Strömung im Diffusor nicht mehr durch Auspuffgase angefüttert. Der Abtrieb wird schwanken, was in den Bremszonen zu einigen Drehern führen könnte. Zunächst einmal verlieren alle Rundenzeit, wenn der Gasfluss in den Diffusor unterbrochen ist. Als letztes Team hatte Hispania in Montreal den angeblasenen Diffusor eingeführt. Seitdem gibt es von dort auch keine Protestgeräusche mehr. Allein das "kalte" Anblasen soll je nach Mündung des Auspuffs zwischen fünf und acht Zehntel gebracht haben. Beim "heiß" Anblasen ist man völlig auf Schätzungen angewiesen, weil keiner genau weiß, wie perfekt die einzelnen Teams diese Technik beherrschen. Sicher ist, dass Red Bull, Renault, Lotus, McLaren, Mercedes, Force India und Ferrari mit Einbußen zu rechnen haben. Nur sie haben den Trick mit dem "heiß" Anblasen überhaupt eingesetzt.

Die Motorenhersteller müssen bis Silverstone ihre Kennfelder völlig neu programmieren. Fast alle haben das "kalte" und "heiße" Anblasen trickreich dazu genutzt, den Triebwerken das Leben zu erleichtern. Sei es, um Druck im Kurbelhaus abzubauen (Ferrari), oder um die Auslassventile durch Einspritzen zu kühlen (Renault). Generell werden die Temperaturen im Brennraum und an den Auslassventilen steigen, wenn im Schleppbetrieb nicht mehr durchlüftet werden kann. Das mag einige Motorenhersteller mehr treffen als andere. Die größten Sorgen macht sich Renault. "Unsere ganze Standfestigkeits-Logistik ist darauf abgestimmt. Wenn wir mit acht Motoren für 19 Rennen über die Runden kommen wollen, sind wir darauf angewiesen", meinte kürzlich ein Renault-Ingenieur.

Ab 2012 neue Auspuffführung

Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Die Teams warten jetzt auf eine schriftliche Bestätigung der FIA und die exakte Spezifikation, was verboten ist und was nicht. Das Schreiben soll am Wochenende verschickt werden. Einige der Einwände der Teams, die sich gegen ein Verbot stemmen, waren offenbar so gewichtig, dass man in Verbandskreisen noch einmal nachdenken will. FIA-Präsident Jean Todt geht Konflikten gerne aus dem Weg und setzt lieber auf einvernehmliche Lösungen. Andererseits stellte er bereits in Barcelona beim Punkt des "heiß" Anblasens unmissverständlich klar, dass er diese Technik eher früher als später verbieten lassen will. Sie treibt den Benzinverbrauch für einen aerodynamischen Vorteil in die Höhe, und das passt nicht in die grüne Politik des Verbandes.

In einem Punkt waren sich Whiting und die zwölf Technikchefs einig. Ab 2012 ist Schluss mit angeblasenen Diffusoren. Der ursprüngliche Vorschlag, die Ausrichtung der Auspuffendrohre parallel zur gedachten Mittellinie des Autos zu legen, wurde fallengelassen. Auf Vorschlag von Ferrari feiert im nächsten Jahr der oben in den Seitenkästen austretende Auspuff ein Comeback. Somit ist sicher gestellt, die die Auspuffgase nicht in den Diffusor blasen können.

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