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Red Bull mit Problemen

Welche Rolle spielt der Auspuff?

Mark Webber Red Bull F1 Test Barcelona 2013 Foto: Wolfgang Wilhelm 25 Bilder

Red Bull war zu Beginn der Wintertests schnell und zuverlässig. Dann kamen erst Defekte, später auch noch Probleme mit der Fahrzeugbalance. Jetzt fragen sich alle: Welche Rolle spielt der Auspuff und die Motorsoftware. Die Sektorzeiten könnten eine Antwort liefern.

04.03.2013 Michael Schmidt

Adrian Newey war nicht da. Da ist verdächtig. Bei den ersten zwei Testwochen stand Red Bulls Technikguru jeden Tag mit seiner Kladde in der Red Bull-Garage. Ausgerechnet beim wichtigsten Testtermin fehlte er. Just in dem Moment, als neue Entwicklungsteile eintrafen. Zum Beispiel ein neuer Frontflügel, das passive DRS und eine geänderte Auspuffumgebung. Newey muss nachsitzen. Und das ist immer ein sicheres Zeichen dafür, dass der Engländer mit der hohen Stirn mit der Vorstellung seiner Autos nicht zufrieden ist.

Vettel beim Test ohne Bestzeit

Der Red Bull RB9 zählte weder zu den schnellsten noch zu den zuverlässigsten Autos. Sebastian Vettel gelang keine einzige Bestzeit. Mark Webber eine, und das an einem Tag, der hauptsächlich verregnet war und erst zum Schluss wenige Runden auf trockener Fahrbahn zugelassen hat.
 
Red Bull war auch das einzige Team, das in der zweiten Barcelona-Woche langsamer gefahren ist als in der ersten. Am insgesamt sechsten Testtag schaffte Vettel eine Zeit von 1.22,197 Minuten. Diesmal kam er nur auf 1.22,514 Minuten. Mark Webber war mit 1.22,658 Minuten unwesentlich langsamer.
 
Auch mit der Standfestigkeit haperte es. Red Bull legte an zwölf Testtagen 4.468 Kilometer zurück. Damit liegt die Weltmeistertruppe hinter Sauber (5.405 km), Mercedes (5.215 km), Ferrari (4.950 km), McLaren (4.627 km), Toro Rosso (4.516 km) und Caterham (4.513 km) nur auf Platz sieben.

Marko rapportiert Probleme mit der Balance

Aus den Gesichtern der Red Bull-Chefs und von Vettel war am letzten Testtag eine gewisse Besorgnis herauszulesen. Vettel, Teamchef Christian Horner und Teamberater Helmut Marko konferierten über die Mittagspause eine Stunden lang. Der RB9 wurde auffallend oft und lange umgebaut. Das spricht für gravierende Änderungen an der Fahrzeugabstimmung.

Vettel erklärte: "Es war wegen der starken Reifenabnutzung extrem schwer, etwas aus den Setup-Änderungen herauszulesen." Während die Red Bull-Pressemitteilung von einem guten Tag sprach, wurde Helmut Marko dankenswerterweise offen: "Wir haben Probleme mit der Balance. Das Auto lässt sich nicht richtig abstimmen."

Wegen den Setup-Problemen machte es für Red Bull auch wenig Sinn, sich an der Zeitenjagd zu beteiligen. Man weiß jetzt aber, was Mercedes und Ferrari können. Die Experten nehmen an, dass Nico Rosberg und Fernando Alonso ihre Zeiten mit 10 bis 15 Kilogramm Sprit gefahren sind. Bei Lewis Hamiltons 1.20,610 Min. Runde waren mindestens 20 Kilogramm an Bord.

Selbst wenn Red Bull mit 60 Kilogramm auf frischen Reifen ausgerückt ist, dann hätte Vettel mit 20 Kilogramm hochgerechnet höchstens 1.20,9 Minuten und mit 10 Kilogramm 1.20,6 Minuten fahren können. Da fehlen noch ein paar Zehntel zu Alonso und Rosberg.

Guter Start, schlechtes Ende für Red Bull

Komisch ist, dass Red Bull eigentlich perfekt in den Testwinter eingestiegen ist. In Jerez und beim ersten Barcelona-Test machten die Titelverteidiger eine ausgezeichnete Figur und wurden auch von der Konkurrenz als klare Favoriten gehandelt. Es gab kaum Probleme mit der Standfestigkeit, und vom Speed her lagen Vettel und Webber im vorderen Feld. Alle gingen davon aus, dass die Truppe aus Milton Keynes absichtlich nicht die Karten auf den Tisch legte.

In der letzten Testwoche änderte sich plötzlich die Nachrichtenlage. Das Auto war schwer abzustimmen. Davon hatte man an den ersten zehn Testtagen nie etwas gehört. Im Gegenteil: Vettel und Webber hatten sich sofort in ihren RB9 verliebt, sprachen von einem gutmütigen Auto, das eine deutlich bessere Startbasis war als der alte RB8 vor einem Jahr.

Was also ist zwischen der zweiten und dritten Testwoche passiert, das Red Bull aus dem Tritt gebracht haben könnte? Man räumte zwar ein, dass die Neuentwicklungen die am Samstag und Sonntag ans Auto kamen, nicht den erwünschten Erfolg gebracht haben, aber das allein kann nicht der Grund gewesen sein. Es wäre ein Leichtes gewesen auf den alten Stand zurückzubauen. Die Antwort liegt möglicherweise in der Auspuffkonstellation.

Drei Renault Kunden mit gleichem Auspuffkonzept

Am Ende der ersten Testwoche in Barcelona teilte die FIA den Motorherstellern mit, dass in Sachen Motoreinstellungen die Regeln von 2012 gelten. Renault ging davon aus, dass die Referenzsoftware bei den ersten Rennen 2013 neu festgelegt wird und hatte über den Winter dementsprechend Entwicklung betrieben. Und diese Motorkennfelder wurden an den ersten acht Testtagen auch ausprobiert. Es ist kein Zufall, dass mit Red Bull, Lotus und Williams ausgerechnet drei Renault-Kunden das letztjährige Auspuffkonzept von Red Bull weiterentwickelt haben.

Alle andere Teams folgten dem McLaren-Weg, selbst Sauber, die 2012 noch auf der Red Bull-Linie lagen. Das McLaren-Prinzip ist in den Phasen, in denen der Fahrer vom Gas geht, weniger kritisch in Bezug auf Abtriebsschwankungen. Dafür liefert die Red Bull-Idee mehr Anpressdruck beim Beschleunigen und in schnellen Kurven. Das Problem in den langsameren Passagen versuchte Renault durch schlaue Motoreinstellungen zu minimieren. Doch damit ist vorerst Schluss.

Renault-Autos verlieren im dritten Sektor

Welchen Unterschied das Auspuffkonzept machen kann, erfuhr Williams. Das britische Traditionsteam trat in der ersten Testwoche von Barcelona noch mit einem Auspuff nach McLaren-Vorbild an, schwenkte Mitte der zweiten aber auf das Red Bull-System um. Die Fahrer berichteten sofort von gravierenden Balanceverschiebungen. Ein Williams-Mann verrät, dass der FW35 glänzend in den schnellen Kurven liegt, in den langsamen aber plötzlich mit Abtriebsverlust zu kämpfen hat.
 
Die Bestzeiten im dritten Sektor von Barcelona mit seinen sechs langsamen Kurven belegen das. Nummer eins war Fernando Alonso mit 27,519 Sekunden vor Nico Rosberg mit 27,530 Sekunden. Vettel verlor hier mit 28,477 Sekunden dramatisch. Neun Zehntel sind auch dann viel, wenn er mehr Sprit an Bord gehabt hat. Kimi Räikkönen war sicher mit weniger Benzin unterwegs und kam in der Passage auch nur auf 28,177 Sekunden.
 
Pastor Maldonado markierte mit 28,331 Sekunden die beste Williams-Sektorzeit. Mit dem Vorjahres-Williams zählte er in der gleichen Passage noch zu den Schnellsten. Zusammenfassend lässt sich sagen: Alle Autos mit dem Red Bull-Auspuff haben auf den letzten 1,5 Kilometern der Strecke Zeit liegen lassen.

Renault schiebt Standfestigkeitsprobleme vor

Renault scheint das Thema wichtig zu sein. Die anderen Motorhersteller wollen gehört haben, dass ihre Kollegen aus Paris den Einsatz neuer Motorkennfelder jetzt mit der Begründung einfordern, der Renault V8 habe bei hoher Laufleistung ein Zuverlässigkeitsproblem. Motorexperten zweifeln allerdings, dass so etwas mit der Umprogrammierung der Motoreinstellung zu kurieren ist.
 
Da jeder Änderungswunsch am Motor öffentlich gemacht werden muss, werden Mercedes und Ferrari ganz genau hinschauen. Die FIA erlaubt Änderungen nur, wenn alle drei Hersteller abnicken. Ferrari zum Beispiel hat auf eine Anfrage im Winter bereits eine Absage bekommen. Man wollte für eine neue Auspuffkonfiguration Kennfelder einsetzen, die nicht im Rahmen der 2012er Regeln gelegen wären. Aus Paris kam eine Absage. Man solle gefälligst einen Auspuff bauen, der mit einem Motorprogramm nach dem gültigen Reglement betrieben werden kann.

"Es ist noch nicht aller Tage Abend"

Red Bull hat vor dem Saisonauftakt in Melbourne also noch viel Arbeit vor sich. "Wir konnten nicht unter alle unsere Programmpunkte einen Haken machen", sagte Vettel nach dem letzten Testtag und ergänzte:"Wir sind in guter Form, und wir haben bis zum Saisonstart noch Zeit, uns zu verbessern." Wir erinnern uns: Das war im letzten Jahr genauso. Und dann wurde Red Bull trotzdem Weltmeister. Teamberater Helmut Marko sagt mit einem verschmitzten Lächeln dazu: "Es ist noch nicht aller Tage Abend."

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