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Reifen-Rätsel bei Ferrari und Mercedes

Red Bull und McLaren verstehen Reifen besser

Nico Rosberg Foto: Mercedes GP 17 Bilder

Mercedes verzweifelt an den Reifen. Im entscheidenden Augenblick liefern die Bridgestone-Gummis keinen Grip. Ferrari, Renault, Force India und Sauber haben ähnliche Probleme, wenn auch weniger stark ausgeprägt. Sattelfest sind eigentlich nur McLaren und Red Bull.

01.07.2010 Michael Schmidt

Es war ein Déjà-vu für Mercedes. Im Freitagstraining zum GP Europa sahen die Silberpfeile aus wie sichere Kandidaten für Podestplätze. Jenson Button bestätigt: "Nach dem Freitag hätte ich Mercedes ganz vorne erwartet." Am Samstag stürzten sie ins Mittelfeld ab. Die Quittung waren die Startplätze 12 und 15. Danach war wieder das große Rätselraten angesagt. War es 14 Tage zuvor in Montreal nicht genauso? Dachte man nicht, man hätte die Gründe für die Reifenprobleme in Montreal erkannt?

Auch in anderen Teams rauchten die Köpfe. Ferrari, Renault, Force India und Sauber verkauften sich unter Wert. Viel hatte mit den Reifen zu tun. Den gleichen Reifen, die drei Stunden vor der Qualifikation in der dritten Trainingssitzung scheinbar noch einwandfrei funktioniert hatten, und dann plötzlich keinen Grip mehr liefern wollten, nur weil es fünf Grad wärmer geworden war.

Vergleich zeigt, wer die Reifen versteht

Robert Kubica sagte sogar: "Ich wäre auf den harten Reifen schneller gewesen, nahm aber die weichen, weil ich auf den Gripvorteil beim Start des Rennens nicht verzichten wollte." Ein Vergleich der Rundenzeiten zwischen der zweiten K.O.-Runde (Q2) und dem Top-Ten-Finale (Q3) zeigt, wer die Reifen im Griff hat und wer nicht. Die meisten Fahrer der Top-Teams konnten es sich in Valencia leisten, in Q2 noch mit harten Reifen zu fahren, während sie in Q3 alle auf weichen Sohlen ausrückten.

Die Red Bull-Piloten gewannen zwischen Q2 und Q3 vier, respektive fünf Zehntel. Bei McLaren ist Lewis Hamilton der Maßstab, weil Jenson Button in der entscheidenden Runde ein grober Schnitzer unterlief. Hamilton war bereits in Q2 mit den Reifen der Marke "supersoft" unterwegs. Deshalb bei ihm der Vergleich zu Q1, dem ersten Teil der Qualifikation. Der Engländer holte mit den weichen Reifen wie seine Rivalen von Red Bull einen Zeitvorteil von einer halben Sekunde heraus.

Ganz anders das Bild bei Ferrari: Fernando Alonso war auf dem weichen Gummi nur um 0,104 Sekunden schneller. Robert Kubica im Renault verlor sogar 0,075 Sekunden. Und die Mercedes? Rosberg war mit weichen Pneus um 0,125 Sekunden schneller, Schumacher um 0,240 Sekunden langsamer, wobei ein Teil des Zeitverlusts auf sein Bremsproblem und Verkehr geht. Trotzdem lässt sich daraus ganz klar ein Trend ablesen. Ferrari, Renault und Mercedes profitierten weit weniger vom Gripvorteil der weichen Reifen als Red Bull oder McLaren.

Reifenprobleme haben viele Gründe

Wie auto motor und sport in seiner aktuellen Ausgabe (15/2010) aufdeckt, hat die Reifenmisere auf der einen, das Reifenglück auf der anderen Seite viele Gründe. Um ausreichend Reifentemperatur innen wie außen zu generieren, muss sich die Lauffläche bewegen. "Nicht zu viel und nicht zu wenig", erklärt GP-Veteran Rubens Barrichello, der in Valencia zu den wenigen zählte, die nicht über Reifenprobleme jammerten.

"Das Fenster, in dem du dich bewegen musst, ist so schmal wie nie. Fällst du raus, ist es ganz einfach, den Reifen zu überfahren. In der Qualifikation fehlt dir die Zeit, ihn abkühlen zu lassen, so dass er wieder zurückkommt." Die Red Bull-Piloten sind die einzigen im Feld, die nie von ihren Reifen böse überrascht werden. Michael Schumacher schiebt diesen Umstand darauf, dass der Red Bull RB6 das Auto mit der besten Aerodynamik und dem niedrigsten Schwerpunkt ist. Damit hat man schon einmal das Fundament, den Reifen immer im optimalen Arbeitsbereich zu halten.

