Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Reifendrama in Spa

Hintergründe zur Blasenbildung

Pirelli-Reifen - GP Belgien - 25. August 2012 Foto: Grüner 53 Bilder

Für Red Bull, McLaren und Pirelli war der GP Belgien eine Zitterpartie. Blasen auf den Reifen sorgten für lange Diskussionen vor dem Rennen. Warum die Vorderreifen schon nach vier Runden auf der Innenseite zu heiß wurden und wie Red Bull trotzdem gewann, verrät ein Lagebericht aus Spa.

01.09.2011 Michael Schmidt

Pirelli kam ins Schwitzen. Am Samstagabend war Alarm angesagt. Bei diversen Vorderreifen der Top Ten-Qualifikanten zeigten sich Blasen auf der Innenseite. Am schlimmsten bei den beiden Red Bull und dem McLaren von Lewis Hamilton. Kollege Jenson Button hatte es ja gar nicht ins Q3 geschafft und war deshalb nicht auf Slicks unterwegs. Da teilweise ganze Gummistücke in der Lauffläche fehlten, bekam Pirelli kalte Füße. Ein Highspeed-Unfall in Spa ist das letzte, was man sich wünscht. Wenn sich die Blasen in die innere Schulter des Reifens fressen, kann die Karkasse beschädigt werden. Und dann platzt der Reifen ohne Vorwarnung.

Fahrwerkseinstellungen überfordern Reifen

Aus Angst vor dem Worst-Case bot Pirelli an, sämtliche 20 Vorderreifen zu tauschen. Zunächst fanden die Italiener bei der FIA ein offenes Ohr, doch dann stellten die Techniker des Verbandes genauere Nachforschungen an und fanden heraus, dass Red Bull und McLaren das Problem  mit ihren Fahrwerkseinstellungen herausgefordert hatten. Deshalb wurde der Wunsch, die Reifen zu tauschen abgelehnt. Auch die Teams, die im Training keine Probleme hatten, rebellierten. Ferrari, Force India, Sauber und Williams hätten einem Reifentausch unter den gegebenen Umständen nie zugestimmt. Das wäre Wettbewerbsverzerrung gewesen. Force India-Sportdirektor Otmar Szafnauer hatte kein Mitleide für Red Bull und McLaren: "Wer sich selbst in Schwierigkeiten bringt, sollte auch selbst da wieder rauskommen." Pirelli gibt für jedes Rennen Empfehlungen für den Radsturz an die Teams weiter, individuell auf jede Strecke abgestimmt. In Budapest betrug der Maximalwert für den Radsturz an der Vorderachse 4,5 Grad. Wegen der schnellen Kurven und hohen Geschwindigkeiten reduzierte Pirelli in Spa das Limit auf 4,0. Die Teams müssen sich nicht daran halten, sollten es aber.

Mehr Sturz fördert Reifentemperatur

Der Vorteil von mehr Radsturz ist, dass sich die Reifen leichter aufwärmen. Das ist besonders dann eine Trumpfkarte, wenn die Temperaturen niedrig und die Fahrbahn feucht sind. Kein Wunder, dass Red Bull und McLaren im Training in einer eigenen Liga fuhren. Und dafür schon nach drei, respektive vier schnellen Runden am Stück mit Blasen an der Reifeninnenseite bezahlten. Der Grund, warum es innen zuerst passiert, liegt auf der Hand. Dort ist wegen des nach innen gekippten Rades die Belastung am höchsten. Wird die Lauffläche zu heiß, entstehen Blasen. Der Killer waren die beiden Pouhon-Rechtskurven. "Da rutscht wegen der hohen Querkräfte die Innenseite des Vorderreifens über den Asphalt. Das wirkt wie Schmirgelpapier", erklärte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh.

McLaren hatte sich exakt an den von Pirelli empfohlenen Maximalwert gehalten. Der offenbar ziemlich optimistisch war. Schon am Freitag berichteten Mercedes und Williams über Blasenbildung. In diesen Fällen sogar bei den härteren Medium-Reifen. Beide Teams gingen nach dieser Erfahrung deutlich unter vier Grad Radsturz. Eine weise Entscheidung. Mit weichen Reifen wären die Symptome noch stärker zu Tage getreten.

Bei Red Bull dauerte das Technikbriefing am Samstag trotz der Startplätze eins und drei länger als sonst. Alles drehte sich um die Frage, wie man mit den vorbeschädigten Reifen den ersten Turn überlebt. Und wie man mit den nächsten Reifensätzen umgeht, damit es nicht wieder passiert. "Unsere Erfahrungen mit den Slicks waren wegen des wechselhaften Wetters im Training gleich null. Wir sind nur wenige Runden auf trockener Fahrbahn gefahren", stöhnte Technikchef Adrian Newey. Seinen Kollegen ging es nicht besser. Sebastian Vettel bezeichnete den GP Belgien, den er später gewinnen sollte als "eine Fahrt ins Ungewisse".

Spa zählt mit seinen lang gezogenen Kurven zu den härtesten Prüfungen für die Reifen. "Nach dem vielen Regen im Training war die Strecke grün. Das strapziert die Reifen noch mehr", notierte Newey. "Solange kein Gummi auf der Fahrbahn liegt, sind die Poren der Fahrbahn noch offen. Das erhöht die Reibung." Red Bull diskutierte lange einen Start aus der Boxengasse. Nur so hätten die Techniker die Fahrwerkseinstellungen korrigieren können. Die Parc fermé-Bestimmungen erlauben keine Änderungen am Fahrzeug oder dem Setup zwischen Training und Rennen. Red Bull legte sich deshalb einen Notfallplan zurecht. Mark Webber kam schon nach drei Runden zum Reifenwechsel und wurde für den zweiten Turn mit einem Satz harter Reifen bestückt. Auf dem wähnte man sich in Sicherheit. Auch Lewis Hamilton wurde früher zum ersten Stopp beordert als geplant. "Reine Sicherheitsmaßnahme", bestätigte Whitmarsh.

Red Bull mit Risiko zum Sieg

Noch bevor Sebastian Vettel in Runde 5 zum ersten Stopp kam, wusste man bei Red Bull und Pirelli, dass die Blasenbildung den Reifen nicht zerstören würde. Deshalb wechselte Vettel von weich auf weich. Trotzdem ging er nicht mit vollem Risiko durch Eau Rouge und Blanchimont. "Schon ein komisches Gefühl, wenn du die Blasen auf den Reifen siehst und die Reifen dabei vibrieren." Am Ende hat sich für Red Bull das Risiko gelohnt. Der Doppelsieg bestätigte die Strategen in ihrer Entscheidung. Teamberater Helmut Marko bilanzierte: "Es war ein kalkuliertes Risiko. Nach Webbers erstem Stopp hatten wir Klarheit, dass nichts passieren konnte."

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden