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Reifen-Verschleiß am Silberpfeil

Mercedes sagt Problemzonen den Kampf an

Mercedes GP Foto: Mercedes 17 Bilder

Mercedes würde gerne noch in dieser Saison Ferrari und McLaren ärgern. Vorher müssen aber noch einige Technik-Probleme beseitigt werden. Wir sagen Ihnen, welche Gründe für den übermäßigen Reifenverschleiß verantwortlich sind.

05.07.2011 Michael Schmidt

Silverstone ist gnädig. Der flüssige Flugplatzkurs belastet eher den Vorderreifen als den Hinterreifen. Das ist der Typ Rennstrecke, den der Mercedes GP W02 mag. Außerdem werden eher bescheidene Temperaturen erwartet. Der Wetterbericht kündigt sogar Regen an. Damit wäre Silverstone das exakte Gegenteil von Valencia.

Beim GP Europa kamen alle Widrigkeiten für Mercedes zusammen. Asphalttemperaturen bis 47 Grad. Und ein Streckenprofil, auf dem der Hinterreifen generell mehr leidet als die vorderen Walzen. Immer dann holt die Mercedes ihr Hauptproblem wieder ein. Dass die Hinterreifen in der Anfangsphase mit viel Benzin im Tank stark abbauen und die Rundenzeiten dramatisch einbrechen. Das war in Melbourne so, in Istanbul und in Monte Carlo.

Mercedes schont Reifen im Qualifying

Auch in Valencia deutete sich die Seuche an, allerdings weniger schlimm als befürchtet angesichts dessen, dass die Rahmenbedingungen auf Worst case schließen ließen. Doch in Valencia hatte man Vorkehrungen getroffen. Das Setup war komplett Richtung Reifenschonen getrimmt. Dafür schenkte man im Training drei bis vier Zehntel her.

Die Fahrer durften die weichen Qualifikationsreifen nur jeweils eine schnelle Runde lang nutzen und waren auch da angehalten, es nicht zu übertreiben. "Das war unser Fehler in Monte Carlo", rekapituliert Ross Brawn. "Die Fahrer waren im Training zu aggressiv unterwegs. Der Reifen merkt sich das. Deshalb haben wir im Rennen dafür gebüßt, obwohl wir glaubten, von der Abstimmung her auf der richtigen Seite zu sein."

Mercedes-Problem Nr. 1: Hoher Schwerpunkt

Valencia sollte jedoch nur eine temporäre Lösung sein. Ross Brawn will das Leiden komplett kurieren. Keine leichte Aufgabe, denn das Problem mit den Hinterreifen hat viele Ursachen. Und mindestens eine kann man nicht aus der Welt schaffen. Der kurze Radstand wird hier zum Handikap. "Relativ zu einem langen Auto wandert der Schwerpunkt bei einem vollen Tank weiter nach oben", erklärt Sportchef Norbert Haug. Auch wenn man da von Millimetern spricht. In der diffizilen Welt der Formel 1 haben Kleinigkeiten oft große Wirkung. Ein hoher Schwerpunkt bedeutet, dass das Auto mehr rutscht. Das heizt die Reifen auf. Ein Teufelskreis, aus dem man erst wieder herauskommt, wenn der Pegelstand im Tank sinkt.

Doch es spielen noch mehr Faktoren in die Problematik mit herein. In Monte Carlo fand man heraus, dass die Bremsbelüftungen der Hinterradbremsen zu klein geraten waren. Die höheren Bremstemperaturen heizten die Felgen auf, und das wiederum übertrug sich auf die Reifen. Das Übel wurde bereits abgestellt.

Mercedes-Problem Nr. 2: Komplizierte Aufhängung

Auch die Hinterradaufhängung spielt eine Rolle. Die fällt beim Mercedes im Vergleich zu anderen Autos aus dem Rahmen. Nicht nur der komplexen Kinematik wegen. Mercedes vernetzt die Dämpfer aller vier Räder miteinander. Standard ist, dass Vorder- und Hinterachse über Hydraulikleitungen miteinander verbunden sind. So versucht man Nickbewegungen beim Bremsen und Beschleunigen auszugleichen.

Beim Mercedes gibt es aber auch noch eine Verbindung von links vorne zu rechts hinten und von links hinten zu rechts vorne. "Ein hydraulischer Computer", urteilen Experten. Die Hydraulikstellglieder thronen auf dem Getriebedach. Sie wiegen rund drei Kilogramm extra. Mercedes hat das Zusatzgewicht im Heck mittlerweile anderweitig abgespeckt und mehr Ballast nach vorne transferiert. Soweit das im Rahmen der festgelegten Gewichtsverteilung möglich ist. Der Spielraum beträgt ein Prozent vom Fahrzeuggewicht.

Was bleibt ist die komplizierte Abstimmung des Fahrwerks. Prinzipiell soll das Konzept den Vorteil bringen, dass die Reifen immer optimal aufliegen. Tun sie aber nicht immer. Williams biss sich an dieser Idee schon 2008 die Zähne aus und gab das Projekt wieder auf.

Die Aufhängung zählt zu den Komponenten, die Ross Brawn und Norbert Haug als mutigen Technikschritt bezeichnen. Beim ersten Anblick des Autos fragte man sich immer, wo der Mut zum Risiko geblieben war. Beim Silberpfeil ist er unsichtbar. Und noch sticht die Trumpfkarte nicht. Jetzt machen Michael Schumachers Worte mehr Sinn: "Manchmal dauert es eben etwas länger, bis man Lösungen für Probleme findet."

Mercedes-Problem Nr. 3: Auspuff

Gleiches trifft auf den Auspuff zu. Der Austritt der Endrohre in der Mitte der Seitenkästen erfreute vor allem die Aerodynamiker. Der Auspuffstrahl Richtung Diffusor brachte durch Anblasen richtig Anpressdruck. Die Techniker hatten jedoch auch den Verdacht, dass dabei hinten die Reifenflanken zu sehr aufgeheizt wurden. Deshalb versucht Mercedes in Silverstone eine Auspufflösung nach dem Vorbild von Red Bull.

Das neue System bietet den Vorteil, die Auspuffgase gezielter an den Hinterreifen vorbeizuleiten. "Außerdem wollen wir herausfinden, was das Red Bull-Konzept in puncto Abtrieb bringt. Es wird uns neue Antworten auf die Frage bringen, wo Red Bull seine Zeit gewinnt“, verteidigt Brawn die Runderneuerung mitten in der Saison.

Somit ist die neue Auspufflösung auch eine Art Studienobjekt für 2012. Wunder kann man sowieso nicht erwarten, zumal ab Silverstone der Auspuff in den Phasen des Gaswegnehmens nur noch bedingt blasen darf. Keiner weiß so recht, was ihn da erwartet. Es wird eine Zeit dauern, bis Aero-Balance, Motorbremse und KERS im Ladebetrieb aufeinander abgestimmt sind.

"Es wäre unrealistisch, wenn wir die Auswirkungen des neuen Auspuff gleich sehen würden", baut Brawn vor. Aus Sicht von Mercedes wäre ein Regenrennen ideal. Auch wenn man dann nicht viel lernt. Doch Montreal hat gezeigt, dass die Silberpfeile auf nasser Piste mit ein bisschen Glück durchaus aufs Podest fahren können.

In unserer Fotogalerie zeigen wir Ihnen die verschiedenen Problemzonen des Silberpfeils noch einmal im Detail und erklären die Auswirkungen auf den Reifenverschleiß.

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