McLaren stellt Reifeningenieur an

Doch was ist mit McLaren? Teamchef Martin Whitmarsh verrät, dass man schon vor 15 Jahren begonnen habe mit der Delphi Universität ein mathematisches Reifenmodell zu erstellen, und dass man vergangenen Winter Hiroshi Imai angeheuert habe. "Das ist der Ingenieur, der für die Konstruktion der Bridgestone-Reifen verantwortlich war." Also Vorsprung durch Insiderwissen. Ein kluger Schachzug.

Grundsätzlich sind für die Nutzung des Reifens drei Faktoren verantwortlich: Das Auto, der Fahrer und die Vorbereitung. In der Präparation des Reifens auf die eine schnelle Runde in der Qualifikation liegt vermutlich der Schlüssel zum Erfolg. Doch dafür gibt es kein allgemeingültiges Muster. Autos, Strecken, Bedingungen und Fahrstile sind unterschiedlich. In Montreal hatte Ross Brawn den Verdacht, dass Fehler in der Reifenvorbereitung zu dem unerklärlichen Gripverlust in der Qualifikation geführt hatten. Das schließt den Luftdruck, die Hitzezyklen, aber auch das Anfahren der Gummiwalzen mit ein.

Mercedes macht Fehler beim Aufwärmen

"Wir waren in Kanada zu vorsichtig, weil wir mit Rücksicht auf das Rennen das Körnen minimieren wollten." Also gingen die Mercedes-Piloten in Valencia in ihrer Aufwärmrunde aggressiv zu Werke. Wie eine Analyse der Qualifikationsrunden zeigt, war genau das der Todesstoß. Die Montreal-Taktik hätte in Valencia zum Erfolg geführt. Lewis Hamilton legte seine Aufwärmrunde vor seiner Bestzeit in 2.20,5 Minuten zurück. Nach Formel 1-Normen im Schneckentempo. Er lag damit 42 Sekunden über der Zeit, die ihm den dritten Startplatz einbrachte.

Jenson Button fuhr seine Reifen mit einer Zeit von 2.00,7 Minuten an. Hätte der Weltmeister nicht wegen eines Verbremsers in der Zielkurve drei Zehntel verloren, wäre er neben Hamilton in der zweiten Startreihe gestanden. Die guten Startplätze schmeichelten den McLaren. Sie waren in Valencia eigentlich schlechter als Ferrari und Renault.

Schumacher und Rosberg zu schnell in der Aufwärmrunde

Die Mercedes-Fahrer wärmten ihre Reifen mit deutlich schnelleren Rundenzeiten als ihre Kollegen von McLaren auf. Michael Schumacher legte vor seiner fliegenden Runde in Q2 eine Zeit von 1.43,8 Minuten auf den Asphalt. Bei Nico Rosberg waren es 1.44,8 Sekunden. Etwas weniger rabiat, aber immer noch deutlich schneller als die McLaren gingen Fernando Alonso (1.51,1 min) und Felipe Massa (1.48,1 min) ans Werk.

Nicht jedes Auto, nicht jeder Fahrer ist gleich. Das zeigt sich bei Red Bull. Während Sebastian Vettel mit 1.51,6 Minuten seine Reifen noch relativ flott in ihr Arbeitsfenster brachte, verfuhr Mark Webber eher nach der McLaren-Taktik. Der Australier schlich mit 2.07,1 Minuten um den Kurs und war am Ende nur 0,075 Sekunden langsamer als der Trainingsschnellste Vettel.

Weicher Reifen verstärkt Problematik

Robert Kubica machte die Erfahrung, dass der weiche Reifen in seiner Vorbehandlung wesentlich sensibler ist als der harte: "Der weiche Reifen reagiert auf Temperaturanstieg viel kritischer. Dann beginnt sich die Lauffläche zu stark zu bewegen und das Auto fühlt sich instabil an." Ross Brawn runzelt die Stirn: "Zu wenig Bewegung in der Gummischicht bringt dich aber auch nicht weiter." Der Teamchef von Mercedes verflucht die Abhängigkeit von den Reifen: "Wenn du zu wenig Grip hast, wird die Gummischicht nicht gefordert und du generierst erst recht keinen Grip. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt."

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